„Ich brauche Leben, Leut’, die Landstraß’ in der Näh’“


Wolkenstein

Lebensballade in acht Bildern

Libretto: Felix Mitterer (*1948)

Musik: Wilfried Hiller (*1941)

Uraufführung: 6. März 2004, Nürnberg (Staatstheater)

Dauer: ca. 2 Stunden

Bilder:
1. Auf Burg Wolkenstein (Grödental); Im Krieg; Am Bergsee
2. Auf der Trostburg des Michael von Wolkenstein
3. Auf Burg Hauenstein
4. Fürstbischöfliche Hofburg Bixen
5. Eine Badestube (ein Dom)
6. Auf Burg Hauenstein; Am Bergsee
7. Im Turm zu Vall
8. Auf Burg Hauenstein

Hauptpersonen:
Oswald von Wolkenstein:
Bariton
Oswald als Knabe: Sopran
Oswald als junger Mann: Tenor
Anna Hausmann/Die Salige: Mezzosopran
Margarethe von Schwangau: Sopran
Papst Johannes: Tenor
Papst Benedikt: Bariton
Papst Gregor: Bass
Jan Hus, der Ketzer: Tenor
Michael, Oswalds Bruder: Schauspieler
Katharina, Michaels Gemahlin: Schauspielerin
Schöberlin, Oswalds Knecht: Schauspieler
König Sigmund, der Luxemburger: Schauspieler
Martin Jäger von Tisens, Landedelmann: Schauspieler
Ulrich I., Fürstbischof von Brixen: Schauspieler

Eine Werkeinführung

Oswald von Wolkenstein (1377–1445) war ein bekannter Minnesänger des späten Mittelalters, etwa 130 Lieder sind von ihm überliefert – Reiselieder, Trink- und Tanzlieder, sinnlich-erotische Liebeslieder, Kirchenlieder und manches mehr. Er war ebenso produktiv wie impulsiv – ein wilder, kompromissloser Charakter – und neben Walther von der Vogelweide (1170–1230) der bedeutendste deutschsprachige Lyriker seiner Zeit. Doch Oswald von Wolkenstein wurde – im Gegensatz zu anderen Minnesängern – erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt.

Wolkenstein stammte aus einer Südtiroler Adelsfamilie – seine Vorfahren waren aber wohl Raubritter gewesen – und führte ein recht abenteuerliches Wanderleben, durch das er weite Teile Europas, vermutlich auch den Vorderen Orient kennenlernte. Er gehörte dem Gefolge König Sigmunds von Luxemburg (deutscher König ab 1410) an und war als solcher ein bedeutender Mittelsmann zwischen Tiroler Adeligen und dem König, jedoch ein Ritter ohne eigene Burg, der eher das Leben eines freien Künstlers führte. Er starb am 2. August 1445 im Alter von etwa 67 Jahren.

Alle Porträts zeigen Oswald von Wolkenstein mit einem verschlossenen rechten Auge. Dies dürfte, so wird heute vermutet, an einer angeborenen Missbildung gelegen haben – eine zu kleine Augenhöhle, die zu einer Lähmung des Lidmuskels führte. Vielleicht aber war für die Behinderung – wovon das Libretto der Oper ausgeht – auch Michael verantwortlich, Oswalds Bruder, der ihm im Alter von 30 Jahren das Auge im Streit ausgestochen haben soll.

Die Idee, das bewegte Leben Wolkensteins in eine Oper zu fassen, stammte von Kammersänger Bernd Weikl, der damit im Jahr 2000 den deutschen Komponisten Wilfried Hiller (*1941) zu einer weiteren musikalischen Künstlerbiographie inspirierte: „Als mich Bernd Weikl im Jahr 2000 anrief und den Wunsch äußerte, für ihn eine Oper über den großen Minnesänger zu schreiben, sagte ich sofort zu […] Die Auseinandersetzung mit einem Komponisten, der vor mehr als 500 Jahren gelebt, geliebt und komponiert hatte, faszinierte mich – man kann Wolkenstein als ersten Weltmusiker bezeichnen“, ist auf der Homepage des Komponisten zu lesen. 

