Das große Rätsel „Ich“

Was macht einen Menschen zum Individuum? Warum gibt es so etwas wie ein „Ich“? Wie entsteht das, was man als „Persönlichkeit“ bezeichnet? Diese Fragen haben eines gemeinsam: Sie lassen sich in einer materialistisch orientierten Weltauffassung nicht befriedigend beantworten. Denn wäre der Mensch nur sein äußerer Körper – wie könnte jemals so etwas wie eine Innenwelt entstehen? Beweisen unsere Empfindungen, Gedanken, Gefühle, beweist unsere Erlebnisfähigkeit nicht die Existenz des Immateriellen? Das „Ich“ bleibt ein großes Rätsel, solange man seinen Ursprung in Körper bzw. Gehirnfunktionen sucht. Jedoch ist dieses Rätsel, wie der folgende Beitrag zeigt, durchaus lösbar, sobald nicht-materielle Bereiche des Seins mit in Betracht gezogen werden.

Vielleicht kennen Sie sich selbst aus „verträumten“ Momenten als stillen Beobachter der Welt: Man befindet sich irgendwo am Rande einer angeregt schwatzenden Menschenmenge, beispielsweise in einem Gasthaus, sieht und hört den mit Feuereifer geführten Diskussionen zu, erlebt sich selbst aber als deutlich vom Geschehen abgetrenntes „Etwas“ – als bewusstes Ich, das staunend beobachtet, was um es herum geschieht, das aber auch um seine eigene Erlebnisfähigkeit, um sein eigenes Wissen weiß. Kurz: man denkt in solchen Momenten über die ebenso existentielle wie für den Verstand schwindelerregende Tatsache nach, dass der Mensch sich seiner selbst bewusst sein kann, dass er selbst ein „Ich“ ist ...

Woher stammt dieses Bewusstsein? Woher kommt das unbegreifliche „Etwas“, das uns die Welt – und auch uns selbst – erleben lässt? Das Ich, das sich einerseits Tag für Tag zu verändern scheint – und andererseits in seinem bemerkenswerten Eigenleben doch unberührt verbleibt von den Wachstums- und Alterungsprozessen des Körpers?

Vielleicht erinnern Sie sich auch an Situationen in Ihrem Leben, in denen Sie sich noch weiter aus den Alltagsgegebenheiten herausgehoben gefühlt und ihr eigenes „Ich“ dabei noch tiefer erlebt haben als in Momenten gedanklicher Selbstbesinnung. Mit „herausgehoben“ meine ich dabei keinen ins Weltfremde entrückten oder in spirituellen Fanatismus verstiegenen Zustand, keine Irritation durch besondere emotionale Erlebnisse und auch keinen Sinnenrausch, wie er sich kurzfristig einstellen mag, wenn man dem Trieb- und Lustprinzip keine Grenze setzt. Nein, herausgehobenin einer ganz unspektakulären, doch um so bewussteren Art und Weise: die Gedanken ... in einfachen, klaren Bahnen; die Gefühle ... in ruhiger, gesunder Harmonie; die Empfindungen ... ja, der wunderschöne, leider schon fast vergessene Begriff drückt es treffend aus: rein!

Wahrscheinlich erlebt jeder Mensch Momente oder Zeitspannen, die ihn die Tiefe seiner selbst erfahren oder doch wenigstens erahnen lassen, die Tatsache also, dass da jenseits des „kleinen Alltags-Egos“ etwas Umfassenderes ist; glückliche Augenblicke der Verinnerlichung, ihm die Gewißheit schenkend, einer unergründlichen Quelle stiller, erhabener Kraft verbunden zu sein, einem lebensdurchpulsten, friedvollen, heimatlichen Urgrund des Ichs.

Die meisten solcher Erfahrungen aus einem erfrischenden seelischen Durchatmen verklingen rasch im betäubenden Lärm der Außenwelt, und für viele mag davon nichts weiter zurückbleiben als ein kleiner Lichtblick in der Lebenserinnerung, ein Sehnsuchtsfünkchen, das dann und wann das Gemüt durchglüht, über das man sich im Regelfall jedoch in Schweigen hüllt, denn derlei Themen sind allgemein nur sehr beschränkt gesellschaftstauglich. Zu leicht werden sie als romantische Wallung, wenn nicht gar als Krankheitsbild mißdeutet.

