Die Spuren der Wegwerfgesellschaft

Kaufen, auspacken, wegwerfen – das gehört zum ganz normalen Alltag. Und es wird immer häufiger gekauft, ausgepackt und weggeworfen. Wer lässt schon etwas reparieren, wenn eine Neuanschaffung doch billiger ist und sicherer erscheint? Außerdem fördert der Warenumsatz doch das Wirtschaftswachstum und damit unseren Wohlstand! Doch die Wegwerfgesellschaft hinterlässt Spuren, die überall auf dem Planeten sichtbar werden: Müll. Allein in Deutschland werden Jahr für Jahr 400 Millionen Tonnen Abfall produziert. Die umweltgerechte Entsorgung dieser ungeheuren Menge ist eine große, bislang ungelöste Aufgabe. Sie ist nicht nur eine Herausforderung für Politik und Technik, sondern letztlich für uns alle!

Analysiert man die jährlich in Deutschland produzierte Müllmenge, so wird deutlich, dass etwa 60 Prozent der rund 400 Millionen Tonnen aus Bauschutt, Bodenaushub und Baustellenabfällen bestehen. An Siedlungsabfällen fallen derzeit rund 50 Millionen Tonnen pro Jahr an.

Erfreulicherweise wurde in den vergangenen Jahrzehnten wenigstens in Ansätzen erkannt, dass eine „Entsorgung“ in Form von einfachen Deponien keine wirkliche Lösung für das Problem der wachsenden Müllmenge ist und dass sich im Abfall auch viele wiederverwertbare Stoffe befinden. Daher wird heute der größte Teil des Bodenaushubs und der Bauabfälle wiederverwertet, und auch bei den Siedlungsabfällen ist es gelungen, die Müllmenge durch getrennte Sammlung von Kompost, Glas, Papier, Metall oder Kunststoffen zu reduzieren. Doch immer noch produziert jeder Deutsche im Durchschnitt 250 Kilogramm Müll im Jahr. Anders ausgedrückt: 20 Millionen Tonnen Haus- oder „Restmüll“ landen in jedem Jahr in der Müllverbrennung oder auf Deponien – und belasten damit mehr oder weniger Umwelt und Gesundheit.

Dass diese Gegebenheit nicht zukunftsträchtig ist, weiß auch die Umweltpolitik. Um nun einen neuen Weg zur Bewältigung des Problems vorzugeben, trat in Deutschland die „Abfallablagerungsverordnung“ in Kraft. Sie verlangt, dass der Restmüll aus der „grauen Tonne“ nicht mehr einfach auf Deponien gekippt werden darf, sondern vorher behandelt werden muss.

Stinkende, gefährliche Altlasten

Mit dieser Verordnung reagierts man auf die Erkenntnis, dass Restmüll, der einfach auf Deponien gekippt und sich dort weitgehend selbst überlassen wird eine Zeitbombe für die Umwelt ist. Denn zum einen werden Schadstoffe ausgewaschen, die das Grundwasser im Umfeld der Deponie vergiften können, zum anderen produzieren Restmülldeponien erhebliche Mengen an klimaschädigendem Methangas. Forscher gehen davon aus, dass diese Gase um ein Vielfaches schädlicher sind als Kohlendioxid. Mit einer entsprechenden Behandlung der Abfälle könnten die entstehenden Gasmengen reduziert werden.

Für die Deponien selbst gelten heute (nicht nur) in Deutschland verschärfte Umweltauflagen, die verhindern sollen, dass die tickenden Zeitbomben unkontrolliert explodieren. Wenn eine Deponie diese Auflagen nicht einhalten oder nicht umgerüstet werden kann, muss sie geschlossen werden.

Es ist auch leicht einzusehen, dass es keine Lösung ist, alles Unbrauchbare einfach auf einen Haufen zu werfen und zu warten, was passiert. Schon allein deshalb, weil Restmüll immer gefährlichen Sondermüll enthält – Farben, Lacke, Medikamente, Batterien, Elektronikschrott und vieles mehr; leider kann ja nicht erwartet werden, daß jeder das Gebot sorgfältiger Mülltrennung auch wirklich ausnahmslos einhält.