Die „Lebensballade“, wie Hiller sein Werk bezeichnete, entstand zwischen 2001 und 2003 und bezieht auch Originalmusiken von Wolkenstein mit ein.

Librettist war der österreichische Dramatiker und Drehbuchautor Felix Mitterer (*1948), der Wolkenstein als „ersten individuellen, kompromisslosen Künstlertypus“ bezeichnete und neben den politischen und religiösen Querelen jener Zeit auch Oswalds Beziehung mit Anna Hausmann, der hübschen Tochter des Brixner Bürgermeisters, thematisierte. Sie verkörperte für Wolkenstein die von ihm favorisierte freie Liebe, während er – wohl vor allem aus finanziellen Motiven – dann doch eine andere Frau, Margarethe von Schwangau, heiratete.

Die erfolgreiche Uraufführung des Werkes fand 2004 im Staatstheater Nürnberg (als Auftragswerk des Hauses) statt. Das Publikum war – auch in den nachfolgenden Aufführungen – durchaus bereit, sich auf etwas Neues und doch Singbares einzulassen. Regie führte Percy Adlon, der die Aufführung in einer Filmproduktion dokumentierte und hier durch ein- und überleitende Szenen ergänzte. In der Rolle des Oswald von Wolkenstein war Bernd Weikl zu hören.

Die Handlung

 

Kurz und gut …

Kämpfer oder Künstler? Der spätmittelalterliche Oswald von Wolkenstein hat beides probiert und ringt sich, unterstützt durch eine mächtige Muse, zu einer Karriere als freier Minnesänger durch. Zum großen Glück für die Frauen, den König und die Opernwelt.

 

1. Bild („Der singende Baum“): Burg Wolkenstein

Am nächtlichen Bergsee von Burg Wolkenstein träumt der junge Oswald davon, Musik zu machen. Er will Sänger sein, „Nachtigall“. Doch seine Mutter kämpft vehement dagegen, dass er das vogelfreie Leben eines Spielmanns führt. Sie ruft eine „Wildfrau“, die Oswalds Hände verzaubern soll. Sie mögen ihm nur als Krieger dienlich sein, doch ungeeignet zum Spielen eines Instruments. Der Knabe wehrt sich vergeblich gegen die Verzauberung seiner Hände. Sie werden „rot, gelb, schwarz, krallenhaft …“ Eine Harfe, auf der er nun spielen will, „zerbricht in seinen Händen“. Die Mutter dankt der Wildfrau für ihre Hilfe.

Im Krieg

Oswald findet nun sein eigenes Schwert und beginnt damit zu kämpfen. Er tritt damit seinem Bruder Michael gegenüber – spielerisch zunächst nur, doch als dieser im brüderlichen Gerangel sein Holzschwert verliert und Oswald über ihm ist, offenbar in der Absicht, tatsächlich auf ihn einzustechen, tritt die Mutter entsetzt dazwischen und reißt ihn zurück. Oswald „stößt sie zornig weg“.

In dem Jungen erwacht der Mann, der Kämpfer, der Menschen niedermetzelt und … sich bald als Ritter im Kreuzzug wiederfindet.

Am Bergsee

An einem dunklen, geheimnisvollen Bergsee trifft der junge Mann Oswald, noch blutbesudelt vom Kreuzzug, auf eine „Salige“, eine sagenhafte „weiße Frau“ von überirdischer Schönheit, die sich ihm in verlockendem Gesang nähert:

Komm, liebster Mann,
Mein Leib soll ganz allein dein Eigen sein.
Komm, treuer Gefährte,
Flieh allen Kummer schnell.
Komm, höchster Schatz,
Scheuch fort der falschen Zungen Wort.
Komm, vertreib meines Herzens Leid
Und tröste mich armes Weib!
Dein männlicher Leib stärkt meinen Sinn und Mut
Mehr als aller Welten Gut.