Beides jedoch – das Über-sich-selbst-Nachdenken wie auch das Bei-sich-selbst-Sein – sind ganz natürliche Regungen unserer lebendigen Innenwelt. Wir Menschen können ja nicht nur über uns selbst nachdenken. Was uns vor allem auszeichnet, ist die unsagbar beglückende Fähigkeit, das Dasein bewusst zu erleben: die treue Liebe eines Mitmenschen beispielsweise, die anrührenden Schönheiten der Natur, das Empfinden einer tiefen Geborgenheit im Schöpfungsganzen ...

Unsere Erlebnisfähigkeit macht das Leben so lebenswert, und ihr ist auch das menschliche Ich bzw. unser Bewusstsein untrennbar verbunden. Sie zu verlieren, also als bewusste Persönlichkeit nicht mehr zu sein – in diesem Gedanken wurzelt die Todesangst des Menschen; ihn fürchtet, verdrängt, tabuisiert man.

Die Frage nach dem Ursprung des menschlichen Ichs bzw. unseres Bewusstseins führt also geradewegs zur tiefsten Existenzfrage überhaupt: Leben wir als Persönlichkeit, lebt dieses bewusste Ich nach dem körperlichen Tod weiter? Und wie entstand es? Woher kommen wir – geistig betrachtet?

Heute befassen sich unterschiedlichste Denkrichtungen mit dem großen Rätsel „Ich“. Es gibt philosophische, religiöse, psychoanalytische oder esoterische Ansätze, die Erklärungen zum bewussten Wesenskern des Menschen bieten. Doch sie alle lassen sich nicht nur schwer miteinander in Einklang bringen, sondern befriedigen auch nicht wirklich.

In der etablierten Wissenschaft, aber auch in der Philosophie neigt man seit geraumer Zeit dazu, das Ich als etwas „Materielles“ zu definieren, das schlicht und einfach auf Gehirnfunktionen zurückzuführen ist. Auch alle menschlich-ideellen Werte wären demnach nur Phänomene, die aus der Tätigkeit der grauen Zellen unter unserer Schädeldecke resultieren. Ein Bewusstsein ohne physischen Körper bzw. eine nichtstoffliche Seele gibt es aus dieser Sicht nicht, selbst unsere spirituelle Sehnsucht wäre stofflich bedingt.

Als „Stand des Wissens“ gilt zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Etwa in der gleichen Funktionalität, wie die Niere Urin produziert, sorgt „ein Gehirnlappen, der auch die Epilepsie erzeugt“, für religiöse Gedanken. (1)

Dieser ebenso unmenschlichen wie gottlosen Sichtweise können religiöse und esoterische Betrachtungsweisen im allgemeinen nur wenig entgegensetzen. Denn deren Erklärungsansätze zu einem nichtstofflichen Wesenskern des Menschen, also einer Seele als „Sitz des Ichs“, bewegen sich meist nur im subjektiv-unscharfen Bereich des Glaubens. Und so wird unsere bewusstseins- und erlebnisfähige Innenwelt nicht als das erkannt, was sie eigentlich ist: der im Grunde überzeugendste und unmittelbarste Hinweis auf nichtphysische Wirklichkeiten ...

Die Grenzen großer Denker

In der Frage nach dem Ich des Menschen stießen auch die größten Denker in unserer Geistesgeschichte an ihre Grenzen. Wohl erkannten sie Einzelaspekte dessen, was unser Bewusstsein bzw. unsere Persönlichkeit ausmacht, aber sie fanden keine umfassenden Antworten.

Berühmt geworden ist zum Beispiel ein Kernsatz aus der Lehre des französischen Philosophen René Descartes (1556-1650): „Cogito, ergo sum“ (dt.: Ich denke, also bin ich). Damit beschrieb er das menschliche Denkvermögen als unbestreitbarstes Zeugnis für die Existenz des Ichs.

Aber kann man die Tatsache, dass wir denken können, wirklich als den wichtigsten Beleg für unser bewusstes Leben gelten lassen? Was wäre dann mit unseren Gefühlen und Empfindungen? Ist nicht die Erlebnisfähigkeit das für unser Menschsein Wesentliche? Außerdem: Beweist unser Denkvermögen wirklich schon die Existenz des Ichs? Können heute nicht auch Maschinen schon schlußfolgern, kombinieren, entscheiden – ohne dass sie dabei auch nur ansatzweise Bewusstsein entwickeln? Beschreibt der Begriff „Ich“ nicht etwas ungleich Lebendigeres, das verstandesmäßig letztlich gar nicht faßbar ist?

