Neue Gedanken gegen den Bann des Zeitgeists

Wir Menschen leben oft in einer Illusion: Wir gehen davon aus, dass die Welt objektiv so ist, wie wir sie wahrnehmen, und dass unsere eigene Wahrnehmung sich bestenfalls in Details von der anderer Menschen unterscheidet. In dieser Annahme täuschen wir uns. Zwar hat Immanuel Kant schon im 18. Jahrhundert herausgearbeitet, dass unsere Wahrnehmung immer nur subjektiv sein kann, weil sie bestimmten, vom Verstand vorgegebenen Strukturen folgt, aber so ernüchternden Erkenntnisse haben die Allgemeinheit bis heute nicht erreicht.

Die Psychologie hat unzweifelhaft gezeigt, dass unsere Wahrnehmung tatsächlich überaus selektiv ist. Vor allem nehmen wir immer das bewusst wahr, was uns in seiner Art auf Grund früherer Erfahrungen oder Überlegungen bereits vertraut ist. Und damit steht auch unser Denken im Bannkreis bestimmter verstandesgenerierter Strukturen.

Auf alten Gedankenbahnen

An sich sind solche Gedankenstrukturen etwas Nützliches. Denn wir werden tagtäglich von einer Flut von Sinneseindrücken umspült – man denke nur an den Straßenverkehr mit seinen zahllosen Reizen – und können uns darin nur zurechtfinden, weil wir bestimmten Eindrücken innerlich durch Gefühle, Erfahrung und Wissen verbunden sind: Wer auf grünes Licht an der Kreuzung wartet, der hat wahrscheinlich „kein Auge dafür“, welche Farbe die Schuhe des kleinen Jungen haben, der an der Hand seiner Mutter vor dem Auto über die Straße marschiert, oder wie viele Grashalme aus dem schmalen Spalt zwischen dem Fahrbahn-Asphalt und dem Bürgersteig der Sonne entgegen wachsen.

Der Filter, der die ganze Wirklichkeit zu unserer subjektiven Wahrnehmung verkleinert, ist ziemlich rigoros, und im zunehmenden Alter verengt sich der Blick des Menschen auf das Altvertraute meist noch mehr. Mit der sinnlichen Wahrnehmung bewegen sich durchweg auch die Gedanken auf ausgetretenen Pfaden, die man nur mühevoll wieder verlassen kann. Die daraus resultierenden Probleme – von ausufernder „Engstirnigkeit“ bis hin zu den Generationskonflikten – sind gut bekannt.

Weniger Beachtung findet indes die Tatsache, dass wir Menschen uns gedanklich auch gesellschaftsweit in tief ausgetretenen Pfaden bewegen. Denn die grundsätzliche Art, wie wir die Welt betrachten, haben wir uns durchaus nicht selbst erarbeitet. Die Art unserer Wahrnehmung und unseres Denkens resultiert keineswegs nur aus eigenen Erfahrungen, sondern vor allem aus dem, was wir von Eltern, Freunden, Lehrern oder persönlichen Vorbildern übernommen haben.

Die gemeinsamen Gedankenstrukturen einer Gesellschaft bilden den „Zeitgeist“, aus dem immer auch ein bestimmtes Weltbild resultiert. Auch die meisten Forscher – sogenannte „Querdenker“ einmal ausgenommen – bewegen sich, zumeist unbewusst, innerhalb dieses Weltbildes und können deshalb nur das als wahr und möglich erachten, was sich im Rahmen der üblichen Grundannahmen bewegt. Wer wirklich gedankliches Neuland betritt, für das noch kein allgemeines Begriffsvermögen ausgeprägt ist, hat es schwer.

Die Berliner Philosophin und Journalistin Natalie Knapp beschreibt diesbezüglich in ihrem Buch „Anders denken lernen“ ein gutes Beispiel aus der Geschichte: „Als Nikolaus Kopernikus im 16. Jahrhundert herausfand, dass die Sonne nicht um die Erde, sondern die Erde um die Sonne kreist, war das innerhalb des mittelalterlichen Weltbildes eindeutig falsch. Innerhalb dieses Weltbildes behandelte die neue Theorie keine Sachfrage im Bereich der Planetenkonstellationen. Es ging in dieser Frage allein darum, ob der Mensch innerhalb der göttlichen Schöpfung eine besondere Stellung hatte oder nicht. Wenn Kopernikus also behauptete, die Erde drehe sich um die Sonne, dann hieß das für mittelalterliche Ohren, dass der Mensch völlig bedeutungslos war. Und das war aus damaliger Perspektive falsch. Innerhalb dieses Weltbildes war es unmöglich, eine physikalische Aussage von ihrer symbolischen Bedeutung zu trennen, da rein physikalische Gedankenformen nicht existierten. Eine rein physikalische Aussage wäre eine Aussage ohne jeden Sinn gewesen. Alles wurde in seinem Bezug zum Schicksal des einzelnen und zum Schicksal der Menschheit betrachtet. Jede wissenschaftliche Aussage, jedes Bild und jedes Naturereignis hatte vor allem anderen symbolische Bedeutung.“

Strukturen in Frage stellen

Heute befinden wir uns in einer ähnlichen Situation: Forschungen im Mikro- wie im Makrokosmos machen seit vielen Jahren deutlich, dass die Welt offenbar ganz anders beschaffen ist, als wir uns das die längste Zeit gedacht haben. Immer nachhaltiger geraten bestimmte Eckpfeiler unseres Weltbildes ins Wanken. Zum Beispiel die folgenden „Selbstverständlichkeiten“:

• Die Welt gleicht einem Räderwerk, dessen Bewegungen man vorausberechnen kann.