Oswald ist hingerissen. Noch hat er den Lärm den Schlachten im Ohr, in denen er „die Heiden bekehrt“ hat … „vom Leben zum Tode“. Doch nun weckt die geheimnisvolle Schöne eine alte Sehnsucht in ihm. Immer hatte er ja Musik machen wollen, doch der Zauber auf seinen Händen, der ihm im Kampf stets Kraft und Schutz gewährt und ihm den Beinamen „Eisenhand“ eingebracht hatte, dieser mächtige Zauber hatte es ihm unmöglich gemacht, seinem Herzenswunsch zu folgen.

Oswalds Frage nach dem Namen der Saligen bleibt indes unbeantwortet: „Wie ich heiße, darfst du nie erfahren“, erklärt sie. „Sonst müsst’ ich fort von dir. Und ich will nicht fort von dir, hab’ lang auf dich gewartet.“

Als Oswald der geheimnisvollen Schönen seine Liebe bekennt und damit die Bereitschaft zur Änderung seines Lebensweges bekundet, ertönt sofort der warnende Gesang der Wildfrau: „Hör nicht auf Antermòya!“

„Antermòya!“ wiederholt Oswald – und indem er den Namen er Saligen ausspricht, besiegelt er sein und ihr Schicksal: Sie muss wieder verschwinden, „zurück in andere Zeiten“ tauchen. Doch zuvor löst die Salige den Zauber von Oswalds Händen – und macht ihn zum Sänger.

Nachdem einem leidenschaftlichen Abschiedskuss verschwindet die Salige im Wasser des Bergsees – und Oswald stimmt sein erstes Lied an, verwundert darüber, wie wunderbar die Saiten seiner Harfe nun unter seinen Händen klingen. 

Es ist ein Klagelied über die verlorene Schöne.

2. Bild („Lebensballade I“): Auf der Trostburg des Michael von Wolkenstein

Jahre später, auf der Trostburg, dem Sitz von Oswalds Bruder Michael: Schöberlin, ein Knecht, stiehlt im Auftrag seines geldbedürftigen Herrn – Oswalds – die Schmuckkassette Katharinas. 

Michael ist gerade unterwegs, sein Bruder lässt es sich derweil gemeinsam mit seinen Saufkumpanen gut gehen und singt über sein bisheriges Leben und seine Reisen in ferne Länder. Gesang verwandelt Oswald immer unmittelbar. Aus dem heruntergekommenen, verlotterten, rüde und brutal wirkenden Menschen wird ein Künstler, der alle – vor allem die Frauen – begeistert.

Doch die Stimmung auf der Trostburg schlägt jäh um, als Michael zurückkehrt. Sofort berichtet ihm Katharina von der abhanden gekommenen Schmuckkassette; Michael reagiert wütend. Zunächst glaubt er dem Bericht seines Bruders, dass Katharina ihn mit einem anderen Mann betrüge, der auch der Dieb gewesen sei. Doch bald stellt sich heraus, dass Oswald selbst den Auftrag für den Raub gegeben hatte. Denn ein Goldschmied bestätigt Michael, dass dessen Knecht Schöberlin ihm Katharinas Schmuck zum Kauf angeboten habe.

Michael zwingt seinen Bruder, sich bei seiner Frau zu entschuldigen und wirft ihm sein unstetes Leben als Sänger vor. Er würde seine Zeit mit Liedern vergeuden, saufend und hurend umherziehen wie ein Zigeuner und den Wolkensteins keine Ehre bringen. Das lässt Oswald nicht auf sich sitzen:

Schmäh’ nicht meine Lieder, Bruder!
Die Lieder wird’s noch geben,
wenn das Geschlecht der Wolkensteiner
längst versunken ist in der Zeit.

Im Übrigen würde er nur deshalb „betteln und stehlen“ müssen, weil, er, sein Bruder ihm seinen Erbteil vorenthalte. 

