Gibt es Gott wirklich?

Die Frage, ob es Gott gibt, ist die grundlegendste Lebensfrage überhaupt. Zwar wird sie heute – in einer Zeit der Wissenschaftsgläubigkeit und eitler Selbstinszenierung – immer seltener gestellt, aber letztlich entscheidet die Antwort auf diese Frage auch über alle weiteren Rätsel unseres Seins: Hat das Leben einen tieferen Sinn? Haben wir als Menschen bestimmte Aufgaben? Wird unser Schicksal – und letztlich das der ganzen Schöpfung – von einem höheren Willen, einem übergeordneten Bewusstsein geleitet? Es wäre also wirklich gut zu wissen, ob es einen Schöpfer und Erhalter des Lebens gibt – nicht nur an ihn zu glauben, sondern wirklich zu wissen, dass Gott existiert. Aber ist das möglich?

Wenn wir über Gott sprechen, so sind es in Wirklichkeit doch nur Vorstellungen, über die wir sprechen. Unsere inneren „Bilder“ vom Schöpfer, die Eigenschaften und Fähigkeiten, die wir ihm zuschreiben, entstehen als Folge dessen, was wir gelernt, gehört oder erlebt haben. Die Gottesbilder einzelner Menschen sind daher sehr unterschiedlich geprägt. Und sie werden auch kaum in Frage gestellt, weil es keine allgemein akzeptierte Definition zum Begriff „Gott“ gibt, die als Maßstab für unsere subjektiven Vorstellungen dienen könnte.

Wenn wir jedoch nach Beweisen für die Existenz Gottes suchen, kommen wir nicht umhin, zunächst die gängigen Vorstellungen zu hinterfragen. Denn es muss klar sein, wofür wir Beweise suchen.

Ist Gott eine Person?

Zu den christlichen-theistischen Vorstellungen, die auch in bedeutende Kunstwerke eingeflossen sind, gehört das Bild von einer alten, ehrwürdigen Person mit langem Bart, Hirtenstab und Priesterkleid. „Gottvater“ wird als überirdisch-machtvoller Mensch dargestellt und als Person gedacht, mit der man Zwiegespräche halten und vielleicht auch über Schicksalsfügungen verhandeln kann.

Vielen Menschen erscheint ein solches Bild heute naiv, und der zunehmende Atheismus in unserer Gesellschaft gründet sich wohl auch darin, dass kritische Gemüter an einen solchen „menschlichen Gott“ nicht glauben können oder wollen.

Im Grunde ist es hoch an der Zeit, solche Vorstellungen endgültig über Bord zu werfen – nicht die Möglichkeit einer Kontaktaufnahme im Gebet, aber alle Gedanken, die den Schöpfer als „Übermenschen“ erscheinen lassen.

Im „Alten Testament“ der Bibel, im 2. Buch Mose, findet man das Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen […] des, das oben im Himmel ist …“ Diese Warnung vor falschen Vorstellungen, die den Schöpfer verkleinern und vermenschlichen, wurde in der Kirchengeschichte oft missachtet. Vielleicht deshalb, weil es für den einfachen Menschen zu schwer gewesen wäre, an etwas Unvorstellbares, Wesenloses zu glauben und sich einer solchen Macht anzuvertrauen.

Inzwischen aber sollten wir meines Erachtens die Reife für die Erkenntnis besitzen, dass das höchste Bewusstsein, die alles gestaltende und belebende Macht, die wir „Gott“ nennen, weltenweit über allem Menschlichen steht und weder durch ein Bild dargestellt, noch durch ein Gleichnis treffend beschrieben werden kann. Deshalb ist selbstverständlich auch die Vorstellung eines männlichen „Vatergottes“ nur ein Behelf, um die natürliche Autorität der Gottheit gegenüber ihren Geschöpfen zu verdeutlichen.

Ist Gott allmächtig?

