Die Freiheit ertragen lernen

Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Pressefreiheit, persönliche Freiheit, Versammlungsfreiheit, Freiheit für die Kunst und für die Sexualität, Freiheit als zentraler europäischer Wert. Kaum ein anderer Begriff wird in so vielfältiger Weise als Menschenrecht eingefordert und als Entwicklungsziel ersehnt wie eben die Freiheit. Dabei beschränken sich die meisten Definitionen und Diskussionen zu diesem Thema auf das gesellschaftliche Zusammenleben. Sie weisen auf die damit verbundenen Rechte und Pflichten hin (Freiheit braucht Verantwortungsbewusstsein!) oder auf die Grenzen der persönlichen Freiheit (die dort liegen, wo die Freiheit des anderen beginnt). Doch die wohl wichtigste Grundlage für das Erleben von Freiheit liegt auf einer verborgenen, sinnlich nicht erfassbaren Ebene: in der Welt der Gedanken. Und hier gibt es zahllose Abhängigkeiten, die – oft unerkannt, bisweilen aber auch gewollt – den persönlichen Handlungs- und Erkenntnisraum beschränken. Denn Freiheit kann offenbar nicht in beliebigem Maß ertragen werden. Das zeigt sich vor allem im Bereich von Religion und Spiritualität.

Die Innenwelt, die Welt der Gedanken und Empfindungen, übt bekanntlich einen mächtigen Einfluss auf das Wohlbefinden und die persönliche Entwicklung aus. Sie liegt den Entscheidungen des Menschen zugrunde, seinen Handlungen, seiner Haltung. 

Aber wie entsteht diese vermeintlich „höchstpersönliche“ Welt?

Wer über diese Frage etwas eingehender nachdenkt, wird bald zugeben müssen, dass Gedanken eigentlich gar nicht so individuell und persönlich sind, wie es vordergründig erscheint. Denn was immer jemand sieht, hört oder sonst wie von außen wahrnimmt, hinterlässt Spuren in seiner eigenen Gedankenwelt. Niemand ist eine Insel und kann sich unbeeinflusst von anderen entwickeln. Jedes Kind wird geprägt durch die Ansichten seiner Eltern, Lehrer, Bekannten oder Freunde. Aber auch auf den Erwachsenen übt das gesellschaftliche Umfeld maßgeblichen Einfluss aus. Tradition, Kultur, Bildung und auch Konfession prägen seinen gedanklichen Hintergrund. Niemand bleibt unberührt von den vielfältigen Anforderungen und Zielen im beruflichen und privaten Leben.

Das Credo des freien Menschen – „Ich denke unbeeinflusst von anderen!“ – ist eine Illusion. Jeder folgt in seinen Gedanken auch den Spuren anderer, dem Wissen und dem Weltbild anderer, dem Glauben und den Zweifeln anderer, dem Vorbild und der Lebensweisheit anderer.

Bildhaft ausgedrückt: Der Mensch bewegt sich durch viele „Wölkchen“ aus vorgefertigten Gedanken, die sein Handeln, sein Urteilsvermögen und auch sein Selbstverständnis maßgeblich beeinflussen. Und er hat meist auch kein Problem damit, ein bis zu einem gewissen Grad fremdbestimmtes Leben zu führen. Denn wenn viele andere ähnlich denken und handeln, findet die eigene Haltung Halt in dem, was gesellschaftlich üblich ist.

Mode-, Musik- und Sporttrends, sprachliche und andere kulturelle Gepflogenheiten oder der Wunsch, sich Glaubens- oder Gesinnungsgemeinschaften anzuschließen, sind Beispiele dafür.

Der Drang nach Freiheit

Andererseits aber verspüren wohl die meisten Menschen gelegentlich den Antrieb, sich von den Gedankenwölkchen, die sie umgeben und beeinflussen, frei zu machen. Sie wollen ihr Leben selbst bestimmen, anstatt nur vorgeprägten Fährten zu folgen. 