Oswald fordert von Michael nun nachdrücklich das, was ihm „nach altem Recht“ zustehe und droht ihm mit Fehde. Er wisse zwar, dass er noch jeden Kampf verloren hat, seit er sein Schwert führt „wie die Leier“ und „die Armbrust wie die Harf“. Doch Michael solle sich hüten, denn König Sigmund sei sein Freund, er habe durch seine Musik großen Einfluss auf ihn: „Sein Herz geht auf, wenn ich spiel’ für ihn …“ Und unmissverständlich: Mein Erbe will ich, sonst klag’ ich dich an bei ihm!“

Michael beugt sich schließlich unter dieser Drohung und ist wütend bereit, seinem Bruder die Burg Hauenstein zu überlassen („Grab’ dich dort ein!“) – einen Besitz in der Einöde allerdings, der Oswalds leutseliges Gemüt nicht gerade begeistert: „Soll ich mit den Wölfen heulen? Ich brauche Leben, Leut’, die Landstraß’ in der Näh’!“

Schließlich aber gibt sich Oswald zufrieden mit dieser Burg. Michael aber lässt ihn nicht ohne Weiteres gehen. Er gibt seinen Knechten ein Zeichen, den Bruder festzuhalten, geht auf ihn zu, zieht ein Messer und stößt es ihm ins rechte Auge.

Ein gellender Schrei beendet vorerst die Beziehung der Brüder.

3. Bild („Wiederbegegnung“): Auf Burg Hauenstein

Nach dem folgenschweren Streit mit seinem Bruder Michael lebt Oswald auf Burg Hauenstein – jedoch nicht ohne Probleme. Denn offenbar gehört die Burg in Wirklichkeit nur zu einem Drittel ihm. Und deren Hauptbesitzer, Martin Jäger von Tisens, setzt alles daran, um Oswald von dort fortzujagen.

Dieser schreibt gerade an einem Lied, und sein Knecht Schöberlin ist dabei, ein Pferd zu beschlagen, als Anna Hausmann erscheint, die Tochter des verstorbenen Bürgermeisters von Brixen. Sie beschuldigt den Ritter, sich widerrechtlich einen ihrer Höfe, den Grotthof, aneignen zu wollen, um den Wein von dort genießen zu können („Raubritter … waren die Wolkensteiner schon immer!“). Sie könne durch eine Urkunde belegen, dass der Grotthof zu ihrem Besitztum gehört, und ihre Knechte seien bereit, für sie „einzustehen“. 

Oswald ist von Annas Entschlossenheit beeindruckt. Sie gefällt ihm, auch als Frau. Denn sie erinnert ihn stark an seine Vision von der Saligen, die sein Leben so nachhaltig verändert hatte. Von ihr erzählt er Anna nun:

„Seit ich sie sah, ist Musik in mir. Ich bin ein grober Klotz und hab nicht recht viel Glück in meinem Leben. Aber wenn ich singe, dann fühl’ ich mich ganz leicht, wie eine Nachtigall, die singt im Blau des Himmels.
Dann zersprengt es mir beinah’ das Herz vor Glück!“

Anna bittet Oswald nun, ihr etwas vorzusingen, und nachdem er ihr sein Liebeslied vorgetragen hat, küsst sie ihn leidenschaftlich, und fortan ist Anna Oswalds Geliebte.

Nach drei Jahren ist die Leidenschaft zwischen den beiden immer noch nicht abgeklungen („Mir kommt’s wie gestern vor, meine schöne, geile Buhlin!“), aber auf Annas drängende Bereitschaft, ihn zu heiraten („Dich will ich, der mich verzaubert hat durch seinen Gesang“), lässt sich Oswald doch nicht ein. Er fühle sich auch ohne dieses Bündnis als ihr Mann. Unter Eheleuten gebe es sowieso keine Liebe. Er aber wolle Anna lieben … „Antermòya!“

4. Bild („Politik und Tanz“): Fürstbischöfliche Hofburg Brixen

In der Fürstbischöflichen Hofburg zu Brixen ist König Sigmund von Luxemburg eingetroffen. Es wird getrunken, gefeiert, und die Musiker spielen Oswalds Stücke, die der König so sehr liebt. 

Neben dem Gastgeber – Ulrich I., Fürstbischof von Brixen – sind auch Oswald und Anna sowie dessen Bruder Michael und seine Frau Katharina anwesend. 