Eine weitere kaum hinterfragte Vorstellung, die wir mit der Gottheit verbinden, ist die Allmacht. Nach verbreiteter Meinung zeigt sich göttliches Wirken vor allem in der Fähigkeit, Naturgesetze zu überwinden und beliebig Wunder wirken zu können. Diese Vorstellung von Allmacht blieb bis heute fast untrennbar mit dem Gottesglauben verbunden. Die Wundertaten Jesu – von den Krankenheilungen bis zu seiner (angeblich) leiblichen Auferstehung – stehen im Zentrum des christlichen Glaubens, und die Anerkennung von Wundern als Ausweis göttlichen Wirkens bildet nach wie vor ein zentrales Fundament der katholischen Kirche und ihrer „Heiligsprechungen“. Doch eigentlich ist keine Vorstellung frag- und unglaubwürdiger, als das Gotteswirken mit dem Außerkraftsetzen der Naturgesetze zu assoziieren.

Es soll hier gar nicht bezweifelt werden, dass es Ereignisse gibt – Heilungen zum Beispiel –, die uns als wunderbar erscheinen, weil sie den gängigen Vorstellungen davon, was machbar ist, gründlich widersprechen; von den Möglichkeiten des Wirkens geistiger oder gar göttlicher Kraft wissen wir noch so gut wie nichts. Aber kann es wirklich sein, dass sich Göttlichkeit im Außerkraftsetzen von Naturgesetzen zeigt?

Wenn wir davon ausgehen, dass die Schöpfung ein Werk Gottes ist, so haben selbstverständlich auch die Gesetze, denen jede Bewegung und Entwicklung in diesem Werk folgen muss, ihren Ursprung in Gott. Die Natur- und Schöpfungsgesetze müssen also der direkte Ausdruck des Gotteswillens sein. Dazu passen die Attribute, mit denen wir diese Gesetze beschreiben: allgemeingültig, ewig-unveränderlich, allgegenwärtig, vollkommen, allmächtig. Das liest sich nicht von ungefähr genauso wie eine Beschreibung des göttlichen Wirkens.

Wenn aber die Gesetze vollkommen und unveränderlich sind, dann wäre jede Veränderung, jedes Außerkraftsetzen ein Zeugnis der Unvollkommenheit. Gott würde damit etwas wollen, was seinem eigenen Willen entgegensteht.

Abgesehen von fragwürdigen religiösen Überlieferungen, die letztlich nur die menschliche Sensationsgier bedienen, gibt es in Wirklichkeit keinen Grund für die Annahme, Göttlichkeit zeige sich ausgerechnet im Überwinden von Naturgesetzen.

Viele der namhaftesten Forscher erkannten das. Isaac Newton (1643–1727) beispielsweise war schon im 17. Jahrhundert davon überzeugt, dass die Naturgesetze die „Gedanken Gottes“ zum Ausdruck bringen. Und im 20. Jahrhundert bekannten sich zwei der größten Denker – Albert Einstein und Max Planck – öffentlich zu Gott, lehnten gleichzeitig jedoch den Glauben an „Naturwunder“ kategorisch ab. Leider aber blieb die grundlegend falsche Vorstellung von göttlicher Allmacht bis heute im Bewusstsein vieler gläubiger Menschen verankert.

Dabei könnte man den Begriff „Allmacht“ viel einfacher, tiefgründiger und umfassender definieren: Es ist die alles erschaffende und erhaltende Macht, die sich überall zeigt – im unabänderlichen Wirken der Gesetzmäßigkeiten, von denen die Schöpfung getragen wird.

Ist Gott allwissend?

Ein weiterer Begriff, den wir auf der Suche nach einem objektiveren „Gottesbild“ kritisch hinterfragen müssen, ist die Allwissenheit. Nach verbreiteter Vorstellung weiß der Schöpfer alles, was jemals geschah und geschehen wird, und kennt die Gedanken und inneren Regungen jedes Menschen.

Die Drohung mit einem argusäugig beobachtenden Gott, der alles weiß und sich jeden unrechten Gedanken, jede sündhafte Seelenregung merkt, um entsprechend zu bestrafen, gehörte lange Zeit zum Standardrepertoire religiöser Erziehung und eignete sich gut dazu, Menschen von „geistlichen Weisungen“ abhängig und damit unselbständig zu machen. Nach meinen Beobachtungen wirkt die traditionelle Vorstellung, von einer höheren Macht ständig beobachtet und begutachtet zu werden, auch heute noch in vielen religiös gesinnten Menschen und begründet – ihnen zum Teil unbewusst – deren Demutsempfindungen gegenüber Gott, bisweilen aber auch seelische Bedrückungen.