Doch die Abkehr vom Prinzip der Müllentsorgung über Deponien ist aufwendig und teuer; in Berlin beispielsweise wurde bis vor einigen Jahren die Hälfte des jährlichen Mülls einfach gelagert. Nun soll der Abfall deutschlandweit in neuen Anlagen zwischengelagert, vorbehandelt und erst dann entsorgt werden – wobei Entsorgung vor allem Müllverbrennung bedeutet, obgleich auch diese Technologie weltweit umstritten ist: Organisationen kämpfen in vielen Ländern vehement gegen die thermische Abfallbehandlung.

In den USA führten überfüllte Deponien bereits in den 1980er Jahren zu einem Boom im Bau von Müllverbrennungsanlagen. Doch daraus folgte eine massive Umweltbewegung, die mehr als 300 geplante Anlagen verhinderte und diese Entsorgungsindustrie um die Jahrtausendwende fast zum Erliegen brachte. In Japan, dem Land mit der größten Dichte an Müllverbrennungsanlagen, bewirkte der öffentliche Druck die Stillegung von mehr als 500 Anlagen. Und auf den Philippinen wurde die Müllverbrennung grundsätzlich untersagt.

Dennoch wird – in Japan, wie auch in Deutschland und vielen anderen Ländern – intensiv an neuen thermischen Entsorgungsmöglichkeiten gearbeitet. Die Vision besteht darin, Müll auch abseits von speziellen Verbrennungsanlagen und Kraftwerken in der Industrie als hochwertigen und zugleich ungefährlichen Brennstoff einsetzen zu können und dadurch Kohle und Öl zu ersetzen.

Aus dem Auge, aus dem Sinn

Doch auch die (nicht immer) geordnete Entsorgung von Abfällen auf Deponien, wo der Müll dann weitgehend sich selbst überlassen wird, ist problematisch und stellt eine Zeitbombe für die Umwelt dar. Ob solche Gedanken sich auf breiter Ebene durchsetzen können, muss sich noch erweisen. Jedenfalls ist die Entsorgung von Müll zunehmend ein großer Kostenfaktor – und wird damit auch attraktiver für illegale Machenschaften, zumal die Müllentsorgung längst kein staatliches Monopol mehr ist.

Umweltschützer befürchten beispielsweise, dass Abfälle von skrupellosen Firmen für den Export und die billige Deponierung im Ausland umdeklariert werden oder dass auch die sogenannten Zwischenlager geschäftlich lukrativ missbraucht werden könnten. In diesen Lagern dürfen Abfälle, auch wenn sie nicht vorbehandelt sind, bis zu drei Jahre lang gelagert werden – und es besteht die Gefahr, dass aus diesem Zeitraum eine Dauerlösung wird. Denn in unserer Gesellschaft funktioniert immer noch vieles nach dem Prinzip „Aus dem Auge, aus dem Sinn“. So entstehen die berüchtigten „wilden Mülldeponien“ in den Wäldern, und wer für die Entsorgung seines Mülls einmal bezahlt hat, kümmert sich üblicherweise nicht mehr darum, was danach wirklich geschieht.

Die beste Strategie: Vermeidung!

Der sogenannte Restmüll enthält immer auch gefährlichen Sondermüll – Farben, Lacke, Medikamente, Batterien, Elektronikschrott und vieles mehr. Dinge, die im Haushalt eben verbraucht worden sind und die mit dem Müllsack einfach „entsorgt“ werden. Zweifellos die beste Methode zur Bewältigung des Müllproblems ist die Vermeidung. Das deutsche „Öko-Institut“ schätzt, dass sich die Müllmenge in Großstädten wie München um zumindest ein Drittel reduzieren ließe, wenn es gelänge, die Bürger entsprechend zu beraten und zu motivieren.

Doch unser Verhalten in der Abfall-Problematik hat tiefe Wurzeln, die man wohl nicht ohne weiteres ausreißen kann: Seit Generationen sind wir daran gewöhnt, weitgehend ohne Rücksicht auf Ressourcen, natürliche Kreisläufe und Folgewirkungen für die Zukunft zu leben und zu wirtschaften. Der Müllberg, vor dem wir heute stehen, ist das sichtbare Ergebnis einer gedanklichen Fehlhaltung. In unserer Ichbezogenheit und dem damit verbundenen Bestreben, sich selbst ein möglichst großes Stück vom „Kuchen der Welt“ abzuschneiden, missachten wir konsequent die Tatsache, dass wir als Teil der Natur verpflichtet sind, auch bewusst zur Erhaltung und Förderung unserer Umwelt beizutragen.