Michael will den königlichen Besuch für eine politische Intervention nutzen: Er befürchtet, dass Friedrich IV., ein österreichischer Habsburger und Tiroler Herzog, dem Ritterstand seine verbrieften Rechte streitig macht. Friedrich würde nicht Adelige, sondern einfache Bürger mit den höchsten Ämtern des Landes betrauen: „Kurz gesagt, er will uns entmachten mit Hilfe des Pöbels“, warnt Michael seinen Bruder. Er solle deshalb bei König Sigmund seinen freundschaftlichen Einfluss geltend machen. 

Oswald ist bereit, seinen „werten Bruder“ zu unterstützen, und der König verspricht schließlich, Herzog Friedrich „auf die Finger schau’n“ zu wollen. Als Geste seiner Unterstützung gegen den ungeliebten Habsburger tritt Sigmund dem von Michael gegründeten „Elefantenbund“ bei, einem Ordensbund, dessen Mitglieder einander gegen jede Bedrohung beistehen wollen.

Über diese Zusicherung des Königs herrscht allgemeine Zufriedenheit, man tanzt ausgelassen. 

Anna nutzt die Gelegenheit, dem König schöne Augen zu machen, um in Oswald die Eifersucht zu schüren. Doch der lässt sich davon ebenso wenig seine Laune trüben wie durch den Zwischenruf einen ungeliebten Gastes: Martin Jäger von Tisens nutzt die Gelegenheit, um den Hauptanteil an der Burg Hauenstein für sich einzufordern – was Oswald mit einer kompromisslosen Absage quittiert: „Leck mich, Martin Jäger!“

Bald danach trifft Herzog Friedrich mit seinem Gefolge ein. Der Habsburger versichert dem König in diplomatischer Routine, ganz auf seiner Seite zu sein, er lobt die schönen Frauen, die in Sigmunds Umfeld ja immer anzutreffen seien, und bittet Oswald, ein Minnelied vorzutragen. Und dazu wird nun getanzt – zunehmend ekstatisch: 

Tanzen, springen, laufen, ringen
Geigen singen, lasst uns bringen
Poltern, klingen, Küsse zwingen,
Fröhlich dringen zu den Fräulein zart,
Voll Verlangen ganz verhangen unsre Wangen
Mit Armen, langen, Zünglein fangen
Triff mir das Kitzlein, dein spitzes Dinglein
In mein Ritzlein, Kuckuck, ruck, ruck!

Klärli, metzli, Muschikätzli, lüpf das Lätzli,
Fang das Rätzli, stoß es rein, bis wir schrei’n.

„Aus!“ ruft nun der Bischof. „Das ist sündhaft, das ist teuflisch!“ Doch das muntere Treiben geht weiter – bis ausgerechnet Herzog Friedrich Oswalds Geliebte stürmisch küsst und mit ihr schließlich verschwindet. 

„Anna!“ 

Oswalds wilder Schrei verhallt …

5. Bild („Konzil zu Konstanz“): Eine Badestube (ein Dom)

In einer Badestube sitzt Oswald gemeinsam mit Margarethe von Schwangau, einer stolze Schwäbin, in einer Wanne und beeindruckt sie mit seinen sprachlichen Talenten.

In weiteren vier Wannen baden die drei Päpste – jeder mit einer Krone auf dem Kopf –, die zu dieser Zeit um den heiligen Stuhl kämpfen: Johannes aus Pisa, Benedikt aus Avignon und Gregor aus Rom. In der vierten Wanne vergnügt sich König Sigmund. Alle haben ihre Konkubinen dabei. 

Der böhmische Reformator Jan Hus steht währenddessen in Ketten vor den Päpsten und verurteilt sie als „Diebe und Räuber“. Sie seien „Diener des Antichrist, keine Nachfolger Christi“. 

