Der erste Augenblick

Unser Wissen über die Dimensionen des Alls und über Entstehung der Welt hat sich in jüngster Zeit dramatisch erweitert. Von den Vorstellungen, die man darüber im Altertum oder Mittelalter, ja selbst noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte, ist heute praktisch nichts mehr übrig. Was sich den Blicken durch moderne Teleskope offenbart, sprengt jegliches Vorstellungsvermögen – und stellt religiöse Konzepte, die von einer besonderen Bedeutung des Planeten Erde ausgehen, mehr denn je in Frage. Selbst zum „ersten Augenblick“ in der Geschichte des Universums gibt es bereits naturwissenschaftliche Konzepte. Hat die Lehre von einem „Schöpfungsakt Gottes“ damit endgültig ausgedient?

Immer wieder regte der Blick in die Weiten des Alls dazu an, das Bild vom Universum und von unserer Stellung darin neu zu überdenken. Auch heute noch. Wenn die Sonne am Horizont und der Himmel im Dunkel der Nacht versinkt, wenn ferne Gestirne am Firmament funkeln und das Blickfeld sich ins Unermessliche geweitet hat, dann berührt und fordert das große Geheimnis der Schöpfung unser beschränktes Bewusstsein. Seit jeher hat der nächtliche Blick in das Unfassbare, Ewig-Unerreichbare den Menschen, vielleicht mehr als jeder andere Eindruck, dazu angeregt, sein Bild von der Welt und von sich selbst neu und immer wieder neu zu zeichnen.

Wie groß ist die „Welt“?

Bis tief in das Mittelalter hinein betrachtete man die Erde als den Mittelpunkt jeglichen Weltgeschehens. Die Schwerkraft schien untrüglich zu beweisen, dass alles diesem natürlichen Zentrum zustrebt; die Sonne schien ihre Bahn um die Erde zu ziehen, desgleichen die Planeten, die Sterne erschienen festgeheftet an der Himmelsglocke, und es gab keinen Zweifel, dass alles so entstanden war, wie es die Bibel überlieferte – durch einen mehrtägigen Schöpfungsakt Gottes, der vor langer Zeit die Erde, die Sonne, den Mond und alle anderen „Lichter“ an der „Himmelsfeste“ fertig schuf.

Doch eben diese Lichter stellten das vermeintlich so schlüssige Weltbild bald in Frage.

Im Jahr 1610 entdeckt der italienische Astronom Galileo Galilei (1564–1642) mit seinem Fernrohr vier große Monde, die um den Planeten Jupiter kreisen. Spätestens damit ist klar, dass doch nicht die Erde das Zentrum aller Bewegungen im All sein kann.

In der Folge setzte sich das heliozentrische Weltbild durch, die schon im antiken Griechenland diskutierte Vorstellung, dass die Sonne der Mittelpunkt der Welt sein könnte.

Aber war sie das wirklich? Bot der nächtliche Himmel nicht noch zahlreiche weitere Phänomene, die einer Erklärung bedurften? Worum beispielsweise handelte es sich bei dem geheimnisvollen, milchig erscheinenden Lichtband am Nachthimmel, das man mit bloßem Auge erkennen kann?

Den in Hannover geborenen und in England lebenden Astronomen Wilhelm Herschel (1738–1822) lässt diese Frage nicht los. Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert baut er als Autodidakt die weltweit leistungsfähigsten Teleskope und findet bestätigt, was vor ihm schon Galilei vermutet hatte: dass die sogenannte Milchstraße ein riesiges System von Sternen ist. Herschel untersucht insgesamt etwa 2.500 „Nebel“ am Nachthimmel, also nicht-punktförmige Lichtflecken, von denen bis dahin unklar war, ob es sich um leuchtende Wolken, Flüssigkeiten oder um Ansammlungen von Sternen handelte. Durch sein überlegenes Teleskop erkennt er, dass zahlreiche der zu beobachtenden Nebel tatsächlich aus Zigtausenden einzelnen Sonnen bestehen. Andere verschwommene Lichtflecken, die von den Astronomen ebenfalls im Bereich der Milchstraße beobachtet werden, bleiben vorerst mysteriös, sie lassen sich nicht als einzelne Sterne erkennen. Aber der Begriff „Welt“ wird bereits im 19. Jahrhundert wissenschaftlich neu definiert: Es geht längst nicht mehr um die Frage, ob die Erde oder die Sonne im Zentrum aller Bewegung steht. Denn offenbar ist alles in Bewegung, ist unsere Sonne nur eine von unzählig vielen und die Welt – die „Galaxie“ – die unfaßbare Gesamtheit dieser Sterne.

Die alten religiösen Konzepte von der Erdenwelt als dem Zentrum göttlicher Fürsorge oder eines himmlischen Heilsplans schienen mehr denn je in Frage gestellt, denn die unbedeutende Winzigkeit unseres Heimatplaneten im Universum war im Blick durch die Teleskope erkennbar geworden. Die einfachen Gesamtbilder der Schöpfung, die Vorstellungen von Himmelssphären, wie sie in religiösen Traditionen vermittelt worden waren, schienen nun naiv und obsolet. Aber unergründlich fern lag weiterhin die Antwort auf die große Frage nach dem „ersten Augenblick“, also wie und weshalb das Universum einst entstanden ist.

