Dimensionen des Menschseins

Wohl schon seit er über sich selbst nachdenken kann, stellt sich der Mensch die Frage: Was bin ich eigentlich? Lange Zeit behalf man sich mit einer „zweigeteilten Wahrheit“ – hier der sichtbare Körper, und irgendwo dort die unsichtbare Seele. In der Wissenschaft wurde diese dualistische Vorstellung im Laufe des 20. Jahrhunderts weitgehend aufgegeben. Man glaubt nicht mehr an eine Seele als Bewusstseinsträger außerhalb des Gehirns. Doch dem Wesen unseres Menschseins ist man bis heute trotzdem nicht nähergekommen: Was ist Bewusstsein? Und was geschieht im Unbewussten? Was ist das Wesen des Geistes? Können wir uns selbst am Ende womöglich gar nicht begreifen?

Vor gar nicht allzu langer Zeit war die Zweiteilung von Leib und Seele eine Selbstverständlichkeit. Noch in der beginnenden Neuzeit formulierte beispielsweise der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes (1596–1650), dass der Mensch aus zwei unterschiedlichen Wesenheiten bestehe. In der Zirbeldrüse, einem kleinen Organ im Zwischenhirn, so meinte er, treten das materielle und das geistige Wesen des Menschen miteinander in Kontakt. Und für gläubige Menschen war die Existenz einer immateriellen Seele sowieso eine Selbstverständlichkeit. Was sonst sollte nach dem Tod weiterleben, wenn nicht etwas Eigenständiges, das sich dem Körper nur angeschlossen hat?

Bewusstsein – doch nur Produkt des Gehirns?

Vom 19. Jahrhundert an bis heute wurden dann aber in der Medizin immer detailliertere neurologische Untersuchungen durchgeführt, die viele Wissenschaftler zum Schluss führten, dass es gar keine Leib-Seele-Dualität gäbe. Geist und Bewusstsein resultierten demnach lediglich aus der Gehirntätigkeit. Das war eine revolutionäre neue Sicht, die den deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) zu seiner bekannten spöttischen Bemerkung verleitete, das Denken sei, so betrachtet, nichts anderes „als Pissen“ – ein Ausscheidungsprodukt der Gehirntätigkeit sozusagen.

Auf den ersten Blick (der sich meines Erachtens letztlich auch als der richtige erweisen wird) ist es eine haarsträubende Unsinnigkeit, Bewusstsein und Geist, also das Wesen unseres Menschseins, auf die materielle Körperstruktur, also auf Gehirn und Nervensystem zurückzuführen. Allerdings entwickelte sich diese Sichtweise nicht aus heiterem Himmel, sondern auf Grund bemerkenswerter Beobachtungen.

Vor allem durch außergewöhnliche Krankheitsgeschichten zeigte sich ein untrennbarer Zusammenhang zwischen Gehirntätigkeit und Bewusstseinsleistungen. So führen zum Beispiel Schädigungen in dem für die Sprachproduktion zuständigen „Broca-Zentrum“ (benannt nach dem französischen Arzt Paul Broca) zu Problemen in der Sprachproduktion oder überhaupt zur Unfähigkeit des betroffenen Menschen, sprechen zu können – auch dann, wenn Kehlkopf und Zunge voll funktionsfähig sind. Umgekehrt kann man durch die elektrische Reizung bestimmter Hirnareale Erlebnisse oder Verhaltensänderungen auslösen. Mit der Reizung des „Gyrus angularis“, einer Windung der Großhirnrinde, ist es sogar gelungen, das Erlebnis des Austritts aus dem Körper, also eine Art außerkörperliche Wahrnehmung zu provozieren.

Solche Beobachtungen haben dazu geführt, dass die Mehrzahl der Wissenschaftler heute davon ausgeht, dass das Bewusstsein und, damit verbunden, auch die Wahrnehmung eines „Ichs“ vom Gehirn produziert wird.

