Die Legenden um das Leben Jesu

Viele der zum Leben Jesu veröffentlichten Bücher wollen den „historischen Jesus“ ergründen – indem sie genau das, was traditionell zum christlichen Glauben gehört, in Frage stellen und ad absurdum führen: die Annahme, dass vor 2.000 Jahren wirklich ein Sohn Gottes auf die Erde kam, Wunder wirkend auf seine Mission aufmerksam machte und für die Menschheit am Kreuz litt und starb. Übrig bleibt in solchen Betrachtungen oft nur eine zweifelhafte Gestalt, eine entzauberte Legende, deren Bedeutung für die Geistesgeschichte lediglich eine Erfindung gewesen sein soll. Solche Gedanken widersprechen natürlich radikal dem christlichen Glaubensempfinden. Und sie bieten auch keine befriedigende Erklärung für den hohen Stellenwert, den Jesus Christus bis heute im religiösen Leben und im Gottesglauben der meisten Menschen einnimmt. Wenn dennoch in der Folge auch hier traditionelle „Glaubenswahrheiten“ in Frage gestellt werden, so geschieht das aus anderen Motiven. Der wirkliche Glanz und die herausragende Besonderheit der Mission Jesu offenbaren sich nämlich erst dann, wenn sie vom Staub traditioneller Interpretationen gründlich befreit werden.

Was zeigt sich im Zentrum des von den christlichen Kirchen bis heute gepflegten Christus-Bildes?

Gelehrt und gepredigt wird im Wesentlichen von einem allmächtigen Wundertäter, der durch allerlei Kunststücke wie Krankenheilung, Totenerweckung oder Brotvermehrung die Naturgesetze außer Kraft setzte, dadurch die Glaubensgunst seines stau­nenden Publikums erwarb, und der zuletzt im Auftrag seines göttlichen Vaters für die Menschheit sein Leben ließ, um diese stellvertretend von ihrer Schuld zu befreien …

Diese Vorstellung wirkt ungewöhnlich … und erscheint deshalb – aber nur deshalb – als besonders großartig, als übermenschlich, als Hinweis auf die Göttlichkeit Jesu.

Aber unterstellt diese Vorstellung dem Schöpfer nicht, sich in einer Art zu offenbaren, an die man nur blind glauben kann, weil logisches, sachliches Denken darin keinen Anhaltspunkt findet? Die tiefer denkende Menschen abstößt und ausschließt, vielleicht sogar in den Atheismus treibt?

Nehmen wir die grundlegende Überzeugung jedes Gottesglaubens einmal wirklich ernst. Gehen wir davon aus, dass die wunderbare Welt, in der wir leben, nicht irgendwie als Spiel des Zufalls entstand, sondern eine Schöpfung ist, dass wir alle – wie jedes lebende Geschöpf – unser Leben also einer Gottheit verdanken. Ziehen wir außerdem an Betracht, dass diese Schöpfung offenkundig klaren Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Wir könnten keinen Schritt vor den anderen setzen, keine Erfindung machen, keine wissenschaftliche Erkenntnis dokumentieren, würde nicht jegliches Geschehen in der Natur bestimmten, unveränderlichen Prinzipien folgen. Liegt es daher nicht nahe, dass auch die überall gültigen Naturgesetze auf einen „Gesetzgeber“ zurückgehen … auf Gott? Und dass deshalb jedes Naturgesetz ein Ausdruck des Gotteswillens ist – unveränderlich, vollkommen, allmächtig?

Gewiss ist dieser Gedanke leicht nachvollziehbar. Aber er führt fast zwangsläufig zu einer ketzerischen Frage: Weshalb sollte der Ausweis für das Göttliche ausgerechnet im Unnatürlichen, Besonderen, Wunderbaren gefunden werden können? Jesus selbst wandte sich klar gegen solche Erwartungen. Als Phärisäer, damals die Hüter der alten jüdischen Glaubenstraditionen, an ihn herantraten und von ihm ein „Zeichen Gottes“ verlangten, auf dass sie an ihn glauben könnten, sagte Jesus seufzend: „Was verlangen diese Menschen ein Zeichen? Wahrlich, ich sage euch: Nie und nimmer wird diesen Menschen ein Zeichen gegeben werden.“ (zitiert nach dem „Ur-Evangelium“, 59, Langen-Müller-Verlag)

Meines Erachtens darf sich von diesem Hinweis jeder Gläubige betroffen fühlen. Nicht die übernatürlichen Besonderheiten oder andere „Zeichen“, die angeblich das Leben Jesu begleiteten, verhelfen zur Gotterkenntnis, sondern vielmehr die einfache Botschaft der Gottes- und Nächstenliebe, die Jesus in seinen Predigten und Gleichnissen vermittelte.