Es sollte Jahrzehnte und Generationen dauern, bis die Erkenntnisse über die Größe der Welt, wie sie sich im 19. Jahrhundert darbot, vertieft waren und in das allgemeine Bewusstsein drangen. Im Grunde ist dieser Prozess wohl bis heute nicht abgeschlossen. Denn wem wäre ohne weiteres gegenwärtig, dass die Milchstraße aus mindestens 100 Milliarden Sonnen besteht, vielleicht sogar aus 300 Milliarden, und so groß ist, dass das Licht 100.000 Jahre benötigt, um den gesamten Raum zu durchmessen?

Es sind unfassbare Dimensionen, kaum noch mit geographischen Vorstellungen von Weltteilen, -quadranten oder -sektoren zu vereinbaren. Dabei war alles, was die Astronomen des 19. Jahrhunderts entdeckten, errechneten und katalogisierten, im Grunde völlig unbedeutend gegenüber der wirklichen Größe des Universums. Der Deckel war damals sozusagen noch auf dem Topf, und zunächst blieb die – vor 100 Jahren wohl provokativ wirkende – Frage, ob es außerhalb der Milchstraße noch weitere Galaxien geben könnte, unbeantwortet. Auch die leistungsfähigsten Teleskope konnten sie nicht klären.

Dann aber, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sprengten die wissenschaftlichen Erkenntnisse endgültig alle Grenzen des Vorstellbaren: Der amerikanische Astronom Edwin Hubble (1889–1953) konnte Anfang der 1920er Jahre durch die Beobachtung eines Cepheiden (das sind veränderliche Sterne, deren Helligkeit rhythmisch schwankt) nachweisen, dass der sogenannte Andromedanebel außerhalb der Milchstraße liegen muss und dass dieser Nebel – wie viele andere bis dahin mysteriös erscheinende Lichtflecken – eine eigene Galaxie mit wahrscheinlich Abermillionen von Sonnen ist.

Und heute, nachdem zur Erforschung des Alls seit den 1970er Jahren auch Weltraumteleskope eingesetzt werden, gehen die Astronomen davon aus, dass das sichtbare Universum aus 100 Milliarden Galaxien besteht – unsere Milchstraße erscheint darin wie ein winziges Körnchen – und dass es eine Ausdehnung von 78 Milliarden Lichtjahren hat. Das sind Dimensionen, die sich dem menschlichen Begriffsvermögen entziehen, die auch mit religiösen Überlieferungen nichts mehr gemein haben und die alte Vorstellung von einem Schöpfer, der in sieben Tagen „Himmel und Erde“ erschaffen habe, für viele nur noch lächerlich erscheinen lassen. Gefördert durch die naturwissenschaftlichen Ergebnisse, greift in unserer „aufgeklärten“ Gesellschaft der Atheismus um sich, und nur eine Minderheit derer, die den überwältigenden astronomischen Erkenntnissen gegenüber aufgeschlossen sind, sieht gerade in der unfassbaren Größe des Alls einen beeindruckenden Hinweis auf Gott.

Wann entstand die Welt?

Unsere Schwierigkeiten, die Dimensionen des Universums auch nur im Ansatz zu begreifen, betreffen indes nicht mehr nur die räumliche Ausdehnung, sondern seit dem 20. Jahrhundert auch das grundlegende Verständnis des Begriffes „Raum“. Davor hatte man über die sich immer deutlicher offenbarende Größe des Alls mehr und mehr staunen können; dennoch erschien das Universum insgesamt als fest gefügt, die Bahnen der Gestirne galten als unveränderlich, als der sichtbare Ausdruck sich ewig wiederholender Zyklen. Aber auch dieses Bild erwies sich bei genauerer Betrachtung des nächtlichen Himmels als falsch.

In den späten 1920er Jahren macht sich Edwin Hubble daran, die Bewegung ferner Galaxien zu vermessen. Er benutzt dazu eine seit langem bekannte Methode: Wenn man die Lichtstrahlen eines Himmelskörpers mit Hilfe des Spektroskops in ihre farblichen Bestandteile zerlegt, kann man daraus die Geschwindigkeit dieses Körpers in Bezug auf die Erde ersehen. Denn seine Eigenbewegung beeinflusst die akustischen oder optischen Wellen, die ein Körper aussendet. Wenn sich ein Rettungswagen auf uns zubewegt, wird der Sirenenton höher, weil die Schallwellen zusammengedrückt werden; wenn er sich von uns wegbewegt, werden die Wellen hingegen gedehnt, und der Ton klingt tiefer. Ebenso verändern sich Lichtwellen: Entfernt sich eine Lichtquelle von uns, nimmt die Wellenlänge zum Rot hin zu, denn rotes Licht hat eine größere Wellenlänge als blaues. Man spricht in diesem Fall von „Rotverschiebung“. Und Hubble erkennt, als er die Geschwindigkeiten ferner Galaxien misst, eine aufsehenerregende Beziehung: Je weiter eine Galaxie von der Erde weg ist, desto schneller entfernt sie sich von uns. Seine Faustregel lautet: Wenn eine Sterneninsel von der Erde doppelt so weit entfernt ist wie eine andere, dann bewegt sie sich auch doppelt so schnell von uns weg; ist sie viermal so weit entfernt, „flieht“ sie viermal so schnell.

