Der verborgene Sinn des Alters

„Altern ist eine Zumutung“, sagte Loriot kurz vor seinem 80. Geburtstag – und brachte damit auf den Punkt, was wohl viele Menschen an sich selbst erleben: das unaufhaltsame Nachlassen der körperlichen Fähigkeiten oder das Erleben, dass manches „nicht mehr so geht wie früher“, führen oft zu einer tiefen Verbitterung. Aber sind das Alter und der nahende Lebensabend wirklich nur Gegebenheiten, die man mehr oder weniger zähneknirschend hinnehmen muss, weil sich an den biologischen Tatsachen eben nichts ändern lässt? Oder liegt auch im Altern ein verborgener Sinn – den wir nur deshalb nicht erkennen, weil unsere Wahrnehmung zu einseitig ausgerichtet ist?

Die Endlichkeit des physischen Lebens war lange Zeit eines der großen Rätsel in der Biologie. Ob Pflanze oder Fisch, Fliege oder Saurier, Affe oder Mensch: alle Lebewesen unterliegen dem Prinzip der Vergänglichkeit, sie altern und degenerieren – bis zum unausweichlichen Zeitpunkt des Todes. Aber warum ist das so? Welcher Mechanismus sorgt dafür?

Die biologische Uhr tickt …

Ist das Altern nur eine biologische Notwendigkeit – oder bietet dieser Lebensabschnitt auch einen besonderen Ansporn zu spiritueller Entwicklung?

Biologisch betrachtet ist das Altern, wie man heute weiß, nichts anderes als eine Folge der Häufung von Schäden in den Körperzellen, von denen auch die Erbsubstanz betroffen ist. Man kennt mehrere Faktoren, die zu solchen Defekten führen. Zum Beispiel die natürliche kosmische Strahlung, aber auch Röntgenstrahlung oder die sogenannten freien Radikale, die bei der Energiegewinnung in den Körperzellen entstehen können (weshalb geringere Nahrungszufuhr oder Heilfasten lebensverlängernd wirken).

Die Kenntnis dieser Zusammenhänge hat in den vergangenen Jahren zu „Anti-aging-Prinzipien“ geführt, die zum Ziel haben, körperinterne Schutzmechanismen zu fördern, die vor Zellschädigungen bewahren sollen. Zu den chemischen Substanzen, die hier offensichtlich günstig wirken, gehört Resveratrol, das in Rotwein enthalten ist.

Aber auch die gesündeste Lebensweise bewirkt letztlich nur eine Verlangsamung des Alterungsprozesses. Stoppen kann sie ihn nicht, denn in unserem Körper tickt eine „biologische Uhr“: Eine besondere Molekülkette, von der bei jeder Zellteilung ein Stück „abgeschnitten“ wird, begrenzt die Anzahl der möglichen Zellteilungen und damit die Regenerationsfähigkeit des Körpers. Wissenschaftler haben berechnet, dass das maximale Lebensalter des Menschen, das wir bei besserer Gesundheitsvorsorge und optimalen Umweltbedingungen erreichen können, bei etwa 120 Jahren liegt.

Wenigstens zum Teil sind die biologischen Mechanismen des Alterns also bereits entschlüsselt, und es gibt zahlreiche Forschungsprojekte, die das Ziel verfolgen, sie „auszuhebeln“, um dem ewigen Leben auf Erden die Bahn zu bereiten.

So stellen sich in Kiel zum Beispiel „Hochbejahrte“, Menschen jenseits des 98. Lebensjahres, der „Forschungsgruppe Gesundes Altern“ mit Blutspenden zur Verfügung. Die Wissenschaftler extrahieren daraus für eine Biobank das individuelle Erbgut, um Faktoren für die Langlebigkeit zu erforschen.

Doch – dieser alte menschliche Wunsch nach ewigem Leben in Ehren – wäre eine solche Entwicklung, wäre auch nur eine Lebensspanne von mehreren Jahrhunderten wirklich sinnvoll?

