Abenteuer Wahrheitssuche

Die Suche nach Wahrheit und Sinn gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Doch sie kann zum Abenteuer werden, denn oft wird der „Weg zur Erkenntnis“ unbemerkt zum Irrweg, der in eine Falle führt.

Wahrheitssuche. Damit steht zunächst ein ziemlich umfassender Begriff im Raum. Denn was ist Wahrheit?

Einer philosophischen Definition zufolge ist Wahrheit „die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit“. Wenn also beispielsweise gedanklich irgendein Konzept entwickelt wurde, das verdeutlichen soll, wie die Welt „funktioniert“, so muss sich die Richtigkeit dieser Theorie erst erweisen. Deshalb werden – oft mit großem Aufwand – wissenschaftliche Experimente entwickelt. Forscher stellen damit sozusagen Fragen an die Natur: Verhält es sich wirklich so, wie wir denken? Oder sind wir auf dem „Holzweg“?

Seit Wissenschaftler wie Francis Bacon (1561–1626) oder Isaac Newton (1643–1727) die Prinzipien des Experiments und der mathematischen Berechnung für die Suche nach der Wahrheit etabliert haben, müssen wir an Behauptungen nicht mehr einfach glauben. Wir können in vielen Fällen nachprüfen, ob sie mit der Wirklichkeit in Einklang stehen. Und wenn eine solche Übereinstimmung gefunden ist, dann folgt das befreite Aufatmen: „Ja, so ist es wirklich!“

Viele Rätsel der Natur konnten in den vergangenen Jahrhunderten durch Experimente gelöst, viele Fragen beantwortet werden. Doch hat die Wissenschaft die Schöpfung nicht wirklich „entzaubert“, wie manchmal behauptet oder gefürchtet wird. Denn wo immer Antworten gefunden werden konnten, standen bald neue, tiefer führende Fragen im Raum.

Außerdem blieb das größte Rätsel weitgehend ungelöst … wir Menschen selbst. Was führte dazu, dass wir die Welt so erleben und erkennen können, wie wir es heute tun? Welche Entwicklungen? Welche Hintergründe?

Die Naturwissenschaften können solche Fragen nicht befriedigend beantworten. Sie beschränken sich im Wesentlichen auf die Beschreibung der Evolution, die irgendwann im Lauf der Jahrmilliarden zu Leben und Bewusstsein führte. Aber ist das nicht nur die „Fassade“? Gibt es in Wirklichkeit nicht noch viel mehr? Definieren wir Menschen uns nicht vor allem durch unsere Innenwelt, unsere Empfindungen, Sehnsüchte, Hoffnungen, Erinnerungen? Muss es nicht eine umfassendere Wahrheit geben, die sowohl das äußere Weltgeschehen als auch die innere Lebendigkeit beherbergt?

Nach der Erkenntnis dieser letzten großen Wahrheit, die unserem Dasein zugrunde liegt, sehnen wir uns. Nach einer Antwort, die ein befreites Aufatmen ermöglicht, die klare Empfindung: „Ja, so ist es!“, weil … die gefundene Lösung eben in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit steht.

Aber so einfach ist es offenbar nicht, diese ewige, allumfassende Wahrheit zu finden.

Die Geschichte lehrt, dass die Suche nach den Hintergründen für unser Dasein bislang eher orientierungslos verlaufen ist. Was gestern noch als wahr galt, erscheint uns heute als fragwürdig und wird morgen vielleicht endgültig lächerlich wirken. Für den persönlichen Bereich gilt dabei wohl Ähnliches wie für das Erkenntnisstreben der Menschheit insgesamt.

Weil es also den Weg zur Erkenntnis, über den alle Menschen sich einig sind, bis heute nicht gibt, bleibt in seiner Wahrheitssuche jeder im Wesentlichen auf sich selbst gestellt.

Die Suche nach Befreiung

Dabei ist diese Suche meist kein philosophisch-intellektuelles Unterfangen, auf das man sich aus „rein akademischem Interesse“ einlässt. Wer sich auf Wahrheitssuche begibt, hat meist einen konkreten Anlass dafür: einen Schicksalsschlag beispielsweise, eine leidvolle Erfahrung … Irgendetwas drängt dazu, Zusammenhänge zu erforschen, neue Lösungen zu finden. Das Leben soll wieder leichter, angenehmer, lebenswerter werden. Weitere Horizonte sollen sich auftun. Vielleicht soll eine unangenehme Last abgelegt werden.