Da in der kirchlichen Tradition jedoch – gutmeinend wahrscheinlich – vorwiegend auf eine Mystifizierung des Lebens Jesu gesetzt wurde und genau diese Glaubensgrundlagen in der heutigen Evangelienforschung fragwürdig geworden sind, erscheint es angebracht, einige Fakten zu den am intensivsten gepflegten Legenden zusammenzufassen. Wie gesagt: nicht um Jesus Christus als Gottessohn in Frage zu stellen, sondern um den Blick für die wahre Bedeutung seiner Mission zu schärfen.

Die Legende von der „Gottesmutter Maria“

Wohl vor allem, um Jesus als Gottessohn durch eine bedeutende weibliche Gestalt noch attraktiver zu machen, wurde seine leibliche Mutter, Maria von Nazareth, im Laufe der Jahrhunderte von der katholischen Kirche mit zunehmend größeren Ehren in Verbindung gebracht; heute wird ihr selbst Göttlichkeit zugesprochen.

Demgegenüber spielte Maria in der Lehre Jesu und auch in den Texten des Neuen Testaments ursprünglich keine zentrale Rolle. Erst im Ökumenischen Konzil des Jahres 431 wurde sie zur „heiligen Jungfrau“ erklärt. Rund 1.000 Jahre später, im Konzil von Trient (1545–1563), sprach man ihr die Sündenfreiheit zu.

1845 floss durch Papst Plus IX. in das katholische Glaubensdogma ein, dass Maria auch „frei von der Erbsünde“ sei. Und im Jahr 1950 verkündete Papst Plus XII., der „Marien‑Papst“ genannt, die Mutter Jesu sei „mit Leib und Seele zur himmlischen Herrlichkeit aufgenommen“ worden. Seit 1954 gilt Maria von Nazareth in der katholischen Kirche offiziell als „Königin des Himmels und der Erde“. –

Nun lässt sich gegen Dogmen bekanntlich schwer argumentieren, umso weniger, als päpstliche Entschlüsse ja als „unfehlbar" gelten können. Bleibt also die Entscheidung, entweder naiv zu glauben, dass den „Stellvertretern Christi auf Erden“ alle Entscheidungen zugunsten Marias auf dem Wege höherer Offenbarungen zufielen, oder davon auszugehen, dass Maria von Nazareth einfach eine begnadete Frau war – dazu auserkoren, ein besonderes Kind zu gebären …

Die Legende von der „jungfräulichen Empfängnis“

Eine weitere Legende betrifft die „jungfräuliche (unbefleckte) Empfängnis“. Dieser Mythos folgt dem dramaturgischen Konzept, dass das besondere Schicksal eines Mannes sich durch außergewöhnliche vorgeburtliche Umstände ankündigen sollte.

Der Evangelist Lukas nennt Maria „Jungfrau“ (Luk. 1, 26–28), und der Verfasser des Matthäus‑Evangeliums berich­tet darüber, dass Joseph, Marias Mann, bei der Kindeszeugung nicht betei­ligt gewesen sei. (Matth. 1, 18–25).

Wiewohl dem „Neuen Testament“ insgesamt über die angeblich va­terlose Geburt Jesu nicht viel zu entnehmen ist, konkretisierte der Kirchenlehrer Ambrosius (340–373) im Jahr 389, dass Maria ihren Sohn Jesus „ohne alle Beimischung männlichen Samens“ empfangen habe. Er nannte zur logischen Untermau­erung dieses Vorganges ein vermeintlich treffendes Beispiel aus dem Tier­reich: Auch bei den Geiern würden „gewisse Weibchen, die keine Gemeinschaft mit den Männchen haben“, Junge ausbrüten … Eine bemerkenswerte historische Anekdote.

Heutige Bibelanalytiker weisen darauf hin, dass in den Texten für den Begriff „Jungfrau“ zwei unterschiedliche Wörter benutzt werden: „betula“ und „alma“. Bei „betula“ liegt der Schwerpunkt – ganz dem geläufi­gen Sinn entsprechend – auf der körperlichen Unberührtheit, während der andere, ebenfalls mit „Jungfrau“ übersetzte hebräische Ausdruck „alma“ sowohl ein junges Mädchen als auch eine junge verheiratete Frau bezeich­nen kann.

