Echtes Leid durch falsche Propheten

Sekte! Ein Angst-Begriff. Bestärkt durch Bilder tragischer Massenselbstmorde aus religiösem Wahn oder durch vage Vorstellungen von „Gehirnwäschen“ wird unsere Gesellschaft von einer unbestimmten Furcht vor Vereinigungen beherrscht, die den gängigen Klischees von Religiosität nicht entsprechen. Zu Recht?

Der Boden ist gut aufbereitet für Propheten, Gurus und Meister aller Art: Eine „Wahrheit“ oder „Weisheitslehre“, die von allen akzeptiert wird, gibt es nicht, Religion und Wissenschaft gehen längst getrennte Wege, traditionelle Kirchen erstarren in Überlieferung und Dogmatismus, und die etablierten Wissenschaften agieren oft ebenso unberührt von zentralen menschlichen Lebensfragen. Wohin also wendet sich der Sinn suchende Mensch des 21. Jahrhunderts? In vielen Fällen hat heute der Psychotherapeut seelsorgerische Tätigkeiten übernommen – aber auch er kann religiöse Bedürfnisse nur bedingt stillen. Die letzten großen Lebensfragen bleiben ausgespart.

Der Boden ist gut aufbereitet für Propheten, Gurus und Meister aller Art: Nichts scheint in unserer Gesellschaft weniger wichtig zu sein als die Suche nach dem Sinn des Lebens oder die Frage nach dem Willen Gottes. Der Schöpfer – passt der Gedanke an Ihn überhaupt noch in die „aufgeklärte Wirklichkeit“ der heutigen Zeit? Ist die Bewältigung der eigenen Lebensprobleme nicht viel wichtiger als die gedankliche Ausrichtung auf irgendeine höhere Macht? Ist die Entdeckung eigener Fähigkeiten und spiritueller Möglichkeiten nicht weitaus faszinierender als ein einfaches, empfindungsgetragenes Gebet? Und ist es nicht unternehmenswert, forschend in neue, geheimnisvolle „geistige Welten“ einzudringen?

Der Boden ist gut aufbereitet für Propheten, Gurus und Meister aller Art: Wo die Menschlichkeit zerbröckelt, familiärer Halt, Geborgenheit und Anerkennung fehlen, dort sind Menschen besonders zugänglich für neue, auch ungewöhnliche Bindungen. Je unüberschaubarer die Welt wird, desto gefragter sind einfache Rezepte. Wenn Zukunftsängste steigen, werden „sichere Erlösungstheorien“ kostbar. Und je deutlicher sich die Grenzen und Schatten des Materialismus offenbaren, um so eher haben revolutionäre Lebenskonzepte Hochsaison...

Nicht zuletzt ist der Boden für Propheten, Gurus und Meister aller Art auch deshalb gut aufbereitet, weil Anschauungen, die jenseits des wissenschaftlich Beweisbaren ansetzen, kaum beurteilt werden können: Es lässt sich trefflich über die „Göttlichkeit im Menschen“ spekulieren, über „Astralwelten“ und „geistige Wege“, weil diese Angelegenheiten durchwegs nicht beweisbar, diesbezügliche Aussagen daher nur schwer zu entkräften sind. Und so wuchert ein Wildwuchs religiöser oder spiritueller Wegweisungen, über dessen Wert oder Unwert nur aus einer umfassenden Gesamtschau geurteilt werden könnte.

Weil ein solches Gesamtbild aber nicht verfügbar ist und sich daher jede Auseinandersetzung mit einer Lehre entsprechend mühevoll gestaltet, wird Erkenntniswegen, die aus der Norm fallen, durchwegs ohne den nötigen Mut zu einer sachlichen Diskussion begegnet. Und so tappen die einen in die Sektenfalle, während die anderen hilf- und verständnislos daneben stehen.

Die Abspaltung von einer Hauptreligion

Der Begriff „Sekte“ bedeutete ursprünglich (nach lat.: saecare = abschneiden, teilen) „Abspaltung“ von einer Hauptreligion. Heute wird er umgangssprachlich als Sammelbegriff für religiöse oder pseudo-religiöse Gruppen, Psychokulte oder Guru-Bewegungen verwendet, die nicht zu den staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften eines Landes gehören. Dabei wird der Begriff vor allem für geschlossene, bisweilen fanatische Gemeinschaften verwendet, die meist in (finanzieller oder weltanschaulicher) Abhängigkeit von einer idealisierten Führungsfigur („Meister“, „Prophet“, „Guru“) stehen.

