Inkarnation und Reinkarnation

Auch in unserem christlichen Kulturkreis gibt es viele Menschen, die an die Reinkarnation glauben, also daran, dass wir öfter als nur einmal auf Erden leben. In den fernöstlichen Religionen geht man davon ohnehin aus, und geschichtlich findet man den Glauben an mehrfache Leben schon in der Antike. Aber welche Argumente sprechen dafür, dass es die Wiederverkörperung wirklich gibt? Spannt sich unser irdisches Dasein tatsächlich über Jahrhunderte und Jahrtausende – obwohl wir nichts davon wissen?

Die Menschwerdung – eine rein materielle Angelegenheit?

Den Gedanken der Reinkarnation bejahen zu können, setzt zunächst einmal voraus, den Begriff der Inkarnation zu akzeptieren, also davon auszugehen, dass etwas „in das Fleisch eintritt“, dass also eine nichtstoffliche „Seele“ den irdischen Körper belebt. Diese Vorstellung ist heute nicht mehr allgemein akzeptiert, denn die Menschwerdung wird zunehmend als eine rein materielle Angelegenheit betrachtet. Das menschliche Dasein geht demnach zurück auf die Zeugung, das menschliche Bewusstsein gründet sich in der Tätigkeit des Gehirns; der Tod beendet des Lebens, weil außer dem Körper nichts lebt.

Diese Sicht der Dinge, wie sie vor allem von naturalistisch orientierten Naturwissenschaftlern gelehrt wird, lässt wenig Spielraum für Immaterielles. Dem Glauben an eine Seele, an deren Entkörperung im Tod und an die spätere Wiederverkörperung wird kein Wahrheitsgehalt beigemessen. Die Vorstellung einer Seele wird allenfalls als Glaubenskrücke akzeptiert, die dem Menschen hilft, das unerträgliche Wissen um die Begrenztheit seines Daseins besser zu bewältigen.

Aber geht es bei dem Thema „Inkarnation und Reinkarnation“ wirklich nur um eine psychologische Stütze, um einen letztlich haltlosen Glauben?

Betrachtet man die heutige materialistische Sicht kritisch, so zeigt sich jedenfalls, dass sie unterm Strich kein abgerundetes, schlüssiges Weltbild bieten kann. Denn zu viele Kernfragen unseres Menschseins – Was ist Leben? Woher kommt Bewusstsein? Worin liegt der Sinn von allem? – bleiben unbeantwortet. Leben und Bewusstsein können, allen Machbarkeitsphantasien zum Trotz, nicht künstlich erschaffen, nicht einmal restlos befriedigend beschrieben werden.

Wir wissen nichts über das Wesen unserer Erlebnisfähigkeit, also jener geheimnisvollen Innenwelt, die das Leben für uns überhaupt erst lebenswert macht. Wir rätseln über den Sinn des Werdens und Vergehens, können nicht erfassen, weshalb Menschen dieses Bedürfnis, einen Sinn zu finden, in sich tragen.

Abgesehen davon bietet ein auf den Körper beschränktes Menschenbild auch keine plausiblen Erklärungen für Phänomene wie zum Beispiel die dokumentierten Ausleibigkeitserfahrungen, die sterbende Menschen machen, wenn sie ihren Körper verlassen; es begnügt sich im Wesentlich damit, solche Berichte anzuzweifeln.

Demgegenüber stößt man mit der Annahme einer nichtstofflichen Seele auf weniger Hürden. Wird eine Seele als „belebendes Element“ für den Körper angenommen, dann wäre beispielsweise von vornherein klar, dass es unmöglich ist, Leben technisch zu erzeugen. Es würde auch nicht weiter verwundern, dass Menschen, die sich in Todesnähe befunden haben, berichten können, während dieser Zeit voll bewusst über ihrem Körper geschwebt zu sein.

Wenn Bewusstsein und Erlebnisfähigkeit nichtmaterielle Eigenschaften sind, dann wäre auch nicht zu erwarten, dass es jemals gelingt, diese „Qualia“ des Menschseins technisch nachzubilden.

Das Bedürfnis nach Sinn, das Streben nach Kunst, Kultur, Liebe und Gerechtigkeit, die Werteorientierung, alles typisch Menschliche lässt sich als Ausdruck einer geistig-seelischen Beschaffenheit begreifen, die über körperliche Gehirnfunktionen hinausgeht … sofern ein indealistisches Menschenbild zugrunde gelegt wird. Und dagegen spricht – abgesehen vom Zeitgeist des 21. Jahrhunders – nichts.