Die vielschichtige Wahrnehmung des Ichs

Für diese Sichtweise scheinen auch die Erkenntnisse von Neuropsychologen zu sprechen. Sie haben festgestellt, dass die Ich-Wahrnehmung, die wir von uns selbst haben, kein einheitliches Bild ist. Vielmehr verknüpfen wir höchst unterschiedlich Bewusstseinszustände mit dem Begriff „Ich“. Und zwar

• die Wahrnehmung der Umwelt („Ich höre Musik!“),

• mentale „Innenwelt-Erfahrungen“ („Ich erinnere mich!“, „Darüber muss ich nachdenken!“),

• körperliche oder seelische Bedürfnisse („Ich habe Hunger!“, „Ich habe Angst!“),

• die eigene Identität („Ich bin der/die gleiche, der/die ich gestern war!“),

• den eigenen (freien) Willen („Ich möchte das jetzt tun!“),

• Besitzverhältnisse („Das ist mein Körper!“),

• das Sein in Raum und Zeit („Ich befinde mich zu Hause!“, „Ich erlebe den Sommer!“),

• die Unterscheidung zwischen äußerer Realität und innerer Vorstellung („Ich habe geträumt!“ oder „Ich habe das wirklich erlebt!“),

• sogenannte selbstreflexive Wahrnehmungen („Wer bin ich?“, „Wie bin ich?“, „Weshalb bin ich so?“).

Interessanterweise können einzelne dieser „Ich-Verknüpfungen“ ausfallen, ohne dass die anderen davon betroffen sind. Beispielsweise gibt es Gehirntumor-Patienten, die ihre selbstreflexive Ich-Wahrnehmung verloren haben. Sie wissen nicht mehr, wer sie sind, und erkennen sich selbst nicht mehr im Spiegel. Dennoch aber können sie als „Ich“ ihre Umwelt wahrnehmen, ihren Körper spüren oder Zukunftspläne schmieden. Manche Schlaganfall-Patienten wiederum wissen sehr gut, wer sie sind oder wo sie sich befinden, aber sie haben jeden Bezug zu ihrem Körper verloren, fühlen sich als „Geister ohne Hülle“. Und dann gibt es beispielsweise Menschen mit neurologischen Störungen, die „nur“ ihre Verortung in Raum und Zeit eingebüßt haben. Sie erleben dadurch, an zwei Orten gleichzeitig zu sein, finden das aber durchaus normal.

Aber auch wenn bei einem gesunden Menschen alle diese „Ich-Verknüpfungen“ funktionieren, stehen im Alltag abwechselnd immer wieder andere Wahrnehmungsfacetten im Vordergrund: Wir denken über etwas nach, dann verspüren wir Durst, irgendwann einen Schmerz, danach sprechen wir mit einem Anrufer, wir rufen uns ein schönes Erlebnis in Erinnerung – und so weiter. In Wirklichkeit sind all das unterschiedlichste Bewusstseinsleistungen, die wir aber ganz selbstverständlich als einheitliches „Ich-Erlebnis“ erfahren. Daraus schließen viele Neuroforscher, dass es letztlich nur das Gehirn ist, das die Kontinuität einer „Ich-Erfahrung“ konstruiert, das „Ich“ also sozusagen „erfindet“.

Ein gleichnishaftes Beispiel dafür, wie selbstverständlich für uns Menschen das Verknüpfen von Einzelbildern zu einer Gesamtheit ist, lässt sich übrigens anhand von Spielfilmen entdecken: Obwohl jedes Drehbuch nur einzelne Bilder und Szenen vorschreibt, die vom Regisseur unabhängig voneinander gedreht und dann in einer Abfolge von Nahaufnahmen, Totalen, „subjektiven“ und „objektiven“ Blickwinkeln aneinandergefügt werden, können wir den fertigen Film als geschlossene Einheit erleben. Das Gehirn fügt die einzelnen „Puzzleteilchen“ selbsttätig zusammen und ist damit im Grunde der eigentliche „Filmproduzent“ – so, wie es in der Vielzahl alltäglicher Eindrücke, Aufgaben und Erfahrungen auch das Erleben einer „Ich-Kontinuität“ ermöglicht.

Wohin führt die „Kellertür“ des Bewusstseins?

In der Gehirnforschung kam man mit Hilfe moderner Visualisierungstechniken auch dem Phänomen konzentrierter Wahrnehmung auf die Spur. So konnte man beobachten, dass sich bei konzentrierten Tätigkeiten große Verbände von Nervenzellen zusammenschließen und gleichartige Signale aussenden. Bewusstsein zeigt sich demnach – im Unterschied zum Unbewussten – durch das Senden von elektrischen Impulsen im Gleichtakt. Aber solche „Sendungen“ kommen im Vergleich zu der gesamten Hirntätigkeit selten vor. Man weiß heute zuverlässig, dass uns die allermeisten Vorgänge unter unserer Schädeldecke – wahrscheinlich sogar 99 Prozent! – überhaupt nie zu Bewusstsein kommen. Der weitaus überwiegende Teil aller Denkprozesse läuft unbewusst ab; wir werden dabei unter anderem von dem gesteuert, was wir gelernt haben oder was uns geprägt hat. Und das ist auch gut so, denn es wäre ein Jammer, müssten wir zum Beispiel jedesmal neu bewusst lernen, wie man ein Bein vor das andere setzt, um laufen zu können. Indem das Gehirn alle „Alltagsroutinen“ unbewusst erledigt, kann das Bewusstsein sich auf das Wesentliche konzentrieren – auf das, was wirklich als wesentlich erachtet wird.