Innerhalb der Sekten oder „Weltanschauungsgruppen“ unterscheidet man Gruppen mit und ohne christlichen Bezug (wobei es auch innerhalb der katholischen Kirche Sekten mit fragwürdigen Zielen gibt), Neuoffenbarungsbewegungen (hier gibt ein Medium an, direkt mit „Gott“ oder „Jesus Christus“ in Verbindung zu stehen), Psychogruppen (sie bieten eine Veränderung des Lebens durch besondere Trainings an) und Guru-Bewegungen (hier steht – wie in der Tradition des Hinduismus – ein „Meister“ oder „Guru“ im Vordergrund).

Wege in die Abhängigkeit

Natürlich haben die verbreiteten Sektenängste eine gewisse Berechtigung: Wenn man sich die Massenselbstmorde der letzten Jahrzehnte vor Augen führt, die in den USA, in Kanada oder auch in der Schweiz Schlagzeilen machten, wird klar, wie weit religiöser Wahn führen kann. Auch das Giftgasattentat, das Anhänger der „Aum-Sekte“ 1995 in Tokio verübten, verdeutlicht, warum solche Gruppierungen als gesellschaftliche Bedrohung angesehen werden müssen. Den zunehmenden Glaubens-Fanatismus, der in den letzten Jahren weltweit zu Terroranschlägen geführt hat, lassen wir für diese Betrachtungen beiseite, weil dabei in viel stärkerem Maß politische und soziale Faktoren mit eine Rolle spielen.

In welchen Katastrophen auch immer sich die Auswirkungen fanatischer Gläubigkeit zeigen – es ist nur die Spitze eines Eisbergs. Die meisten Dramen werden nicht öffentlich, sie ereignen sich im Kreis von Familien, Freunden oder Bekannten, wo letztlich oft nur die Hilflosigkeit bleibt, wenn jemand sich seinem Umfeld plötzlich entfremdet, weil er einer seltsamen Lehre folgt.

Die verbreiteten Sektenängste haben wohl auch deshalb ihre Berechtigung, weil die Wege in die Abhängigkeit oft sehr geschickt gebaut sind und durchaus einladend wirken: Draußen ist die böse Welt, in der Gruppe aber blüht das Reich der Liebe. Zudem wird meist mit Aspekten der Selbstverwirklichung (etwa in den sogenannten „Psychogruppen“) oder auch mit „neuem Offenbarungswissen“ (in sogenannten „Neuoffenbarungsbewegungen“) gelockt. Wer erkennt schon, dass dabei subtil seine eigene Eitelkeit angesprochen wird, das Bedürfnis, anderen durch außergewöhnliches Wissen überlegen zu sein?

Und so sprechen Sekten nicht nur leichtgläubige, labile Jugendliche an, sondern auch alle Erwachsenen bis hin zum den Top-Manager. Die Wünsche und Bedürfnisse sind ja bei den meisten Menschen ähnlich.

Die Wege in die Abhängigkeit setzen aber freilich nicht nur entsprechende werbliche Aktivitäten der Sekten voraus, sondern auch eine Empfangsbereitschaft von der „Opferseite“: Im Grunde trifft jedes Heilsversprechen ein ungedecktes Heilsbedürfnis, und es sind stets die wohltuend-bequemen Wege, die am besten ankommen. Dem einen mag es darum gehen, eine seelische Krise zu überwinden, der andere will vielleicht einfach auszubrech, anders sein, anders denken, anders handeln, frei sein. Und wieder andere suchen in der „Heilslehre“ schlechthin den persönlichen Vorteil – da mag es darum gehen, erfolgreicher zu sein, hemmungsloser zu leben oder endlich seine eigene „Göttlichkeit“ zu pflegen.

Weil die Sinnkrise der heutigen Zeit vermehrt Sinnbedarf weckt, weil die Gottlosigkeit unserer Gesellschaft nach neuen „Göttern“ ruft und weil die Orientierungsarmut so manchen „Propheten eines neuen Zeitalters“ einlädt, wird der Einfluss von Sekten auf unsere Gesellschaft wohl weiter steigen.

Wer sich in einer Glaubensgemeinschaft einmal verwurzelt hat, dem wird es kaum gelingen, den Weg, um den er zuvor „mit Haut und Haaren“ gekämpft hat – gegen seine Umwelt, gegen alle, die es besser wussten – wieder zu verlassen.

Wo Vorsicht walten sollte

Natürlich gibt es auch Menschen, die gar keine neue spirituelle Heimat suchen, vielleicht nicht einmal eine konkrete Hilfe, sondern die sich von einer Lehre einfach Antworten auf zentrale Lebensfragen erhoffen, Lösungen für ihre Sinnsuche, die sie bisher nicht finden konnten. Solche ernsthafteren „Sucher“, meist idealistische und reflektiert lebende Menschen, haben es natürlich leichter, unvoreingenommen den einen oder anderen spirituellen Weg zu prüfen. 