Aus biologischer Sicht könnten die Folgen einer künstlichen Lebensverlängerung unabsehbar sein. Abgesehen davon, dass die Erde bald hoffnungslos übervölkert wäre, könnte auch die Struktur unseres Gehirns ungeeignet für ein wesentlich längeres Leben sein. Ältere Menschen neigen dazu, im Alten, Bekannten zu erstarren. Steve Jobs, der im Oktober 2011 56jährig verstorbene Gründer der Firma „Apple“, der wohl herausragendste technische Visionär der letzten Jahrzehnte, formulierte einmal: „Der Tod ist sehr wahrscheinlich die beste Erfindung des Lebens. Er ist des Lebens Wandlungskraft. Er räumt das Alte aus, um den Weg für das Neue freizumachen!“

Biologisch betrachtet hat die Begrenzung der Lebensdauer gute Gründe, die wir respektieren sollten. Aber müssen wir, nachdem wir den Zenit unserer körperlichen Möglichkeiten überschritten haben, tatsächlich über Jahrzehnte nur deshalb „gebremst dahinleben“, weil sich der „Strom des Lebens“ unbeirrbar immer nur dem Neuen, Jungen zugesellt? Oder liegt im Altern doch ein tieferer Sinn verborgen?

„Happy aging" statt „anti-aging“

Wenn man den Menschen aufgrund der körperlichen Merkmale beurteilt, so erreicht seine Entwicklung im Alter von etwa 20 Jahren ihren Höhepunkt. Der Organismus ist dann voll ausgereift und kann etwa zehn Jahre lang das Maximum seiner Leistungsfähigkeit behalten. Danach weist die Kurve der „Lebenskraft“ wieder nach unten: die Muskeln verlieren mehr und mehr Zellen, die Haut wird schlaffer und faltiger, die Augenlinsen werden unelastischer, der Körper lagert vermehrt Fett ein, die Atemkapazität nimmt ab, ebenso die Leistung des Herzens – und so weiter. Dieser unliebsamen Entwicklung wollen zahlreiche „Anti-aging-Konzepte“ entgegenwirken. Das Angebot ist breit, es reicht vom Programm im Fitness-Studio über die vielversprechende Anti-Falten-Creme bis hin zur Schönheitschirurgie. Und immer lockt dabei das Idealbild der 20- bis 30-jährigen: So jung will man wieder sein, so sportlich, nervenstark, aktiv und gesund.

Weil das aber letztlich doch nicht funktioniert, kam ein neuer Slogan auf: „Happy aging“ statt „anti-aging“: Nicht gegen das Alter antreten, sondern glücklich altern – so lautet eine recht vernünftige Devise. Schließlich ist ja niemand gezwungen, sich an den körperlichen Möglichkeiten der Jugend zu orientieren. Lieber sollte man das beste aus den jetzt vorhandenen Gegebenheiten machen!

Dieser Ansatz ist gewiss ein Schritt in die richtige Richtung. Manche aber werden solche Konzepte nur als schwachen Trost betrachten – und im stillen doch die „alte Jugend“ für sich zurückwünschen. Denn erst auf der Grundlage eines ganzheitlichen Menschenbildes, das sich nicht mehr nur an körperlichen Vorgängen orientiert, lässt sich der tiefere Sinn des Alterns ergründen.

Das Geheimnis der Temperamente

Jeder Mensch durchlebt von der Jugend bis ins Alter verschiedene Grundtemperamente.

Biologisch betrachtet sind das Altern und der Tod, wie ja schon deutlich wurde, sinnvolle Einrichtungen, die die Evolution fördern. Doch die Entwicklung des physischen Körpers ist ebenfalls nur ein Mittel zum Zweck. Denn letztlich ist jeder Körper eine Hülle, die ihrerseits der Entwicklung von Bewußtsein dient. Und bei näherer Betrachtung dieser Zusammenhänge erhalten alle Phasen unseres Lebens eine tiefere Bedeutung.

Man kann die grundlegenden Abschnitte im Verlauf eines Menschenlebens den bekannten vier Temperamenten zuordnen: die Kindheit, das sonnige, offene, unbeschwerte Leben im Moment, dem sanguinischen Temperament; die von großen Träumen und allgemeiner Aufbruchstimmung geprägte Jugendzeit dem melancholischen Temperament; die Tatkraft des Erwachsenenalters dem cholerischen Temperament und die passivere, besonnene Zeit des Alters dem phlegmatischen Temperament.