Letztlich ist jedoch auch diese Vorstellung von Allwissenheit eine Folge der grundfalschen Annahme, Gott würde sich in überhöhter Weise menschlich zeigen.

Abd-ru-shin (Oskar Ernst Bernhardt, 1875–1941) begründet in seinem religiösen Werk „Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft“, weshalb nicht ein „kleinliches und irdisches Allwissen“ der Ausdruck wahrer Gottesgröße ist, sondern diese sich viel umfassender in Allweisheit zeigt:

„Ihr wähnt, dass göttliche Allweisheit Euer Menschendenken und Empfinden ,wissen' soll. Dieser Begriff verlangt oder erwartet also von göttlicher Weisheit unbegrenztes Eingehen und Einstellen auf das persönlichste und kleinste Denken eines jeden einzelnen hier auf der Erde und in allen Welten! Ein Betreuen und Verstehen jedes kleinen Menschengeistes, und noch mehr: ein Sich-darum-Bekümmern!

Solches Wissensollen ist nicht Weisheit! Weisheit ist viel größer, weit darüber stehend.

In der Weisheit liegt Vorsehung!“ (Vortrag „Allweisheit“, Band 3)

Indirekt fordert diese Erklärung auch dazu auf, die Selbstverantwortung, die uns Menschen geschenkt wurde, vollinhaltlich wahrzunehmen und nicht etwa in der Einbildung zu leben, Gott habe sich um uns zu kümmern und die Verantwortung für unser Dasein liege letztlich in seiner Hand.

Tatsächlich führt eine falsche Vorstellung von Allwissenheit genauso in eine logische Sackgasse wie im Falle des Begriffes Allmacht: Würde Gott wirklich alles wissen, was in der Vergangenheit geschah und in Zukunft geschehen wird, dann gäbe es keinen freien Willen, unser Leben wäre ja vorherbestimmt.

Wir aber haben die Freiheit im Entschluss – und damit auch die Verantwortung für das, was wir tun und lassen. Jedoch müssen wir die Folgen aller unserer Entscheidungen tragen, denn auch unser freier Wille kann sich nur im Rahmen der Schöpfungsgesetze betätigen. Wofür wir uns auch immer entscheiden – das Gesetz der Wechselwirkung lässt uns die „Ernte unserer Saat“ erleben.

Insofern ist unser künftiges Schicksal tatsächlich vorhersehbar, oder anders gesagt: insofern gibt es für unser Schicksal eine Vorsehung.

Greift Gott in die Schöpfung ein?

Das Thema „Selbstverantwortung“ führt unmittelbar zu einem weiteren Gedanken, der für viele gläubige Menschen eine nie wirklich hinterfragte Selbstverständlichkeit ist: Gott greift immer wieder in das Leben der Menschen ein; man kann ihn durch intensive Gebete um „Erhörung“ bitten, damit besondere Wünsche Erfüllung finden; man kann ihn sich also – überspitzt formuliert – zum persönlichen Diener machen.

Aber ist das wirklich so?

Vor der Schlacht bitten die Soldaten (beider gegnerischer Seiten) Gott um den Sieg; die „Weihe“ von Objekten oder Lebensmitteln soll Glück und Gesundheit erwirken; besonders lange und anstrengende Gebetsreihen oder religiöse Rituale sollen ein gottgefälliges Leben bezeugen, verbunden mit der Erwartung, von Gott gegenüber anderen bevorzugt behandelt und belohnt zu werden. Der Gedanke, Gott greife willkürlich in das Weltgeschehen und in unser Schicksal ein, zeigt sich in vielen Formen. Er gehört für die meisten Menschen zu den unverzichtbaren Grundlagen ihres Glaubens.

Der große Wert ehrlicher, inniger Gebete soll hier auch gar nicht in Frage gestellt werden. Dass es die Möglichkeit gibt, über innere Sammlung und eine seelische Öffnung Kraft zu erhalten und auch anderen Menschen zu vermitteln, erleben Tag für Tag glücklich viele Menschen. Aber es ist ein grundlegender Unterschied, ob ich im Bewusstsein der unbeeinflussbaren Wirkung göttlicher Vorsehung um Kraft und Hilfe bitte – oder in der Erwartung, den Schöpfer durch „Bestechungsgebete“ zur Verwirklichung eigener Vorstellungen „überreden“ zu können. Dort kommt Demut zum Ausdruck, hier letztlich doch nur Hochmut.

