Die Religion des Kreuzestodes

Für die christichen Kirchen steht fest, dass mit Christus der Sohn Gottes als Mensch geboren wurde. Die Frage, weshalb Jesus überhaupt kam, wird üblicherweise mit dem Hinweis auf den Kreuzestod beantwortet: Der Gottessohn kam, um uns durch seinen Tod zu erlösen. Das Leidenskreuz ist deshalb das allerorts sichtbare Symbol des Christentums. Also gilt es zu glauben, dass der Schöpfer seinen Sohn zur Erde sandte, damit er sich von den Menschen hinrichten lässt. Durch dieses Blutopfer hätte Jesus die Sünden der Menschheit auf sich genommen, mit seinem Leiden und Sterben stellvertretend für uns gebüßt. Und die Aufgabe des Menschen wäre demnach lediglich, an Christus und dieses große Erlösungswerk zu … glauben.

Der Kreuzestod – eine fiktive Rede

Einfach glauben – das scheint die Hauptsache zu sein! In wehmütiger Dankbarkeit heben kirchliche Predigten die Notwendigkeit des Glaubens immer wieder hervor. Erst in zweiter Linie wird gelehrt, dass das Leben Jesu ein Vorbild sein könne und dass seine Auferstehung die Hoffnung verkünde, dass auch der Mensch im festen Glauben an Jesus den Tod überwinden könne.

Diese nun alte kirchliche Interpretation der Mission Jesu stützt sich vor allem auf die in der Bibel überlieferten Abendmahl-Worte. Hier sprach Jesus sinngemäß von seinem „Fleisch und Blut“, das zur Vergebung der Sünden hingegeben wird.

Allerdings: Wenn Jesus wirklich nur gekommen wäre, um für uns zu sterben – wären seine Predigten dann nicht von Anfang an ganz anders gestaltet gewesen. Zum Beispiel so:

„Moses gab Euch die Zehn Gebote meines Vaters. Darin heißt es: Du sollst nicht töten!

An mir aber sollt Ihr diesmal anders handeln! Ich bin gekommen, um mich von Euch kreuzigen zu lassen! Erkennt darin die Liebe Eures Schöpfers! Er bietet Euch Gelegenheit, einen Unschuldigen zu ermorden, damit Ihr von Euren Sünden befreit werdet!

Vollzieht die Tat zu Eurem Heil in ganzer Härte und in aller Grausamkeit, denn mit meinem Leid nehme ich Eure Sünden hinweg. Das Kreuz, an das ich mich für Euch schlagen lasse, sei fortan Symbol Eures Glaubens an die Erlösung!

Ächtet jene nicht, die mich verraten und verkaufen werden, denn sie sind nur Erfüllungsgehilfen des göttlichen Willens. Sie erfüllen mein und Euer Schicksal. Vergesst nie diese Worte. Im Tod am Kreuz liegt der Sinn meines Kommens, die Jahrzehnte meines Erdenlebens enden in diesem Geschehen. Erkennt in meinem Opfer die Liebe des Schöpfers, auch wenn Euer eigenes Tun Euch lieblos erscheinen muss.

Glaubt – und grübelt nicht, denn nur im bedingungslosen Glauben liegt Größe. Vergesst nie, das die unergründlichen Wege des Herrn sich in meinem Schicksal offenbaren.“

Unvorstellbar … aber hätten die Worte Jesus nicht irgendwie in dieser Art lauten müssen, wenn er den heute geglaubten Sinn seiner Mission verdeutlichen wollte?

Eine Kreuzigung war nicht nur die unmenschlichste, sondern auch die entehrendste und qualvollste Todesstrafe. Die Befestigung des Opfers an dem Holzgerüst führte zu einem stundenlangen, manchmal tagelangen Todeskampf: Weil die weit zur Seite ausgestreckten Arme bei einem Absinken des Körpers zu einem qualvollen Ersticken führen würden, bemüht sich der Gekreuzigte immer wieder, sich mit den genagelten Füßen abzustützen, bis er in Erschöpfung nach unten sackt, um sich dann angesichts des drohenden Erstickungstodes erneut aufzubäumen. Dies alles immer wieder, unter unermesslichen Schmerzen.

Wie kann ein solches Schicksal je mit einem „Akt der Gottesliebe“ in Zusammenhang gebracht werden?

Um auf die fiktive Rede Jesu zurückzukommen: In ein Bühnen-Schauspiel, das den abgründigsten menschlichen Zynismus thematisiert, würde der Erlösungs-Gedanke perfekt passen. Man kann die Vorstellung eines liebenden, gerechten Schöpfers gar nicht radikaler irreleiten und ins Sinnwidrige verkehren, als ihm einen Heilsplan aus Folter und Mord zu unterstellen. Da taucht vielleicht sogar die bange Frage auf, ob in einem solchen Gedanken nicht eigentlich Gotteslästerung liegt.

Jedem halbwegs normalen Menschen wird klar sein, dass ein brutaler Mord genau das Gegenteil einer Liebestat ist. Und diese einfache, kindliche Empfindung zugunsten eines konfessionellen Gedankenkonstrukts beiseite zu schieben, würde dem Wort Jesu, dass wir „wie die Kinder“ werden sollen, also schlicht und unverdorben im Gemüt, in der Empfindung, klar widersprechen.

