Die Wahrheit wird zur Religion

Für die christlichen Kirchen steht außer Streit, dass in Jesus ein Teil Gottes zur Erde kam. Sie betrachten sich selbst als Hüter und Vermittler seiner Lehre. Die katholische Kirche geht zudem davon aus, dass Jesus den Jünger Petrus zu seinem Nachfolger und zum ersten Papst bestimmte, in dessen Nachfolge bis heute die „Stellvertreter Christi auf Erden“ tätig sind. Doch ein kritischer Blick auf Jesu eigene überlieferte Worte lässt die Vorstellung, er sei gekommen, um eine Institution zwischen Gott und der Menschheit zu errichten, als fragwürdig erscheinen. Tatsächlich bildete sich die Kirche erst lange nach Jesu Tod, und es dauerte Generationen, bis sich aus den ursprünglichen Glaubensgemeinschaften, die im Sinn Christi leben wollten, die heute bekannten klerikalen Strukturen herauszuschälen begannen. In den Predigten und Lehren Jesu findet man interessanterweise auch nichts darüber, dass er gekommen sei, um sich kreuzigen zu lassen und die Menschheit dadurch zu erlösen …

Der Weg zum Tod am Kreuz

Wie geschah es, dass Jesus Christus zum Tod am Kreuz verurteilt werden konnte?

Aus meiner Sicht lassen sich die historischen Ereignisse wie folgt zusammenfassen: Jesus war durch seine Lehren und Predigten, die immer größeren Zulauf erhielten, für die jüdischen Schriftgelehrten und ihren religiösen Führungsanspruch zu einer Bedrohung geworden. Um so mehr, als sie seiner lebensnahen Weisheit mit ihrem Verweis auf alte Regeln und Gesetze nichts entgegenhalten konnten.

Sie suchten also nach Möglichkeiten, Jesus angreifbar zu machen, und ihr Ansinnen, ihn als Aufwiegler gegen die Be­satzungsmacht Rom darzustellen, als gefährlichen „Führer der Juden“, er­hielt unerwartet Unterstützung durch Judas Ischariot. Dieser Anhänger Jesu mochte zwar – wie alle anderen – um ein Leben im Sinne der Botschaft seines Herrn bemüht gewesen sein, aber er träumte auch von irdischer Befreiung und einer höheren Wertschätzung des jüdischen Volkes … Gedanken, die damals viele Juden hegten und die in Judas zuletzt immer mächtiger wurden.

Judas hätte Jesus wohl wirklich gern als „König der Juden“ gesehen und nahm Kontakt zu einer Gruppe von Widerstandskämpfern auf, deren Ziel es war, das Land von der römischen Besatzung zu befreien, und die auch bereit dazu waren, Jesus nach ihrem Sieg als Herrscher anzuerkennen. Die Bedingungen schienen günstig, und die Menschen erwarteten jubelnd einen starken Führer …

Doch Judas, der sich selbst wohl vormachen konnte, damit im Sinne Jesu und gewissermaßen in vorauseilendem Gehorsam zu handeln, wurde enttäuscht. Jesus hatte keine politischen Ziele und Machtansprüche; er ließ sich für Hetzreden gegen Rom nicht einspannen, lehrte stattdessen seine Botschaft der Liebe.

Nachdem er sich selbst in unausweichliche Bedrängnis gebracht hatte, weil seine Versprechungen zur angeblich greifbar nahen „Herrschaft Jesu“ sich zunehmend als haltlos erwiesen, suchte Judas den Ausweg im Verrat. Kopflos geworden, wurde er willfähriger Diener der Interessen der Pharisäer und gab zuletzt den Aufenthaltsort Jesu preis. Die Ereignisse nahmen ihren Lauf …

Die Lehren des Paulus

Die Verurteilung zum Tod am Kreuz und die Hinrichtung Jesu waren aus meiner Sicht kein Teil des göttlichen Heilsplanes. Es handelte sich schlicht und einfach um Verrat und Verleumdung, um Folter und Mord, um Ereignisse, die den Jesus von Nazareth einen frühzeitigen Tod bescherten und den Weg dazu bahnten, Jesu große Frohbotschaft der Liebe, die wohl schon zu seinen Lebzeiten nur von wenigen Menschen wirklich verstanden worden war, weiter zu verfremden und einem seltsamen Erlösungs-Dogma zu verbinden.