Dieses Bedürfnis nach Freiheit und Eigenständigkeit zeigt sich beispielsweise in der Jugendzeit, wenn der eigene Geist des Menschen im Bewusstsein durchbricht und unabhängig von den Eltern seine Spuren ziehen will. Der Wunsch, das eigene Leben selbstverantwortlich zu gestalten, gehört wohl untrennbar zum Menschsein.

Daher kann das Bedürfnis, sich von spürbaren Hemmungen freizuspielen, auch später wieder zur Wirkung kommen, etwa wenn jemand mit seinen Lebensverhältnissen unzufrieden ist und nach neuen Wegen sucht oder wenn die Sehnsucht nach tieferem Wissen und neuen Erkenntnismöglichkeiten erwacht und er sich mit dem, was ihm allgemein als Antwort auf seine Lebensfragen geboten wird, nicht mehr zufriedengeben mag.Damit erwacht der – bisweilen stark ausgeprägte – Wille, die Gedankenspuren, die das Leben bisher beeinflusst und geführt haben, zu verlassen, Gewohnheiten zu ändern, langjährige Verhaltensweisen, die längst zu leerer Routine geworden sind, neu zu hinterfragen, vielleicht sogar eine neue weltanschauliche Grundlage zu suchen. 

Und wieder droht die Fremdbestimmung

„Wer suchet, der findet!“ So lautet eine bekannte Erfahrungsweisheit. Wer offenen Gemüts nach Neuem Ausschau hält, wird mit großer Wahrscheinlichkeit bald etwas Weiterführendes für sich entdecken. Vielleicht noch nicht den endgültigen Heimathafen, in dem er sich zuletzt geistig angekommen fühlt (der im eigenen, wirklich frei gewordenen Inneren liegt), aber doch wenigstens einen Weg, der die Sehnsucht nach einem sinnvolleren, erkenntnisreicheren Leben besser zu erfüllen verspricht.

Vielleicht tritt jemand nun aus seiner Kirche aus. Nicht, weil er plötzlich seinen Gottesglauben verloren hätte, sondern beispielsweise, weil ihm der Gedanke gekommen ist, dass es für ein spirituelles Leben nicht ausreicht, die Sonntagsmesse zu besuchen und demütig an den Erlöser zu glauben. Er schließt sich deshalb einer neuen Gemeinschaft an, die konkretere, direkt ins Alltagsleben eingreifende Ideale pflegt, verzichtet auf Alkohol und Zigaretten, ernährt sich vegetarisch, sucht innere Ruhe in der Meditation, belegt Seminare zur spirituellen Entfaltung und so weiter.

Nach und nach nimmt sein Leben damit neue Formen an, die neuen Ideale führen zu neuen Erkenntnissen, neuen Bekanntschaften und eröffnen weitere Horizonte. Spürbar erfrischend vollzieht sich eine Entwicklung. Das Leben hat sinnvollere Ziele und folgt entsprechenden Leitlinien.

Schließlich sind viele der ungeliebten alten Gedankenspuren überwunden. Doch fast zwangsläufig führen der Kontakt mit Gleichgesinnten und die jetzt gültigen Leitsätze in neue Gedankenwölkchen, und abermals droht ein allzu fremdbestimmtes Leben.

Vornehmlich religiöse Gruppierungen grenzen sich oft durch einen bestimmten Verhaltenscodex von anderen Richtungen oder der übrigen Gesellschaft ab. Es wird innerhalb der Gemeinschaft sehr klar kommuniziert, was im Sinne des angestrebten Ideals getan und was gelassen werden sollte. Vielleicht sind die entsprechenden Verhaltensregeln schriftlich festgehalten, vielleicht stehen sie auch nur unausgesprochen im Raum (wobei das Vage, Unsichere einen noch größeren Einfluss ausüben können, weil es die Angst vor Fehlern verstärkt). Jedenfalls aber handelt es sich um Vorgaben, die von überzeugten Mitgliedern oder Anhängern der Gemeinschaft gern und willig befolgt werden.