Hubble kann diese Beobachtung zunächst nicht erklären, und er selbst zieht daraus keine weitreichenden Schlüsse. Doch seine Resultate bestätigen eine kühne Theorie, mit der kurz zuvor Georges Lemaître (1894–1966), ein belgischer Theologe und Astrophysiker, an die Öffentlichkeit getreten war: Demnach expandiert das Weltall, es ist dynamisch, der Raum ist veränderlich, wird immer größer.

Zögerlich zuerst, doch letztlich überzeugt, schließt sich die Fachwelt Lemaîtres Gedanken an. Aber was bedeutet diese durch die Rotverschiebung belegte Ausdehnung des Alls im Umkehrschluss? Doch eindeutig, dass die Galaxien früher dichter beieinander gelegen haben mussten, und noch früher noch dichter … Und was war ganz zu Beginn?

Erstmals in der Geschichte der Astronomie lag der Gedanke greifbar nahe, dass es für das Universum mit seinen Milliarden Galaxien einen Anfang gegeben hat, einen „ersten Augenblick“, eine Initialzündung. Und dass es möglich sein konnte, sein Alter zu errechnen und zu verstehen, was im Ursprung geschah.

Etwa Mitte des 20. Jahrhunderts etablierte sich der Begriff des Urknalls, des „Big Bang“, wie der britische Astronom Fred Hoyle (1915–2001) diese Theorie bezeichnete, die er selbst allerdings nicht akzeptieren konnte. Hoyle hatte zwar nichts gegen die von Hubble entdeckte Expansion des Universums einzuwenden, aber er glaubte, dass diese Beobachtung auch anders interpretiert werden könne, dass das Weltall sich nämlich infolge der kontinuierlichen Erzeugung von Materie weit und weiter ausdehne.

Doch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich die Urknall-Theorie allgemein durch – vor allem deshalb, weil sie durch eine weitere aufsehenerregende Entdeckung Bestätigung fand: 1963 entdecken die beiden jungen amerikanischen Physiker Arno Penzias (geb. 1933) und Robert Woodrow Wilson (geb. 1936) ein allgegenwärtiges Rauschen im Mikrowellenbereich, das aus allen Richtungen des Universums empfangen werden kann. Und eben eine solche „kosmische Hintergrundstrahlung“ hatte Georg Gamow (1904–1968), ein russischer Physiker und namhafter Mitbegründer der Urknall-Theorie, vorausgesagt. Nun war das „Echo des Urknalls“ tatsächlich nachgewiesen worden!

Heute ist daher die „Big Bang“-Theorie kaum noch umstritten, und nach allem, was wir derzeit wissen, ist das All vor rund 13,7 Milliarden Jahren mit der Explosion eines winzig kleinen Punktes entstanden, eines Pünktchens, das alles enthielt, was heute durch einen gigantischen Raum mit einem Durchmesser von etwa 900 Trilliarden Kilometern schwebt.

Doch läßt sich diese Ur-Zündung mit nichts vergleichen, was wir aus dem Alltag kennen. Jede Explosion ereignet sich ja stets innerhalb eines Raums, jede Bombe explodiert in eine Umgebung, in den Raum hinein. Mit dem Urknall aber schuf der Raum sich selbst; es gibt zuvor kein Umfeld außerhalb. Und wenn das Weltall sich ausdehnt, so nicht etwa in einen bestehenden Raum hinein, sondern es entsteht mit der Expansion der Raum selbst.

Dass der Raum entstehen, sich verformen, wachsen oder auch schrumpfen kann, ließ sich bereits aus der von Albert Einstein (1879–1955) im Jahr 1915 veröffentlichten „Allgemeinen Relativitätstheorie“ folgern. Dennoch überfordert diese Gegebenheit bis heute unser Vorstellungsvermögen. Wir können uns das Nichts, für das es keinen Raum und keine Zeit gibt, grundsätzlich nicht vorstellen, weil unser eigenes Denkvermögen fest an eine Raum-Zeit-Struktur gebunden ist. Für jeden unserer Gedanken gibt es ein Vorher und ein Nachher, und jeder Gedanke bildet in unserem Inneren – akustisch und/oder optisch – eine Form. Das Nichts – etwas ohne Raum und Zeit – bleibt uns unbegreiflich.

Nichtsdestotrotz näherte sich die Astronomie in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter dem „ersten Augenblick“, in welchem aus dem Nichts die Schöpfung entstand.

An der Grenze unseres Wissens

Doch in der Frage, was zu Beginn geschah, sind wir – wie in so vielen astronomischen Belangen – auf Theorien angewiesen. Das liegt auch daran, dass sich die Annahme, wir würden das Universum in seinen Grundprinzipien bereits verstehen, in den letzten Jahren als großer Irrtum erwiesen hat. Wir haben in Wirklichkeit noch so gut wie nichts verstanden. Denn auch in jüngster Zeit erschütterte, wie schon oft in der Geschichte, ein genauerer Blick auf den nächtlichen Sternenhimmel unser Weltbild.