Ein Jahrhundert nach Descartes kam David Hume (1711-1776), ein schottischer Philosoph, dieser Gegebenheit auf die Spur. Er meinte, dass unser Ich überhaupt nichts klar Abgegrenztes sei, sondern sich aus vielfältigen Einzeleindrücken zusammensetze, dass es sich dabei um ein „Bündel verschiedener Bewusstseinsinhalte“ handle, die „beständig in Fluß und Bewegung“ seien, nicht aber um etwas Feststehendes, Unveränderliches.

Und ist es nicht wirklich so, dass alles in uns sich ständig wandelt? Heute machen wir Fehler, morgen sind wir durch Erfahrung klüger, übermorgen stolpern wir in ein ähnliches Vergehen wie heute, lernen abermals daraus und ... gewinnen irgendwann den nötigen Weitblick. Heute reagieren wir anders als gestern, unsere Ziele und Vorlieben ändern sich, unser Temperament, das Verhalten anderen gegenüber, der Bezug zum eigenen Körper – alles ist in stetem Fluss. Kann man angesichts dessen also von einem klar abgegrenzten Ich sprechen, das sich als Fels in der Brandung erweist?

„Angesichts dessen“, also von außen betrachtet, muß die Antwort tatsächlich lauten: nein. Es gibt in unserem Menschsein nichts, das als unveränderlich beschreibbar wäre. Und doch erleben wir in uns genau das Gegenteil, nämlich ein klares, stetiges Ich. Denn wir können, wie gesagt, „bei uns selbst“ sein – und dieses Selbst sind immer wieder wir. Unser Ich mag verändert und geprägt werden durch die vielfältigen Lebenserfahrungen, doch immer bleibt es ein und dasselbe vertraute Ich. Es reift, es wird – eben wie ein Fels in den Stürmen der See – abgeschliffen und geformt durch seine Erlebnisse, aber es bleibt dabei stets das Ich, dieselbe willensfähige, bewusste Persönlichkeit.

In unserem Erleben erfahren wir uns also als Einheit, als klares Subjekt – aber es gibt offenbar keine Möglichkeit, diese Ich-Erfahrung verstandesmäßig zu analysieren. Die großen Philosophen, Bewusstseinsforscher und Vordenker sind an den Fragen „Wer und warum bin ich? Und wie kann ich sicher sein, dass ich bin?“ einfach deshalb gescheitert, weil das „Rätsel Ich“ auf der Ebene des Verstandes gar nicht zu lösen ist.

Als Produkt des Gehirnes stellt unser Verstand zweifelsfrei etwas Körperverbundenes dar. Doch er ist nur ein Werkzeug, das benutzt wird. Wir denken mit Hilfe des Verstandes über etwas nach, wir können „bei Verstand sein“ (oder auch nicht), wir konzentrieren uns auf etwas usw. Die „Bewusstseinsleistungen“ liegen im Ich - das seinerseits also lenkend über dem Verstand steht. „Über dem Verstand“ bedeutet aber: Es handelt sich bei dem Ich des Menschen um etwas Nichtphysisches, Immaterielles!

Mystische Selbsterfahrung

Dieser Gedanke, dass unser bewusster Wesenskern etwas Überirdisches ist, mag vorerst nach Mystik klingen, einer Form des religiösen Lebens, die durch Versenkung zur „Einheit mit der Weltseele“ führen will. Mystiker sind, vereinfacht gesagt, der Meinung, dass jeder Mensch, sofern er seinen Weg der Läuterung und Reinigung geht, also eine schlichte Lebensweise und/oder meditative Übungen pflegt, einst aufgehen werde in der „Allnatur“, sich in Gott „verlieren“ werde, sein kleines, persönliches Ich zugunsten eines umfassenden „All-Bewusstseins“ ablegen könne.