Wege, die womöglich in eine Sekten-Abhängigkeit führen, lassen sich oft anhand konkreter Merkmale erkennen. Die folgende (alphabetische) Auflistung von Fragen und Leitlinien hat angesichts der gegebenen Vielfalt an Lehren nur grundsätzlichen Charakter und erhebt natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

• Aussteigertum: Fordert die Lehre generell ein Abkapseln von Familie, Freunden, Bekannten? Fest steht: Das „Aussteigen“ löst keine Probleme, ändert nichts nachhaltig, sondern ist meist nur eine Flucht. Wer seine Persönlichkeit weiter entwickeln will, sollte dazu die Möglichkeiten seines beruflichen und privaten Umfeldes nutzen, die vielfältigen Bildungsangebote unserer Gesellschaft – und nicht eine „Weltanschuungs-Insel“, die ihn zum Außenseiter macht und dem Alltag entfremdet.

• Blindgläubigkeit:
 Was wird zu glauben verlangt? Soll man unprüfbare Aussagen „blind“ glauben? Am leichtesten ist es ja, Unglaubliches zu glauben, weil man dabei nicht selbst zu denken braucht. Eine nutzbringende Lehre sollte hingegen das eigene Denken nicht nur erlauben, sondern es auch fördern. Sie wird ihre Attraktivität nicht aus dem Verkünden von Wundern, Weltuntergängen oder Verschwörungstheorien beziehen, sondern durch ihre Weisheit und Lebensnähe überzeugen.

• Finanzielle Interessen: Wenn bei einer Lehre finanzielle Angelegenheiten im Spiel sind (Spendenverpflichtungen, teure Kurse oder Seminare etc.), ist natürlich Vorsicht geboten. Fest steht: Persönlichkeitsentwicklung lässt sich nicht mit Kursfolgen verknüpfen; eine Lehre sollte nur Anregungen geben, Erkenntnisse brauchen das eigene Erleben.

• Gottes- und Menschenbild: Wie verträgt sich die Lehre mit dem einfachen, natürlichen Empfinden? Steht sie dem „gesunden Hausverstand“ (eine gute Leitlinie!) entgegen? Dem allgemeinen Erkenntnisstand? Welches Gottes- und Menschenbild vertritt sie? Arbeitet sie mit Pauschal-Verurteilungen? Wenn sich die eigene Entwicklung auf Kosten der Mitmenschen vollziehen soll, ist natürlich besondere Vorsicht geboten! 

• Gruppendenken: Eine Lehre, die Freiheit und Persönlichkeitsentwicklung verspricht, kann nicht gleichzeitig vereinnahmen. Sie wird daher nicht auf Gruppenerlebnisse abzielen, sondern sich schlicht und einfach an den Einzelmenschen richten. Werden Grenzen zwischen der Innenwelt der Gemeinschaft und der übrigen Außenwelt aufgebaut oder wird eine streng normierte Lebenspraxis gefordert (z.B. betreffend Bekleidung, Ernährung, Literatur, Umgangsformen), dann ist besondere Vorsicht geboten.

• „Guru“-Denken: In einer sinnvollen Lehre sollte es um Inhalte, nicht um Personen gehen. Gold bleibt Gold, gleichgültig, wer es in seinen Händen hält. Sobald in irgendeiner Form ein verehrungs- oder gar anbetungswürdiger „Guru“, „Meister“, „Vater“ oder „Prophet“ im Vordergrund steht, kann es problematisch werden: Personenkult ist ein bewährter Weg in die (nach außen hin vielleicht gar nicht bemerkbare) Abhängigkeit.

• Internes Vokabular: Benutzt die Lehre ein Fachvokabular, das „Außenstehenden“ nicht so ohne weiteres begreifbar ist? Damit wird natürlich ein „Innen-Außen-Denken“ gefördert, ein gewisses „Elitebewusstsein“, das Grenzen zu den Mitmenschen aufbaut und im gleichen Maß abhängig von der Gruppe macht.

• Jenseitsorientierung: Welchen Stellenwert hat in der Lehre das „Jenseits“? Gehört es nur zum Weltbild oder verspricht es die Erlösung? Jede Jenseitsorientierung scheint fragwürdig, wenn sie den Bezug zur erlebbaren Wirklichkeit untergräbt und „weltfremd“ macht.

Die Wege zum Wahn

Wie wird es möglich, dass blitzgescheite Internet-Bastler einander plötzlich einen tödlichen Gift-Cocktail verabreichen – so geschehen im März 1997 in den USA? Zeitungsberichten zufolge glaubten die Mitglieder von „Heaven's Gate“ daran, von UFOs abgeholt und von der Erde gerettet zu werden. Was passierte im Kopf der  „Sonnentempler“, die gemeinsam in den Freitod gingen? Wie entwickelt sich religiöser Wahn?