Ich sehe es so: Gott hat uns die Selbstverantwortung geschenkt und seinen Willen in den Schöpfungsgesetzen verankert. Er greift nicht willkürlich in das Weltgeschehen ein oder beendet mit einem schicksalhaften Kunstgriff im Handumdrehen unsere Alltagsnöte. Das tägliche Leben beweist das klar und unmissverständlich. Dennoch aber hat der Schöpfer sein Werk nicht sich selbst überlassen. Er bleibt für uns jederzeit erreichbar, wodurch wir Kraft und Hilfe erfahren können.

Ist Gott allgegenwärtig?

Diese stete Erreichbarkeit kommt im Bild der „Allgegenwart“ gut zum Ausdruck – in einem Begriff, der wiederum in gedankliche Sackgassen münden kann.

Versteht man „Allgegenwart“ nämlich im Sinne von „überall anwesend“, steht man bald vor vielen, teils seltsamen Fragen oder Vermutungen: Ist Gott auch in jedem Stein, in jeder Pflanze anwesend? Und töte ich einen Teil Gottes, wenn ich auf eine Ameise trete? Oder kann ich am Ende gar nichts töten, weil der Schöpfer ja ewig, unsterblich ist? Vor allem aber: Wenn die Gottheit in allem ist, muss sie doch auch im Bösen sein, in dem, was hemmt, Leid verursacht und zerstört! Und letztlich müsste doch Gott für alles, was geschieht, verantwortlich sein, weil er ja alles erschaffen hat und eben in allem gegenwärtig ist!

Solche Fragen und Vermutungen, über die sich freilich end- und fruchtlos diskutieren ließe, sind allesamt vom Tisch, wenn man ganz einfach davon ausgeht, dass die Schöpfung als Werk von ihrem Schöpfer getrennt ist wie eine Komposition von ihrem Komponisten. In dem Werk zeigt sich zwar deutlich die Eigenart des Komponisten – so, wie sich in den allgültigen, ewigen Schöpfungsgesetzen der Wille Gottes zeigt –, aber der Schöpfer bleibt unabhängig von seinem Werk. Er hat dessen weitere Entwicklung der Formungs- und Gestaltungskraft seiner Geschöpfe überantwortet – wie auch jede Kompositionsvorgabe einen Interpretationsspielraum für die ausführenden Solisten bietet.

Dieser Grundgedanke, dass der Schöpfer unabhängig über allen Welten thront, entspricht auch unserer Alltagserfahrung, selbstverantwortlich für unser Leben zu sein; wir können tun und lassen, denken und glauben, was wir wollen – allerdings nicht ohne weitreichende Folgen für uns selbst.

Natürlich sollen mit diesem Gedanken nicht tiefe Erlebnisse in Frage gestellt werden, die uns die Belebtheit der Natur erfahren lassen, die Lebendigkeit in allem, die tieferen Dimensionen des Seins, das Bewusstsein, dass alles mit allem verbunden ist und geborgen liegt in einer höheren Macht. Solche Erfahrungen sind von größter Bedeutung, sie gehören zu den „realsten“ religiösen Erlebnissen überhaupt und haben ohne Zweifel einen viel höheren Wert als der „blinde“, lebensferne Glaube an traditionelle himmlische Gestalten. Aber das hohe, einende Bewusstsein, das „Licht“ hinter den Dingen, das in solchen Erlebnissen erfahren wird, ist eben nur so etwas wie ein belebender Funke aus der Göttlichkeit, der in und durch die Schöpfung wirkt, nicht aber Gott.

Schließlich sollte der Grundgedanke, dass der Schöpfer weit über seinem Werk steht, auch ausschließen, dass wir Menschen uns selbst als göttlich erachten. In uns glüht zwar hohe geistige Kraft, ein „Gottesfunke“, der uns Freiheit und die Gestaltungshoheit in der irdischen Welt bietet und den wir im lustvoll-dumpfen Dahindämmern des modernen Lebens kaum nutzen – aber die Grenzen, in denen wir uns bewegen können, sind klar: Wir können nichts wirklich Neues erschaffen, sondern nur Bestehendes formen, und alle unsere Willensakte werden immer den bestehenden Schöpfungsgesetzen unterworfen bleiben. Wir sind Geschöpfe, nicht Schöpfer, sind vollkommen abhängig, nicht – wie Gott – das einzig Unabhängige.

