Warum wir durch den Tod nicht sterben

Ist mit dem Tod, wie viele behaupten, alles aus? Ist unser Leben in der Stunde des Abscheidens unwiderruflich zu Ende? Oder ist es denkbar, dass wir weiterleben, durch den Tod also nicht sterben? Wer hätte sich solche Fragen noch nicht gestellt! Aber kann man sie endgültig beantworten? Gibt es Beweise für die Existenz eines Jenseits? Oder wird es bei diesem Thema doch immer nur um eine Art von Glauben gehen?

Der Tod ist ein ungeliebtes Thema: Die meisten Menschen unseres Kulturkreises verdrängen jeden Gedanken an das Lebensende und überlassen es den Philosophen oder der Geistlichkeit, sich damit zu beschäftigen. Und doch berührt die Frage, ob und wie es nach dem Tode weitergeht, in Wirklichkeit jeden Einzelnen. Denn immer wieder werden wir ja mit der Unausweichlichkeit des Sterbenmüssens konfrontiert. Immer wenn ein vertrauter Mensch diese Welt verlässt, so drängt sich die Tatsache der Vergänglichkeit alles Irdischen jäh und schmerzvoll ins Bewusstsein.

Wir alle müssen einmal sterben. Was passiert dabei? Geht das Leben tatsächlich in einem Jenseits weiter, wie es Konfessionen und alte Weisheitslehren behaupten? Oder stirbt unser Bewusstsein mit dem Gehirn, weil es nur aus dem Gehirn hervorgegangen ist?

Längst beschäftigen sich mit dem Tod auch Wissenschaftler. Aus dem, was die sogenannte „Thanatologie“ (von griech. thanatos = Tod) in den vergangenen Jahrzehnten durch Studien erforscht und dokumentiert hat, beginnt sich ein Gesamtbild abzuzeichnen.

Nahtoderlebnisse

Für die Sterbeforschung besonders aussagekräftig sind sogenannte Nahtoderlebnisse, das sind Eindrücke, die Menschen kurz vor ihrem Tode hatten. Solche Berichte, die mittlerweile weltweit zu Hunderten gesammelt wurden, kommen zustande, wenn jemand, der bereits als tot galt, aus irgendeinem Grund doch noch einmal ins irdische Leben zurückkehren konnte. Viele solcher Menschen können dann eindrucksvoll von ihren Erlebnissen an der Schwelle zum „Jenseits“ berichten. 

Der amerikanische Arzt und Philosoph Dr. Raymond Moody hat – wie inzwischen auch mehrere andere Forscher – für sein Buch „Leben nach dem Tod“ bereits in den 1970er Jahren die Aussagen Dutzender Patienten unterschiedlichster Herkunft zusammengefasst, die von Nahtoderlebnissen berichten konnten. 

Das Faszinierende dabei war, dass die Schilderungen der Befragten sich in erstaunlicher Weise deckten. Hatte man erwartet, dass die unterschiedliche kulturelle Herkunft der Menschen, deren Bildungsgrad oder Lebensalter auch zu deutlich voneinander abweichenden Erlebnissen führen müsse, so stellte sich überraschend heraus, dass das Erleben aller Befragten ähnlich war. Jeder Mensch durchwandert beim Sterben offensichtlich gleichartige Stationen. 

Typische Erfahrungen während des Pendelns um die Todesschwelle fasst Dr. Moody als „Ausleibigkeitserlebnisse“ zusammen:

„Ein Mensch liegt im Sterben. Während seine körperliche Bedrängnis sich ihrem Höhepunkt nähert, hört er, wie der Arzt ihn für tot erklärt. Mit einemmal nimmt er ein unangenehmes Geräusch wahr, ein durchdringendes Läuten oder Brummen, und zugleich hat er das Gefühl, dass er sich durch einen langen, dunklen Tunnel bewegt. 