Der eigentliche Mensch, der bewusste, lebendige, erlebnisfähige Wesenskern, entsteht demnach nicht aus und mit dem Körper, sondern er schließt sich diesem nur an. Mit anderen Worten: Er inkarniert.

Diese umfassendere, nicht auf körperliche Gegebenheiten beschränkte Sicht hat es heute deshalb so schwer, allgemein akzeptiert zu werden, weil sie nicht objektiv beweisbar ist. Es gibt ja naturgemäß keine Möglichkeit, mit materiellen Hilfsmitteln etwas Nichtmaterielles zu erfassen.

Doch man muss wissenschaftliche Kriterien nicht gedankenlos allem zugrunde legen. Nichts von dem, was für den Menschen wirklich wertvoll ist – die Tiefe eines Erlebnisses, ein Moment des Erkennens, die Empfindung eines Augenblicks –, lässt sich objektiv beweisen. Der subjektiv erlebbare „Beweis“ genügt vollkommen. Und zu diesen erlebten Selbstverständlichkeiten gehört das Bewusstsein, einen Körper zu haben, nicht aber selbst dieser Körper zu sein. „Mein Knie tut mir weh! Mein Kopf schmerzt! Mein Körper macht schlapp!“ Die Sprache bringt sehr klar das erlebte Besitzverhältnis zwischen Seele und Körper zum Ausdruck.

Schafft der Schöpfer jedem Leib die Seele hinzu?

Wer davon ausgeht, dass der menschliche Körper von einer immateriellen Seele belebt wird, die der Sitz des Bewusstseins ist und die den physischen Leib nach dem Sterbeprozess unbelebt zurücklässt, steht natürlich irgendwann vor der Frage, woher die menschliche Seele kommt, wann und wie sie sich dem Körper anschließt.

Solche Fragen liegen zwar weitab der heutigen Naturwissenschaft, immerhin aber versucht die Theologie, Antworten zu bieten: Im christlichen Glauben verbreitet ist die Ansicht, der Schöpfer selbst würde die menschliche Seele dem Leib hinzuschaffen. Demnach komme bei jeder Geburt eine neue Menschenseele auf die Welt, die jedoch nach Beendigung des Lebens – bei rechtem Glauben – auch den irdischen Tod überwinden und fortbestehen könne.

Dieser Gedanke erscheint insofern schlüssig, als es ja unmöglich ist, dass aus dem physischen Körper selbst etwas Nicht-Physisches entsteht; der Ursprung der immateriellen Seele muss also einen anderen, „höheren“ Hintergrund haben.

Doch die theologische Annahme von einem den Zeugungsakt ergänzenden „Gottesakt“ hat einen Haken: Würde nämlich der Schöpfer selbst stets neue Seelen auf die Welt schicken, dann läge darin zweifellos eine große Ungerechtigkeit. Denn wie unterschiedlich sind doch die Ausgangslagen, in die Menschen geboren werden können: Hier Frieden und Wohlstand, dort Krieg und Elend; hier geordnete, fast paradiesesähnliche Verhältnisse, dort Hunger, Enge, Terror; hier Bildung und Kultur, dort der Kampf ums nackte Überleben.

Ist es wirklich denkbar, dass Menschen, die von Gott alle gleich geschaffen wurden, ohne eigene Schuld und ohne tieferen Sinn hier jedes Glück auf Erden erfahren und dort den Vorhof zur Hölle erleben müssen?

Diese große Gerechtigkeitsfrage beschäftigt die Theologen seit Jahrhunderten, und sie bieten als Antwort die Vermutung, dass jeder Mensch nach dem Tod ausgleichende himmlische Gerechtigkeit erfahren werde. Doch befriedigt diese Antwort? Weshalb dann überhaupt das Leid und die Mühsal auf Erden? Warum müssen nur einzelne Seelen leiden, und nicht – im Sinne einer gerechten Gleichbehandlung – alle? Und weshalb ist uns nicht unmittelbar ein erlöstes Dasein in Freude und Frieden gewährt?

Letztlich bleibt dem Gläubigen in dieser gedanklichen Einbahnstraße nur übrig, die „unerforschlichen Ratschlüsse Gottes“ einfach zu akzeptieren, sie als eine Art von Gerechtigkeit hinzunehmen, die sich sowohl seinem Verständnis als auch der Möglichkeit des Nachempfindens entzieht.

Eine gute Alternative zu diesem unbefriedigenden Schluss bietet jedoch die Annahme, dass der Schöpfer die Menschenseelen schon lange geschaffen hat, bevor sie sich einem physischen Körper anschließen konnten, und dass jeder solche Anschluss, jede Inkarnation, ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgt – so, wie auch in der physischen Welt jeder Zusammenschluss abhängig von bestimmten Bedingungen ist.