Die ersten gewichtigen Schritte in eine fragwürdige Richtung setzte Paulus von Tarsus (10–64 n. Chr.). Der große Missionar, der nach einem einschneidenden „Erweckungserlebnis“ (vgl. Apg. 9, 1 ff) vom gefürchteten Christenverfolger Saulus zum Streiter für die Sache Jesu wurde, trug wesentlich dazu bei, dass sich der christliche Glaube zu einer großen Religion entwickelte. Aber wenn man den Paulus zugeschriebenen Überlieferungen folgt, dann findet man dort auch Dinge, die mit der Botschaft Jesu wenig zu tun haben. Zum Beispiel ist im ersten Paulus-Brief an die Korinther ein wesentlicher Grundstein für den Zölibat gelegt, also für die in der römisch-katholischen Kirche von Geistlichen mit höheren Weihen verlangte Ehelosigkeit: Es sei wichtig, „unbehindert“ dem Herrn dienen zu können: „Wer verheiratet, der tut wohl. Welcher aber nicht verheiratet, der tut besser!“ (1. Kor. 7, 38)

Vor allem aber findet man bei Paulus auch den Gedanken, dass die Kreuzigung Jesu eine gottgewollte Notwendigkeit zur Erlösung der Menschen sei (Röm. 5, 8–11; Röm. 8, 32). Jesus selbst hingegen bat bekanntlich um Vergebung für die Menschen, „denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Luk. 23, 34).

Im Zusammenhang mit dem angeblichen Opfertod Christi steht auch die Auffassung vom „sündigen Fleisch“. Dem Paulus zugeschriebenen Text zufolge ist in der „fleischlichen Gesinnung“ die Feindschaft wider Gott zu sehen, weil das Körperliche „dem Gesetze Gottes nicht untertan“ sei und daher – hier führt eine etwas eigenwillige Logik Regie – durch die Fleischwerdung Gottes erlöst werden müsse (Röm. 8, 1 ff.; Röm. 8,3).

Der Apostel Paulus starb um das Jahr 64 in Rom den Märtyrertod. Das ihm zugeschriebene „paulinische Gedankengut“ wurde später mit der Botschaft Christi praktisch gleichgesetzt und ist bis heute ein zentraler Bestandteil der kirchlichen Glaubenslehren.

Kirche und Papsttum

Nach dem Tod eines Wahrheitsbringers ist es die Regel, dass dessen Lehren (oder das, was davon übrig bleibt) in religiösen Regeln „ein für allemal“ festgemacht werden. Der Bezug zu den lebendigen Inhalten geht dabei oft verloren, und die religiösen Führer beschränken sich darauf, einen bestimmten Verhaltenskodex festzulegen … Gebets- und Umgangsformen oder Kulthandlungen, die für alle „guten Gläubigen“ maßgeblich sind: Regeln, die sicheren Halt bieten und den „Weg zum Heil“ markieren sollen. Ausgesprochene und unausgesprochene Dogmen und Tabus entstehen, starre Gebote und Gesetze ersetzen die lebendige Empfindung. 

Im Fall Jesu war es nicht anders: Wie einst bei den jüdischen Pharisäern, die die Gesetze und Gebote Mose verwalteten, gewannen auch in den christlichen Gemeinschaften äußere Formen und Regeln zunehmend an Bedeutung. Fragen der Organisation, der Macht und Vormacht über andere Gruppen wurden wichtig, und natürlich konnte jede Entscheidung, jede Absicht, jeder Schachzug mit einem „Wort Jesu“ begründet (oder widerlegt) werden – was immer gut funktioniert, solange der wahre, umfassende Kern einer Aussage gar nicht berührt wird.