Im bekannten Gleichnis von den „klugen und den törichten Jungfrauen“ (Matth. 25, 1–13) wird im Originaltext zum Beispiel das Wort „alma“ verwen­det, da es hier nicht um die körperliche Jungfräulichkeit, sondern um die seelische Reinheit geht, um die innere Wachsamkeit und Empfindungskraft des weiblichen Wesens. Eben dieses Wort „alma“ aber verwendet auch der Prophet Jesaja bei seiner bekannten Verheißung: „Darum wird Euch der Herr selbst ein Zeichen geben. Siehe! Eine Jungfrau ist schwanger, und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Imanuel“ (Jesaja 7, 14)

Es ging in dieser Weissagung demnach um die seelische Jungfräulichkeit, nicht aber um körperliche Unberührtheit. Imanuel könnte also das vierte oder fünfte Kind einer Familie sein; die Prophezeiung über seine Geburt wäre dennoch erfüllt.

Abd‑ru‑shins Werk schreibt in seinem Vortrag „Kult“ (Band 1, „Im Lichte der Wahrheit“): „Unbefleckte Empfängnis ist eine Empfängnis in reinster Liebe, die im Gegensatz steht zu einer Empfängnis in sündiger Lust! Aber keine irdische Geburt ohne Zeugung.“ (Band 1, Vortrag „Kult“)

Es besteht demnach gar keine Notwendigkeit für die Annahme, Maria von Nazareth habe Jesus ohne Zeugung empfangen. Der Begriff „Jungfrau“ kann einfach als Beschreibung für seelische Reinheit aufgefasst werden, allenfalls auch als Hinweis auf die Tatsache, dass eine solche Frau vorher noch nie ein Kind bekommen hat.

Die alte „Panthera‑Fabel“, die zur jüdischen Polemik gegen das frühe Christentum gehörte, bringt zum Ausdruck, dass Maria ein uneheliches Kind geboren habe, dessen leiblicher Vater ein römischer Soldaten gewesen sei.

Wäre es für eine Bewertung der Lauterkeit und Tugendhaftigkeit Marias von Belang, wenn sie ihre aufrichtige Liebe tatsächlich einem Römer geschenkt hätte? Wohl nur dann, wenn Maria ihren Mann Joseph hintergangen und betrogen hätte (ein Vergehen, das damals die Steinigung zur Folge hatte). Doch darauf gibt es keinen Hinweis. Vielmehr hatte es Maria in der jüdischen Gesellschaft wohl schwer genug mit einem unehelichen Kind: Jeder Sohn trug nach dem Gesetz der Namensgebung üblicherweise den Namen des Vaters, und nur wenn dieser unbekannt war, fügte man dem Namen des Kindes den Vornamen der Mutter hinzu. Jesus wurde öffentlich Jeschua ben Mirjam genannt – Sohn Marias: „Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn, der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon?“ (Mark. 6, 3)

Diese Bezeichnung „Marias Sohn“ war wohl auch dazu geeignet, Jesus selbst anzuschwärzen. Vielleicht liegt also in den biblischen Hinweisen auf die „Jungfrau Maria“ auch die Bemühung der Autoren, dem „Herkunftsmakel“ Jesu durch die Beschreibung einer besonders geheimnisvollen Empfängnis entgegenzuwirken. 

Die Legende vom „süßen Jesuskind“

Es ist ein rührendes Bild, das seit Jahrhunderten gepflegt wird: Da liegt das süße Jesuskind im Stall zu Bethlehem, schwach, aber strahlend der Menschheit entgegenlächelnd. Alle Jahre wieder drängen sich die Begebenheiten jener großen Nacht ins Bewusstsein – in stimmungs­vollen Bildern, alt bekannten Liedern und weihnachtlichem Weihrauch­duft.

Dass dieses Schwelgen zwischen Kunst und Kitsch kaum Gedanken an die wirkliche Aufgabe Jesu zulässt, die offenbar im Vermitteln einer Lehre lag, dürfte das geringe­re Übel sein. Ein größeres liegt wohl darin, dass das süßlich‑weiche Herz‑Jesu‑Kindchen-Bild gleichzeitig dessen „göttliche Eigenart“ beschreiben soll: der liebliche, alles vergebende Jesus, der jedem Gläubigen bedingungslos das Himmelreich auftut, der in ewiger Liebe Wunder wirkt und sich schließlich in seiner Verletzlichkeit der bösen Menschheit opfernd hingibt: So wird der Christus des Glaubens noch heute gern gesehen.