Schon im Jahr 1933 hatte der Schweizer Physiker und Astronom Fritz Zwicky (1898–1974) entdeckt, dass sich die Galaxien des „Coma-Haufens“ (so heißt eine Gruppe, die er damals erforschte) mit so unterschiedlichen Geschwindigkeiten von uns wegbewegen, dass sie eigentlich auseinanderfliegen müssten. Den Zusammenhalt der Galaxien konnte, so folgerte Zwicky, nur ein unbekannter Stoff bewirken, der „in sehr viel größerer Dichte vorhanden ist als leuchtende Materie“.

Doch die Annahme, dass es im All neben der sichtbaren tatsächlich auch eine unbegreifliche „Dunkle Materie“ (diesen Begriff prägte Zwicky) geben könnte, erschien so abwegig, dass sie in Fachkreisen zunächst einfach ignoriert wurde.

Es ist vor allem der US-Astronomin Vera Rubin (geb. 1928) zu danken, wenn wir heute davon ausgehen, dass Dunkle Materie im Weltgeschehen tatsächlich eine überragende Bedeutung hat. Ende der 1960er Jahre beobachtet sie, dass sich die Sonnen im Andromedanebel ganz anders bewegen, als es nach dem Gesetz der Schwerkraft im Hinblick auf die sichtbare Materie zu erwarten gewesen wäre. In großer Entfernung von einem galaktischen Zentrum müssten sich die Sterne langsam fortbewegen, weil ja auch in unserem Sonnensystem die Bahngeschwindigkeit der Planeten mit größer werdendem Abstand zur Sonne abnimmt. Doch in der Andromeda-Galaxie kreisen die Sterne auch in großer Entfernung zu ihrem Zentrum erstaunlich schnell. Offenbar müssen sie mit dieser Geschwindigkeit einer starken Schwerkraft trotzen. Aber woher kommt diese? Gemeinsam mit ihrem Kollegen Kent Ford (geb. 1931) errechnet Vera Rubin, dass die Andromeda-Galaxie aus zehnmal mehr Materie bestehen muss, als sichtbar ist. Anders könnte die zur Geschwindigkeit der Sterne passende Gravitationswirkung nicht erzielt werden.

Inzwischen gehen die Astronomen davon aus, dass der gesamte Kosmos zu 85 Prozent aus Dunkler Materie besteht. Die unzähligen Milliarden von sichtbaren Sternen und Planeten umfassen demnach nur etwa 15 Prozent der gesamten vorhandenen Materie. Über den Rest wissen wir nichts – außer eben, dass die Schwerkraft dieses unsichtbaren Stoffes offenbar die Bewegung von Galaxien und ganzer Galaxienhaufen bestimmt. Und mit größter Wahrscheinlichkeit war diese Substanz auch dafür verantwortlich, dass 100 Millionen Jahre nach dem „ersten Augenblick“ überhaupt Sterne entstehen konnten: Regionen, in denen viel Dunkle Materie vorhanden ist, ziehen aus ihrer Umgebung weitere gleichartige Dunkle Materie an; so bilden sich mächtige „Blasen“, an denen sich Wasserstoff staut, der sich schließlich zu Wolken verdichtet, erhitzt – und zu leuchten beginnt. Die zunehmende Schwerkraft im Inneren dieser „Protosterne“ sorgt in der Folge dafür, dass sich der Wasserstoff durch Kernfusion zu Helium verwandelt – die ersten Sterne beginnen zu strahlen! Im Lauf der weiteren Entwicklung ordnen sie sich zu Haufen oder spiralförmigen Galaxien. Und diese Formung des Alls folgt wiederum dem unsichtbaren Geflecht jener Dunklen Materie, über die wir so gut wie nichts wissen.

Was wissen wir überhaupt?

1998 wurde durch die Erforschung ferner Sternenexplosionen deutlich, dass sich das Weltall in den letzten fünf Milliarden Jahren immer schneller ausgedehnt hat. Damit stand abermals eine Beobachtung im Raum, die das, was man bisher über die Entwicklung des Universums zu wissen glaubte, grundlegend in Frage stellte. Denn welche unbekannte Kraft könnte diese rasante Expansion erzwingen?

Die Astronomen sprechen seit dieser Entdeckung von „Dunkler Energie“ (dieser Begriff hat nichts mit Dunkler Materie zu tun), aber sie haben bis heute keine Ahnung, worum es sich handeln könnte. Auch diese Kraft, die vermutlich drei Viertel der gesamten Energie im Universum ausmacht, entzieht sich bisher unserem Erkenntnisdrang.

Offenbar wissen wir von den wesentlichen Faktoren, die die Entwicklung des Weltalls bestimmt haben und weiterhin bestimmen, so gut wie nichts. Möglicherweise, ja, sehr wahrscheinlich, stehen uns die aufsehenerregendsten Erkenntnisse noch bevor!

Einigermaßen sicher und wissenschaftlich nachvollziehbar erscheint immerhin, dass in dem neu entstandenen Universum nach etwa 100 Millionen Jahren die ersten Sterne erschienen – Lichttröpfchen, die aus einer Ära der Finsternis sickerten, in der das All sich verdunkelt und unter den Gefrierpunkt abgekühlt hatte. Aber schon lange zuvor, nur etwa 380.000 Jahre nach dem „ersten Augenblick“, mussten Atome entstanden sein – in jener fernen kosmischen Zeit, aus der wir noch heute das „Echo des Urknalls“ vernehmen können.