Solche Formulierungen lassen natürlich aufhorchen, weil sie unserer Sehnsucht nach Entwicklung und Bewusstwerdung Raum geben und vielleicht auch als Einladung zu entrücktem Schwelgen willkommen sind. Allerdings enden sie manchmal in einem Graubereich, weil beispielsweise unklar bleibt, inwiefern eine in jeder Hinsicht abhängige Kreatur wirklich mit dem allein Unabhängigen gleichzusetzen ist. Also bewegt sich die Mystik oft auf dem Parkett subjektiver Interpretationen – etwa in der Anschauung, dass der Schöpfer überall anwesend, also tatsächlich in der Welt zugegen sei (2) – oder, weitergedacht, dass er nur hier in der Welt – und sonst nirgendwo – existiere.

Allerdings bauen mystischen Vorstellungen auf einer sehr realen Gegebenheit auf, die bereits Erwähnung fand: Jeder Mensch kann ja tatsächlich erleben, dass sein eigentliches „Ich“ ungleich erhabener ist als die egozentrische Alltagspersönlichkeit; dass sein Inneres kaum zu begreifende Dimensionen umfasst; dass da also tatsächlich mehr in uns ist ...

Aber was ist dieses „Mehr“ nun wirklich, das sich der verstandesmäßigen Analyse so nachhaltig entzieht?

Was analysiert die Psychoanalyse?

Es sieht so aus, als würde sich unser Wissen in dieser Frage von der einfachen Wahrheit immer weiter entfernen.

Im 17. Jahrhundert ging René Descartes noch in aller Selbstverständlichkeit davon aus, dass der Mensch nicht nur der stoffliche Körper ist, sondern als Gesamtheit der materiellen Physis und einer immateriellen Seele betrachtet werden muss, wobei er das Bewusstsein als eine „Eigenschaft der Seele“ (3) definierte. Auch die Existenz Gottes als Urbild der Vollkommenheit und Erschaffer der menschlichen Seele war für ihn eine gegebene Tatsache.

Doch die Zeiten änderten sich, und neue, oft fragwürdige Einsichten prägten neue Weltbilder. Der (von Descartes ja mitbegründete) Materialismus und der durchschlagende Erfolg der Naturwissenschaften führten nach und nach zu einer immer tiefer greifenden Skepsis gegenüber religiösen Vorstellungen. Leider, denn das berechtigte Streben des Menschen, sich über ein blindgläubiges Zur-Kenntnis-Nehmen konfessioneller Dogmen hinauszuentwickeln und die Wahrheit weniger in hundertfach interpretierten Überlieferungen als einfach in den Gesetzen der Natur zu erkennen, hätte ebensogut dazu führen können, dass die Wissenschaft sich als spiritueller Wegweiser etabliert.

So aber begann die sachliche, auf das Materielle beschränkte Logik der Naturwissenschaft ein immer ausufernderes Eigenleben zu führen, dem die Kirchen zuerst mit Feuer und Schwert gegenübertraten und später nichts Sinnvoll-Ideelles entgegenzusetzen hatten. Sie steckten (und stecken) in ihren Traditionen und fragwürdigen Wahrheitsinterpretationen fest. Die sachlich-kühle Wissenschaftlichkeit aber, die zu nichtmateriellen Wirklichkeiten zunehmend auf Distanz ging, trat ihren Siegeszug an: Bald galt sie nicht nur als kompetent für die Beantwortung aller großen Fragen zur physischen Außenwelt – von der Entstehung des Universums bis zu den Geheimnissen des Mikrokosmos –, sondern sie eroberte sich auch ihre „Zuständigkeit“ für die seelische Innenwelt. Alles, was untrennbar zum Ich des Menschen gehört, wollte man nun ebenfalls als eine „Sache“ deuten beziehungsweise behandeln.

Als ein Vater dieses Leitgedankens darf der Erfinder der sogenannten Psychoanalyse (= „Seelen-Zergliederung“), Sigmund Freud (1856-1939), genannt werden, dessen Bestreben es war, die „Maschine Menschenseele“ durch die Klärung von Zusammenhängen durchschau- und handhabbar zu machen. Durch seine Beobachtungen kam der Wiener Arzt dabei zum – grundsätzlich ja durchaus zutreffenden – Schluss, dass unser Bewusstsein jedenfalls vielschichtiger ist als jede eindimensionale Vorstellung vom „Ich“.