Aber zeigte sich Jesus von Nazareth wirklich in dieser Art?

Man braucht in den biblischen Überlieferungen gar nicht besonders tief zu schürfen, um zu sehen, dass am Beginn des Christentums eine Persönlichkeit stand, die nicht schwächlich oder nachgiebig, sondern kompromisslos auftrat, die nicht werbend unter die Menschen trat, sondern fordernd – und die auch eine feuri­ge Sprache führte:

„Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“ (Matth. 10, 34)

„Es werden nicht alle, die zu mir sagen ,Herr! Herr!‘ in das Himmel­reich kommen. Sondern die, die den Willen tun meines Vaters im Himmel!“ (Matth. 7, 21)

„Weh Euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließet vor den Menschen! Ihr gehet nicht hinein, und die hineinwollen, lasset ihr nicht hineingehen!“ (Matth. 23, 13)

Solche Beispiele legen nahe, dass die auffallend weichlichen Züge, die man Jesus gerne andichtet, keine aus den Evangelien herauslesbare Grundlage haben.

Die Legenden von den Wundertaten

„Zeige mir Wunder, und ich will glauben!“ Mehr oder weniger unbeirrbar halten viele Gläu­bige an dem Grundsatz fest, Gott müsse über alle Naturgesetze erhaben sein und sie ohne weiteres außer Kraft setzen können. Nicht bedacht wird dabei, dass ja gerade die Gesetze der Schöpfung als Ausdruck des vollkommenen Gotteswillens gedeutet werden können.

Natürlich ist hier die Frage berechtigt, ob wir Menschen auch nur annhähernd wissen, was im Rahmen dieser Gesetze möglich ist, ob wir in mancher Hinsicht nicht viel zu eng denken, ob uns nicht gerade sogenannte Wunder zeigen, was mit den natürlichen Wirkungsprinzipien alles möglich ist. Beispielsweise wäre unseren Vorfahren das, was heute technisch möglich ist, als Wunder erschienen. Und vor allem stehen wir im Hinblick auf die Möglichkeiten zur Gestaltung unserer persönlichen Wirklichkeit, die in unserem Bewusstsein, in unseren Gedanken und Empfindungen liegen, sicher erst am Anfang der Erkenntnisse.

Denoch ist die Annahme, der Schöpfer könne etwas außerhalb der Naturgesetze, also gegen seinen Willen wollen, logisch betrachtet, ein Unsinn. Die Gotterkenntnis führt nicht über den Pfad des Außergewöhnlichen.

Doch die „Wunder“, die Jesus gewirkt haben soll, beflügelten von jeher die Phantasie gläubiger Menschen: Wenn jemand erhaben über Wasser schreitet, Tote erweckt, Wasser in Wein verwandelt und Brot sich wunderbar vermehren lässt, dann wähnt man in solchen Begebenheiten gern Offenbarungen Gottes.

Merkwürdige Geschichten dieser Art sind auch außerhalb der Texte aufzufinden, die ins Neue Testament Einlass gefunden haben. Vor allem die Kindheitserzählung aus dem Kindheits-Evangelium nach Thomas (diese Überlieferung zählt zu den sogenanten „apokryphen Schriften“) schildert dem staunenden Leser, wie sich bereits der Knabe als über­mütiges Wunderkind zeigte:

„Das Knäblein Jesus, als es fünfjährig geworden war, spielte einst an der Furt eines Baches und leitete die dahinfließenden schmutzigen Wasser seitwärts in Gruben zusammen und machte sie sogleich klar, und zwar durch’s Wort allein gebot er über sie. Und er machte aus Erde und Wasser einen schlammigen Lehmteig und formte daraus zwölf Sperlinge. Und es war Sabbat, als er das tat. Es waren aber noch viele andere Kinder mit ihm zusammen beim Spiel. Es sah aber ein Jude, was Jesus da beim Spielen am Sabbat tat, und ging spornstreichs hin und meldete seinem Vater Joseph: ,Siehe, dein Knäblein steht da am Bach und hat Lehm genommen und zwölf Vöglein draus geformt und mit dieser Arbeit den Sabbat entweiht.‘ Und Joseph kam an den Platz, sah’s und schrie ihn an: ,Warum tust du am Sabbat solche Dinge, die zu tun doch nicht erlaubt ist?‘ Jesus aber klatschte in seine Hände und rief den Sperlingen zu und sagte ihnen: ,Auf! Davon!‘ Und die Sperlinge schlugen mit den Flügeln und machten sich schrei­end davon. Als aber die Juden das sahen, da erschraken sie und gin­gen heim und erzählten ihren Oberen, was sie Jesus hatten tun sehen.“