Ist Gott vollkommen gut?

Und noch eine letzte allgemeine Vorstellung, die im Zusammenhang mit der Allgegenwart Gottes bereits genannt wurde, sollte näher hinterfragt werden: Kann man den Schöpfer angesichts des vielen Bösen in der Welt wirklich als vollkommen und ausschließlich gut bezeichnen?

Diese Frage ist es wohl, an der der Gottesglaube im täglichen Leben am häufigsten zerbricht. Wie kann man an einen guten, liebenden, gerechten Gott glauben, wo es doch so viel Leid und Elend gibt? Ist das Böse nicht der deutlichste Beleg dafür, dass er in Wahrheit gar nicht existiert? –

Der Grundstein zur Beantwortung solcher Fragen wurde bereits gelegt: Gott wirkt in der Schöpfung nur über die Gesetze, er greift nicht willkürlich in das Weltgeschehen ein. Er hat uns Menschen die Selbstverantwortung geschenkt, wir verfügen über einen freien Willen – und dieser ermöglicht es uns, auch Böses zu tun. Das Übel kommt demnach nur durch uns Menschen in die Welt, es ist nicht gottgewollt.

Bleibt allerdings die Frage, weshalb wir überhaupt die Möglichkeit haben, Böses zu tun.

Dies hängt mit dem Sinn unseres Lebens zusammen.

Unser Leben dient meines Erachtens dem Zweck, Bewusstsein zu entwickeln, also von einem un- oder halbbewussten Daseinszustand zum vollen geistigen Sichselbstbewusstsein erwachen. „Erwacht-sein“ (dieser Sinn steckt auch im Begriff des Erwach-sen-seins) bedeutet: bewusst, wach im „Strom des Lebens“ stehen.

Damit wir lernen, bewusst und freiwillig diese Richtung zu wählen, müssen wir unterscheiden können. Wir müssen nicht nur den Segen aufbauender Entscheidungen erfahren können, sondern auch die Folgen hemmenden, zerstörerischen Wirkens.

Die Möglichkeit, Fehler zu machen, ist deshalb nötig für den geistigen Reifeprozess. Sie gehört zum umfassenden Geschenk des Leben- und Bewusstwerdendürfens. Und ebenfalls dazu gehören leidvolle Erfahrungen. Auch wenn wir gerne alles tun, um unangenehme Situationen oder Krankheiten zu vermeiden: Schmerz und Leid sind in Wirklichkeit überaus wertvolle „Weckinstrumente“ für unser Sein. Sie drängen zur Veränderung, zur Überwindung hemmender Gewohnheiten, zur Selbstreflexion und Neuorientierung. Daher ist es angezeigt, gerade auch Leiderfahrungen und schwierige Situationen als „Rufe des Lebens“ zu erkennen und sie als Möglichkeit und Anstoß zu nutzen. –

Die wesenlose Gottheit selbst ist einfach. Sie steht jenseits unserer Begriffe von „gut“ und „böse“ – als das Leben selbst, welches aus sich heraus Leben schöpft und zum Bewusstwerden drängt, das alles Geschaffene sich fortentwickeln und es im Wirken vollkommener Gesetze der Vollkommenheit zureifen lässt. Wenn wir dieses ewig in Liebe fördernde höchste Bewusstsein als Urgrund des Guten bezeichnen, der keinen Gegenpol des Bösen kennt, dann ist Gott tatsächlich „vollkommen gut“.

Ein neues Gottesbild

Im Rahmen des bisher Beschriebenen kann sich meines Erachtens ein zeitloses Gottesbild entwickeln. Es muss sich nicht mehr in jene dunklen Winkel zurückziehen, in welche die Forschung noch nicht vorgedrungen ist, da es wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht entgegensteht. Und es vermittelt meines Erachtens auch ein ungleich größeres, schöneres und erhabeneres Bild der Gottheit.