Doch Hus erntet nur Gelächter. Auch von König Sigmund, der dem Gefangenen eigentlich freies Geleit versprochen hatte, erhält er keine Unterstützung: „Sei nicht so streng. Niemand lebt ohne Sünde. Auch du nicht.“

Der Zuruf der drei Päpste, er solle „widerrufen“ und seinen Irrtum bekennen, geht an Hus vorbei. Oswald stimmt ein Spottlied auf ihn an:

Ja, Hus, das Leid schlag um in Hass auf dich!
Luzifer, auf den Pilatus hört, er soll dich holen.

Auch der Appell des Königs, er brauche Einheit in seinem Reich, Hus solle sich deshalb wieder der Kirche anschließen, beeindruckt den passionierten Kirchenkritiker nicht: „Ich habe Recht getan!“

Daraufhin wird Jan Hus von den Päpsten einhellig zum Ketzer erklärt und den Schergen übergeben, die ihn sogleich auf einem Scheiterhaufen verbrennen.

Diese Kirchenspaltung erscheint den Päpsten damit überwunden. Doch wer von ihnen soll nun tatsächlich die alleinige Macht haben?

Johannes („Ich bin der wahre Papst, sitz auf des Petrus Stuhl“) erhält Unterstützung von Herzog Friedrich. Der Habsburger wird von ihm dafür zum „Generalkapitän der Römischen Kirche“ ernannt. König Sigmund aber duldet diese Allianz nicht und erklärt die „Reichsacht“ über den Österreicher. Friedrich solle gefangen werden, „Tirol ist des Gehorsams ihm gegenüber entbunden!“

Margarethe von Schwangau und Oswald von Wolkenstein haben sich indes zu heiraten entschlossen. Stolz stellt der Sänger dem König seine hochadelige Frau vor – und dieser nimmt Oswald, der doch immer für so gute Unterhaltung sorgt und obendrein so wunderbar sprachgewandt ist, nun in seine Gefolgschaft auf.

Band danach bringt Margarethe sieben Kinder zur Welt – Oswald, Michael, Gotthard, Elisabeth, Leo, Friedrich und Maria.

6. Bild („Lebensballade II“): Auf Burg Hauenstein

Oswald lebt nun – sofern er nicht mit dem König unterwegs ist – mit Margarethe auf Burg Hauenstein. Es herrscht der ganz normale Alltag: Die Kinder stören ihm beim Komponieren; die Mutter verteidigt ihre Kleinen gegen den zunehmend aggressiven Vater …

Da erscheinen Schöberlin, Oswalds Knecht, und Fürstbischof Ulrich, begleitet von drei bewaffneten Schergen. Ulrich beschuldigt Oswald, in seinen Gewässern zu „fischen“, sich mit Hilfe Schöberlins an seinem Besitz zu bereichern. Deshalb, so berichtet er, habe er dem „Dieb“ die Hände abhacken lassen.

Wutentbrannt stürzt sich Oswald daraufhin auf den Bischof und jagt ihn und seine Männer aus der Burg. Dann umarmt er seinen Knecht, dessen Armstümpfe mit schmutzigen Fetzen verbunden sind: „Mein armer Schöberlin!“

„Ihr spendet mir zwei Haken“, antwortet der, „dann geht das schon!“

Margarethe hat den Tumult um Bischof Ulrich aus dem Nebenraum mitbekommen. Sie ist die andauernden Konflikte leid. Oswald solle endlich aufhören, sich mit anderen zu schlagen. Herzog Friedrich habe sich ja inzwischen mit König Sigmund geeinigt; er sei wieder Landesherr von Tirol. Alle Ritter hätten das akzeptiert und sich Friedrich unterworfen, selbst Oswalds Bruder Michael. Nun solle er endlich auch das Gleiche tun: „Reite nach Innsbruck und unterwirf auch du dich. Sonst haben wir kein Glück mehr in unserem Leben!“ Außerdem würden die Bauern die Wolkensteiner hassen, da sie an zwei Herrn – an Oswald und Martin Jäger – „abliefern“ müssen. Der Besitzstreit um Burg Hauenstein müsse von einem gut gesonnenen Schiedsrichter geregelt werden, auch dafür sei eine Allianz mit Herzog Friedrich wichtig.