Freuds Lehre zufolge ist jeder Mensch, wenn er auf die Welt kommt und unreflektiert nur seinen momentanen Trieben und Lüsten folgt, vorerst einmal ein Es. Dieses „Es“ bleibt uns ein Leben lang erhalten. Nach und nach aber lernen wir, uns unter Kontrolle zu halten und unserer Umgebung angepaßt zu leben. Das „Lustprinzip“ wird demnach irgendwann mit dem „Realitätsprinzip“ in Übereinstimmung gebracht. Und diese Abstimmung, diese Regulation übernimmt das inzwischen „aufgebaute“ Ich. Außerdem wollte Freud auf Grund der moralischen Erwartungen in der Gesellschaft noch ein kontrollierendes Über-Ich erkennen, das man mit dem Begriff „Gewissen“ assoziieren kann.

Kurz und gut: Auch aus der gewiß nicht esoterisch-abgehobenen, sondern dem Materialismus verpflichteten Lehre Freuds wird deutlich, dass sich unsere Innenwelt aus dem Zusammenwirken unterschiedlicher Einflussbereiche ergibt, dass da also tatsächlich mehr „Land“ in uns zu entdecken ist als das vertraute (?) Tagbewußtsein. Mit dem Gedanken an eine – gar unsterbliche – Seele beschäftigt sich diese Lehre allerdings nicht. Klarer gesagt: Die Frage nach dem Wesen dessen, was die Psychoanalyse analysiert, bleibt ausgeklammert.

Als wahrscheinlich gilt heute die Annahme, dass es sich bei allem Psychischen nur um ein spezielles Zusammenwirken der berühmten grauen Zellen handelt, und die Hoffnungen der Wissenschaft, durch das zunehmende Verständnis der Hirnaktivitäten auch einen Zugang zum menschlichen Ich gefunden zu haben, sind noch längst nicht ausgeträumt. Im Gegenteil: Man forscht in dieser Richtung emsig weiter und schiebt unzufriedene (innere) Stimmen, die zum Ausdruck bringen, dass die Natur des Menschseins ja wohl noch andere Dimensionen umfaßt als nur die physisch-körperliche, ins Reich des Glaubens ab.

Die Zeit muß erst kommen, in der sich erweisen wird, dass es ein viel haltloserer Glaube war, das Wesen des Ichs materialistisch definieren zu können.

Forschungen am Gehirn

Gerade dieser Weg wird aber heute von Gehirn- und Bewusstseinsforschern mit großer Vehemenz beschritten. Zu ihnen gehört beispielsweise der Philosoph und Maschinenkonstrukteur Daniel C. Dennett, der seine materielle Gesinnung klipp und klar zum Ausdruck bringt, wenn er behauptet, dass wir Menschen nichts anderes seien als intelligente Maschinen, und zur Frage nach der Seele in uns meint: „Ja, wir haben eine Seele, aber sie besteht aus lauter winzigen Robotern!“ (4)

Spirituell orientierte Menschen mögen sich über solche Ansichten empören. Jedoch können wir davon ausgehen, dass keine üble Gesinnung Forscher zu solchen Äußerungen verleitet. Sie sind vielmehr die logische Folge falscher Grundannahmen.

Zum Beispiel geht man davon aus, dass Bewusstsein sich durch äußere Merkmale beschreiben läßt. Auf der Basis dieser Annahme werden sodann „Bewusstseinstests“ wie zum Beispiel der sogenannte „Turingtest“ für Computerprogramme entwickelt. Dabei wird, vereinfacht ausgedrückt, untersucht, inwieweit eine Software dazu in der Lage ist, das Verhalten eines Menschen nachzuahmen. Wenn man mit einem Computer kommuniziert und dabei auf Grund seiner Reaktionen nicht mehr erkennen kann, dass man eine Maschine vor sich hat, so hat das Programm den Test bestanden. Mit anderen Worten: man schreibt dem Computer „Bewusstsein“ zu, nur weil er dazu in der Lage ist, rein rechnerisch Informationen zu verarbeiten.