Wenn Gott das höchste Bewusstsein ist, das über der Schöpfung waltet, aus dem in Liebe alles Leben hervorging, von dem es erhalten und gefördert wird, das aber nicht in menschlicher Art gedacht werden darf – welche Beweise gibt es nun für die Existenz Gottes?

Klar dürfte sein, dass wir nicht nach endgültigen, alle Zweifel widerlegenden wissenschaftlichen Beweisen suchen sollten – wenigstens solange sich die Wissenschaften auf die materielle Welt beschränken. Schon der Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) zog zu Beginn des von neuer Wissenschaftlichkeit geprägten Zeitalters der „Aufklärung“ eine einfache Schlussfolgerung: Da Gott außerhalb von Raum und Zeit existiere, könne die Wissenschaft über ihn keine Aussage treffen. Sie könne weder beweisen, dass Gott existiert, noch, dass er nicht existiert.

Dennoch findet man bei unvoreingenommener Betrachtung eine eindrucksvolle Sammlung von Belegen, die meines Erachtens für die Existenz Gottes sprechen.

Belege für die Existenz Gottes

• Das erfolgreiche Streben nach Erkenntnis

Zunächst einmal fällt eine Gegebenheit auf, die wir wohl als allzu selbstverständlich betrachten: Es gelingt uns Menschen, die Ordnung der Welt Schritt für Schritt zu erkennen, also ein Wissen um die Gesetzmäßigkeiten der Schöpfung zu erlangen. Die Wissenschaft ist ein in vielen Bereichen sehr erfolgreicher Teil dieses Strebens nach Erkenntnis, wobei es immer wieder gelingt, auch komplexeste Zusammenhänge in mathematische Formeln oder einfache, verständliche Gleichnisse zu „übersetzen“. Aber weshalb haben wir diese Fähigkeit, die Welt zu erkennen und zu beschreiben? Biologisch betrachtet sind Bewusstseinsleistungen wie die Ableitung von Naturgesetzen, das Betreiben von Mathematik oder das gleichnishafte Denken kaum erklärbar, denn es scheinen damit keine unmittelbaren Vorteile für den Überlebenskampf verbunden. Daraus schloss der Australier Paul Davies, Professor für theoretische Physik, dass unser „Bewusstsein in grundlegender Weise mit der Struktur der natürlichen Welt, ihren Gesetzen und Teilchen verbunden“ sein muss (in einem Beitrag mit dem Titel „Die Gesetze, denen das All gehorcht – stammen sie von Gott?“ PM 1/1992). Anders ausgedrückt: Wir könnten die Schöpfungsgesetze gar nicht erkennen, wenn die Evolution Bewusstsein nur zufällig hervorgebracht hätte. Vielmehr gibt es, so Davies, „eine tiefe Verbindung zwischen unserer Existenz als selbstbewusste denkende Wesen und der Existenz des Weltalls mit seinen verschiedenen Gesetzen“. Und diesen Faden kann man unschwer weiterspinnen: Wenn Bewusstsein und Erkenntnisfähigkeit in die Schöpfung „hineinverwoben“ sind, dann weist dies darauf hin, dass auch die Schöpfung selbst durch ein Bewusstsein entstand und nicht etwa nur ein „energetisches Ereignis“ war.

• Das Bestehen von Naturgesetzen

Auch die unbestreitbare Tatsache, dass es grundlegende, allgemeingültige Gesetze gibt, regt zum Nachdenken an. Denn warum ist das so? Weshalb gibt es die umfassende Ordnung, die wir mit unserem Bewusstsein erkennen und beschreiben können? Woher kommen die Naturgesetze?

Zu solchen Fragen gibt es meines Wissens keine allgemein bekannten wissenschaftlichen Aussagen aus neuerer Zeit. Isaac Newton erschien es im 17. Jahrhundert unbestreitbar, dass die Ordnung der Natur, die er in seinen Forschungen entdeckte und beschrieb, ihren Ursprung in Gott haben muss. Diesen naheliegenden Schluss ziehen Wissenschaftler heute kaum noch. Aber weshalb eigentlich? Es lässt sich doch beispielsweise gut begründen, dass Ordnung immer mit einer Bewusstseinsleistung verbunden ist. Wo kein Bewusstsein wirkt, nimmt die Unordnung automatisch zu. Das zeigen nicht nur die Verhältnisse in jedem Haushalt, sondern dieses Prinzip ist in der Physik als „Entropie“ beschrieben. Kurz: Da es keine plausible Begründung dafür gibt, dass die universellen Ordnungsprinzipien aus sich selbst heraus entstanden sein können, liegt die Annahme nahe, dass es auch für die Naturgesetze einen „Gesetzgeber“ gibt – Gott.