Der Gedanke des stellvertretenden Sühneopfers passt schlicht und einfach nicht zum Leben und zur Lehre Jesu. Nicht nur, dass Jesus nie davon sprach, dass er gekommen sei, um die Menschen durch seinen Kreuzestod zu erlösen; nicht nur, dass eine solche besonders brutale Ermordung seiner Lehre der Nächstenliebe geradewegs entgegensteht – wäre es bei seiner Mission wirklich um das Erleiden eines Sühnetodes gegangen, so hätte Jesus im Grunde gar nicht predigend durchs Land ziehen und die Menschen mit aufrüttelnden Worten ermahnen müssen. Er hätte nur seinen Leidensweg antreten müssen, um Erlösung zu bringen.

Und überhaupt: Aus welchem Grund sollte ein solches Opfer nötig sein? Könnte ein Gott, bei dem alles möglich ist, unsere Schuld nicht auch „einfach so“ vergeben – ohne seinen Sohn diesen Sühnetod erleiden zu lassen?

Ist es nicht unlogisch, einerseits an einen Schöpfer zu glauben, der „Sühne“ verlangt, weil dies im Wesen seiner Gerechtigkeit liegt, dem selben Schöpfer zugleich aber die Ungerechtigkeit zu unterstellen, den Tod eines Unschuldigen als Ausgleich für die „Ursünde der Menschheit“ anzunehmen?

Theologen sprechen natürlich nicht von Ungerechtigkeit, sondern etwa vom „Übermaß der Gnade des Schöpfers“ oder von den für uns Menschen „unerforschlichen, geheimnisvollen Wegen der Gottesliebe“. Das ist eine „Totschlag-Argumentation“, die blinden Glauben statt einfaches Denken verlangt. Nicht wirklich überzeugend.

Das Gleichnis von „Fleisch und Blut“

Die Worte, die Jesus beim Abendmahl sprach – als ihm wohl bereits bewusst war, was auf ihn zukommen würde –, sollte man meines Erachtens gleichnishaft auffassen – wie praktisch alle bedeutenden Reden Christi: „Fleisch und Blut“, „Brot und Wein“ symbolisieren die lebenserhaltende Nahrung für den Körper – und Nahrung war genau das, was Jesus den Menschen zu ihrer Erlösung bringen wollte. Nahrung für den Geist allerdings, vermittelt durch seine Lehre; „Brot und Wein“, um Kraft für den inneren Weg zu spenden, der zum Reich Gottes führen soll. Denn sich zu bedingungsloser Gottes- und Nächstenliebe durchzuringen, braucht Kraft!

Daher zog Jesus predigend und mahnend durch das Land. Und in dieser Lehrtätigkeit – nicht aber im Kreuzestod – lag nach meiner Überzeugung seine Mission.

Gelebte Religiosität

Jesus verlangte von seinen Hörern auch nie den blinden Glauben an die „geheimnisvollen Wege der Allmacht Gottes“. Vielmehr wies er auf die Liebe und die Gerechtigkeit des Schöpfers hin, sowie vor allem auch auf die Notwendigkeit, die Gottes- und Nächstenliebe immer und überall zu leben – auch schon auf der Ebene der Gedanken.

Die Worte Jesu wirken ­– damals wie heute – als eindringlicher Aufruf zum Tätigwerden, zur Änderung des Lebens, denn auf das Tun kommt es an. Die bewussten eigenen Entscheidungen sind es, die zu neuen, besseren Gedanken, zu einer Änderung der Haltung und damit zur „Erlösung“ führen können. Dagegen haben konfessionell gebundene Menschen oft regelrecht Angst davor, aktiv an ihrer seelisch-geistigen Befreiung zu arbeiten – in der Meinung, dass so ein Streben nach „Selbsterlösung“ dem Glauben an die Erlösung durch Christus entgegenstünde.

Natürlich: Wer seinen Gottesglauben an dem vermeintlichen Sühnetod Jesu festgemacht hat, wird seinen gewohnten seelischen Halt nicht verlieren wollen. Aber weder der Glaube an Gott noch an den Gottessohn Jesus hat die Unlogik des Sühnetod-Gedankens wirklich nötig. Die Überwindung dieser unseligen Glaubenskonstruktion würde die Lehre Christi wieder deutlicher ins Zentrum rücken. Und diese kann sich unmittelbar für jeden Menschen als hilfreich erweisen – unabhängig von Weltbild oder Konfession, und nicht als graue Theorie, sondern lebensnah:

Wer Gutes tut, wird Gutes ernten; wer die Seligkeit des Gebens erfährt, lernt damit auch die Unabhängigkeit des persönlichen Glücks von äußeren Bedingungen kennen. Wer sich in jeder Hinsicht um Vervollkommnung bemüht, schafft in seiner Seele Raum für die Liebe des Schöpfers. Er lädt sie zu sich ein, will sich ihr verbinden, ihr dienen – und darf Geborgenheit, Frieden und Lebensfreude erfahren. Das wäre meines Erachtens gelebte Religiosität.

Wie sonst könnte sich die „Erlösung“ für den Menschen konkret im Leben zeigen als in einer beglückenden inneren Leichtigkeit?

Ein Leben nach der Lehre Jesu kann, denke ich, zu dieser Erfahrung führen. Der Glaube an den Kreuzestod nicht.