Noch früher ereignete sich vor allem eines: Abkühlung. Diese Phase, in der das junge All sich weit und weiter aufblähte und dabei kalt und kälter wurde, begann aktuellen Erkenntnissen zufolge bereits fünf Minuten nach dem „ersten Augenblick“ – und währte Hunderttausende von Jahren.

Was aber geschah davor, in den Minuten, den Sekunden nach dem Urknall?

Die heutigen physikalischen Modelle gehen davon aus, dass sich ursprünglich aus einem unvorstellbar heißen „Teilchen-Urbrei“ (es dürfte darin eine Temperatur von 1.032 Grad Celsius geherrscht haben), getrieben von der „Urkraft“, Raum ausgedehnt hat – Raum, der sich selbst Raum schuf. Der heiße Teilchenbrei kühlte dabei ab.

Dann, nach dem allerersten Sekundenbruchteil, wirkt bereits die Schwerkraft. Sie friert sozusagen aus der Urkraft der Bewegung heraus und sorgt dafür, dass sich einzelne Teilchen trotz der gewaltigen Expansion des Raums anziehen können. Unmittelbar danach spaltet sich die Urkraft weiter – in die „Starke Kernkraft“, die in der Folge Atomkerne zusammenhalten wird, und in die „Elektroschwache Kraft“, aus der Licht und Radioaktivität hervorgehen können (und die sich bald darauf in die „Schwache Kernkraft“ und die „Elektromagnetische Kraft“ aufspaltet). Licht- und Materieteilchen entstehen, Protonen, Neutronen … und das alles geschieht innerhalb von nur 0,2 Sekunden. In dieser winzigen Zeitspanne des Allbeginns ist der Raum bereits auf 500 Billionen Kilometer angewachsen.

Entstanden ist er aus einem unvorstellbar kleinen Etwas, viel kleiner als ein Stecknadelkopf, als ein Pünktchen auf dem Papier, noch viel kleiner sogar als ein Atomkern!

Die Entstehungsphasen des Weltraums können heute auf der Grundlage mathematischer Berechnungen und komplizierter Experimente mit gigantischen Teilchenbeschleunigern bis an die Grenze zum „ersten Augenblick“ rekonstruiert werden. Nur was ganz zu Beginn geschah, in jener allgewaltigen Schöpfungssekunde, bevor der heiße Urbrei abkühlte und die Schwerkraft geboren wurde, davon haben wir keine Ahnung. Wir haben lediglich einen Namen für diesen Moment: Man spricht von der „Planck-Ära“, benannt nach dem berühmten Physiker Max Planck (1858–1947), der Anfang des 20. Jahrhunderts eine Theorie über die kleinsten Materiebausteine begründete. Doch der Moment der Schöpfung selbst entzieht sich der physikalischen Beschreibung. Er bleibt, wissenschaftlich betrachtet, reine Spekulation. Und auf die große Frage, was zu Beginn geschah, im ersten Augenblick, dürfen wir von all unseren astronomischen Forschungen, mit denen wir das unvorstellbar große, sich dynamisch verändernde Universum letztlich doch nur aus einem beschränkten Blickwinkelchen beschreiben, keine endgültigen Antworten erwarten.

Doch spricht nichts dagegen, zur Erkenntnis dessen, was im „ersten Augenblick“ geschah, parallel zur Naturwissenschaft eine andere Informationsquelle in Betracht zu ziehen: gleichnishafte Bilder aus dem Bereich der Religion. Denn das, was die Astronomen in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten aus der Beobachtung des nächtlichen Sternenhimmels erfahren haben, mag zwar dazu geeignet sein, sich von allzu naiven konfessionellen Vorstellungen über Gott und die Erschaffung der Welt zu verabschieden, aber man muss deshalb nicht in pure Wissenschaftsgläubigkeit verfallen oder eine atheistische Gesinnung annehmen. Vielleicht lassen sich in den alten Überlieferungen ja doch Wahrheitskörnchen finden. Und vor allem kann man in der langen Geschichte von der Entstehung des Universums bis zur Evolution des Lebens auf unserer Erde, so man nicht an eine Anhäufung von Zufällen glauben will, Hinweise darauf entdecken, dass das ganze Entwicklungsgeschehen Ausdruck eines höheren Willens ist. Zum Beispiel hätte nach dem Urknall sehr leicht alles einfach in reine Energie zerstrahlen können; die frühen Materieteilchen und die gleichzeitig entstandenen gegensätzlich geladenen Antimaterieteilchen hätten einander restlos vernichten können, wäre da nicht „zufällig“ ein leichter Überhang an Materieteilchen vorhanden gewesen.

Der Begriff „Zufall“ wird häufig dann verwendet, wenn für ein Ereignis oder eine Gegebenheit keine gesetzmäßige Ursache erkennbar ist. Und als Ursache werden im allgemeinen nur beweisbare und reproduzierbare Einflüsse anerkannt. Ein solches Weltbild schließt freilich die Einwirkung eines höheren Bewusstseins auf die Materie aus – wie es letztlich überhaupt die Bedeutung von Bewusstsein und inneren Erfahrungen außer acht lässt.