Gemeinhin wird von „Gehirnwäsche“ gesprochen – aber damit ist kein gewaltsamer Eingriff gemeint, sondern eine subtile Form der Beeinflussung. Am Anfang wird das bisherige gesellschaftliche oder weltanschauliche Bezugssystem eines Menschen in Frage gestellt und erschüttert, in der Fachliteratur spricht man vom „Aufbrechen“. Dann folgt die gezielte „Veränderung“: Neue Denk- und Verhaltensweisen werden suggestiv herbeigeführt. So können Menschen in relativ kurzer Zeit eine neue „Identität“ aufbauen, die ihren Platz in der Gruppe findet. Diese Neuorientierung wird dann durch bestimmte Methoden „fixiert“: Das Mitglied soll seine neuen Überzeugungen und Werte schließlich so verinnerlichen, dass es unerschütterlich für sie wirbt.

Eine solche Psychomanipulation (die übrigens strafrechtlich nur schwer zu ahnden ist) kann den Menschen letztlich auch von der Sinnhaftigkeit von Mord oder Selbstmord überzeugen. Wobei die Motivation dafür gar nicht im Streben nach Geld oder Macht liegen muss. So mancher „Meister“ oder „Prophet“ wird von seiner Lehre selbst zutiefst überzeugt sein. Wenn es um „jenseitige Realitäten“ geht, spielen dabei meist zwei Faktoren eine Rolle: 

• Überschätzung der eigenen Wichtigkeit: Es ist nicht weiter ungewöhnlich, dass Menschen mitunter Erfahrungen machen, die über das Alltägliche hinaus reichen oder dass sie auf intuitive Art Erkenntnisse gewinnen, die anderen verschlossen sind. Paart sich mit einer solchen Fähigkeit ein entsprechendes Geltungsbedürfnis oder Charisma, so wird es wohl nicht lange dauern, bis sich ergebene Anhänger einfinden. Und schon dreht sich die Spirale: Der Angehimmelte schafft sich tatsächlich seine eigene „Himmels-Position“ – und fühlt sich durch seine „Schüler“ immer wieder in seiner ungewöhnlichen, übermenschlichen Bedeutung bestätigt.

• Überschätzung des eigenen Wissens: Mit der Überschätzung der eigenen Wichtigkeit einher geht oft auch eine Überschätzung des eigenen Wissens: Da mag es zwar „spirituelle Kontakte zu Jesus“ geben (sofern der „Meister“ nicht selbst glaubt, eine Reinkarnation Christi zu sein) oder die Überzeugung, Göttliches in sich zu tragen (was den Menschen zwar nicht fähiger, aber oft eingebildeter macht) – aber welchen Wahrheitsgehalt hat ein „Wissen“, das sich weder einer Überprüfung durch das Experiment stellt, noch einer philosophischen Diskussion? 

Wer von seiner eigenen Größe überzeugt ist und seine „Erkenntnisse“ nicht mehr in Frage stellen muss, weil es nirgendwo mehr kritische Menschen als Korrekturinstanzen gibt, wer keinen Grund mehr hat, jemals an sich selbst zu zweifeln, verliert womöglich eine Fähigkeit, die schon Schulkinder recht gut beherrschen: nämlich zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden. Und so können eigene kleine Hirngespinste nach und nach den Stellenwert von Wahrheit erhalten – weil sie auch noch geglaubt werden.

Das wirksamste Mittel gegen die Beeinflussung durch Sekten ist natürlich gute Bildung, die die Welt- und Selbsterkenntnis fördert. Aber das Bildungsangebot müsste auch dem menschlichen Bedürfnis gerecht werden, das eigene Dasein und Bewusstsein in einem größeren Sinnzusammenhang zu sehen. Religionen und Wissenschaften müssten dogmatische Scheuklappen ablegen und nicht nur wieder zusammen-, sondern vielleicht auch näher hin zum Menschen rücken.

Ein sektiererischer Gedanke?


Literatur:
Jobanna Romberg, Im Bann der Seelenfänger, GEO 7/1995, Verlag Gruner & Jahr, Hamburg 
Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie, Österreich, Sekten-Wissen schützt!, Wien 1997 
Heinz Friedrich/Daniel Schafzabl, Sekten-Okkultismus-Satanismus, Polizei aktiv, Graz 1998 
Thomas M. Hofer/Thomas Vasek, Sekkiert die Sekten, profil Mai 1998, trend-profil-Verlag, Wien