Jesus selbst hatte wohl, wie gesagt, nicht geplant, eine kirchliche Institution zu errichten oder einen in Rom residierenden „Stellvertreter auf Erden“ einzusetzen. Eine Gemeinde im Sinne Jesu kann eigentlich nur als geistige Gesin­nungsgemeinschaft bestehen, was in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes „Kirche“ (grch. kyriake = „dem Herrn gehörig“) auch zum Aus­druck kommt, heute aber bestenfalls im ökumenischen Gedanken noch lebendig ist.

Die kirchliche Organisation, wie sie seit vielen Genera­tionen als „Vermächtnis Jesu“ gepflegt wird, nahm in Wirklichkeit erst lange nach Christus Schritt um Schritt Form an. Aus den wenigen Zeugnissen, die über die ersten drei Jahrhunderte Christentum bekannt sind, könnte man keine Vormachtstellung Roms über alle anderen Kirchen herauslesen. Der Historiker Klaus Schatz kam deshalb zu dem Schluss: „Hätte man einen Christen um 100, 200 oder auch 300 gefragt, ob es einen obersten Bischof gibt, der über den anderen Bischöfen steht und in Fragen, die die ganze Kirche berühren, das letzte Wort hat, dann hätte er sicher mit Nein geantwortet“ (zitiert aus: Georg Denzler, Das Papsttum – Geschichte und Gegenwart, Verlag C. H. Beck, München).

Wenn also an der Innenseite der St.‑Peter‑Kuppel in Rom bedeutungsschwer das „Felsen­wort“ Jesu zu lesen ist, als Beleg dafür, dass das Papsttum auf göttlichem Willen beruhe und das Erbe Petri darin bewahrt sei, so ist das gewiss ein monumentaler Gedanke. Aber eben nicht mehr als das.

Was hätte sein können …

Weil die Kirche den Kreuzestod Jesu als gottgewollt darstellte und diesen Gedanken bis heute pflegt, wurde und wird nie darüber diskutiert, was hätte sein können, wenn Jesus länger gelehrt hätte als die wenigen Jahre, die ihm verblieben.

Hätte das „Reich Gottes“, von dem er kündete, in einem friedlichen, von Gottes- und Nächstenliebe getragenen Zusammenleben schon vor 2.000 Jahren sichtbar Gestalt annehmen können? Als Lebensmodell für viele Völker und künftige Generationen? Als Verwirklichung eines „Neuen Bundes“ zwischen Gott und der Menschheit?

Wir können das nur vermuten. Jesus dürfte davon überzeugt gewesen sein, dass auf der Basis des „Alten Testaments“, also des bisherigen Bundes zwischen dem Schöpfer und dem Volk Israel, kein geistiger Bau mehr errich­ten werden konnte. Ein Neubeginn erschien nötig. Kurz vor seinem Erdentod sprach Jesus im Kreis seiner Jünger denn auch von dem „Neuen Bund“, dem er mit sei­ner Botschaft den Weg bereiten wollte „für viele“, also für alle Menschen, die ihm zu folgen bereit waren.

In diesem Zusammenhang stellt sich übrigens eine spannende Frage zur Symbolik rund um das „Allerheiligste“: Der biblischen Schilderung zufolge zerriss ja nach dem Kreuzestod Jesu im Tempel jener Vorhang, der das Allerheiligste vor profaner Alltagsneugier verschließen sollte. Dieses Bild kann man natürlich als Zeichen dafür interpretieren, dass der bisherige Bund aufgelöst war; der Schöpfer hatte keine Wohnstätte mehr unter einer Menschheit, die seinen Sohn abgelehnt und ermordet hatte. Aber das Symbol des zerrissenen Vorhangs wird gelegentlich auch so interpretiert, dass damit der „Neue Bund“ gewissermaßen eröffnet worden sei – weil Jesus die Menschheit erlöst habe, indem sie ihn ans Kreuz schlug.

Dieses Beispiel zeigt, dass trotz einer bereits 2.000 Jahre währenden Geschichte des christlichen Glaubens bis heute keine einheitliche Meinung darüber besteht, worin die Mission Jesu wirklich lag, was Christus wollte.

Es kann nicht schaden, darüber nachzudenken …