Dabei sollte eines klar sein: Wenn die Astronomie vom Urknall spricht, von den Dimensionen des Universums und den Kräften, die darin wirken, so hat dieser wissenschaftliche Blick auf das Firmament nichts mit dem metaphysischen Himmel zu tun, von dem die Religionen künden. Wenn die Astronomie außerirdische Welten beschreibt, ferne Galaxien und geheimnisvolle Nebel, so betrifft dies keine jener überirdischen Wirklichkeiten, von denen beispielsweise Menschen mit Nahtoderfahrungen oder Jenseitserlebnissen berichten. Noch allgemeiner formuliert: Die sachlich-wissenschaftliche Analyse des kosmischen Geschehens ist die eine, die materielle Seite – aber ihre Bedeutung erhält diese Analyse erst dadurch, dass jemand Bedeutung erlebt, dass also ein Bewusstsein vorhanden ist, eine Innenwelt aus Gedanken und Empfindungen, Hoffnungen oder Träumen, die die Außenwelt erkennen will.

Unser eigenes Leben und Erkenntnisstreben, unser Menschsein definiert sich durch Bewusstsein; erst die Erlebnis- und Empfindungsfähigkeit macht unser Leben lebenswert. Wesentlich zum Menschsein gehört der lenkende, gestaltende Wille, von dem nur die Auswirkungen nachweisbar sind.

Wir könnten aus dieser Sicht also unterstellen, dass auch hinter dem großen Schöpfungsgeschehen ein lenkender Wille steht, dass es folglich nicht nur die alles steuernden Naturgesetze gibt, sondern auch einen Gesetzgeber; nicht nur Naturkräfte, sondern auch eine Kraftquelle, dass jede Bewegung, jedes Raumwerden einen Anstoß benötigt.

Ziehen wir also an dieser Stelle, bei der Frage, was ganz zu Beginn geschah, im allerersten Augenblick, und weshalb sich das Werden der Welt überhaupt ereignete, ein höheres Bewusstsein mit in Betracht.

Aber wie ist ein Schöpfer vorstellbar, der nicht nur die Funktion eines kläglichen „Lückenfüllers“ übernehmen soll, auf den man im Glauben immer dann zurückgreift, wenn für ein Geschehen noch keine andere Erklärung zur Hand ist? Wie könnte sich der Beginn der Schöpfung, dem wir uns in den astronomischen Betrachtungen bisher sozusagen „von unten“ und zeitlich in Richtung Vergangenheit genähert haben, aus religiöser Sicht darstellen? Und weshalb kam es demnach überhaupt zum Schöpfungsakt?

Ein neues Bild von göttlichem Wirken

Heute, in einer Zeit, in der sich prominente Forscher öffentlich als Atheisten bekennen und die Religion immer noch als Opposition zur Wissenschaft betrachtet wird, mag es ungewöhnlich sein, konfessionelle oder spirituelle Vorstellungen neben wissenschaftlichen Erkenntnissen zu akzeptieren. Denn die Quellen religiöser Überlieferungen sind ja nicht objektive Forschungsergebnisse, sondern Offenbarungen, die meist sehr subjektiv interpretiert und gern dogmatisch geprägt werden – und die sich im nachhinein oft genug als falsch erwiesen haben.

Trotzdem erscheint es für einen ganzheitlichen Betrachtungsversuch legitim, religiöse Aspekte, die sich in unserem tiefen Sinnbedürfnis gründen, mit den naturwissenschaftlichen Forschungen in Zusammenhang zu bringen.

Albert Einstein bemerkte 1941 in einem Aufsatz über dieses Thema: „Wissenschaft kann nur von denen aufgebaut werden, die durch und durch von dem Streben nach Wahrheit und Erkenntnis erfüllt sind. Die Quelle dieser Gesinnung entspringt aber wiederum auf religiösem Gebiet […] Naturwissenschaft ohne Religion ist lahm, Religion ohne Naturwissenschaft ist blind.“ Und Max Planck formulierte, wie als Ergänzung dazu: „Religion und Naturwissenschaft – sie schließen sich nicht aus, wie manche heutzutage glauben oder fürchten, sondern sie ergänzen und bedingen einander. Wohl den unmittelbarsten Beweis für die Verträglichkeit von Religion und Naturwissenschaft, auch bei gründlich-kritischer Betrachtung, bildet die historische Tatsache, dass gerade die größten Naturforscher aller Zeiten, Männer wie Kepler, Newton, Leibniz, von tiefer Religiosität durchdrungen waren.“

Aber welches Bild vom Schöpfer steht nun tatsächlich im Einklang mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen?