Diese Haltung, also der einfache Wunsch nach mehr persönlicher Freiheit, ist oft ein wichtiger Wegbegleiter bei der Wahrheitssuche.

„Wer suchet, der findet“, sagt man. Und tatsächlich ist es wohl recht einfach, irgendeinen neuen Weg für sich zu entdecken, der ein Stückchen mehr Freiheit verspricht. Das Angebot ist vielfältig: Es reicht von Lebenshilfe-Konzepten bis hin zur Hochschulbildung, von der religiösen Vereinigung bis zur atheistischen Kampftruppe. Überall lockt eine Variante des Erlebnisses Freiheit: In der Gesundheit, in einem speziellen Wissen, in der Überwindung des Materialismus oder eben, im Falle des Atheismus, in der Überwindung des Glaubens.

Die persönliche Wahrheitssuche ist deshalb oft auch einer geänderten Lebensführung verbunden. Was im bisherigen Leben als selbstverständlich schien, wird nun radikal in Frage gestellt – ob es gesellschaftliche Lebenskonzepte oder Verhaltensregeln betrifft, ob allgemein akzeptierte Wissensgrundlagen oder konfessionelle Dogmen. Warum am Sonntag in die Kirche gehen? Weshalb seine Zeit mit oberflächlichem Klatsch vergeuden? Wieso immer nur das tun, was andere vorgeben?

Die alte Last wird abgelegt. Die Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wird als angenehme Leichtigkeit empfunden. Sie gleicht dem Verlassen eines Gefängnisses, dem Lösen schwerer Ketten … Der Mensch tritt sozusagen heraus aus einer „kollektiven Gedankenwolke“, der er bisher fest verbunden war.

Dann aber folgt meist ein bemerkenswerter Richtungswechsel. Denn wir Menschen suchen eben nicht nur nach Freiheit, sondern zugleich auch nach einem verlässlichen Halt und nach Bindungen. Als soziales Wesen brauchen wir andere Menschen, die unser eigenes Leben begleiten, brauchen wir auch Orientierungshilfen, Gebote und Verbote.

Deshalb hinterlässt die radikale Befreiung von alten Verhaltensregeln fast automatisch ein Vakuum. Womit die Bereitschaft oder sogar der Wunsch entsteht, sich neuen Konzepten anzuschließen, neuen Leitlinien zu folgen, auch wenn diese anspruchsvoll sind, und sogar dann, wenn sie Kadavergehorsam erfordern und entmündigend wirken.

Damit besteht aber die Gefahr, dass die alten kollektiven Gedankenwolken durch ebenso dichte neue ersetzt werden, die alten inneren Bindungen durch ebenso starke neue. Oder sogar durch noch stärkere. Denn wenn die innere Neuorientierung einem religiösen Konzept folgt, steht damit womöglich ja der zentrale Gedanke im Raum, dass nur die kompromisslose Einhaltung von Geboten und Regeln zum Seelenheil führt. Daraus können tiefgreifende, lähmende Lebensängste resultieren. Denn manchmal schließen sich Gläubige letztlich von der vermeintlich verirrten Außenwelt ab, um sich brav und fromm … in ihr eigenes Gedanken-Gefängnis zu sperren.

Das Leben – ein Balanceakt

Der Drang nach Freiheit auf der einen Seite, das Bedürfnis nach Halt auf der anderen: Sich im Spannungsfeld dieser beiden „Zugkräfte“ fortzubewegen, gleicht dem Balanceakt auf einem dünnen Seil.