Danach befindet er sich plötzlich außerhalb seines Körpers, jedoch in derselben Umgebung wie zuvor. Als ob er ein Beobachter wäre, blickt er nun aus einiger Entfernung auf seinen eigenen Körper. In seinen Gefühlen zutiefst aufgewühlt, wohnt er von diesem seltsamen Beobachtungsposten aus den Wiederbelebungsversuchen bei.

Nach einiger Zeit fängt er sich und beginnt, sich immer mehr an seinen merkwürdigen Zustand zu gewöhnen. Wie er entdeckt, besitzt er noch immer einen „Körper“, der sich jedoch sowohl seiner Beschaffenheit als auch seinen Fähigkeiten nach wesentlich von dem physischen Körper, den er zurückgelassen hat, unterscheidet.“ 

Auch Opfer schwerer Unfälle können das, was mit ihrem Körper geschieht, in einem Zustand der „Ausleibigkeit“ bisweilen von außen beobachten. 

Eine andere oft beschriebene Nahtoderfahrung ist der sogenannte „Lebensfilm“, der vor dem inneren Auge des Sterbenden abläuft: In blitzschneller Folge, so beschreiben es Betroffene, seien ihnen alle wichtigen Stationen ihres irdischen Lebens wieder bewusst geworden, selbst Ereignisse, die weit zurück in der Kindheit lagen. 

Wie sind solche Berichte Sterbender zu deuten?

Selbstverständlich können solche Schilderungen nicht schon als Beweise für ein Weiterleben nach dem Tode gelten. Denn sie beziehen sich letztlich ja immer nur auf die Momente des Sterbens, nicht aber beschreiben sie ein tatsächliches Leben nach dem Leben. Immerhin aber wirken diese übereinstimmenden Todeserlebnisse so lebensnah und nachhaltig, dass sie von seriösen Forschern nicht einfach als „Hirngespinste“ abqualifiziert werden. Und sie bieten gewisse Anhaltspunkte dafür, dass die Erlebnisfähigkeit des Menschen nach dem Tod erhalten bleibt.

Was ist das Leben?

Sich ein richtiges Bild davon zu machen, was nach dem Tode geschieht, setzt voraus, dass wir uns zuerst einmal mit dem Leben beschäftigen. Was ist das Leben? Gehört es zur Materie, zu unserem Körper – oder woher kommt es? 

Aus biologischer Sicht ist zu dieser Frage schlicht und einfach anzumerken: Man weiß es nicht! Natürlich gibt es eine große Zahl an Definitionen und Vermutungen zum Begriff „Leben“ – beispielsweise, was die stofflichen Voraussetzungen dafür sind oder auf welcher Basis es sich entwickelt. Letzlich bleiben diese materiellen Erklärungen doch unbefriedigend. Leben kann nicht künstlich erzeugt werden, sein Wesen bleibt ein großes Geheimnis.

Warum lebt und bewegt sich alles um und in uns überhaupt? Woher kommt die pulsierende Wärme, die „Lebenskraft“, die jeden Menschen durchströmt? Weshalb sind wir er-leben-sfähig?

Wenn es um das Lebendige, um das Wesentliche, Bewusste hinter dem Sichtbaren, Materiellen geht, dann bewegen wir uns auch heute noch auf dem „klassischen“ Terrain von Religion und Spiritualität. Im Prinzip ist das auch in Ordnung. Denn ebenso wie sich die Wissenschaft aus dem Drang des Menschen speist, die Welt wissend zu erleben, so kann das Bedürfnis nach dem Erfassen größerer Zusammenhänge auch zu metaphysischen oder religiösen Ansätzen führen.

Die heute von vielen Menschen so schmerzlich erlebte Kluft zwischen der intellektuellen „Wahrheit“ der Naturwissenschaften und inneren Erlebnissen, die sich einer religiösen „Wahrheit“ verbinden, müsste nicht sein. Viele namhafte Forscher suchten Brücken zwischen diesen vermeintlich unvereinbaren Gegensätzen.