Allerdings bleibt das Bewusstsein dabei bis zu einem gewissen Grad im Bannkreis des großen Unbewussten gefangen: Alte Prägungen beeinflussen neue Entscheidungen, und es kostet gewöhnlich viel Mühe, eingefahrene Alltagsroutinen, festzementierte Haltungen oder gar Suchttendenzen zu durchbrechen.

Um zusammenfassend ein einfaches Bild zu zeichnen: Wir erleben uns als Ich in einem „Bewusstseinsraum“, den wir mit den „Bausteinen“ der eigenen Wünsche und Entschlüsse mitkonstruiert haben, dessen Kellertür allerdings in einen unermesslichen „Untergrund“ führt – oder, um ein weniger dunkles Bild zu malen, hinter dessen „Tür“ sich eine unermessliche Weite auftut …

Aber welcher Art ist dieses Umfeld? Und muss aus den wissenschaftlichen Forschungsergebnissen wirklich zwangsläufig gefolgert werden, dass Bewusstsein im Gehirn entsteht?

Die Quälerei mit den „Qualia“

Trotz modernster Gehirnscans und der jahrzehntelangen Dokumentationen außergewöhnlicher neurologischer Krankengeschichten kann nach wie vor kein seriöser Forscher behaupten, er wüsste, wie Bewusstsein entsteht und was genau es ist. Immer noch steht die Forschung diesbezüglich vor einem größten Rätsel überhaupt, und die Verwirklichung des alten Traums, so etwas wie ein künstliches Bewusstsein erzeugen zu können, scheint trotz aller Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz unerreichbar.

Klar ist lediglich, dass es Korrelationen, klare Zusammenhänge zwischen Gehirnfunktionen und Bewusstseinsleistungen gibt. Bewusste Gedanken lassen sich im Gehirn als (gleichgetaktetes) „Neuronenfeuer“ erkennen, und die krankhafte Beeinträchtigung bestimmter Hirnareale behindert Bewusstseinsleistungen, wie umgekehrt durch die gezielte Stimulation von Arealen bestimmte Erlebnisse ermöglicht werden.

Aber wer erlebt? Auch die Vorstellung, das Gehirn würde ein „Ich“ konstruieren, ist lediglich eine Theorie. Denn was ist das Wesen des bewussten Erlebens überhaupt?

Vor einigen Jahren wurde diesbezüglich ein Fachbegriff geprägt: man spricht von „Qualia“, um subjektive Erlebnisgehalte und -qualitäten zu beschreiben.

Ein konkretes Alltagsbeispiel: Ich schneide mir in den Finger und erlebe deshalb Schmerz. Was dabei körperlich passiert, ist gut bekannt: Über die Nervenbahnen werden Reize zum Gehirn geleitet, dort verarbeitet, und als Reaktion folgen bestimmte Handlungen. Aber wie kommt es zum Erleben des Schmerzes, das noch dazu für jeden Menschen anders ist und auch stark von der momentanen Befindlichkeit abhängt? Es gibt ja nichts physisch Fassbares, demzufolge die Reizverarbeitung ein Schmerzerlebnis nach sich ziehen müsste!

Dieses banale Beispiel steht im Grunde exemplarisch für unser gesamtes Erleben: In welcher Verbindung stehen neuronale Prozesse im Gehirn mit Qualia, also subjektiven Erlebnisgehalten? Ohne diese wäre persönliches Bewusstsein nicht möglich. Das, was das Leben für uns Menschen lebenswert macht, sind ja immer die subjektiven Erlebnisse, es ist nicht das Neuronenfeuer im Gehirn, das auf Computerbildschirmen sichtbar gemacht werden kann.

Zur Erklärung der Zusammenhänge zwischen Gehirntätigkeit und Bewusstsein bieten sich im Wesentlichen zwei Möglichkeiten an: Entweder das Gehirn selbst erzeugt Bewusstsein – womit wir vor dem beschriebenen „Qualia-Problem“ stehen –, oder das Gehirn vermittelt Bewusstsein. Nach diesem Modell, das heute von zahlreichen Sterbeforschern vertreten wird (etwa von dem niederländischen Kardiologen Pim van Lommel), kann man sich Bewusstsein als etwas Nichtmaterielles vorstellen, das grundsätzlich auch außerhalb der körperlichen Begrenzungen bestehen kann.