Natürlich haben die Konzepte, Gebote oder Lebensregeln durchaus ihr Gutes. Das Rauchen aufzugeben, sich bewusst zu ernähren oder ein regelmäßiges In-sich-Gehen – das alles sind bewährte und gut zu begründende Empfehlungen, die zu einem erfüllten Leben beitragen können. Verhaltensregeln und religiöse Gebote bieten spirituell orientierten Menschen Schutz und Halt.

Doch dieser Halt kann eben auch zu einem „Stop“ werden. Sobald Verhaltensregeln oder Gebote als starr und dogmatisch betrachtet werden – losgelöst von den eigenen Bedürfnissen eines Menschen und im Irrglauben, sie müssten unabhängig von den Umständen, oder vom gesellschaftlichen Rahmen bedingungslos befolgt werden –, wächst diese Gefahr. Denn damit etabliert sich ein (allzu) einfaches Wenn-Dann-Denkmuster: Wenn etwas der gültigen Regel oder dem angestrebten Ideal entspricht, dann wird es als richtig erlebt; wenn nicht, dann muss es falsch sein.

Die blockierte innere Stimme

Das Ergebnis dieses gedanklichen Abgleichs zwischen dem Soll-Zustand und dem Ist-Zustand ist für den betroffenen Menschen natürlich deutlich spürbar – entweder als angenehmes Gefühl der Bestätigung im Fall einer Übereinstimmung oder als unangenehmes Gefühl durch den Widerspruch. Und er glaubt auf Grund dieser Eindrücke, die „innere Stimme“, die „Intuition“ oder ein „untrügliches Bauchgefühl“ würde ihm mit Gewissheit zeigen, wo es lang geht – während er sich in Wirklichkeit durch sein dogmatisches Denken selbst in ein Gefängnis gesetzt hat und im Grunde nur noch beurteilen kann, was sich innerhalb der Gitterstäbe befindet und was außerhalb.Spirituell orientierte Menschen misstrauen oft einer intellektuellen Entscheidungsfindung und richten sich lieber nach ihrem Bauchgefühl anstatt die Für und Wider mit verstandeskühler Logik abzuwägen. An sich ist das ein guter Weg, denn es gibt ja dieses „Gespür“ dafür, was beispielsweise in einer Situation  angebracht ist und was nicht. Je besser die Empathie zwischen Menschen funktioniert, umso unbeschwerter kann sich das Miteinander gestalten.

Aber genau diese Empfindungstiefe wird blockiert durch fixe, dogmatische Vorstellungen dahingehend, was unter allen Umständen gut und richtig sein soll. Unter der Maske der „inneren Stimme“ meldet sich dann doch nur genau der „kühle Verstand“, der eigentlich in den Hintergrund treten sollte. Was immer den Idealvorstellungen entspricht, wird dabei als „gut“ klassifiziert, das andere ist „schlecht“. Und dieses Schwarz-weiß-Denken ist natürlich auch der ideale Nährboden für Glaubenswahn und religiösen oder politischen Fanatismus. 

Die Vielfalt gedanklicher Gefängnisse

Es zeigt sich also, dass der Weg aus alten, fremden Gedankenspuren nicht immer zu mehr Freiheit führt. Oft wird lediglich ein innerer Halt gegen einen anderen ausgetauscht. Der alten Gleichschaltung mit Menschen oder Traditionen folgt eine neue Gleichschaltung mit anderen Gleichgesinnten und anderen Gepflogenheiten.

Warum ist das so? Weshalb brauchen die meisten Menschen Gebote oder klare Regeln, um sich wohl zu fühlen? Weshalb wollen sie lieber in Schwarz-weiß-Kategorien denken und sich bestimmten Vorschriften verbinden anstatt selbstbestimmt der freien Empfindung zu folgen?

Diese Frage wird noch drängender im Hinblick auf Menschen, die von Glaubenstraditionen extrem stark geprägt und durch ihre Kultur so in ihnen gefangen sind, dass sie gar nicht auf die Idee kämen, sie kritisch zu hinterfragen.