Es fällt nicht schwer, in solchen Schilderungen die Absicht des Autors zu erkennen, mit besonders Erstaunlichem Aufsehen zu erregen, wobei die Schilderung, das alles habe sich am Sabbat zugetragen, in diesem gezielten Bezug auf alte Glaubensdogmen fast komödiantisch anmutet. Jedenfalls wurde Jesus von Nazareth getrau dem Motto: „Der Zweck heiligt die Mittel“ immer wieder der Nimbus des „Wunderapostels“ zugedacht, um seine Person zu bewerben – meist erfolgreich, wenn man es zum Beispiel als Erfolg werten will, dass das Kindheits‑Evangelium nach Thomas sich großer Beliebtheit erfreut und auch in viele Sprachen übersetzt wurde – allen theologischen Zweifeln zum Trotz.

Aber so vorsichtig man von Seiten der Amtskirchen diesen Erzählungen zur Kindheit des Gottes­sohnes begegnet, so vehement verteidigt man andererseits die Wundertaten des erwachsenen Jesus – und zieht erst in zweiter Linie in Betracht, dass es sich bei einigen überlieferten Schilderungen einfach um Gleichnisse handeln könnte.

So ist es zum Beispiel naheliegend, dass der berühmten „Speisung der Fünftausend“ (Matth. 14, 17–21) keine wunderbare Brotvermehrung im Sinne einer sa­genhaften Vervielfachung von Materie zugrunde liegt. Jesus von Nazareth selbst lehnte es ausdrücklich ab, nur zum Beweis seiner Gottes‑Vollmacht Wunderzeichen zu setzen (Mark. 8, 11–12) und beschrieb das von ihm gebrachte Wort der Wahrheit als das „Brot des Lebens“: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht mehr hungern und wer an mich glaubet, den wird nimmermehr dür­sten.“ (Joh. 6, 35)

In ähnlicher Form lässt sich auch der berühmte Gang über das Wasser interpretieren, der im „Ur-Evangelium“ (52) wie folgt beschrieben ist:

„Jesu Schüler waren mitten auf dem See Gennesaret. Es war Nacht. Und sie waren von den Wellen bedrängt. Da, frühmorgens, sahen sie Jesus über das Wasser dahinschreiten. Sie entsetzten sich. Sie meinten, es sei ein Gespenst und schrieb vor Angst auf.

Jesus aber sagte zu ihnen: ,Habt keine Angst. Ich bin es.‘

Und Petrus antwortete ihm: ,Wenn du es bist, so befiehl mir, mit auf dem Wasser zu dir zu kommen.‘ Und Jesus sagte: ,Komm!‘

Petrus stieg aus dem Boot und ging über das Wasser, Jesus entgegen. Da bekam er plötzlich Angst vor dem Sturmwind. Er begann zu sinken und schrie: ,Herr, rette mich!‘

Jesus streckte ihm seine Hand entgegen, packte ihn und sagte: ,Wie klein ist dein Vertrauen! Wie lange noch zweifelst du!‘“

Dieses Kapitel hat im „Ur-Evangelium“ die Überschrift: „Das Wichtigste: Vertrauen“ – und vor diesem Hintergrund lässt sich die Begebenheit – vermutlich handelte es sich um einen Traum des Petrus – sehr leicht als Gleichnis begreifen: Wer wirklich an eine Sache glaubt, kann auch das scheinbar Unmögliche überwinden. Zweifel dagegen machen unsicher, lassen den Halt verlieren und führen zum Untergang.

Abgesehen vom sinnbildhaften Charakter vieler biblischer Erzählungen darf ein gläubiger Mensch, der ein idealistisches Weltbild pflegt und davon ausgeht, dass Jesus Christus wirklich Sohn Gottes war, natürlich auch annehmen, dass durch die besondere Kraft und Befähigung Jesu auch außergewöhnliche Krankenheilungen möglich waren, die als wunderbar erscheinen mussten, auch wenn dadurch nicht wirklich Schöpfungsgesetze außer Kraft gesetzt wurden.

Die Legende vom Opfertod und der Sündenvergebung

Gefragt, worin denn die zentrale Bedeutung des Wirkens Jesu zu erken­nen sei, würde die Mehrzahl der Christen einem konfessionell unge­bildeten Laien wahrscheinlich die Standard‑Frohbotschaft verkünden: Durch das Kommen des Gottessohnes wurden der Menschheit die Sünden vergeben!