• Die Evolution des Lebens

Die Entstehung des Lebens auf der Erde und generell auch die Entstehung des Universums war nur unter ganz bestimmten Bedingungen möglich. Die Welt, wie wir sie kennen und bewusst erleben, hätte sich unter nur geringfügig anders wirkenden Naturgesetzen nie entwickeln können. Es fällt schwer, die genaue Feinabstimmung, die der Evolution zugrunde liegt, dem puren Zufall zuzuschreiben. Viel näher liegt die Annahme – auch wenn sich viele Wissenschaftler heute schwer mit diesem Gedanken tun und lieber in andere vage Theorien flüchten –, dass ein bewusster, gestaltender Wille hinter der Evolution steht, die ja gezielt von einfachen zu komplexen Lebensformen führte und dabei immer höhere Bewusstseinsleistungen ermöglichte.

Auch die Entstehung des Kosmos deutet auf einen Schöpfungsakt hin. Denn es ist kaum vorstellbar, dass etwas aus sich selbst entsteht. Nichts kann sich entwickeln oder neu formen, wenn es davor nicht schon vorhanden war.

• Das religiöse Bewusstsein

Der Glaube an höhere Wirklichkeiten gehörte stets untrennbar zu unserem Menschsein. Und bereits seit Jahrtausenden gibt es monotheistische Religionen, die davon ausgehen, dass alles Bestehende letztlich auf einen Schöpfergott zurückgeführt werden kann. Grundlage dafür waren stets religiöse Erfahrungen, die mehr oder minder weit hinein in jenseitige, feinerstoffliche Wirklichkeiten reichten. Die unterschiedlichen Konfessionen und Glaubensdogmen entstanden immer erst danach.

Aber hätte der Glaube für die Menschheit jemals eine so große Bedeutung erlangen können, wenn im Hintergrund nicht das Erahnen einer hohen Wirklichkeit stünde? Wissen wir nicht alle im Grunde unseres Herzens, dass wir Geschöpfe sind und es für uns Menschen keine größere Glückseligkeit gibt als das Erkennen unseres Schöpfers?

Eine Sache des Herzens

Die Belege für die Existenz Gottes sind vielfältig, aber was immer an aussagekräftigen Hinweisen vorgebracht wird – es gibt auch Gegenargumente oder Theorien, die sich letztlich ebensowenig beweisen oder entkräften lassen wie der Glaube an den Schöpfer.

Man könnte nun das Experiment wagen, die Wahrscheinlichkeitsrechnung heranzuziehen, um das Wirken eines Schöpfers und Erhalters zu beweisen. Die Zeitschrift „PM“ unternahm vor einigen Jahren einen solchen Versuch (siehe Ausgabe 12/2006, „Die Gottesformel“) und errechnete für die Existenz Gottes eine Wahrscheinlichkeit von 62 Prozent – wobei die traditionellen Vorstellungen eines „allmächtigen, allwissenden, ewigen und vollkommen guten“ Schöpfers zugrunde gelegt wurden, „der die Welt nicht nur geschaffen hat, sondern auch aktiv in sie eingreift“.

Dass die „Wahrscheinlichkeit Gottes“ sogar unter diesen Bedingungen recht hoch ist, mag verwundern. Aber nüchtern betrachtet haben solche Berechnungen natürlich sowieso eher Unterhaltungs- denn Erkenntniswert.

Letztlich wird das Wissen um die Existenz Gottes wohl immer vor allem eine Sache des Herzens bleiben – jener geistigen Dimension unseres Wesenskerns, die uns die Ordnung der Welt begreifen und Gott darin erahnen lässt – weil … in unserem Geist eine tiefe Sehnsucht glüht, die Verbindung zum geistigen Licht sucht. Denn als kreativ formende, bewusst gestaltende Geistwesen tragen sozusagen selbst wir einen „Gottesfunken“ in uns.