Üblicherweise beschreiben wir mit dem Begriff „Temperament“ die besonders hervortretende emotionale Ausprägung eines Menschen. Der eine wirkt zum Beispiel cholerisch, hat also, wie man sagt, „aufbrausendes Blut“, ein anderer zeigt sich vielleicht passiv-phlegmatisch. Doch die Temperamente bergen – in ihrer abgeklärten Form – eben noch ein tieferes Geheimnis, das nichts mit den Besonderheiten einer bestimmten Persönlichkeit zu tun hat: Sie bilden eine Stufenleiter für unsere Entwicklung!

In der Natur kann man das in der Abfolge der Jahreszeiten gut beobachten: Der Frühling, entsprechend dem sanguinischen Temperament, ist geprägt von ungestümem Erwachen; im Sommer kann man, dem melancholischen Temperament gemäß, verträumtes Heranwachsen und drängendes Reifen beobachten; im Herbst folgt, dem cholerischen Temperament entsprechend, die Zeit der „Tat“, also der Ernte, und im Winter letztlich kehrt, gemäß dem phlegmatischen Temperament, die Ruhe ein – wodurch zugleich die Basis für Neues geschaffen wird.

Wie die jahreszeitliche Stimmung für die Entwicklung der Natur, so hat die Abfolge der Temperamente – sanguinisch, melancholisch, cholerisch und phlegmatisch – im Leben des Menschen eine grundlegende Bedeutung für die Entwicklung seiner Persönlichkeit:

In der sanguinischen Kindheit sollen sich die reine Freude am Augenblick und das Bewusstsein von Geborgenheit verankern; in der melancholischen Jugendzeit sollen die persönlichen Fähigkeiten und Eigenschaften zur Entfaltung kommen und sodann im Erwachsenenalter weiter zu konkreten Werken führen – im Idealfall entwickelt sich der Mensch mit seiner Lebensaufgabe.

Wozu aber dient das phlegmatische Alter – jene Zeit, in der die „Ernte“ eingefahren, das werktätige Leben abgeschlossen ist, die wichtigsten familiären Verpflichtungen erfüllt sind und die Kräfte mehr und mehr nachlassen?

Hier sind wir nun bei jener Kernfrage angelangt, die sich unsere heutige Gesellschaft im Allgemeinen gar nicht erst stellt, deren Beantwortung aber grundlegend für einen glücklichen und erfüllten letzten Lebensabschnitt wäre. 

Was ist der besondere Sinn des Alters?

Die Suche nach inneren Werten

Im Grunde weist uns der physische Körper durch alle Lebensphasen den Weg: Sein Werden, Reifen und letztlich wieder Verblühen vermittelt uns durch die damit verbundenen Temperamente eine Abfolge von Impulsen für die innere Reife. Diese sind dermaßen prägend, dass beispielsweise Menschen, die gerade im melancholischen oder cholerischen Temperament verankert sind, oft keine wirklich tiefe Beziehung zu anderen aufbauen können, die die phlegmatische Phase durchleben. Sie sind kaum fähig dazu, greise oder alte Menschen in deren eigentlicher Persönlichkeit zu erleben, sondern nehmen mehr oder weniger nur „Objekte“ wahr: die „Omi“, die viel zu langsam über die Straße schleicht, oder den „Opa“, der doch seinen Führerschein längst abgeben sollte.

Umgekehrt fehlt älteren Menschen oft der Zugang zu den Bedürfnissen der jungen, die ja, wie Stefan Zweig es treffend formulierte, „aus Instinkt immer schnelle und radikale Veränderungen wollen“. Im Grunde sind die Erlebniswelten, in die wir durch die Temperamente gestellt sind, doch so unterschiedlich, dass man die Menschheit gleichnishaft als „Bewohner verschiedener Planeten“ bezeichnen könnte.