Jesus als Retter und Erlöser, der stellvertretend für die Menschen am Kreuz gestorben ist – diese Vorstellung gehört bis heute zu den zentralen christlichen „Glaubenswahrheiten“. Man nimmt allen Ernstes an, dass ein weiser Gott seinen eingeborenen Sohn, also einen Teil sei­ner selbst, zur Erde sendet, damit dieser sich foltern und ermorden lässt – und geht davon aus, dass just infolge dieser Schandtaten ein neuer Bund zwischen Gott und der Menschheit begründet worden sei. Schließlich wird noch gelehrt, man brauche an diese Mission Jesu nur zu glauben, um sich seines Seelenheils sicher zu sein.

Unglaublich? In der Tat kann man sich kaum etwas Widersprüchlicheres vorstellen als den christlichen Gedanken vom stellvertretenden Opfertod. Wenn das Leiden und Sterben Jesu gottgewollt und notwendig war, wenn der Schöpfer das grauenvolle Martyrium seines Sohnes tatsächlich wollte (wäh­rend er kraft seiner „Allmacht“, wie die Kirche sie sieht, eine Erlösung doch sicher auch ohne weiteres anders hätte bewerkstelligen können) – was feiern wir dann zu Weihnachten eigentlich? Welches zweifelhafte Gottesgeschenk erhielt die Menschheit mit der Geburt Jesu? Einen Körper, den sie in unmenschlichster Art martern und töten sollte, wobei alle direkt an der Kreuzigung Beteiligten als notwendige Erfüllungsgehilfen des „göttlichen Erlösungsplanes“ erscheinen müssen?

Wer eingehender erforscht, worauf sich die Legenden vom Opfertod und von der Sündenvergebung gründen, findet in den Lehren Jesu dafür keinen Anhaltspunkt. Denn die Selbstzeugnisse des Gottessohnes weisen ausschließlich darauf hin, dass es ihm um seine Botschaft ging:

„Ich bin dazu geboren und in die Welt kommen, daß ich die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme.“ (Joh. 18, 37)

„Ich bin kommen in die Welt als ein Licht, auf daß wer an mich glau­bet, nicht in Finsternis bleibe.“ (Joh. 12, 46)

„Ich bin kommen, daß ich ein Feuer anzünde auf Erden. Was wollt’ ich lieber, denn es brennete schon?“ (Luk. 12, 49)

Das Feuer seines Wortes wurde nach dem Abscheiden Jesu vor allem durch Paulus zu jenem Flächenbrand, der eine kleine jüdische Sekte letztlich zur Weltreligion werden ließ. Der belesene Apostel mutierte bekanntlich vom leidenschaftlichen Verfechter des altehrwürdigen jüdischen Gesetzes zum Missionar. Allerdings trug Paulus, der Jesus selbst nie begegnet war, wahrscheinlich auch zu jener fragwürdigen Prägung des späteren (und heutigen) Christentums bei, das sich bei näherem Hinsehen so widersprüchlich dar­stellt. Auf seine Briefe an die christlichen Gemeinden in Rom und Korninth – es handelt sich dabei um die frühesten Zeugnisse christlichen Glaubens, wenngleich Teile dieser Briefe doch nicht Paulus zuzuschreiben sein dürften – geht die Lehre vom Opfertod, der Auferstehung Jesu und der allgemeinen Sünden­vergebung zurück (vgl. Röm. 5, 8–10). In den Paulus-Briefen ist auch zu lesen, der Mensch könne „allein durch den Glauben“ selig werden. (Röm. 3, 28)

Indes künden die Worte Jesu nichts dergelichen. Er forderte viel mehr als bloßen Glauben, nämlich eine entschlossene und kompromisslose Neuorientierung im Leben:

„Wer mir nachfolgen will, entsage sich selbst und bekenne sich bedingungslos zu Gott.

Was nützt es dem Menschen, die ganze Welt zu besitzen, wenn er stirbt? Oder kann er sich damit vom Tod loskaufen?

Wer sich nicht von allem löst, was er hat, kann nicht mein Schüler sein.

Wenn einer zu mir kommt und nicht Vater und Motter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern und sich selbst hintansetzt, kann er nicht mein Schüler sein.