Nobelpreisträger Albert Einstein (1879–1955) beispielsweise, dessen Arbeiten das Weltbild der modernen Physik fundamental veränderten, bekannte sich offen zu Gott und prägte den oft zitierten Satz: „Naturwissenschaft ohne Religion ist lahm!“ Er sagte aber auch: „Religion ohne Naturwissenschaft ist blind!“, weil Glaube ohne logische Sachlichkeit niemals überzeugend, sondern eben nur „blind“ sein kann. Allerdings glaubte Einstein nicht an einen persönlich ins Weltgeschehen eingreifenden Schöpfer.

Gibt es ein Jenseits?

Ob man also einem naturwissenschaftlichen oder einem religiösen Ansatz folgen mag – die vielleicht wichtigste Vorfrage im Hinblick auf ein Weiterleben nach dem Tode ist, ob es ein „Jenseits“ gibt, also eine überirdische, nicht-stoffliche „Ebene“, in welcher bewusstes Leben möglich ist.

Für spirituell oder religiös orientierte Menschen ist die Antwort klar: Schon indem sie eine „höhere Macht“ oder „geistige Kräfte“ anerkennen, bekennen sie sich ja dazu, dass es jenseits des Sichtbaren, mit den fünf Sinnen Erfassbaren, noch etwas gibt! 

Aber auch nüchtern denkende Wissenschaftler nähern sich dem Begriff eines „Jenseits“. So wurden – etwa durch den deutschen Physiker Burkhard Heim – mathematische Theorien entwickelt, die nahelegen, dass es mehr als nur vier Raum-Zeit-Dimensionen gibt. Der österreichische Autor Franz Moser schrieb in seinem Buch „Bewusstsein in Raum und Zeit“ im Hinblick auf Erkenntnisse aus der Quantenphysik, warum es eine Wirklichkeit geben muss, in der unsere Vorstellungen von Zeit und Raum nicht mehr zutreffen. Und er folgert, dass mittlerweile „durch die Wissenschaft die Vorstellungen eines Seins aufleben, wie sie analog in religiöser Sprache mit Diesseits und Jenseits bezeichnet werden!“

Solche Beispiele zeigen, dass die Vorstellung eines „Jenseits“ keineswegs unwissenschaftlich ist. Natürlich werden Denker und Forscher, die sich über das Materielle hinaus wagen, heutzutage häufig als Aussenseiter abgestempelt, und möglicherweise werden sich viele der proklamierten „Jenseits-Theorien“ letztlich als haltlos erweisen. Aber das Bedürfnis, hinter die Kulissen des Sicht-, Mess- und Beweisbaren zu schauen, hat einen guten Grund: Der Materialismus kann das Wesen des Lebens nicht erklären, und auch nicht das Wesen des Bewusstseins und unserer Erlebnis- und Erkenntnisfähigkeit. Liegt also alles das, was uns als Menschen „ausmacht“, wirklich auf einer anderen, „jenseitigen“ Ebene?

Als Brücke zwischen dem religiös-spirituellen und dem wissenschaftlichen Weltbild und als Arbeitshypothese könnte man definieren: Jenseits ist das, was jenseits unserer fünf Sinne liegt. Im Gegensatz zum „Diesseits“ umfasst das „Jenseits“ alles das, was wir auch mit technischen Hilfsmitteln (noch) nicht direkt beobachten oder messen können.

Das Jenseits in uns

Nun drängt sich freilich die Frage auf, was eine solche schwer oder gar nicht wissenschaftlich beweisbare jenseitige Welt denn mit uns zu tun hat.

Ginge man davon aus, dass der Mensch nur der mit den fünf Sinnen fassbare physische Körper ist, eine massereiche Summe aus Haut und Knochen, dann wäre die Existenz oder Nicht-Existenz jenseitiger Gegebenheiten für uns bedeutungslos. 