Der wahrscheinlich wichtigste Schnitt, der gegenüber traditionellen konfessionellen Vorstellungen gemacht werden sollte, betrifft die irrige Annahme, göttliches Wirken müsse sich in Wundern zeigen, also in Ereignissen, mit denen die Natur- und Schöpfungsgesetze außer Kraft gesetzt werden. Dieser Gedanke ist bis heute in vielen gläubigen Menschen fest verankert – aber er ist wohl allzu naiv und logisch nicht haltbar. Denn wenn die Schöpfung aus einem Willensakt Gottes entstanden ist, dann müssen auch alle Gesetze, die wir in ihr erkennen – von der Schwerkraft bis zur elektromagnetischen Kraft – Ausdruck seines Willens sein. Naturgesetz und Schöpferwille sind untrennbar miteinander verbunden. Würde Gott bei bestimmten Gelegenheiten seinen Willen immer wieder einmal verändern, gäbe es keine Naturgesetze. Doch diese bestehen unzweifelhaft. Max Planck, tief überzeugt von der gesetzmäßigen Ordnung aller Ereignisse, formulierte: „Wer es also mit seinem Glauben wirklich ernst meint und es nicht ertragen kann, wenn dieser mit seinem Wissen in Widerspruch gerät, der steht vor der Gewissensfrage, ob er sich überhaupt noch ehrlich zu einer Religionsgemeinschaft zählen darf, welche in ihrem Bekenntnis den Glauben an Naturwunder einschließt!“

Der Schöpfer – das ist gewiss nicht die alte Mannesgestalt mit Rauschebart und Priesterkleid, die uns mit sagenhaften Wundern zu Diensten steht, sobald wir lang genug um die Erfüllung drängender Wünsche beten. Wir tun gut daran, uns – dem biblischen Rat aus dem 2. Buch Mose folgend – „kein Bildnis“ vom Schöpfer zu machen, denn jedes solche Bild könnte auch im Idealfall immer nur menschlich geprägt sein – und damit unzutreffend. Wenn wir von Gott sprechen, dann meinen wir den Urgrund des Werdens, die Schaffenskraft, jene Allmacht, die im wahrsten Wortsinn alles gemacht hat, die aber nicht etwa nur eine physikalische Größe ist, nicht nur „neutrale Energie“, sondern höchstes Bewusstsein, das erhabene „Quellfeuer“, dessen Fünkchen allen Wesenheiten, auch uns Menschen, das bewusste Sein ermöglichen.

Gott ist nicht vorstellbar. Ein gangbarer Weg ist es, zur Beschreibung der Gottheit einen Begriff zu wählen, den Abd-ru-shin (Oskar Ernst Bernhardt, 1875–1941) in seinem weltanschaulichen Werk „Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft“ geprägt hat: wesenlos. Gott ist demnach wesenlos – im Gegensatz zu allem, was durch den Schöpfungsakt „wesenhaft“, gestalthaft wurde, sich also formte.

In dieser Wesenlosigkeit gründet demnach das reine Leben, das höchste Bewusstsein, dem wir uns nur ahnend nähern können – etwa im Empfinden des Begriffes Liebe.

Weshalb kam es zum Urknall?

Abd-ru-shin erklärt in dem genannten Werk sinngemäß, dass die Schöpfung entstand, um unzähligen Bewusstseinsfünkchen außerhalb des unmittelbaren Lichtdrucks der göttlichen Sphäre Raum und Zeit für ihre eigene Entwicklung zu schenken. Die Ursache für den „ersten Augenblick“, für den Schöpfungsakt, bei dem – bildlich gesprochen – das schaffende Auge Gottes die Welt erblickte, war demnach reine Liebe.

Mit dem Schöpfungswort „Es werde Licht!“ entstand jedoch nicht unmittelbar das physische, stoffliche Universum, dessen Körper dem Werden und Vergehen unterworfen sind, sondern zunächst die wirkliche Schöpfung, das eigentliche „Reich Gottes“ – eine in sich lebendige Welt, die mit dem Begriff Ewigkeit besser beschrieben ist als mit zeitlichen oder räumlichen Dimensionen. Erst als eine Folge der eigentlichen, geistigen Schöpfung, als „Niederschlag“ daraus, der sich bei weiterer Abkühlung formen konnte, entstand die stoffliche Welt.

Alles Geschehen aber dient letztlich dem Zweck, Entwicklung zu ermöglichen … hin zu immer höherem Bewusstsein. Die Schöpfung bietet die Rahmenbedingungen dazu, durch Naturgesetze etwa, die dafür sorgen, dass Weltenkörper entstehen können und sich Leben entfaltet, wo immer dies möglich wird. Und jeder neue Lebensraum bietet Entfaltungsmöglichkeiten für Bewusstseinsfünkchen, auch Freiräume für den menschlichen Willen, der gestaltend in der Schöpfung wirken soll. Dabei haben wir die Selbstverantwortung; Gott greift nicht in unsere Entscheidungen ein, weder wunderwirkend noch belohnend oder strafend. Doch er ist der Welt, in der wir uns entwickeln, auch nicht unerreichbar fern. Dem Menschen ist es möglich, sich innerlich der „Lichtkraft“ zu öffnen und somit hilfreiche Unterstützung, Kraft oder Heilung zu erfahren.

Dieses Gottesbild ist modern und zeitlos zugleich. Es bestätigt unsere Alltagserfahrung, dass wir in der Ausrichtung unseres Lebens tatsächlich frei sind, es bringt die Gottheit nicht mit der Willkür von Wundern oder mit menschlichen Verhaltensweisen in Verbindung, auch steht es wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht entgegen, aber es bekräftigt doch den Wert religiöser Vertiefung – als Möglichkeit, dem aufbauenden, entwicklungsfördernden Quell des Lebens innerlich näherzukommen.