Das erinnert an eine Geschichte, die der jüdische Rabbi Baal Shem Tov seinen Schülern erzählte, als sie ihn fragten:

„Sag uns, geehrter Lehrer, wie können wir gute Menschen werden? Was müssen wir tun, um vor Gott als gut zu gelten?“

Der Rabbi war überrascht, eine solche Frage zu hören und rief ihnen zu: „Wie könnt ihr nur vermuten, dass ich das weiß?“

Aber er sprach dann doch weiter und erzählte diese Geschichte:

„Es war einmal ein König, der zwei sehr enge Freunde hatte. Und beide waren unterschiedlicher Verbrechen für schuldig befunden worden. Der König liebte seine Freunde und wollte sie milde behandeln, aber er konnte sie nicht einfach als unschuldig frei lassen, weil auch sein Wort nicht über dem Gesetz stand. Also beschloss er, dass sie – einer nach dem anderen – auf einem gespannten Seil über einen tiefen Brunnen gehen mußten. Wer es schaffte, konnte damit sein Leben retten.

Beide Männer taten, was der König sagte, und der erste kam erfolgreich am anderen Ende des Seiles an. Bevor nun auch der zweite seinen Weg begann, fragte er den ersten: ,Sag mir Freund, wie hast du das gemacht?‘ Dieser aber antwortete: ,Ich weiß es nicht. – Ich weiß nur: Wenn es auf einer Seite wackelig wurde, habe ich mich zur anderen gebeugt!“

Bei näherer Betrachtung eignet sich dieses einfache Balancekonzept tatsächlich dafür, ein guter Mensch zu sein. Denn es ist wirklich nicht viel mehr nötig, als gesunde Balance zu halten.

Aber vielleicht erschließt sich die umfassende Bedeutung dieses Bildes nicht unmittelbar. Deshalb einige ergänzende Gedanken dazu:

Ein guter Mensch – das ist zweifellos jemand, der nicht einfach selbstsüchtig und rücksichtslos gegenüber anderen dahinlebt. Er hat Wertvorstellungen, kennt den Idealzustand, weiß, wie die Welt sein könnte oder sollte, und befolgt konsequent und kompromisslos alle Gebote und Verbote, die ihm wichtig erscheinen, um am rechten Weg zu bleiben und – wie es in dem Gleichnis hieß – „vor Gott als gut zu gelten“.

Und dennoch kann er in den Brunnen fallen.

Warum ist das so?

Es ist so, weil eine falsch verstandene Treue zu bestimmen Lebensregeln zur Erstarrung führte, zur Unfähigkeit, flexibel und beweglich auf die Anforderungen des Lebens zu reagieren … die sich ja ständig ändern, mit jedem Schritt auf dem Seil.

Wer wie mit Scheuklappen gebannt nur auf das anvisierte Ziel starrt, verliert die Fähigkeit zu balancieren, in jedem Moment also einfach das zu tun, was richtig ist … 

Der innere Kompass

Was geschieht – wie selbstverständlich –, wenn wir mit einem anderen Menschen sprechen oder einfach nur mit ihm zusammen sind? Wir reagieren immer in einer ganz bestimmten Art. Auf jeden Menschen reagieren wir anders, weil jeder sozusagen eine eigene „Schwingung“ hat. Und wir verfügen über eine Antenne, die es uns ermöglicht, unterschiedliche Schwingungen wahrzunehmen und in der Folge eben so zu reagieren, wie es in der Situation angemessen ist. Diese Antenne nennt man „Empfindung“. Die Empfindung ist das vielleicht wichtigste Werkzeug für das soziale Miteinander. Sie ermöglicht sogar eine Kommunikation ohne Worte, ein unmittelbares Verständnis für den anderen. Sie zeigt uns, was ein Mitmensch braucht, was bei ihm „ankommt“ und was nicht.

Leider funktioniert die Empfindung, unser „innerer Kompass“ nicht immer richtig. Warum ist das so?

Eine wichtige Begründung lautet: Wir neigen dazu, uns selbst erdachte Bilder vor die Wirklichkeit zu stellen. Sehr treffend nennt man das „Vor-Stellung“. Wir stellen uns vor, wie ein Mensch sein sollte, was er tun sollte, wie er sich verhalten sollte. Und dann vergleichen wir diesen „Soll-Zustand“ mit dem „Ist-Zustand“ – und beurteilen entsprechend den Menschen.

Ein banales Beispiel: Wenn mein eigenes Ideal vegetarische Kost ist, könnte mir der Fleischesser am Nebentisch im Restaurant doch irgendwie unterentwickelt, rückständig oder wenigstens bedauernswert erscheinen. Und je wichtiger eine bestimmte Vorstellung im Leben erscheint, desto schwerer hat es die Empfindungsantenne, die wirkliche „Schwingung“ des anderen Menschen aufzunehmen.