Diese Sichtweise, die „Transmissionshypothese“, sprengt zwar den naturalistischen Rahmen, der das heutige naturwissenschaftliche Weltbild üblicherweise prägt, aber sie erklärt unter anderem sehr zwanglos zahlreiche Todesnähe-Phänomene, die weltweit in großer Zahl dokumentiert wurden. Die Überzeugung von Menschen mit Nahtoderfahrungen, dass das bewusste Leben mit dem Tod nicht endet, wäre demnach ein naheliegendes Faktum, weil das Bewusstsein an sich nichts Körperliches ist.

Wenn es aber im materiellen Umfeld „funktionieren“, also in der Lage sein soll, Eindrücke aufzunehmen und Willensentschlüsse zu etablieren,braucht das Bewusstsein ein funktionierendes „Werkzeug“ – das Gehirn. Ist dieses – aus welchen Gründen auch immer – geschädigt oder nicht voll funktionstüchtig, dann kann natürlich auch nur unvollkommen Bewusstsein vermittelt werden (wovon die vorhin beschriebenen neurologischen Phänomene oder auch Krankheiten wie Demenz oder Schizophrenie zeugen).

Das Gehirn ist aus dieser Sicht ein Empfangsorgan, welches das immaterielle Bewusstsein aufnehmen und in das Körperliche übertragen kann. Es ist gleichzeitig aber auch ein Sendeorgan, weil es körperliche Reize oder Sinneseindrücke an das Bewusstsein vermittelt. Und zugleich wirkt das Gehirn wie ein Filter: Das eigentliche Bewusstsein ist immateriell, nicht an Raum und Zeit gebunden; das, was uns durch das Gehirn als „Tagbewusstsein“ erlebbar wird, ist jener „Bewusstseins-Rest“, den der „Gehirn-Filter“ zum Leben in der physischen Welt nutzbar macht.

Demnach entsteht das menschliche Bewusstsein nicht aus dem Körper, sondern schließt sich diesem nur an, wodurch im Wesentlichen ein Vorgang beschrieben ist, der in spirituellen Traditionen als „Inkarnierung“ bezeichnet wird, als Eintritt der Seele „in das Fleisch“. Mit diesem Eintritt entwickelt sich das körperbezogene Tages- oder Wachbewusstsein, durch das der Mensch während des Erdenlebens sein „Ich“ definiert und das eng an die sinnlichen Wahrnehmungen und das gehirngebundene Gedächtnis gekoppelt ist.

An sich aber ist das menschliche Bewusstsein frei und unabhängig von der körperlichen Welt; es vergeht auch nicht mit dem physischen Körper, und es ist daher ganz normal, wenn Menschen in Todesnähe oder während anderer außergewöhnlicher Zustände ihren Körper von oben beobachten können. Nur die Bindung an den Körper verhindert im irdischen Alltag solche Erlebnisse. Offenbar kann aber die „Filter-Wirkung“ des Gehirns durch die Stimulation bestimmter Regionen oder auch durch die Verabreichung spezieller Drogen beeinflusst werden, so dass auch Erlebnisse möglich sind, die üblicherweise als „paranormal“ bezeichnet werden.

Das Unbewusste und das Unterbewusstsein

Aus dieser Sicht ist das „Tagbewusstsein“ also ein „gefilterter Teil“ des eigentlichen Bewusstseins. Dabei ist das, was wir im Alltag als unseren eigenen persönlichen „Raum“ erleben, von einem weiten Umfeld umgeben, für das die Begriffe „das Unbewusste“ und das „Unterbewusste“ geprägt wurden. Beides ist aber nicht unbedingt gleichzusetzen.

Als „unbewusst“ bezeichnen Psychologen und Hirnforscher einfach alle Prozesse im Gehirn, die sich dem Tagbewusstsein entziehen, das sind etwa 99 Prozent aller Vorgänge.

