Ist das Schicksal gerecht?

Ein Blick auf die unterschiedlichen und widersprüchlichen Gedanken, wie sie Religion, Philosophie und Naturwissenschaft zum Thema „Schicksal“ bieten, zeigt, dass es höchst umstritten ist, ob geheimnisvolle, unsichtbaren Zusammenhänge unser Leben auf Erden bestimmen oder doch nur der „blinde Zufall“ regiert. Viele möchten zwar gerne daran glauben, dass es eine höhere Gerechtigkeit gibt – aber der Alltag scheint dagegen zu sprechen: Die unterschiedliche Ausgangslage der Menschen schon zum Zeitpunkt der Geburt; Schicksalsschläge, die auch sichtbar gute Menschen in Not und Leid stürzen; oder Aussagen von Forschern, die vermuten, dass der Mensch keinen freien Willen hat und also in jeder Beziehung abhängig ist … Wie also könnte man die Überzeugung vertreten, dass das Schicksal gerecht ist?

Gerechtigkeit: Gleiches für alle?

Oft besteht die Auffassung, das Leben sei nur dann „gerecht“, wenn jeder Mensch gleich behandelt wird, also die gleichen Möglichkeiten und Gelegenheiten erhält. Wenn ich ein Tortenstück unter zwei Personen aufteilen möchte, so erscheint es gerecht, es in zwei gleiche Teile zu schneiden, also gut darauf zu achten, dass es keine „größere Hälfte“ gibt.

Aber zeigt sich „Gerechtigkeit“ wirklich stets in der Gleichbehandlung? Nehmen wir an, einer der beiden Menschen sei zuckerkrank und dürfte von dem Tortenstück nur wenig kosten, um seine Gesundheit nicht zu gefährden. Wäre es im Hinblick darauf immer noch richtig, ihm ein gleich großes Stück zu geben wie dem Nicht-Zuckerkranken? Natürlich nicht.

Dieses Beispiel zeigt, dass Gerechtigkeit – unabhängig von der für eine Gesellschaft relevanten Verteilungsgerechtigkeit – auch etwas mit „recht machen“, „richtig machen“ zu tun haben kann. Gerecht in diesem Sinne ist, was dem einzelnen Menschen gerecht wird, was zu ihm passt, was genau auf ihn und seine Lebenssituation abgestimmt ist.

Nehmen wir nun einmal – als Gedankenexperiment – an, das Schicksal sei so etwas wie eine gute Fee, die jeden Menschen fördern will. Dann müsste diese Fee, um jedem Einzelnen gerecht zu werden, tatsächlich höchst unterschiedliche Schicksale bewirken. Man könnte sogar annehmen, dass sie unliebsame „Schicksalsschläge“ als Mittel zum Zweck benützt. Denn leidvolle Erfahrungen mögen zwar unerwünscht sein, der Persönlichkeitsbildung können sie bekanntlich trotzdem dienen.

Die Menschen erleben demnach Unterschiedliches, weil es sich um Individuen mit eigenen Vorlieben und Neigungen, Fähigkeiten und Eigenschaften, Stärken und Schwächen handelt. Nur wenn alle gleich wären, müsste sich ein gerechtes Schicksal darin zeigen, dass es für jeden ein exakt gleich großes Stück vom „Kuchen des Lebens“ gibt.

Die eigentliche Frage lautet also: Gibt es eine solche „Schicksals-Fee“? Oder anders ausgedrückt: Gibt es verborgene, rational nicht fassbare Zusammenhänge, die durch ein Wechselbad von Freude und Leid unsere innere Entwicklung fördern?

Regiert uns der Zufall?

Wissenschaftlich kann diese Frage nicht beantwortet werden. Der Blick auf das, was beobachtet, gemessen und experimentell nachgeprüft werden kann, hat zu unserem modernen Weltbild geführt, demzufolge einerseits die Naturgesetze jegliches Geschehen bestimmen, andererseits aber auch der Zufall eine gewichtige Rolle spielt – als nicht kalkulierbare Einflussgröße für die Entstehung und Entwicklung des Lebens. Er erklärt beispielsweise die Mutationen, also genetischen Veränderungen im Laufe der Entwicklung des Lebens auf der Erde, und er muss im allgemeinen Sprachgebrauch auch herhalten, wenn es um die Beschreibung von Schicksalsschlägen geht.

Ob allerdings „neben“ oder „über“ der physischen Welt noch andere „Seinsebenen“, „Felder“ – oder wie immer man das Überirdische bezeichnen will – bestehen, die irgendwie in die sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit hinein wirken, diese Frage muss die Wissenschaft seriöserweise offen lassen. Denn ausgeschlossen könnte eine solche Möglichkeit wohl nur dann werden, wenn die wichtigsten Phänomene des Lebens – wie die Formenbildung und das Bewusstsein – rein materialistisch-reduktionistisch erklärt werden können. Davon kann derzeit keine Rede sein.

Fest steht indes, dass Sinn und Ziel für unser geistiges Bewusstsein maßgebliche, ja, lebensbestimmende Faktoren sind. Insofern sollte die philosophische „Arbeitshypothese“ erlaubt sein, dass hinter dem Zufall, der das Leben zu regieren scheint, mehr steckt als nur ein von keinerlei Gesetzmäßigkeit geführter Zu-sammen-fall von Ereignissen.

Nehmen wir einmal an, der sogenannte Zufall wäre Ausdruck eines nicht näher zu beschreibenden „höheren Willens“ oder einer „höheren Ordnung“, der oder die solcherart leitend und führend in die Welt hinein wirkt, die Entwicklung des Lebens von Anfang an voran getrieben hat und auch die von uns als schicksalhaft erlebten „Zufalls-Ereignisse“ steuert. 