Aber Oswald bleibt stur. Er wolle sich nicht „fangen“ lassen, entgegnet er seiner Frau. König Sigmund selbst solle Schiedsrichter in dieser Angelegenheit sein. Er werde zu ihm nach Ungarn reisen.

Davon aber will Margarethe, der die ständige Abwesenheit ihres Mannes zu viel geworden ist, nichts hören:

Ich habe das nun satt.
Kaum wird es Frühjahr, bist du weg,
Zeugst mir gerade noch schnell ein Kind
Und dann seh’ ich dich nicht mehr wieder
Bis zum späten Herbst.
Das hat ein Ende, Oswald!

Oswald protestiert („Ich gehe ein auf Hauenstein“). Er müsse in Ungarn an Sigmunds Seite gegen die „ketzerische Brut“ der Hussiten kämpfen. 

Doch Margarethe lässt nicht locker. Sie droht Oswald, nach Schwangau zurückzugehen und ihm die Verwaltung ihrer Güter zu entziehen. („Vergiss nicht, Oswald, du lebst von meinen Höfen, von meinem Erbe!“) So lenkt er schließlich zähneknirschend ein und hadert mit seinem selbst gewählten Schicksal, Sänger geworden zu sein.

Am Bergsee

Auch Anna geht Oswald nicht aus dem Kopf. Er will die Frau aus seinen Träumen wiedersehen, mit ihr jene Liebe erleben, die es nach seiner Überzeugung in der Ehe nicht gibt … 

7. Bild („Oswald in der Falle“): Im Turm zu Vall

Anna hat Oswald, nachdem sich die beiden verabredethatten, in einen Hinterhalt gelockt. Er wurde in den Turm zu Vall verschleppt und wird dort nun gefoltert. Seine Feinde sind entschlossen, Oswald in die Knie zu zwingen: Martin Jäger will seinen Besitz, Burg Hauenstein, zurückerhalten; Bischof Ulrich sucht Gründe, um Oswald als Ketzer zu verurteilen – und Herzog Friedrich will, dass endlich auch er sich ihm unterwirft. Doch der Gefolterte bleibt zunächst stur.

Schließlich besucht ihn Anna. Oswalds Frage, warum sie ihn verraten habe, beantwortet sie offen: „Weil ich dich hasse!“

Ich habe dich geliebt,
Ich habe dich verehrt,
Ich habe dich begehrt,
Dich, den Mann Oswald,
Dich, den Sänger Oswald
Und du hast mich verstoßen
Aus Hochmut verstoßen!

Anna erzählt dem verzweifelten Oswald, dass sie sein Kind unter dem Herzen getragen hatte, aber ihr Mutterglück nicht erleben konnte:

Sie nahmen mir die Frucht
Sie stahlen mir die Frucht
Wegen der Familienschande
Wegen der Schmach …

Oswald bittet Anna um Verzeihung. Mehr kann er nicht tun. 

8. Bild („Lebensballade III“): Auf Burg Hauenstein

Oswald ist wieder auf Burg Hauenstein. Er muss Krücken benutzen. Seit der Folterung mit dem „spanischen Stiefel“ kann er nicht mehr richtig gehen. Wehmütig blickt auf die Zeit seiner Jugend zurück:

Ich seh und hör, wie mancher
Über den Verlust des Gutes klagt,
Ich aber trauere nur meiner Jugend nach,
Und den Verlust des freien Mutes
Was ich damals so trieb und kaum empfand,
Da mich die Erde trug
Mit Schmerz und Krankheit
Melden Haupt, Rücken, Hand und Fuß das Alter
Was ich vergeudet ohne Not
Herr Leib, den Übermut lasst ihr nun büßen …

Oswald hat seinen Besitz verpfändet, um freizukommen. Deshalb, und vor allem, weil er sich von seiner Geliebten in eine Falle hatte locken lassen, hasst ihn nun auch Margarethe („Dummer, geiler Bock!“).

Oswald sinkt deprimiert zusammen. Die Erinnerungen an seine Kindheits- und Jugendzeit und an die „Salige“ klingen in ihm nach …

 

(Zitate aus dem Libretto)