Ein plakatives Beispiel dafür beschreibt der in Hamburg lebende Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Dr. med. Burkhard Hofmann, in seinem lesenswerten Buch „Und Gott schuf die Angst“ (2018), das ein „Psychogramm der arabischen Seele“ (so der Untertitel des Buches) versucht: Dima, eine junge Patientin islamischen Glauben, trägt am linken Zeigefinger einen Ring, „der aussieht wie aus einem Kaugummiautomaten und als Schmuckstück keinen Sinn ergibt. […] Ich frage nach der Bedeutung des Rings. Es ist ein Gebetszähler. Jetzt erst sehe ich den Knopf neben einem kleinen Bildschirm. ,1098‘ zeigt das Display. ,Wenn ich einmal 1000 erreicht habe, wird mein Tag gut. Ich weiß es. Das ist Allah wohlgefällig. Dann kann ich entspannen, und etwas Gutes wird an diesem Tag passieren.‘

Ich lasse mir voller Verwunderung den Ring zeigen. […] Ich frage mich, in welchem inneren Universum von Furcht und Verzweiflung die Patientin wirklich lebt. Wie sicher ist ihr Glaube, der so viel ständige Bestätigung und Aufmerksamkeit braucht. Kann er ihr noch Halt und Aufgehobensein durch Gott vermitteln, oder drückt sie mit jedem Zählerdruck auch ihre Zweifel wieder weg? Und welch ein Gottesbild mag das sein?“

Der Gedanke, Gott durch die Zahl der Gebete gnädig zu stimmen oder damit Sündenvergebung zu erreichen, leitet christliche Traditionen natürlich ebenfalls und wird hier bis heute gepflegt.

Aber weltanschauliche Gedanken-Gefängnisse sind nicht nur im konfessionellen Bereich errichtet. Auch die Naturwissenschaft ist vor selbst auferlegten Dogmen nicht sicher. In seinem Buch „Der Wissenschaftswahn“ (2012) befasst sich der englische Biologe Rupert Sheldrake mit diesem Phänomen. Er kommt zum Schluss, dass sehr viele (die meisten?) „Forscher an Vorstellungen festhalten, die eigentlich längst überholt sind“. Auch der Naturwissenschaft mangelt es demnach sehr oft an wirklich freiem, unbeeinflusstem Denken und Forschen.

Auf dem Weg zum inneren Halt

Noch einmal also die Frage: Warum ist das so? Weshalb braucht und sucht der Mensch den Halt durch Regeln, Vorgaben, Dogmen? Welche Bedeutung hat das vielbeschworene hohe Gut der Freiheit wirklich?

Die Antwort darauf liegt wohl in jedem Menschen selbst.Auf die Sicherheit und den äußeren Halt, den Dogmen, Traditionen, gesellschaftliche Regeln, Weltbilder usw. bieten, kann letztlich nur verzichten, wer inneren Halt in sich selbst gefunden hat. Eine Sicherheit und Überzeugung aus Lebenserfahrung und Erkenntnis.

Verhaltensregeln, Rituale, Weisheitslehren, religiöse Traditionen oder spirituelle Gemeinschaften können auf dem Weg zu wirklich freien Gedanken und Entscheidungen wichtig und wertvoll sein – sofern sie als Entwicklungshilfen gesehen werden, als Krücken, Stützen, Leitplanken … aber nicht als unveränderliche Messlatten für das eigene Tun und Lassen. Sie sollen zur Freiheit führen, zur Eigenverantwortung ermutigen, sonst sind sie nicht Hilfe, sondern Hemmung.

Nach meiner Überzeugung kann den endgültigen Heimathafen der persönlichen spirituellen Entwicklung jeder Mensch nur in sich selbst finden. Wenn das eigene Lebensschiff, reich beladen mit Erfahrungen, Empfindungsstärke, Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein, aus seiner Erlebnis- und Erkenntnisreise dorthin zurückkehrt, dann ist da keine Leere mehr, keine Unsicherheit, die weiterhin nach neuen Haltemöglichkeiten tasten lässt.

Dann ist Freiheit spürbar … und erträglich.