Daraus ergibt sich ein Dilemma: Gerade Menschen, die große, bedeutende Ideale anstreben und kompromisslos ein „richtiges Leben“ führen wollen – vielleicht einem strengen religiösen Konzept folgend –, laufen Gefahr, ihre Nebenmenschen nur noch an bestimmten Vorstellungen zu messen – sie aber gar nicht mehr wirklich so wahrzunehmen, wie sie sind.

Wer sich starr an Dogmen, Leitlinien und Verhaltensregeln klammert, wird – und wirkt – unnatürlich, weil sein Verhalten nicht mehr mit den Lebenssituationen interagiert, sondern nur mit eigenen Vorstellungen. Seine Wahrnehmung kann dann zum Beispiel auf bestimmte „Fehler“ oder Verhaltensweiser anderer fokussiert sein; er fühlt sich vielleicht sogar genötigt, anderen Ratschläge für eine „Kurskorrektur“ zu erteilen, hat dabei in Wirklichkeit aber gar keinen Bezug zur Persönlichkeit seines Gegenübers, kein Verständnis für dessen Art, dessen Lage und Bedürfnisse.

Keine Frage: Religiöse Gebote und Verhaltensregeln oder ethische Konzepte sind wichtig, um ein guter Mensch zu sein. Wer kein Ziel vor Augen hat, keinen Idealen und Leitlinien folgt, fällt irgendwann ganz sicher in den Brunnen. Aber sobald für jemanden Gebote zum starren Dogma werden, wichtiger als der Nebenmensch, verliert er die Fähigkeit des „Balancierens“ und kommt ebenso wenig ans Ziel.

Leider gibt es solche Entwicklungen in vielen, vielleicht sogar in allen Kirchen und konfessionellen Gruppierungen. Und sie sind Wasser auf den Mühlen moderner Religionskritiker, die davon überzeugt sind, dass sich eine atheistische Gesinnung besser für ein harmonisches Miteinander eignet als der mit Regeln, Geboten und Traditionen befrachtete Gottesglaube. –

Eigene Bewegung und nötiger Halt

In dem jüdischen Balance-Gleichnis kommt noch ein weiterer wichtiger Aspekt zum Ausdruck: Ich darf, wenn ich mein Ziel erreichen will, nicht nur stehen. Ich muss gehen, um den tiefen Brunnen zu überwinden und ein guter Mensch zu werden. –

Bildhaft ausgedrückt: Wer in seiner inneren Entwicklung „ein Stockwerk höher kommen“ will, muss Schritt für Schritt eine Treppe nach oben steigen. Als Hilfe und Halt benutzt er dafür den Handlauf. Denn immer wenn er ein Bein hebt, gibt es ja vorübergehend eine gewisse Unsicherheit, bis er wieder fest auf der nächsten Stufe steht. Einen weiterführenden Halt zu haben, ist also eine gute Sache. Und im besten Fall bieten religiöse Gebote oder Verhaltensregeln diesen Halt. Aber eben sinnvollerweise nur für den Menschen, der selbst dabei geht, der den Halt bewusst benutzt und einsetzt, um weiterzukommen. Würden sich jemand indes nur noch an dem Handlauf festkrampfen und ihn nicht mehr loslassen wollen, weil er das Gebot, die Regel selbst als das Ziel mißversteht, dann führt dieser Halt zum „Stop“. Er kommt keinen Schritt mehr voran und erstarrt, obwohl er brav alle Regeln, Gebote und Traditionen befolgt.

Und gehen – im Sinne lebendiger Fortbewegung – bedeutet immer auch „balancieren“. Es geht um den richtigen Ausgleich zwischen dem Lebenskonzept, das mich leitet, und den sich stetig ändernden Erfordernissen des Alltags. Ich muss auf Menschen und Situationen richtig reagieren ohne dabei meine eigenen Grundsätze und Überzeugungen zu verraten. Aber ich muss auch bereit sein, diese Grundsätze und Überzeugungen weiterzuentwickeln, wenn mich Lebenserfahrungen dazu auffordern. Und in diesem fortwährenden Balanceakt darf ich das Ziel nie aus den Augen verlieren, das andere Ende des Seils.