Doch würden viele der sogenannten Generationskonflikte ausbleiben, wenn das allgemeine Bewusstsein nicht so sehr der äußeren Aktivität und dem Jugendwahn verpflichtet wäre, sondern dem eigentlichen Sinn des menschlichen Lebens, der Entwicklung von Bewusstsein. Dann wären Verständnis und Wertschätzung gegenüber älteren Menschen eher eine Selbstverständlichkeit.

Wenn im Alter die Belastungsfähigkeit des Körpers abnimmt, die Motivation für kräfteraubende Aktivitäten nachlässt, die Bereitschaft, sich Lärm und Streß auszusetzen, sinkt oder die gewohnten Leistungen schlicht und einfach nicht mehr erbracht werden können, dann bietet der Körper dadurch deutliche Anregungen dafür, den Fokus mehr und mehr von der Außenwelt auf die Innenwelt zu verlagern.

Aus ganzheitlicher Sicht beginnt das Leben des Menschen schon lange vor der Geburt, und es geht nach dem Tod weiter. Der Aufenthalt in der physischen, „grobstofflichen“ Welt ist nur ein Zwischenspiel; zuvor und danach leben wir in anderen, „höher schwingenden“, also feinerstofflichen, „jenseitigen“ Schöpfungsbereichen. Die Abfolge der Temperamente hilft uns wesentlich dabei, hier auf Erden zunächst „Fuß zu fassen“, dann aktiv darin tätig zu sein und uns schließlich wieder vom Leben in der groben Stofflichkeit zu lösen.

Womit der Sinn des Alterns auch schon angesprochen ist: Wir sollen uns in dieser phlegmatischen Phase von dem nach außen gerichteten Leben zurückziehen, sollen im Blick auf unser Dasein Erkenntnisse gewinnen und diese womöglich weitergeben, sollen Zeit haben und Zeit schenken. Und wenn an die Stelle emotionaler Eruptionen wie von selbst Gelassenheit und Besonnenheit treten, so sind auch das wertvolle Impulse für ein Leben, das sich an inneren Werten und Zielen orientiert, in dem die Sehnsucht nach höheren Wirklichkeiten mehr und mehr Raum gewinnt.

Leider steht unsere heutige Gesellschaft einer solchen geistigen Ausrichtung denkbar fern. Das Leben wird eher als eine stete Abwärtsentwicklung betrachtet: Jeder hat sein Quantum Energie – und irgendwann ist dieses aufgebraucht, der Mensch „am Ende“, ein unbrauchbarer Außenseiter der Gesellschaft, für den es kaum sinnvolle Betätigungsmöglichkeiten gibt.

Dieses Bild mag zwar den äußeren Gegebenheiten entsprechen und auch der gesundheitlichen Situation vieler Menschen, die mit zunehmendem Alter oft problematisch wird, aber die Vorstellung von einer stetig abnehmenden Energie lässt die wichtigste Tatsache außer acht: dass mit der schrittweisen Abkehr von der grobstofflichen Außenwelt die aktive Hinwendung zur Innenwelt verbunden sein sollte, die rege und verstärkte Suche nach Wahrheit und Erkenntnis. Alter ist kein Hemmnis für die spirituelle Entwicklung, sondern es vermittelt einen wichtigen Ansporn, neue Kräfte gerade für diese Ausrichtung. Die phlegmatische Phase regt zu ungetrübter Lebensnähe an, zu einer Wahrhaftigkeit, die sich von Dogmatismus und Fremdbestimmung endgültig lösen und befreien will.

Wir sollten daher nach Wegen suchen, wie wir es Menschen – wenigstens im Bereich der eigenen Familie – ermöglichen können, dem „Ruf des Alters“ mit allen Kräften und ganzer Sehnsucht zu folgen. Nicht im äußeren Erfolg, nicht in der Schönheit und nicht in seiner Macht erweist sich die Größe eines Menschen, sondern in der Art, wie er sein „nacktes Leben“ lebt, in welches ihn das Alter behutsam führt. Und nicht auf Erden, in den natürlichen Schranken des Körpers, wird das ewige Leben erreichbar, sondern allein durch unsere Geistigkeit … die nicht erst im Alter richtungweisend werden sollte. Spätestens aber dann.