Der Begriff „unterbewusst“ – im Sinne des „Unterbewusstseins“ – ist demgegenüber schwerer zu definieren. Er stammt aus der Psychologie und beschreibt die Summe aller Erinnerungen, Eindrücke, persönlichen Motive und Handlungsbereitschaften, die zwar „irgendwo“ angelegt sind, die auch unsere Absichten oder Entscheidungen beeinflussen können, die aber eben unterhalb der Schwelle unseres Bewusstseins liegen. Einen „harten“ wissenschaftlichen Beweis für die Existenz eines Unterbewusstseins gibt es nicht, ein entsprechendes Hirnareal konnte nicht ausgemacht werden. Dennoch erscheint es nahe liegend, dass ein Teil dessen, was sich unbewusst in unserem Gehirn abspielt, das Potential hat, für unser Bewusstsein maßgeblich zu werden. Es gibt Eigenheiten und persönliche Unzulänglichkeiten, die wir gern verdrängen, oder Ereignisse, an die wir uns nicht erinnern wollen, die aber trotzdem unsere Entschlüsse beeinflussen. Sie kommen, könnte man formulieren, aus dem Unterbewusstsein, also aus einem Teil unseres Ichs, der zwar vorhanden ist, sich aber nicht tagbewusst zeigt.

Nach dem vorhin skizzierten Menschenbild ist Bewusstsein nicht an den Körper gebunden, sondern es schließt sich diesem nur durch die Vermittlungstätigkeit des Gehirns an. Dadurch entsteht das Tagbewusstsein, das aber nur ein Teil des eigentlichen, umfassenderen Bewusstseins jedes Menschen ist.

Wirkt also im sogenannten Unterbewusstsein ein anderer Teil unseres Gesamtbewusstseins?

Dieser Schluss liegt nahe. Wenn wir eine Entscheidung „aus dem Bauch heraus“ treffen oder etwas „gründlich überschlafen“, um am nächsten Morgen „eine Eingebung“ zu haben, so bringen diese Redensarten die für jeden Menschen ganz natürliche Erfahrung zum Ausdruck, dass sein gehirnbezogenes Tagbewusstsein von anderen geistigen Qualitäten begleitet wird, von intuitiven Überzeugungen, Gemütswerten, Empfindungen oder auch Gewissensregungen. Interessanterweise geht der Begriff „Bewusstsein“ (lat. conscencia) auf den Begriff „Gewissen“ zurück, der wiederum mit „geistigem Wissen“ und im Sprachgebrauch mit „Geist“ und „Seele“ in Verbindung steht.

Ein mögliches Gesamtbild präsentiert sich demnach wie folgt: Das Bewusstsein ist immaterieller Natur. Es hat, so könnte man es mit einem traditionellen Begriff beschreiben, seinen Sitz in der Seele. Ist die Seele mit dem Körper verbunden, zeigt sich ein Teil des Bewusstseins – vermittelt durch den „Gehirn-Filter“ als Tagbewusstsein, ein anderer Teil wirkt durch das Unterbewusstsein in unser tägliches Leben und in unsere Entschlüsse mit hinein.

Die Dimensionen des Menschseins

Eingangs wurde die Frage gestellt, ob wir uns selbst letztlich vielleicht gar nicht begreifen können. Oberflächlich betrachtet spricht manches dafür. Denn sobald wir unser Menschsein, unser Ich, unser Bewusstsein in seinem Wesen ergründen und beschreiben wollen, benutzen wir dafür normalerweise den Verstand und unser Tagbewusstsein. Damit aber kann das große Ganze nicht erfasst werden. Und so stehen wir staunend vor der faszinierendsten Struktur des Universums, dem Gehirn, beobachten, was sich darin regt und ändert, kommen damit aber dem Geheimnis des Erlebens nicht wirklich näher.

Am ehesten lässt sich das „Ich“ wohl ergründen, wenn es gelingt, die Verstandesmaschinerie weitgehend abzuschalten und gedanklich Ruhe einkehren zu lassen. Bemerkenswerterweise führt diese entspannte Offenheit nicht nur in eine wohltuende „Leere“, sondern zugleich näher an sich selbst. Das Empfinden des Ichs geht nicht etwa verloren, sondern es vertieft sich, verbunden einem umfassenden Drang nach Gutem, nach Liebe und Vervollkommnung.

Bewusstsein … Qualia … Erlebnisfülle – diese Dimensionen des Menschseins können durchaus dazu anregen, den Materialismus in Frage zu stellen.

Und doch wird alles, was wir erfahren und erfassen können, wohl immer nur ein höchst bescheidener Einblick in das unermessliche Leben sein, das den Raum unseres persönlichen Bewusstseins umgibt … kein Begreifen, bestenfalls ein Erahnen.

Aber ist das nicht genug?

„Das schönste Glück des denkenden Menschen ist es“, formulierte Johann Wolfgang von Goethe, „das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren.“

 

Hinweis: Ausführlicheres zu diesem Thema finden Sie in meinem Buch „Über den Kopf hinaus“