Darüber hinaus scheinen Forschungen am Gehirn zu bestätigen, dass das Ich-Bewusstsein „machbar“ ist. Zum Beispiel gibt es Untersuchungen an sogenannten Split-Brain-Patienten (5), in deren Kopf die Verbindung zwischen der bildorientierten rechten und der sprachorientierten linken Großhirnhälfte getrennt ist. Der Neurobiologe Franz Mechsner über Experimente mit solchen Personen:

„Zeigt man der wenig sprachbegabten rechten Hemisphäre ein obszönes Bild, beginnt der Patient vielleicht zu grinsen. Gefragt, warum er grinse, gibt er jedoch nicht den wahren Grund an, sondern sagt etwas wie: ,Ihr Hemd sitzt so komisch’. Die sprachbegabte linke Hemisphäre, die wegen der gekappten Verbindung zur rechten nichts von dem Bild weiß, fabuliert sich einfach eine Geschichte zurecht.“ (6)

Aus derlei Beobachtungen zieht man nun den weitreichenden Schluss, dass ein chirurgischer Schnitt genüge, damit plötzlich zwei „Personen“ in einem Schädel sitzen: Die eine grinst, weil ihr das Bild gezeigt wurde, die andere „merkt, dass gelacht wird und bildet sich in bestem Glauben einen völlig anderen, in diesem Augenblick frei erfundenen Grund ein“. (7)

Die Forscher leiten daraus ab, dass unser Gehirn von seiner Anlage her „sich selbst etwas vormacht“ (Mechsner), also die objektive Wirklichkeit zu einer subjektivenverformt – und sich auf diese Art in letzter Konsequenz auch den Eindruck von einem „Ich“ verschafft. Demnach wäre unser „Ich-Bewusstsein“ nichts weiter als das Ergebnis der Fähigkeit unseres Gehirns zu fabulieren und zu phantasieren; das Ich würde also nicht selbst willentlich denken, sondern vom Hirn erdacht werden. Das heißt: Unser Eindruck von uns selbst, von unserer geistigen Unabhängigkeit und Willensfreiheit wäre nichts als eine Illusion, die darauf beruht, dass das Gehirn alle Gedanken, Worte und Handlungen einem „Selbstmodell“ zuschreibt – und zwar einfach zu dem Zweck, „seine Aktivitäten zu organisieren“ (Dennett).

Diese Annahme teilen durchaus nicht alle heutigen Bewusstseinsforscher, aber sie zeigt sehr gut, wie man gedanklich im Kreis laufen kann und Forschungsergebnisse letztlich nur ein Ausdruck der zuvor abgepflockten Rahmenbedingungen sind. Die Annahme „es gibt nur das Materielle“ wird allen Überlegungen als Voraussetzung zugrunde gelegt – und scheint in der Folge, wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, immer wieder neue Bestätigung zu finden.

Tatsächlich könnte man aber zu ganz anderen Schlüssen finden, würde man das Ich – entsprechend unseren eigenen Lebenserfahrungen – von vornherein als etwas dem Materiellen Übergeordnetes erkennen und das körperliche Gehirn als eine Art „Allzweck-Werkzeug“ verstehen, das unserem seelischen Kern zu Diensten ist.

Unter diesen Voraussetzungen würde man – um auf das oben genante Beispiel zurückzukommen -, auch wenn der Blechtrottel jeden Kommunikationstest besteht oder (was viel schwieriger wäre) die von künstlicher Intelligenz geführte Roboterhand sogar Holz hacken kann, niemals von menschlichem Bewusstsein sprechen. Denn dieses lässt sich – allen Machbarkeitsträumen, Frankenstein-Ideen und Science-fiction-Filmen zum Trotz – weder künstlich erzeugen noch im Labor reproduzieren!

Im übrigen ist es natürlich eine Verdrehung der Tatsachen, wenn man meint, dass aus der Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, Bewusstsein resultiert. Das Gegenteil ist der Fall: Nur dort, wo zuvor Bewusstsein besteht, können auch Informationen verarbeitet, also Wertigkeiten erkannt und Schlußfolgerungen gezogen werden. Daher programmiert ja bekanntlich immer der Mensch den Computer – nicht umgekehrt.

Auch in der Hirnforschung würden wohl ganz andere Schlussfolgerungen gezogen, wenn man ein übergeordnetes Ich annimmt. Zwar könnte man die Tatsachen, dass unser einzigartiges „Königsorgan“ im Anlaßfall ausgeklügelte Bildgeschichten erdenkt oder eine höchst subjektive Wirklichkeit prägt, durchaus zur Kenntnis nehmen – doch auf den abwegigen Gedanken, dass unser Gehirn sich das Ich-Bewusstsein insgesamt erdenkt, würde man nicht kommen.