• Alle Materie besteht aus kleinen und kleinsten materiellen Grundbausteinen.

• Es gibt eine objektive Wirklichkeit, die unabhängig von irgendeinem Bewusstsein besteht.

Solche Fundamente des Denkens werden wahrscheinlich deshalb nicht in Frage gestellt, weil sie sich für unser Leben als überaus erfolgreich bewährt haben. Wir können ja beispielsweise künftige Geschehen auf Grund von Gesetzmäßigkeiten vorausberechnen (zum Beispiel wissen wir genau, wann der nächste Vollmond zu sehen sein wird). Und vor allem hat das Bild einer mechanistisch-materialistischen Welt zu bestens funktionierenden Konzepten geführt: Experimente und Analysen haben uns gelehrt, mit den „Bestandteilen“ der Welt umzugehen und aus dem „Baukasten“ der Elemente vielfältige Geräte zu fertigen, die uns das Leben erleichtern sollen. Chemie, Physik, Medizin, die Psychoanalyse sogar – praktisch alle wissenschaftlichen Disziplinen bauen auf dem Grundgedanken auf, die Welt (und mit ihr auch der Mensch) sei eine gigantische Maschine aus Materie, die sich in Bewegung befindet.

Zurückführen läßt sich dieses Weltbild auf Denker des 17. Jahrhunderts wie René Descartes (1596–1650) oder Francis Bacon (1561–1626), und es wurzelte sich seither immer tiefer im allgemeinen Bewusstsein ein. Heute ist es für die meisten Menschen der westlichen Welt eine Selbstverständlichkeit. Und im Glanz der Erfolge von Technik oder Chirurgie haben wir die Tatsache verdrängt, dass gerade die wesentlichen Aspekte unseres Menschseins – die Erlebnis- und Empfindungsfähigkeit – von dem mechanistischen Weltbild nicht erfasst werden. Die Idee, dass es „Jenseitswelten“ geben könnte (die eben jenseits der sinnlichen Wahrnehmung liegen), wird von vielen „aufgeklärten“ Menschen belächelt, die Seele wird von der Wissenschaft, der Psychologie und der Philosophie mittlerweile durchweg im Gehirn verortet, die Existenz des Schöpfers praktisch überhaupt nicht mehr in Betracht gezogen. Der Begriff „Wahrheit“ wurde zum Synonym für „wissenschaftlich erwiesen“.

Die ausgetretenen Pfade mechanistischer Gedankenstrukturen im Alltag zu erkennen und sie zu verlassen, ist für uns heute ebenso schwer wie für die mittelalterlichen Menschen, die sich geborgen unter dem Schutz der Himmelsglocke fühlten und plötzlich akzeptieren sollten, dass es eine ganz andere, fremde Art und Weise gibt, die Welt zu erfassen, dass sich neue Begriffe formen, neue Ideale und Wertigkeiten etablieren, zu denen ihnen der Zugang fehlte.

Unser Verstehen und Erkennen ist – heute wie damals – meist nur ein Wiedererkennen. Wir haben, gespeist von der Tradition, bestimmte Bilder und Gedankenformen in uns geprägt und messen alles, was wir an Neuem erleben, an diesen alten Strukturen. Bei einer Übereinstimmung spüren wir im Inneren das warme „Ja der Wahrheit“. Wenn etwas jedoch allzu neu und ungewohnt erscheint, sind wir skeptisch, denn die Mühe einer echten Prüfung, die nicht nur mit dem Vertrauten vergleicht, sondern ohne Vorurteil die Sachlage betrachtet, nehmen wir nicht gern auf uns.

Offene Fragen zulassen

Und doch brauchen wir heute dringend ein grundlegend neues Denken, damit wir die Herausforderungen unserer Zeit meistern können. Die Bereitschaft, Neues zuzulassen, ist jedoch an Grundbedingungen geknüpft: Offenheit und Mut zur Wahrheitssuche.

Wenn wir glauben, die Welt durch die Wissenschaft oder auch auf Grund einer religiösen Offenbarung bereits in ihrer Grundstruktur begriffen zu haben und allenfalls noch zweitrangige Wissenslücken ausfüllen zu müssen, um sie wirklich zu verstehen, wird sich die Tür zu wirklich neuen Einsichten nicht öffnen können. Die Auffassung, „alle Wahrheit“ bereits zu kennen, ist immer ein Alarmzeichen für Engstirnigkeit und Scheuklappendenken.

Offenheit zeigt hingegen, wer die Möglichkeit zulassen kann, dass alles, was er je gehört hat – sei es durch wissenschaftliche Forschungen oder durch spirituelle Überlieferungen – für das Begreifen der Wahrheit im besten Fall Teilaspekte waren, einem bestimmten Weltverständnis angepasst. Und Offenheit zeigt auch, wer die Möglichkeit zulassen kann, dass nichts von dem, was er selbst bisher erlebt hat, bereits der Gipfel aller Weisheit oder die tiefstmögliche Lebenserfahrung war.

Wir Menschen sollten ein Leben lang auf der Suche bleiben. Nach umfassenderer Wahrheit, nach neuen Erkenntnissen, nach erweiterten Blickwinklen, nach anderen Ein- und Ausdrucksmöglichkeiten. Auch wenn wir schon viel Wertvolles in den Schatzkisten der Wissenschaft gefunden oder vielleicht einen spirituell und idealistisch orientierten Lebensweg eingeschlagen haben. Wir sollten – im besten Sinn dieses Begriffes – neugierig und erkenntnishungrig bleiben. Denn vielleicht ist die Welt im Vergleich zu unseren Vorstellungen in einer Art größer, erhabener und lebendiger, für die wir noch nicht einmal Begriffe haben.

Ganz sicher ist sie das.