Bemerkenswert ist, dass sich diese Betrachtungsweise mit der biblischen Schöpfungsgeschichte zwanglos vereinbaren lässt, sofern man diese nicht wörtlich, sondern als Gleichnis sieht. Die „sieben Tage“ wären demnach Sinnbilder für Stufen der Entwicklung.

Über den „ersten Schöpfungstag“ liest man im 1. Buch Mose den allgemein bekannten Satz: „Und Gott sprach, es werde Licht. Und es ward Licht.“ Diesen so beschriebenen Schöpfungsaugenblick kann man gut auf die eigentliche, also die geistige Schöpfung beziehen. Denn in weiterer Folge, am „zweiten Tag“, wurde nach der biblischen Darstellung eine „Feste“ in die Schöpfung gefügt, nämlich der „Himmel“. Und nur die „Wasser unter dem Himmel“ bildeten an den folgenden „Tagen“ Meer und Festland, Sonne, Mond, „dazu auch Sterne“ – die Welt also, wie wir sie mit unserem Heimatplaneten kennen.

Eine Brücke zwischen religiöser Überlieferung und naturwissenschaftlicher Erkenntnis lässt sich im Grunde also zwanglos schlagen: Es gab einen „ersten Augenblick“ – und es gab Entwicklungsphasen. In diesen Punkten stimmen beide Wege der Welterklärung überein. Wege, die sich – welche Bedeutung man biblischen Überlieferungen im Detail auch zugestehen mag – grundsätzlich ergänzen könnten: Die Naturwissenschaft erforscht, was im All geschehen und wie das Universum aufgebaut ist, die Religion erklärt, warum es geschah und welcher Sinn in allem liegt.

Welche Erkenntnisse bringt die Zukunft?

Es wird gewiss spannend bleiben, die Erkenntnisse der Astronomie in weiterer Zukunft mitzuverfolgen. Wird es gelingen, die Geheimnisse der Dunklen Materie und der Dunklen Energie zu entschlüsseln? Werden neue Erkenntnisse über den Aufbau des Universums die bisherigen Vorstellungen abermals grundlegend revidieren? Und wird es gelingen, ein ganzheitliches Bild der Schöpfung zu erfassen, das nicht nur außerirdische, sondern auch überirdische Gegebenheiten miteinbezieht?

Im Moment sind wir in unserer Suche nach einem Gesamtbild auf Vermutungen angewiesen; viele Fragen müssen noch offenbleiben: Ist die Geschichte des Universums, wie sie von der Astronomie erzählt wird, nur die Geschichte der physischen Welt? Oder betrifft sie die gesamte Schöpfung mit all ihren jenseitigen und geistigen Regionen? Haben sich diese – vom Ursprung aus betrachtet – ersten Ebenen unmittelbar mit dem Urknall geformt, also im ersten Schöpfungsaugenblick, in der „Planck-Ära“? Und waren die im Urbrei entstehenden Teilchen die Folge dieses geistigen Prozesses? Spielen die seltsame Dunkle Materie oder die Dunkle Energie womöglich eine Vermittlerrolle zwischen der stofflichen und der nichtstofflichen Welt? Oder beziehen sich alle astronomischen Beobachtungen und mathematischen Schlußfolgerungen ausschließlich und grundsätzlich nur auf materielle Aspekte? Aber wie ließe sich in diesem Fall der Urknall mit dem offenbarten Grundbild verbinden, dass die stoffliche Welt nur ein „Niederschlag“ aus überirdischen Sphären ist?

Wir wissen noch so vieles nicht! Aber wir leben, was neue Erkenntnisse anbelangt, in einer faszinierenden Zeit: Noch nie zuvor war derart problemlos ein weltweiter wissenschaftlicher Austausch möglich. Nie zuvor konnten neue Ideen und Theorien so schnell und unbelastet von konfessionellen Dogmen einen großen Personenkreis erreichen. Aber eine Gefahr droht: dass wir uns in den Spekulationen über die Sternenwelt des Makrokosmos und über die Teilchenwelt des Mikrokosmos verlieren.

Einen Teil ihrer Faszination gewinnen sowohl die Astronomie als auch die Quantenphysik ja gewiss aus der Tatsache, dass sich über alltagsferne Gegebenheiten so wunderbar und ohne Konsequenzen für das eigne Leben spekulieren lässt. Demgegenüber kann ein ganzheitliches Weltbild, das den Willen Gottes berücksichtigen und die Frage nach dem Sinn der Schöpfung beantworten will, durchaus Verhaltensänderungen nötig machen. Dennoch erscheint mir die Flucht in den Atheismus als keine Lösung, die das Leben lebenswerter gestalten könnte. Denn der nächtliche Sternenhimmel berührt unser Inneres nicht durch seine Dimensionen, die wir ohnehin nicht begreifen können und die vielleicht sogar verängstigen. Wichtig ist das Empfinden einer Geborgenheit im Schöpfungsganzen. Und diese Art Begeisterung werden Menschen mit religiöser Gesinnung wohl leichter erfahren können.