Dennoch sollte es gerade in den wohlhabenden Ländern Europas gelingen, ein konsequentes Umdenken in der Müllproblematik einzuleiten. Die bisher gesetzten Schritte geben Anlass zur Hoffnung, doch sie sind nicht weitreichend genug.

Nötig für eine weitreichende Müllvermeidung wäre es, bereits bei der Produktion anzusetzen. Derzeit gibt es erst wenige Produkte, die gezielt so entworfen sind, dass sie am Ende ihrer „Lebensdauer“ vollständig wiederverwertet werden können.

Auch im Baubereich, wo man für die Zukunft einen beträchtlichen Anstieg von Müll in Form von Bauschutt erwartet, könnte durch recyclinggerechtes Konstruieren oder die Verwendung von wiederverwerteten Baustoffen viel mehr getan werden, um künftigen Generationen nicht zu bewältigende Abfallberge zu ersparen.

Ein weiterer wichtiger Ansatz ist in der Folge natürlich die Mülltrennung. Gelingen müsste es beispielsweise in viel größerem Ausmaß, organischen Abfall zu kompostieren und damit dem Boden wieder Nährstoffe zuzuführen.

Auch die beträchtlichen Müllmengen, die im Bereich der Gesundheitsfürsorge anfallen, könnten besser und quellenabhängig sortiert werden. Denn zum Beispiel ist nur ein Bruchteil des Abfalls aus Krankenhäusern infektiös; der überwiegende Teil entspricht normalem Siedlungsmüll. Eine sorgfältige getrennte Entsorgung hilft – nicht nur in diesem Bereich – Kosten sparen.

Die Müllmenschen – ein Vorbild?

Kinder sammeln und verwerten den Abfall anderer: Die Müllmenschen der Millionenmetropole Kairo verwirklichen ein Prinzip, das jetzt auch technisch umgesetzt werden soll: Mit „Waste mining“ wird versucht, aus alten Deponien neue Wertstoffe zu gewinnen.Die Müllmenschen von Kairo oder Madagaskar, die im und vom Müll anderer leben, führen uns, nüchtern betrachtet, den Wahnsinn unserer Wegwerfgesellschaft vor Augen. Sie sitzen mitten im Abfall, suchen nach Blech und Papier, nach Plastik und Glas, auch nach essbaren Resten, die sie an ihre Tiere verfüttern. Alles, was irgendwie noch brauchbar ist, wird einer Verwertung zugeführt.

Doch im Grunde führen uns diese Menschen gleichzeitig ein einfaches Prinzip vor Augen, das bereits sogar seine großtechnische Nachahmung findet: Unter dem Titel „Waste mining“ (Abfallbergbau) wurden in den USA alte Deponien geräumt, um daraus Brennstoff zu gewinnen.

Wenn es also sogar noch unter den denkbar schlechtesten Bedingungen – im wilden Durcheinander einer Mülldeponie – gelingt, aus dem, was zuvor als wertlos betrachtet wurde, doch Wertstoffe zu gewinnen, warum sollten wir dann nicht auch den wahren Wert von Stoffen erkennen, noch lange bevor sie auf der Restmüllhalde landen?

Jegliche Bewertung, jede wirtschaftliche Beurteilung ist im Grunde eine Folge von Rahmenbedingungen, die wir selbst festlegen. Wenn wir uns dazu entschließen können, die Rohstoffe dieser Erde nachhaltig zu nutzen und auf Materialien, die nicht wiederverwertbar sind, weitestgehend zu verzichten, dann würden bald auch die Restmüllberge kleiner.

Der Weg dorthin ist aus heutiger Sicht steinig. Künftige Generationen werden es uns aber jedenfalls danken, wenn die Spuren der Wegwerfgesellschaft nicht allzu tief sind …