Auch die Experimente mit den zuvor beschriebenen Personen, deren Großhirn durchtrennt ist, widerlegen die Tatsache nicht, dass unser Gehirn nur ein Werkzeug für das immaterielle Ich ist. Es braucht ja gar nicht weiter zu verwundern, dass die Kommunikation zwischen dem inneren Wesenskern des Menschen und der physischen Außenwelt sich bei Split-brain-Patienten auf unzusammenhängenden „Parallelschienen“ bewegt, wo doch das zuständige Kommunikationsorgan selbst gespalten ist und also seine Aufgabe nicht mehr sinnvoll erfüllen kann.

Immaterielle Fähigkeiten

Ob René Descartes, David Hume, Sigmund Freud oder viele andere – sie alle haben Teilaspekte aus unserer Innenwelt erkannt, doch den Wesenskern des Menschen, die eigentliche Natur des Ichs, haben sie nicht erfaßt. Und, wie gesagt: es scheint, dass uns die Schlußfolgerungen der modernen Gehirn-und Bewusstseinsforschung von der einfachen, naheliegenden Wahrheit immer weiter wegführen.

Für uns alle ist es doch ohne weiteres erfahrbar, dass das Wesentliche in unserem Menschsein immaterielle Gegebenheiten sind: Empfindungskraft, Gewissenhaftigkeit, unsere Fähigkeit zu Liebe und Gerechtigkeit, das Mitgefühl, in weiterem Sinn auch das Verantwortungs- und Wertebewußtsein, unser Streben nach Ausdruck oder die Sehnsucht nach Eindrücken, unser Bedürfnis nach Kunst, Kultur, bleibenden Werken, der natürliche Schönheitssinn usw. Alles das also, was das Menschsein auszeichnet – und das Leben überhaupt erst lebenswert macht! – hat mit intellektuellen Leistungen nur sehr bedingt zu tun. Diese berühren nur einen kleinen Teil unserer Erlebnis- und Gemütswelt. Unsere innere Natur, die uns dazu befähigt, so wunderbar lebensdurchflutete Empfindungen wie Liebe, Schönheit, Anmut, Treue oder Lebensfreude bewusst zu erleben, ist indes von ihrem Wesen her immateriell.

Daher zeigt sich der innere Wert eines Menschen auch nicht am Intelligenzquotienten. Ein in seinem Fach perfekt geschulter Akademiker muß nicht unbedingt zugleich auch edelmütig sein – und umgekehrt kann ein völlig ungebildeter Zeitgenosse sich als menschlich herausragend erweisen.

Verstand und Ich-Bewusstsein sind zweierlei. Es sollte denn auch nicht verwundern, wenn die Veränderungen unseres physischen Körpers – der Wachstums- und Alterungsprozess – sich nicht direkt auf das Ich auswirken. Dieses steht über allem Körperlichen; es folgt seinem eigenen Reife- und Entwicklungsgang.

Das Ich stammt aus dem Geist!

Zusammenfassend: Der aus der Gehirntätigkeit – resultierende Verstand (mit dem damit verbundenen Denkvermögen) bildet nur die Brücke für unser Bewusstsein. Der Wesenskern des Menschen, das bewusste, erlebnisfähige Ich, ist immaterieller Natur. Daher ist es auch verstandesmäßig nicht abgrenzbar. Es verändert sich stetig auf Grund seiner Lebenserfahrungen, bleibt aber unverändert in seinem Wesen alsSubjekt.

Mit dem „Erlebnis Ich“ ist untrennbar eine bestimmte Art von Bewusstsein verbunden, nämlich das Sich-selbst-Bewusstsein.

Unzweifelhaft wird diese Eigenart aber von jedem Menschen anders gelebt. Verbreitet ist heute immer noch ein eher passiv-konsumierender Seins-Zustand, in dem der Mensch sich nicht als selbständiges Individuum, sondern als innerlich haltloser Mitläufer „auszeichnet“. Doch erlaubt ihm die Anlage, sich seiner selbst bewusst sein zu können, auch eine tiefe sinn- und werteorientierte Selbsterfahrung, die mit Glück und Freude einhergeht.