Jedoch wurzelt auch unser Menschsein nicht so sicher nur im Materiellen.

Vieles spricht dafür, dass unsere innere Natur viel mehr umfasst. Was uns als Menschen auszeichnet, ist in erster Linie ja einfach das, was wir so treffend als „Menschlichkeit“ bezeichnen: Empfindungskraft, unsere Fähigkeit zu Liebe und Gerechtigkeit, unser freier Wille und das dazugehörige Verantwortungsbewusstsein, der menschliche Schönheitssinn oder auch unser Bedürfnis nach Ausdruck, Kunst und Kultur. Alles dies aber hat keine erkennbare physische Beschaffenheit. Diese „Innenaspekte“ des menschlichen Bewusstseins bilden eine wahre Welt für sich. Es gibt, so besehen, ein „Jenseits“ in uns.

Die so vertraute Innenwelt, die Gedankenbilder, Empfindungen und Gemütsregungen, die gesamte persönliche Erlebens- und Bewusstseinsfähigkeit – das alles beschreibt das Menschengeistige. Und dieses ist, ähnlich dem Leben selbst, weder mess- noch wäg- oder beweisbar. Dennoch wird niemand daran zweifeln, dass es Liebe, Schönheit, Anmut oder Treue gibt! 

Solch lebensdurchtränkte Momente können wir zwar bewusst empfinden, aber nicht physisch festhalten oder technisch nachbilden. Auch die fortschrittlichste, reaktionsfreudigste, schnellste und lernfähigste „künstliche Intelligenz“ ist keinem erlebensfähigen menschlichen Bewusstsein vergleichbar.

Klar, materialistisch orientierte Zeitgenossen vernachlässigen den „Innenaspekt“ der „biologischen Maschine Mensch“ ganz einfach – nach dem Motto: Da ist zwar etwas … aber doch nichts Wesentliches. Doch subjektiv ist klar: Was uns als Mensch auszeichnet und was das Leben überhaupt erst lebenswert macht, ist Bewusstsein, ist Erlebnisfähigkeit, ist das „Ich“, jene Instanz, die etwas ihr Untergeordnetes besitzt und deshalb sagen kann: „Mein Körper!“

Dieses „Ich“, mit dem wir uns selbst definieren, reift durch Lebenserfahrungen, aber es bleibt unberührt von den Veränderungen des Körpers. Es altert nicht mit diesem. Es führt ein unabhängiges Eigenleben.

Ist es also denkbar, dass dieses Ich, wie es Nahtoderfahrungen vermuten lassen, als unabhängiger Geist tatsächlich nach dem Tode weiterlebt?

Die Seele des Menschen

Die Existenz der bewussten Innenwelt des Menschen lässt sich jedenfalls zwanglos mit der traditionellen Vorstellung einer nichtkörperlichen Seele vereinen. Diese könnte man als den Sitz des erlebnisfähigen „Ichs“, des geistigen Bewusstseins definieren. Dieses „Ich“ in Gestalt der Seele würde sich demnach dem Erdenkörper nur anschließen und diese „Hülle“ beim Tod wieder ablegen. Daraus folgt, kurz gesagt: Wir sterben durch den Tod deshalb nicht, weil wir nicht der Körper sind! 

Gibt es Beweise für die Existenz einer jenseitigen Welt? Vielleicht sind mediale Kontakte, mathematische Theorien oder blinder religiöser Glaube gar nicht nötig. Vielleicht ist die Existenz unserer eigenen Innenwelt der unmittelbarste, jederzeit erlebbare Beweis für die Existenz einer jenseitigen Wirklichkeit.

Ein einfaches Bild, geradezu naiv im Vergleich zu den komplizierten philosophischen Gedanken, die bisweilen zu diesem Thema geäußert werden.

Aber manchmal ist die Wahrheit einfach.