Wer seine Hand an den Pflug legt und zurückschaut, taugt nicht für das Gottesreich.“ („Das Ur-Evangelium“ 62, „Die Nachfolge Jesu“)

Die Legenden von Auferstehung und Himmelfahrt

Natürlich wird kaum ein heutiger Christ zwischen „pau­linisch“ und „christlich“ unterscheiden wollen, wenn ihm die Bibel ins­gesamt als das „Wort Gottes“ gilt. Und ebensowenig dürfte es ihm in den Sinn kommen, an einer anderen Grundfeste seines Glaubens zu rütteln: der Legende von der leibli­chen Auferstehung und „Himmelfahrt Christi“.

Aber auch darin spiegelt sich ziemlich offensichtlich die menschliche Idee von einem wunderwirkenden Gott. Außerdem dürfte nach dem historischen Drama um die brutale Ermordung des ungeliebten Wahrheitsbringers auch die Sehnsucht nach dem Triumph des Guten eine mächtige Triebfeder für die Legendenbildung gewesen sein. Wenn Jesus schon nicht das begehrte Schauspiel göttlicher Allmacht geboten hatte, vom Kreuz herabzusteigen, so sollte den Gläubigen wenigstens die Genug­tuung bleiben, dass ihr Meister leibhaftig von den Toten auferstanden und in den Himmel aufgefahren ist …

Es war wohl nicht wirklich so.

Lässt man dramaturgische Wün­sche beiseite, die den Auferstehungsglauben wahrscheinlich inspiriert haben, so beschreiben die biblischen Schriften, nüchtern betrachtet, zweierlei: Erstens, dass das Grab Jesu nach dessen Tod am Kreuz leer angetroffen wurde (vgl. Joh. 20, 1–8), und zweitens, dass es in der Folge eine Reihe äußerst merkwürdiger Begegnungen mit dem Gottessohn gab.

Für das leere Grab lässt sich unschwer eine Erklärung finden – zum Beispiel die, dass einige Getreue den Leichnam ihres Herrn heimlich in Sicherheit brachten, um ihn vor Übergriffen zu schützen. Was aber ist mit den Begegnungen?

Die zur sogenannten Auferstehung überlieferten Texte beinhalten einige Auffälligkeiten, die den Schluss zulassen, dass Jesus von seinen Getreuen gar nicht wirklich gesehen, sondern – in der Gestalt seines Seelenkörpers – geschaut wurde. Für diese Annahme sprechen – einmal abgesehen davon, dass die körperliche Auferstehung eines Toten nach den Naturgesetzen schlicht und einfach nicht möglich ist – folgende Überlegungen:

- Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Jesus sich nach seinem Tod am Kreuz auch außerhalb seines vertrauten Kreises zeigte oder gar seine Lehrtätigkeit wiederaufnahm. Wäre eine leib­liche Auferstehung tatsächlich als letzter Beweis für die göttliche Mission Jesu vorgesehen gewesen, so hätten doch mög­lichst viele Menschen den vermeintlich Gekreuzigten sehen oder erleben müssen. Doch waren es im Laufe von 40 Tagen nur einige wenige Momente, in denen der Gottessohn einer kleinen Schar sichtbar wurde – jenen Menschen, die ihm innerlich eng verbunden waren, was die Voraussetzung für ein „inneres“ Schauen ist.

- Dass es um ein solches Schauen ging, verdeutlicht auch eine Textstelle im Lukas‑Evangelium: „Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn.“ (Luk. 24, 31)

Da nicht anzuehmen ist, dass alle Jünger zu diesem Zeitpunkt geschlafen hatten, konnte es sich wohl nur um die inneren Augen handeln, die ihnen da „geöffnet“ wurden.

- Zum gleichen Schluss führt ein weiteres Zitat, in dem beschrieben ist, wie Jesus durch eine verschlossene Türe trat – was mit einem physi­schen Körper unmöglich wäre: „Am Abend aber selbigen Sabbats, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten ein und spricht zu ihnen: Friede sei mit Euch!“ (Joh. 20, 19)

Im übrigen fällt in den diesbezüglichen Texten auf, wie sehr Jesus darum bemüht war, seiner ungläubig staunenden Gefolgschaft zu verdeutlichen, dass es sich wirklich um ihn handelte und sie nicht etwa irgendein geisterhaftes Trugbild vor sich sahen (vgl. Luk. 24, 39).