Unser Ich-Bewusstsein ist also keine starre, unveränderliche Größe, sondern es unterliegt vielmehr einer Entwicklung. Es reift durch die – angenehmen und auch unangenehmen – Lebenserfahrungen, die es macht, entfaltet dabei die individuelle Persönlichkeit, bringt zur Blüte, was vorerst nur als Keim, als Anlage in ihm ruht – Menschlichkeit im besten Sinn dieses Begriffes.

Aber was, wenn nichts Materiell-Stoffliches, ist das „Ich“ von seinem Wesen her? Welche „Natur“ liegt ihm zugrunde?

Auf diese Schlüsselfrage gibt Abd-ru-shin in seinem Werk „Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft“ die Antwort: Jedes Ich formt sich aus Geist! 

Nun ist mit diesem in unserem Sprachgebrauch so unklaren Begriff „Geist“ (8) natürlich weder die Verstandes- bzw. Gehirntätigkeit gemeint (die ja etwas Körperliches ist) noch das nächtliche Spukgespenst. Mit dem „Geistigen“ ist vielmehr eine nicht-stoffliche Ebene der Schöpfung beschrieben, die „ewig“, also dem Prozess des Werdens und Vergehens nicht unterworfen ist.

Das „geistige Reich“ wurde auch oft als „Paradies“ bezeichnet. Es ist Abd-ru-shin zufolge die eigentliche Heimat des Menschen. Aus ihr sind wir als Träger des Geistes, als sogenannte „Geistkeime“, einst ausgezogen, um zu eigenem Bewusstsein zu erwachen. Und in diesem Reifeprozess, der nicht nur ein, sondern viele Erdenleben umfasst, über den physischen Tod also weit hinausgeht, formt sich aus dem geistigen Ursprungskern das „Ich“ des Menschen, seine Persönlichkeit.

In der Gralsbotschaft ist das Geistige als „einziges, wirklich Lebendiges im Menschen“ beschrieben, als „eine selbständige Beschaffenheit, aus der Welt seiner Gleichart kommend, die anders ist als der Teil, dem die Erde und damit der Körper angehört. Die geistige Welt liegt höher, sie bildet den oberen und leichtesten Teil der Schöpfung. Dieser geistige Teil im Menschen trägt durch seine Beschaffenheit die Aufgabe in sich, nach dem Geistigen zurückzukehren, sobald sich alle stofflichen Umhüllungen von ihm gelöst haben.“ (9)

Nach dieser Auffassung besteht kein Grund dafür, den Verlust des Ich-Bewusstseins durch den körperlichen Tod zu fürchten. Der geistige Kern vergeht nicht mit dem Körper.



Anmerkungen:
1 Der Naturwissenschaftler und Philosoph Karl Büchner tat im 19. Jahrhundert den gewichtigen Ausspruch: „Das Gehirn produziert Gedanken wie die Niere Urin“. Seine Meinung ist im 21. Jahrhundert immer noch aktuell. Heute nehmen Gehirnforscher an, dass „Religion das Produkt eines Gehirnlappens ist, der auch die Epilepsie erzeugt“ (Prof. Andrew Newherg, Prof. Eugene D'Aquili, Universität Pennsylvania, 2001).
2 Man spricht dabei von „Pantheismus“ (= Allgottlehre).
3 Allerdings setzte Descartes „Bewusstsein“ mit „Intelligenz“ gleich - ein Schluss, der dem Materialismus Vorschub leistete.
4 Zitiert aus: „Denn das sind wir: intelligente Maschinen“, in: GEO 2/1998, Verlag Grüner & Jahr, Hamburg
5 Engl. „split brain“ = geteiltes Gehirn. Zu diesem Zustand kommt es, wenn bei einem chirurgischen Eingriff die Verbindung zwischen den beiden Großhirnhälften durchtrennt wird.
6 Zitiert aus: „Die Suche nach dem Ich“, in: GEO 2/1998, Verlag Gruner & Jahr, Hamburg
7 Zitiert aus: Franz Mechsner: „... also bin ich ein phänomenaler Zustand?“, in: „GEO Wissen; Intelligenz und Bewusstsein“, Verlag Grüner & Jahr, Hamburg, 1994
8 Zum Begriff „Geist“ vgl. auch „Begrifflich“„ auf Seite 13, GW29
9 Vortrag „Es war einmal ...!“, Band l