Wollen wir also hoffen, daß auch der zweite Freund des Königs auf diese Weise seinen Weg über den tiefen Brunnen fand und ein guter Mensch werden konnte. –

Die Krux mit den Krücken

Auf die große Bedeutung der eigenen Bewegung und eigenen Verantwortung weist auch Abd-ru-shin in seinem Werk „Im Lichte der Wahrheit“ hin. Er warte davor, Wegweisungen, die als Hilfe gedacht sind und zur Freiheit führen sollen, zu einem neuen Dogma zu machen. Wörtlich schrieb er – auch im Hinblick auf die von ihm gegebenen Gebote und Ratschläge:

„Wenn ich nun aber sage: ,Tue dies und jenes, lasse das‘, so gebe ich damit nur schwache, äußerliche Krücken, auf denen niemand richtig und selbständig gehen kann, weil ihm die Krücken nicht auch gleichzeitig zum ,Sehen‘ dienen. Und doch muß er den ,Weg‘ klar vor sich sehen, sonst nützen ihm die Krücken nichts. Ein solcher humpelt irrend wie ein Blinder auf ihm unbekanntem Wege. Nein, das ist nicht das Rechte, würde wieder nur zu einem neuen Dogma führen, welches hindernd jeden Aufstieg hemmt.“

Dieses Zitat ist wohl für jeden religiösen oder spirituellen Weg von größter Bedeutung: Gebote und Verbote können wertvolle Orientierungshilfen sein. Aber letztlich sind es doch nur Krücken. Und je mehr man – für sich selbst oder in einer Gemeinschaft – diese Krücken kultiviert, umso eher verlernt man das Gehen. Das bringt auch die folgende Geschichte aus der Tradition des Sufismus zum Ausdruck: 

Es war einmal ein Mann, der sich sein Bein verletzte und mit Krücken gehen musste. Diese Krücken wurden ihm bald bemerkenswert nützlich, nicht nur zum Gehen, sondern auch für viele andere Aktivitäten. Er lehrte seine ganze Familie, wie man sie nützen und in eine wertvolle Alltagshilfe verwandeln kann. Und so wollte bald jeder eigene Krücken haben.

Es gab Krücken für jeden Geschmack. Einige waren aus Elfenbein gefertigt, andere mit Gold verziert. Schulen wurden eröffnet, um zu lehren, wie man sie benützt, und Lehrstühle errichtet, um die übergeordneten Aspekte dieser Wissenschaft abzudecken.

Als einige wenige Leute begannen, ohne Krücken durchs Leben zu gehen, verursachten sie einen großen Skandal. Es gab so viele Nutzanwendungen für Krücken, dass es absurd erschien, auf sie verzichten zu wollen. Diejenigen, die gegen diese Auffassung protestierten, wurden bestraft. Sie versuchten aufzuzeigen, dass eine Krücke nur manchmal benutzt werden sollte, nur dann, wenn es nötig ist, lediglich für besondere Zwecke – aber nur wenige hörten ihnen zu.

Nachdem bereits Generationen Krücken benutzt hatten, entdeckte man, dass praktisch niemand mehr ohne sie gehen konnte. Und damit schien man beweisen zu können, dass sie lebensnotwendig waren. „Hier ist ein Mann. Versuche, ihn ohne Krücken gehen zu lassen. Siehst du? Er kann es nicht!“

„Aber wir gehen ohne Krücken!“, erinnerten jene, die noch normal gehen konnten.

„Das ist nicht wahr, das ist bloße Phantasie“, antworteten die Behinderten, die inzwischen auch schon blind geworden waren. Blind, weil sie sich weigerten zu sehen. –

Die Tragik des Scheuklappen-Denkens

Diese Parabel betrifft wahrscheinlich jeden Menschen. Denn letztlich sind damit ja nicht nur religiöse Dogmen angesprochen, die ursprünglich als Lebenshilfen gedacht waren, dann aber zu geistiger Erstarrung und Versklavung führten. Vielmehr geht es doch eigentlich auch um die typisch menschlichen Denkgepflogenheiten.