Wer also anzuerkennen bereit ist, dass die Schöpfung nicht allein aus der physisch sichtbaren Welt besteht – und das tut im Grunde jeder Mensch, der von der Existenz einer unsichtbaren, schaffenden, höheren Macht überzeugt ist –, und wer weiter davon ausgeht, dass es eine von der grob­stofflichen Körperhülle unabhängige Seele gibt, die nach dem irdischen Tod weiterlebt, der sollte mit der Erklärung, dass Jesu Auferstehung ein feinstoffliches Ereignis war, zumindest keine unüberwindbaren Probleme haben.

Dasselbe gilt sinngemäß für die „Himmelfahrt“. Man lasse auch hier von der naiven Vorstellung ab, dass der Erdenkörper des Gottessohnes plötzlich abgehoben und über die Wolken entschwunden sei. Ebenso wie der Himmel im metaphysischen Sinn nicht das luftige Blau über allem ist, sondern eine für sich bestehende, unstoffliche, ewige Welt, so beschreibt auch die Himmelfahrt ein geistiges Ereignis, das jedenfalls mit einem Außerkraftsetzen physikalischer Gesetzmäßigkeiten nichts zu tun hat.

Auch Paulus dürfte ursprünglich nicht die leibliche Auferstehung Jesu verkündet haben. Er meinte ebenfalls, wie der Historiker Elmar R. Gruber in seiner „Entschlüsselung des Ur-Evangeliums“ formuliert, „ein überirdisches Geschehen“ – und zwar schon aus politischen Gründen. Demnach versuchte Paulus mit seiner Auferstehungslehre, „die revolutionäre Gesinnung unter den Juden, die ganz auf einen Sieg und eine Heilszeit im Dieseits ausgerichtet war, auf eine geistige Ebene zu verlagern. Auf diese Weise, so hoffte er, ließe sich eine aussichtslose Konfrontation mit Rom vermeiden und zudem eine Religion formen, die vielen verständlich sein würde“. („Das Ur-Evangelium“, Langen Müller Verlag)

Eine „physische Interpretation“ von Auferstehung und Himmelfahrt würde indes viele Fragen aufwerfen – und unbeantwortet lassen: Wenn es Jesus tatsächlich möglich gewesen sein sollte, seinen brutal ermordeten Erdenkörper aus sich heraus wiederzubeleben, warum stieg er aus dieser Kraft dann tatsächlich nicht einfach schon vorher vom Kreuz herab? Wenn er leiblich in den Himmel fuhr, warum kam er nicht auch auf diesem Weg zur Erde herab? Weshalb die Mühen einer Menschwerdung?

Im Hintergrund solcher Fragwürdigkeiten steht eine gedankliche Inkonsequenz, die viele gläubige Menschen leitet: Einerseits soll die Gottheit natürlich und nahbar erscheinen, weil es sonst gar nicht möglich wäre, an sie zu glauben und Vertrauen zu ihr zu fassen; andererseits aber soll sie nach Belie­ben und im Grunde unberechenbar alles Natürliche außer Kraft setzen können. Hier das sich normal entwickelnde „Gotteskind“, welches seiner „Gottesmutter“ bedarf; dort der durch geschlossene Türen schreitende und in die Lüfte entschwebende Zauberkünstler … beide Vorstellungen lassen sich nicht wirklich in Einklang bringen.

Deshalb liegt die Annahme nahe, dass Gott nur innerhalb seiner Gesetze wirkt. Würde sich seine Allmacht tatsächlich als eine Willkür zei­gen, die lohnend oder bestrafend, fördernd oder vernichtend ins Weltgeschehen eingreift, um Zeugnis für sein göttliches Wirken abzulegen oder den in Gebeten vorgebrachten Bitten zu entsprechen, dann wäre zweifellos ein furchtbares Durcheinander die Folge. Vor allem aber müsste ein gütiger Gott doch unentwegt ins Weltgeschehen hinein wirken, um Böses zu verhindern und Gutes zu fördern. Das geschieht jedoch offenkundig nicht, und im Grunde wäre eine solche stetig nachbessernde Willkür auch alles andere als göttlich.

Die allgültigen Gesetze der Schöpfung, die den Willen Gottes tragen, regulieren jegliches Geschehen von selbst – nicht immer im Einklang mit den Vorstellungen von uns Menschen, aber immer zuverlässig: Darin liegt meines Erachtens ein viel ansprechenderes, erhabeneres Gottesbild als in der Vorstellung von einem willkürlich ins Schicksal hinein fassenden Schöpfer – ein Bild, das sich auch mit der Mission Jesu ohne weiteres vereinbaren lässt: eine einzigartige Lehre der Gottes- und Nächstenliebe zu vermitteln, die die Jahrtausende nicht ohne Grund überdauern konnte.