Der Sinn des Lebens: Die Entwicklung des Bewusstseins

Der im Grunde einfache Gedanke, dass die menschlichen Seelen schon entstanden sein könnten, lange bevor sie in einen irdischen Körper inkarnierten, öffnet eine entscheidende Tür. Denn was spricht dann dagegen, dass die Seele nicht nur einmal, sondern eben auch mehrmals eine Verbindung mit der physischen Welt eingehen, also als Mensch auf Erden leben kann?

Aber ob einmal oder mehrmals – vorerst stellt sich die vielleicht noch grundlegendere Frage, weshalb Menschenseelen überhaupt leben – ob inkarniert oder nicht, ob mit oder ohne physischen Körper. Hat das Leben einen Sinn?

Wer nicht alles Weltgeschehen einer Abfolge unbegreiflicher Zufälle zuschreiben will, stößt auf der Suche nach einer Antwort wahrscheinlich irgendwann auf den Begriff der Entwicklung. Denn alles um uns reift, verändert, entwickelt sich, und auch alles in uns – unsere Persönlichkeit, unser Bewusstsein, unsere Erlebnisfähigkeit – trägt ein großartiges Entwicklungspotential in sich, das sich im Laufe unseres Seins entfalten kann. Es liegt nahe, dass er Sinn des menschlichen Lebens darin liegen könnte, bewusster, wacher, geistig reger zu werden. Die Fähigkeit, die Welt zu erleben, sie in ihren Möglichkeiten zu erkennen und mitzugestalten, soll sozusagen vom Keim zur Blüte gelangen.

Das Potential zu dieser umfassenden Entwicklung trägt jeder Mensch in sich. Doch damit diese Entwicklung auch wirklich stattfindet, sind Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse nötig. Deshalb erfährt er Freude und Leid … So könnte, in groben Umrissen, ein sinnorientiertes Selbstverständnis des Menschen formuliert werden.

Wenn wir nun davon ausgehen, dass dieser Entwicklungsprozess nicht nur ein, sondern mehrere Erdenleben umfasst und der Mensch außerdem die Möglichkeit hat, einen freien Willen zu betätigen, dann kann darin eine Erklärung für die Unterschiedlichkeit der Menschen schon zum Zeitpunkt ihrer Geburt gefunden werden. Alle Menschenseelen mögen ursprünglich die gleiche Ausgangslage gehabt haben, in der Folge jedoch haben sie sich persönlich unterschiedlich entwickelt. In der Summe der Willensentschlüsse, des Verhaltens in vergangenen Existenzen liegt der Grund für die Stärken und Schwächen des einzelnen Menschen, für seine Anlagen und Neigungen – und auch für sein Schicksal...

Gibt es Gesetzmäßigkeiten in der Reinkarnation?

Wie kommt es nun aber, dass sich eine Menschenseele einem ganz bestimmten Kindeskörper anschließt – und damit in eine ganz bestimmte Ausgangslage für ihr weiteres Leben gelangt?

Zu dieser Frage gibt es unterschiedliche Ansichten. Manche spirituelle Lehren gehen davon aus, der Mensch könne sich die Eltern und den Kindeskörper, den er bewohnen wird, vor der Inkarnation nach Belieben aussuchen, um bestimmte Erfahrungen zu machen. Diese Annahme ist auf den ersten Blick attraktiv, da sie dem Menschen die Entscheidungshoheit über alle seine schicksalshaften Erlebnisse zugesteht. Aber gibt es diese freie Wahl, die ein wenig an einen Shopping-Bummel im Supermarkt, Abteilung Kindeskörper, erinnert, tatsächlich?

Wer wollte schon Schmerz und Leid wählen, Krieg, Entehrung, Entbehrung? Und wer würde sich in einem freien Spiel der Kräfte durchsetzen, wenn alle Seelen um eine möglichst günstige Inkarnationsmöglichkeit ringen?

Weitaus schlüssiger erscheint demgegenüber der Gedanke, dass auch jede Inkarnation – wie letztlich alles Weltgeschehen – bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgt. Denn gerechterweise sollte ja die äußere Ausgangslage, in die eine Seele geboren wird, zu deren innerer Eigenart passen.