Wir sind daran gewöhnt, alles, was uns begegnet, automatisch an dem zu messen, was wir bereits kennen. Durch das, was wir gelernt, beobachtet, gelesen oder erfahren haben, hat sich in uns ein bestimmtes Bild von der Welt etabliert. Und dieses persönliche Weltbild ist ein mächtiger Schutzwall. Nur das, was den eigenen Auffassungen entspricht, dringt wirklich leicht zu uns durch. Was uns fremd ist und daher nicht ohne weiteres beurteilt werden kann, hat es dagegen viel schwer. An sich ist dieser Automatismus im Denken ja recht bequem: Wir müssen damit nicht in jeder Sekunde unseres Lebens alles, was uns widerfährt, neu beurteilen. Wir müssen nicht jeden Schritt bewusst neu setzen, wir können uns auf eine Krücke stützen: nämlich auf unsere Erfahrungen.

Aber wiederum gilt: Wenn wir nur noch diese Krücke benutzen wollen – unsere Erfahrungen, und damit auch unsere Gewohnheiten, unsere persönlichen „Habits“ –, wenn wir gar nicht mehr selbst „gehen“ können – also neue Schritte setzen, unvoreingenommen beurteilen –, dann haben wir uns zu Behinderten gemacht, die gegenüber der Vielfalt der Welt und den unermesslichen Erlebnis- und Entwicklungsmöglichkeiten blind geworden sind.

Eine solche Blindheit, ein Scheuklappen-Denken, fällt besonders in religiösen Traditionen auf, in denen es nur um den „reinen Glauben“ geht, der sich nie an der Wirklichkeit zu messen braucht. Oft etablieren sich dabei Leitvorstellungen, die, nüchtern betrachtet, in Richtung Fundamentalismus und Fanatismus führen.

In unseren Tagen zeigt sich darüber hinaus oft auch das, was sich unter dem Begriff „Esoterik“ tummelt, als Forum für haltlose Ideen und unscharfe Begriffe, die kaum hinterfragt werden. Obwohl manche Vorstellungen unmenschlich, regelrecht pervers erscheinen.

Ich stand zum Beispiel einmal in brieflichem Kontakt mit jemandem, der felsenfest davon überzeugt war, dass jeder Mensch für sein Schicksal ausschließlich allein verantwortlich sei. Auch jede Krankheit und jeder Unfall sei selbst verschuldet und – im Sinne des Bibelwortes von „Saat und Ernte“ – einfach eine Rückwirkung von falschen Handlungen, vielfach wohl von solchen aus vorangegangenen Erdenleben. Und weil jeder Mensch aus dem Leid, das ihn trifft, lernen soll, sei es auch falsch, jemandem medizinisch oder chirurgisch zu helfen. Damit verhindere man aus falsch verstandener Liebe den notwendigen Lernprozeß. Logisch, oder?

Oder? Bei näherer Betrachtung basiert diese vermeintliche Logik auf der naiven Annahme, jeder Mensch lebte allein als Insel, unbeeinflusst vom Tun und Lassen anderer. Jeder Seitenblick ins wirkliche Leben zeugt zwar vom Gegenteil, aber weltanschauliche Scheuklappen bewahren verlässlich davor, an der realen Vielfalt und an der vernetzten, nicht überschaubaren Lebendigkeit zu erschrecken. –

Atheismus – ein Ausweg?

Als Antithese zu blindem Glauben und zu lebensfernen weltanschaulichen Konzepten hat sich, vor allem in den letzten paar Jahrzehnten, eine breite atheistische Bewegung etabliert. Immer mehr kritisch denkende Menschen sind heute davon überzeugt, dass Wissenschaft und Forschung in wenigen Generationen viel mehr zum Wohl der Menschheit beigetragen haben als religiöse Offenbarungen in Jahrtausenden davor. Sie verweisen auf die Fortschritte in der Medizin und in der Technik oder auf das detaillierte Weltverständnis, wie es Physik und Chemie ermöglichen. Und sie lehnen alles, was nicht beweisbar ist, rundweg ab. So formulierte beispielsweise der US-amerikanische Philosoph Daniel C. Dennet, einer der prominentesten Atheisten unserer Tage: „Wir glauben nicht an Geister oder Elfen, nicht an den Osterhasen und auch nicht an Gott.“

Der Blick auf die nüchterne Wirklichkeit ersetzt die Bereitschaft zum Glauben. Vordergründig mag das als Fortschritt erscheinen, weil der Atheismus gründlich aufräumt mit der Tradition, naiv gläubige Menschen in ihrer Unmündigkeit und Denkfaulheit zu bestärken. Und doch geht in dieser verkopften Wahrheitssuche etwas Entscheidendes verloren: nämlich die Dimension des gemütvollen Erlebens.