Es gibt interessante Beobachtungen, die für diese Annahme sprechen. Beispielsweise ist aus demographischen Beobachtungen bekannt, dass es überall auf der Welt zu etwa gleich vielen Knaben- wie Mädchengeburten kommt. Natürlich erscheint das von der Natur im Sinne der menschlichen Fortpflanzung sehr weise eingerichtet. Aber warum kann es dieses konstante Verhältnis überhaupt geben? Betrachtet man die einzelne Geburt, so scheint sich die Frage, ob Junge oder Mädchen, „rein zufällig“ auf Grund genetischer Möglichkeiten zu entscheiden. Doch im Gesamten besehen ist unbestreitbar, dass dieser Zufall einer „höheren Ordnung“ folgt. In den Jahren nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der Knabengeburten übrigens wie von selbst an, wodurch die ungewöhnlich großen Verluste, die der männliche Bevölkerungsanteil durch die gefallenen Soldaten erlitten hatte, ausgeglichen wurden. 

Gibt es einen freien Willen?

Wenn also einerseits Naturgesetze für unsere menschliche Entwicklung verantwortlich sind und andererseits ein „höherer Wille“ oder eine „höhere Ordnung“ über den sogenannten Zufall unser Leben mitbestimmt – bedeutet dies nun, dass der Menschen ein durch und durch abhängiges Geschöpfe ist? Oder gibt es trotzdem einen Spielraum für den freien Willen des Individuums?

Der Begriff „Individuum“, der jeden Menschen als etwas Einzigartiges ausweist, deutet eigentlich schon darauf hin, dass in der Gestaltung des Lebens noch eine zusätzlich Einflussgröße wirkt, die die Unterschiedlichkeit begründet: der persönliche Willen. Zwar erleben wir Menschen uns in vieler Hinsicht als „gebundene Wesen“, wir sind abhängig von Trieben, Gewohnheiten, Lebensumständen etc.; gleichzeitig aber ist uns die Möglichkeit vertraut, frei entscheiden zu können. Der freie Wille und die damit verbundene Verantwortung erleben wir als untrennbar zum Menschsein gehörig. Die Wurzel unserer Individualität liegt darin.

Wir könnten aus dieser Sicht also drei Einflussgrößen für das Schicksal definieren: die Naturgesetze; eine „höhere Ordnung“, die sinnorientiert über den Zufall wirkt, und den eigenen freien Willen – wobei keine dieser Größen die anderen ausschließt.

In einer rein mechanisch funktionierenden Welt würden diese Einflussgrößen einander natürlich als unvereinbar gegenüberstehen. Wenn alles von Naturgesetzen bestimmt wird, hat ein freier Wille keinen Platz … Aber die Welt ist kein „Räderwerk“; sie unterliegt ganz offensichtlich kreativen, sinn- und bewusstseinsgestaltenden Prozessen, die schwer in Formeln und Beschreibungen zu pressen sind, und sie ist auch kein „Ding“ an sich, das jeder „objektiv“ von außen betrachten kann. Die Welt entsteht für jeden Menschen in seinem Erleben.

Denkbar ist, dass die Naturgesetze einen „Zeit-Raum“ oder Spielraum für die Willensentschlüsse jedes Einzelnen bilden – und gleichzeitig bewirken, dass jede Entscheidung qualitativ mit dem Urheber verbunden bleibt. In diesem Sinn hätte der Volksmund Recht mit seiner Weisheit, dass jeder ernten muss, was er sät. Das „Schicksal“ oder „Karma“ wäre dann das, was dem Einzelnen vor dem Hintergrund seiner eigenen Entschlüsse, also seiner Vergangenheit, aber auch im Hinblick auf anstehende Lern- und Erfahrungsnotwendigkeiten gerecht wird.

Freilich: Um das menschliche Schicksal – beispielsweise im Hinblick auf die krassen Unterschiede schon bei den Geburten – als „gerecht“ betrachten zu können, reichen die bisherigen Überlegungen nicht aus. Saat und Ernte – Ursache und Wirkung, gut und schön, aber im bescheidenen Rahmen eines Menschenlebens ist kaum etwas von einer „höheren Gerechtigkeit“ zu bemerken. Viele Menschen ernten offenbar nicht, was sie an Leid gesät haben – und anderen fallen die Dinge vermeintlich unverdient in den Schoß …

Leben wir mehrmals auf Erden?

Hier führt ein Gedanke weiter, der in unserem Kulturkreis zwar eher ungewohnt erscheinen mag, aber vor allem in der östlichen Welt eine reiche Tradition hat: Reinkarnation. Die Überzeugung, dass wir nicht nur einmal, sondern öfter als Mensch auf Erden leben, erweitert den Bezugsrahmen für „Saat und Ernte“ radikal. Demnach umfasst jede menschliche Persönlichkeit (die übrigens tatsächlich schon im frühen Kindesalter festgestellt werden kann) mit ihren individuellen Stärken, Schwächen, Vorlieben, Neigungen und Fähigkeiten sozusagen die Essenz aus ihren bisherigen Erdenleben. Die innere Eigenart der Seele entspricht dabei dem Körper und der gesellschaftlichen Situation, in den beziehungsweise in die sie inkarniert.

Sicher: Mit den Augen der heutigen Naturwissenschaften betrachtet, hat es das Konzept der Schicksalsgerechtigkeit schwer. Aber es gibt viele gute Gründe, die alten spirituellen Idee, dass unser Leben von verborgenen Zielsetzungen bestimmt wird, weiter zu pflegen. Sie spendet Zuversicht, wirkt sinnstiftend und regt vor allem dazu an, ein besserer, verantwortungsvoller Mensch zu werden.