Die Erfahrung lehrt, dass Menschen mit gleichartigen Interessen, Neigungen oder Zielen sich sozusagen automatisch zusammenfinden: Gleich und gleich gesellt sich gern! Auf dieser Grundlage werden Vereine gegründet, Internet-Gemeinschaften oder auch religiöse Gruppierungen. Der Automatismus darin, also die Erfahrung, dass dieses Zusammenfinden sich wie von selbst vollzieht, weist auf so etwas wie eine Gesetzmäßigkeit hin.

Die Annahme, dass ein solches „Gesetz der Gleichart“ auch bei Inkarnationen wirksam ist, führt zu bemerkenswerten Lösungen.

Ein Beispiel: Jemand hat die dominierende Eigenart, stur und rücksichtslos „mit dem Kopf durch die Wand“ zu gehen. Auf Grund der Gleichart käme eine so ausgerichtete Menschenseele in einem familiären Umfeld zur Inkarnation, das ebenfalls durch Sturheit geprägt ist. Eine gleichartige „Schwingung“ (dieser Begriff weist hier natürlich auf nichts Physikalisches hin) verbindet Eltern und Kind. Die aus einer solchen Konstellation resultierenden Konflikte sind vorhersehbar. Aber alle Beteiligten hätten in der „gegenseitigen Reibung“ auch die Gelegenheit zur Erkenntnis der Folgen ihrer Eigenart und somit zur Entwicklung.

Vermutlich würde der zur Inkarnierung kommenden Menschenseele das „Hingezogenwerden“ zu einer Gleichart gar nicht als Zwang erscheinen, denn sie fühlt sich ja von einer vertrauten „Schwingung“ angezogen. Müssen und Wollen könnten in diesem Vorgang also Hand in Hand gehen. So betrachtet, sucht sich der Mensch seine Eltern tatsächlich selbst aus – allerdings nicht durch einen bestimmten Entschluss, sondern als Folge vieler, vieler Willensakte und Handlungen, die zu einer bestimmten Haltung geführt, also seine inneren Eigenarten geprägt haben.

Abgesehen vom Zusammenfinden bestimmter Gleicharten könnten auch „Schicksalsfäden“, die zwei Menschen miteinander verbinden, ausschlaggebend für eine Inkarnation sein.

Wer bewusster auf sein Innenleben achtet, wird vermutlich die Erfahrung machen, dass ihn jede Handlung, die er setzt, jedes Wort, das er äußert, ja, sogar Gedanken, die er hegt, in entsprechender Stärke, Art und Weise mit seinen Nebenmenschen verbindet. Eine wohlwollende Gesinnung, Zuneigung und Liebe führen zu fördernden „Bindungen“, eine ablehnende oder sogar hasserfüllte Gesinnung dagegen zu hemmenden Bindungen. Schon die Gegenwart des anderen kann in einem solchen Fall als belastend erscheinen. Diese inneren Fesseln wollen wieder gelöst werden.

Betrachtet man das Sein des Menschen als größeres Ganzes, das mehr als nur ein Erdenleben umfasst, so ist gut vorstellbar, dass starke Bindungen – seien sie förderlicher oder hemmender Art – auch über den Tod hinaus bestehenbleiben und dazu führen, dass die Betroffenen auch in einem neuen Erdenleben wieder miteinander in Verbindung kommen. Daraus können sich Gelegenheit ergeben, Unrecht wieder gutzumachen oder auch den Wert einer fördernden, von Liebe getragenen Verbindung weiter zu vertiefen.

Denkbar wäre auch, dass ein Menschengeist die Sehnsucht nach dem Lebendürfen, nach Liebe und Geborgenheit erst wieder in sich entwickeln muss, weil er in der Vergangenheit bewusst zerstörerisch gewirkt hat.

Zu diesem Zweck könnten leidvolle Erfahrungen eine Hilfe sein, auch wenn es sich vielleicht nur um wenige tiefe Empfindungen handelt. Aus dieser Sicht kann sogar das kurze Leben eines Kindes, das irgendwo in einem Notgebiet dieser Erde den Hungertod sterben muss, für dessen seelisch-geistige Entwicklung einen Sinn haben.

Solche Gedankenbeispiele verdeutlichen ein Gesamtbild, demzufolge die Gesetzmäßigkeiten, die jede Menschenseele zu einer bestimmten Inkarnation führen, am Ende immer deren Förderung und Entwicklung dient. In den unterschiedlichen Schicksalen könnte also eine Art höhere Führung erkannt werden, die aber nicht willkürlich ins Weltgeschehen eingreift, sondern sich über allgemein verbindliche, für alle Menschen gültige Wirkungsprinzipien äußert.