Man kann einen Menschenkörper aufschneiden und erkennen, aus welchen inneren Organen, Knochen, Muskel- und Nervenfasern er besteht. Aber damit weiß man noch nichts über seine Persönlichkeit, seine Träume und Erlebnisse, nichts über das also, was diesen Menschen eigentlich ausmacht. Die seelisch-geistige Dimension wird in der Fokussierung auf das Sichtbare und Beweisbare weitgehend ausgeblendet. Insofern ermöglicht auch das atheistisch-materialistische Denken keinen umfassenden Weitblick. Es ist letztlich ebenso eine durch Scheuklappen abgegrenzte Gedankenwelt wie der blinde Glaube.

Wie frei sind wir im Denken?

Bleibt also die bange Frage: Wie frei können wir in unserem Denken, in unserer Suche nach Wahrheit überhaupt sein? Sind wir nicht grundsätzlich immer abhängig von den Grenzen des Weltbildes, dem wir uns angeschlossen haben?

Zumindest sind wir in hohem Maß davon abhängig, wenn wir nicht bewusst gegensteuern. Die Berliner Philosophin Natalie Knapp bezeichnet das, was die Art und den Freiraum des Denkens innerhalb einer Gesellschaft bestimmt, als „kollektive Gedankenformen“. In Ihrem Buch „anders denken lernen“ beschrieb sie ein interessantes persönliches Erlebnis:

„Für viele Menschen ist es eine einschneidende Erfahrung, längere Zeit in einem fremden Kulturraum zu verbringen, mit anderen kollektiven Gedankenformen. Manches, was sie bis dahin für selbstverständlich und unumstößlich gehalten haben, wird plötzlich in Frage gestellt. Sie nehmen Dinge war, die vorher für sie nicht existiert haben. Eine Freundin verbrachte einige Jahre als Entwicklungshelferin in Afrika. Sie war eine nüchterne Naturwissenschaftlerin, deren Denken und Handeln von rationalen Gründen geprägt war. Als sie nach einigen Monaten zum ersten Mal wieder nach Hause kam, berichtete sie, dass sie dort sehen konnte, dass die Natur ein lebendiges Wesen war. Ein Gedanke, den sie zuvor in Deutschland als irrational abgelehnt hätte. Was sie am meisten erstaunt hat, war, dass die Natur in Afrika einfach lebendig war. Das war keine Idee, mit der sie sich auseinandersetzen oder über die sie nachdenken mußte. Es war die Wirklichkeit. Die Natur zeigte sich dort als lebendiges Wesen, so wie sie sich in Deutschland als naturwissenschaftliches Untersuchungsobjekt gezeigt hatte. Ein Baum in Afrika und ein Baum in Deutschland waren nicht dasselbe. Für eine Naturwissenschaftlerin, die an die objektive Wahrheit geglaubt hatte, eine verwirrende Erkenntnis.“

Das Phänomen der kollektiven Gedankenformen lässt sich auch in kleineren Kreisen deutlich beobachten. Menschen einer gedanklich gleich ausgerichteten Gruppe reagieren auf bestimmte Eindrücke mit nahezu gleich lautenden Argumenten, Vorbehalten oder Zustimmungsbekundungen. Ihre Ideen sind uniform, sie beurteilen die Dinge auch ohne vorherige Absprache ähnlich oder treffen ähnliche Entscheidungen, ohne sich abstimmen zu müssen.

Wie frei also können wir in unserem Denken sein? Wie sollte es gelingen, die Krücken alter Erfahrungen zugunsten neuer Eindrücke abzulegen? Die Wohlfühlzone kollektiver Gedankenformen zu verlassen? Wie gelingt es, wieder ein größeres Maß an Offenheit zu erreichen?

