Die Insel des Künstlers

Bei der Planung von Reisen, die nicht nur der Erholung dienen, steht meist eine grundsätzliche Entscheidung an: Naturerleben oder Kulturreise? Eintauchen in die Schönheiten der Landschaft – oder doch lieber in das, was Menschen aus den natürlichen Gegebenheiten kreativ geformt und entwickelt haben? 

Im Fall der Kanareninsel Lanzarote ist eine solche Entscheidung unnötig: Seit César Manrique (1919–1992), ein spanischer Universalkünstler, sich dazu entschloss, die Insel zu einem der schönsten Plätze der Welt zu verwandeln, verschmelzen Natur und Kultur miteinander wie kaum irgendwo sonst …

Lanzarote, die nordöstlichste der sieben Kanarischen Inseln im Atlantischen Ozean und vermutlich auch die die erste, die besiedelt wurde, verdankt ihr Entstehen dem Vulkanismus. Vor etwa 36 Millionen Jahren bildeten Eruptionen den Sockel der Insel, und noch heute ist das 845 Quadratkilometer große Land zu drei Vierteln mit Lava bedeckt.

Obwohl seit dem letzten Vulkanausbruch schon etwa 200 Jahre vergangen sind, ist der heiße Atem der Erde immer noch hautnah spürbar. Im Restaurant „El Diablo“ auf den „Feuerbergen“ (Montañas del Fuego) im Nationalpark Timanfaya ist der Fleischgrill direkt über einer Erdspalte angebracht. Holz oder Kohle sind nicht nötig. Die unterirdische Hitze entzündet auch mühelos Heuballen, wie den Touristen hier regelmäßig vorgeführt wird.

Die Touristen … Lanzarote hat sich in den vergangenen Jahrzehnten wegen seiner einzigartigen Naturlandschaft, des günstigen Klimas (etwa 24° C im Jahresdurchschnitt und wenige Niederschläge) und der Strände zu einem äußerst beliebten Urlaubsziel entwickelt. Der Tourismus wurde für die spanischen Insulaner neben der Landwirtschaft und dem Fischfang zu einer der wichtigsten Einnahmequellen. Aber wie überall drohen auch hier ausufernde Kommerzialisierung, der Ausverkauf der Ressourcen und die Zerstörung des Landschaftsbildes durch überdimensionierte Hotels und Freizeitanlagen.

Dass sich solche Fehlentwicklungen in der Vergangenheit in Grenzen hielten, ist einem Mann zu verdanken, der die gesamte Entwicklung der Insel nachhaltig geprägt hat: Dem spanischen Maler, Architekten, Bildhauer und Umweltschützer César Manrique. 

Als er im Jahr 1968 – nach Aufenthalten in Madrid und New York, wo er schon als Künstler von Weltrang gehandelt wurde – nach Lanzarote zurückkehrte, nutzte er seine alte Freundschaft mit Pepin Ramirez, dem damaligen Präsidenten der Inselregierung, für einen ambitionierten Plan: Er ging mit aller Kraft daran, seine Heimatinsel in einen der schönsten Plätze der Welt zu verwandeln, Kultur und Natur zu vereinen. So durfte auf der ganzen Insel nur in traditioneller Weise gebaut werden; Häuser mit mehr als zwei Stockwerken waren verboten. Und es entstanden einzigartige Kraftplätze, die heute zu den zentralen Attraktionen Lanzarotes zählen.

Zum Beispiel in einer alten Lavaröhre des Vulkans Monte Corona die Kunst- und Kulturstätte Jameos del Agua – ausgestattet mit Pool, Restaurant und einer Veranstaltungsarena, fließend vom Oberirdischen ins Unterirdische übergehend.

Oder das Mirador del Río, ein architektonisch überaus gelungener Aussichtspunkt im Norden der Insel. Das Bauwerk galt zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung in den 1970-er Jahre als eines der bedeutendsten der Erde.

Oder der Jardín de Cactus, der große Kakteengarten von Guatiza, den César Manrique in einem ehemaligen Steinbruch baute – das letzte große Werk von seinem Tod, eröffnet 1990.

Sein Wohnhaus im Ort Tahínche – Taro de Tahíche – konzipierte der Künstler in fünf Lavablasen. Heute ist hier der Sitz der 1982 gegründeten César-Manrique-Stiftung, die sein einzigartiges Werk pflegt, verbreitet und tiefer erforscht.

Die Art und Intensität, mit der César Manrique „seine“ Insel gestaltete, ist beispiellos. Seine Ideen zur Zusammenführung von Natur und Kultur sind in allen Werken greifbar. Doch werden sie auch in ihrer ideellen Substanz erkannt und weiter gepflegt? 

Zweifellos steht Lanzarote vor großen Herausforderungen. Die Touristenflut, die gut kanalisiert werden will, ist nur eine davon. Auch der Klimawandel macht den Menschen zu schaffen, extremere Wetterphänomene, die Wasserverknappung. Ein streng am Gedanken der Nachhaltigkeit orientiertes Miteinander von Natur und Kultur wird zum Gebot der Stunde. 

Die „Insel des Künstlers“ ist in diesem Sinn ein Vorbild – und kann sich gleichzeitig selbst zum Vorbild nehmen …

 

Hinweis und Danksagung: Meine Dokumentation „Expedition ins Paranormale – Bewusstseinsphänomene, Telepathie und geistiges Heilen“ zeigt unter anderem einige „Kraftplätze“ auf Lanzarote. Die Filmaufnahmen für diese Dokumentation, die auch zu diesem Reisebericht führten, entstanden mit besonderer Unterstützung von Martina Mikoleizig-Tatsch.