Denkbar wären außerdem auch Inkarnierungen, die vom Wunsch getragen sind, einer bestimmten Person oder einem Volk zu helfen. In solchen Fällen könnte eine Menschenseele mit ihrer Inkarnierung bewusst und gewollt auch Ungemach in Kauf nehmen.

Reinkarnation: Ein gründlicher „Tapetenwechsel“

Der Anschluss einer Seele an den Kindeskörper bahnt sich bald nach der Zeugung an. Es gibt in den einschlägigen Reinkarnationslehren aber kaum Hinweise darauf, wann und wie er sich genau vollzieht. Dem Werk „Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft“ von Abd-ru-shin (Oskar Ernst Bernhardt, 1875–1941) folgend, erfolgt die Inkarnation etwa in der Mitte der Schwangerschaft; zu einem Zeitpunkt also, wenn die menschliche Form des heranwachsenden Kindeskörperchens bereits weitgehend entwickelt ist. Von jetzt an können empfindsame Mütter die menschlich-persönliche Nähe des Kindes und dessen zarte Bewegungen im Bauch deutlich spüren.

Wenn das Kind dann geboren wird, ist die „Fleischwerdung“ der Seele weitgehend abgeschlossen. Sie hat sich mit einer neuen „Hülle“ umgeben und zur Bildung des körperverbundenen „Tagbewusstseins“ ein neues Gehirn erhalten. Und damit auch eine „Binde“, die ihr den Rückblick auf das bisherige Sein verschließt. 

Die Gegebenheit, dass der Mensch sich nicht an vergangene Erdenleben zu erinnern vermag, kann durchaus als förderlich für seine innere Entwicklung erkannt werden. Denn so kann jeder frei und unbelastet vom Wissen um vormals Erlebtes erwägen und entscheiden. Das Leben wird damit unmittelbarer und stärker auf die Gegenwart bezogen empfunden.

Während der Kindheit, also bis zum Zeitpunkt der körperlichen Reife, ist die Seele der physischen Welt allerdings noch nicht vollständig verbunden. Nach den Erklärungen des Werkes „Im Lichte der Wahrheit“ fehlt eine entscheidende „Strahlkraft“, die erst im Körper erwachen muss – die Sexualkraft. Nur der erwachsene Mensch ist demnach in vollem Umfang handlungs- und verantwortungsfähig, denn jetzt erst ist die „Zugbrücke“ zwischen der seelischen Innenwelt und der körperlichen Außenwelt ganz hinabgelassen.

Doch sind die Jahre der Kindheit für die Seele in dem jungen Körper von besonderer Bedeutung, ist sie doch in dieser Zeit stark den besonderen „Schwingungen der Kindlichkeit“ verbunden, einer unmittelbaren, selbstvergessenen Erlebnisfähigkeit, die in während der Pubertät in die Sehnsucht nach höheren Werten und Idealen münden und dazu beitragen kann, karmischen Bindungen aus früheren Erdenleben schnell zu lösen. Die Phasen seiner Kindheit markieren also für den Menschen auch aus spiritueller Sicht besonders „lichtvolle Wegstrecken“.

Unser gesamtes Sein umfasst, dem Reinkarnationsgedanken folgend, mehrere Erdenleben und abwechselnd Zeiten im inkarnierten, „diesseitigen“ und im nicht inkarnierten „jenseitigen“ Zustand. In dem der seelisch-geistige Wesenskern des Menschen im Kreislauf von Leben, Tod und Wiederverkörperung immer wieder in ein anderes Umfeld „verpflanzt“ wird und sich dabei kräftigen und bewähren muss, genießen darf und wieder Abschied nehmen muss, wird seine Entwicklung vorangetrieben. Die Anlagen des Menschen entfalten sich, er gewinnt Selbständigkeit, sein Bewusstsein reift.

Der Alltag lehrt, wie wichtig ein gelegentlicher „Tapetenwechsel“ ist, wie wohltuend und gewinnbringend es sein kann, die übliche Umgebung oder Alltagssituation hinter sich zu lassen, Abstand von bestimmten erstarrten Denkmustern zu gewinnen. Solche Erfahrungen zeigen gleichnishaft vielleicht am besten, was das Prinzip der Reinkarnation für das ganze Sein des Menschen bewirkt: Weiterentwicklung, Vervollkommnung durch neue Blickwinkel und Erlebnisqualitäten.

Fazit fürs Leben, ob im persönlichen Weltbild die Reinkarnation nun einen Platz hat oder nicht: So schön die „Muster der Tapeten des Lebens“ auch sein mögen – es ist gut, nicht allzu krampfhaft an ihnen zu hängen. Denn der nächste Wechsel kommt bestimmt.