Ein wichtiger Wegweiser ist der „Empfindungs-Kompass“ des Menschen, die sogenannte „innere Stimme“, die gegebenenfalls dazu anregt, sich von bestehenden Gedankenformen zu emanzipieren.

Wenn ich also beispielsweise vor einem leidenden Menschen stehe, der meine Hilfe braucht, dann mögen die Synapsen des Verstandes glühen und noch so viele Argumente hervorbringen – ich kann das nicht; ich habe doch gerade wenig Zeit; oder: dieser Mensch soll doch an seinem Leid etwas lernen – die Empfindung wird einfach sagen: „Pack‘ zu und tu, was immer möglich ist, um zu helfen!“

So einfach kann das sein. Allerdings nur in Situationen, in denen die Empfindung auch klar und deutlich wahrnehmbar ist. Leider ist sie das nicht immer, denn es gibt auch andere Möglichkeiten, wie eine „innere Stimme“ zustande kommt, die uns zu etwas drängt. In vielen Fällen melden sich einfach unsere eigenen Vorlieben, Prägungen und Bedürfnisse als „innere Stimme“, und wir wollen oder beurteilen etwas letztlich doch nicht unvoreingenommen.

Wenn ich zum Beispiel Wert darauf lege, schön gekleidet zu sein und immer perfekt geputzte Schuhe zu tragen, dann habe ich mir diesen Wertmaßstab natürlich – im wahrsten Wortsinn – „in den Kopf gesetzt“. Und ich werde auch andere Menschen automatisch danach beurteilen, wie sie gekleidet sind. Wenn alles „stimmt“, wenn der andere also dem von mir definierten Sollzustand entspricht, verspüre ich in mir ein angenehmes „Ja, das passt!“ Und könnte gut glauben, etwas empfunden zu haben. Dabei handelte es sich nur um einen simplen Soll-Ist-Abgleich meines Verstandes. Auf diese Weise entstehen sehr häufig vermeintliche Empfindungen. In Wirklichkeit resultiert dieses Gefühl von „Wahrheit“ nur aus der Übereinstimmung meines Anspruchs mit der Realität.

Einen Menschen hinter allen Äußerlichkeiten wahrzunehmen, ist dagegen nicht so einfach. Vorurteile und Reaktions-Automatismen drängen sich nur zu oft in den Vordergrund. Wobei Männer, wahrscheinlich biologisch bedingt, im allgemeinen stärker als Frauen dazu neigen, in ihrem unbekannten Gegenüber eher den potentiellen Feind zu sehen und entsprechend reserviert zu reagieren. Aber wenn ich mich jemandem verschließe, kann ich ihn nicht in seiner Art wahrnehmen.

Distanz aktiv überwinden, einfach einmal den Kontakt, das Gespräch suchen, ist deshalb ein guter erster Schritt, um die eigene Empfindung aus den Klammern der Voreingenommenheit zu befreien. Ein weiterer könnte sein, dem anderen bewusst wohlwollend zu begegnen, aufgeschlossen, freundlich, verständnisvoll. Mit größter Wahrscheinlichkeit wird er daraufhin ähnlich reagieren. Und erst damit besteht überhaupt die Möglichkeit eines Austauschs – sozusagen „von Geist zu Geist“. Ich kann dann empfinden, in welcher Art ich den anderen am besten erreichen, vielleicht auch fördern kann, und umgekehrt zeigen mir die Sympathien zu ihm, was ich von ihm lernen kann.

Bewusst die Gefahren erkennen

Diese Beispiele sollten verdeutlicht haben, dass die Suche nach Wahrheit tatsächlich zum Abenteuer werden und auf gefährliche Abwege führen kann, sobald oder solange eine selbstkritische Urteilsfähigkeit fehlt.

Wir alle suchen nach Freiheit, wollen uns von unangenehmen Bindungen lösen und nicht mehr im Dunkel der Ungewißheit umhertappen, wollen wissend, bewußter werden. Aber wir sollten, denke ich, selbstkritisch auch die großen Gefahren kennen, die in selbst gebaute weltanschauliche Gefängnisse führen können.