„Lass mich Deinen Mund küssen!“

Salome

Oper in einem Akt

Libretto: Richard Strauss (1864–1949)

Musik: Richard Strauss (1864–1949)

Uraufführung: 9. Dezember 1905, Dresden (Königliches Opernhaus)

Dauer: ca. 2 Stunden

Ort der Handlung:
Eine große Terrasse im Palast des Herodes

Hauptpersonen:
Herodes, Tetrarch von Judäa: Tenor
Herodias, Gattin des Herodes: Mezzosopran
Salome, Tochter der Herodias: Sopran
Jochanaan, ein Prophet: Bariton
Narraboth, Hauptmann: Tenor
Page der Herodias: Alt

 

Eine Werkeinführung

Die Oper „Salome“ von Richard Strauss (1864–1949) ist eine der ersten Literaturopern. Sie beruht auf dem gleichnamigen Schauspiel, das der irische Dramatiker Oscar Wilde (1854–1900) im Jahr 1891 veröffentlicht hatte. Damals sorgte sein Einakter für einen Skandal. Das Stück wurde zensuriert und verboten, weil Wildes Konfrontation von Johannes dem Täufer (Jochanaan), einem biblischen Propheten Gottes, mit Salomes sexueller Begierde als unzumutbar bewertet wurde. 

Wildes Drama gilt als eines der wichtigsten Werke der Jahrhundertwende, wird heute auf den Bühnen eher selten gespielt, inspiriert aber nach wie vor neue Inszenierungen und Interpretationen, etwa Al Pacinos Verfilmung „Salomé“ mit Jessica Chastain in der Hauptrolle (2013).

Auch die 1905 in Dresden uraufgeführte Oper von Richard Strauss war (und ist) Gegenstand heftiger Debatten. Der Versuch des österreichischen Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler (1860–1911), sie nach der Dresdner Uraufführung auch in Wien herauszubringen, scheiterte an der Zensur. Die Handlung würde „die Sittlichkeit beleidigen“, wurde damals befunden.

Weitgehend unumstritten war (und ist) indes die herausragende Qualität der Musik. Richard Strauss gelang es auf geniale Weise, sowohl die Charaktere – in denen er selbst entweder „perverse Leute“ sah (wobei er auch Jochanaan zu dieser Kategorie zählte) oder allzu naive Figuren, – als auch die dekadent-sinnliche Atmosphäre des Stückes musikalisch zu charakterisieren.

„Salome“ gilt nicht nur als ein grandioser Höhepunkt im Schaffen des Komponisten, sondern auch als wegweisend für die Musik des 20. Jahrhunderts. Die deutschsprachige Urfassung des Werks steht bis heute immer wieder auf den Spielplänen der Opernhäuser. Die 1907 in Paris uraufgeführte französische Fassung (die Strauss auf Wildes französischen Originaltext abstimmte) wird hingegen kaum gespielt, ist aber immerhin auf CD erhältlich.

Die Oper spielt zur Zeit Herodes II. Antipas (20 v. Chr.–39 n. Chr.): Johannes der Täufer, ein radikaler Prophet, der den Menschen ihre Sünden vorwirft, sie zur Buße mahnt und die Ankunft des Erlösers verkündet, wurde auf Betreiben von Herodias, der Frau von Herodes, gefangen genommen und in eine Zisterne gesperrt. Die Juden bestürmen den König, Jochanaan zu töten; Herodes selbst aber ist unschlüssig, weil er den Propheten, der auch in Gefangenschaft unverdrossen weiter predigt, für einen heiligen Mann hält …

 

Die Handlung

 

Kurz und gut …
Wenn eine junge, hübsche Prinzessin partout nicht im Tanz ihre Schleier fallen lassen will, sollte sie besser nicht durch übertriebene Versprechungen umgestimmt werden.

 

Eine große Terrasse im Palast des Herodes

Im Palast des Königs Herodes findet ein Festgelage statt. Narraboth, ein Hauptmann, der draußen Wache hält, schwärmt von der Schönheit der Prinzessin Salome. Der Page von Herodias, der Mutter Salomes, warnt ihn vor seinen Gelüsten: „Du siehst sie zu viel an. Schreckliches kann gescheh’n!“ 

Aus einer Zisterne, in der Jochanaan gefangen gehalten wird, tönt eine prophetische Stimme:

Nach mir wird Einer kommen,
der ist stärker als ich.
Ich bin nicht wert, ihm zu lösen
den Riemen an seinen Schuh’n.
Wenn er kommt,
werden die verödeten
Stätten frohlocken.
Wenn er kommt,
werden die Augen der Blinden
den Tag sehn.
Wenn er kommt,
die Ohren der Tauben geöffnet. 
 

Da tritt Salome nach draußen. Es ekelt sie vor den lüsternen „Maulwurfsaugen“ des Herodes: „Es ist seltsam, dass der Mann meiner Mutter mich so ansieht.“ 

Auch sie hört nun die Stimme aus der Zisterne und erkundigt sich nach dem Gefangenen. Sie will ihn sehen. Narraboth erklärt ihr, Herodes habe es strikt verboten, dass irgend jemand Jochanaan zu Gesicht bekommen darf. Doch Salome bringt den Hauptmann schnell dazu, sich seinem Befehl zu widersetzen: „Du wirst das für mich tun, Narraboth. Du weißt, dass du das für mich tun wirst!“ Morgen früh werde sie ihm dafür einen Blick zuwerfen, ihm vielleicht sogar zulächeln …

Kurz danach steht Jochanaan vor Salome. Sofort wettert der Prophet wettert gegen Herodias’ Lasterleben („Wo ist sie, die sich den jungen Männern der Ägypter gegeben hat …“), weckt aber durch seine Erscheinung in Salome eine seltsame Begeisterung. Sie findet seine Worte „wirklich schrecklich“, Jochanaans Augen seien „von allem das Schrecklichste“. Zugleich jedoch steigert sie sich in uferlose Schwärmerei. Sie sei verliebt in seinen Leib:

Er ist wie ein Bildnis aus Elfenbein.
Gewiss ist er keusch wie der Mond.
Sein Fleisch muss sehr kühl sein,
kühl wie Elfenbein.
Ich möchte ihn näher beseh’n.  

Jochanaan weicht vor Salomes Annäherungen zurück („Tochter Sodoms, komm mir nicht nahe!“), würdigt die Prinzessin keines Blickes, entfacht dadurch aber ihre Begierde umso mehr, und bald hat Salome nur noch einen brennenden Wunsch: 

Ich will deinen Mund küssen, Jochanaan.
Ich will deinen Mund küssen.
Lass mich deinen Mund küssen, Jochanaan. 

Jochanaan verflucht Salome und zieht sich in die Zisterne zurück. Entsetzt über die Szene, die sich vor seinen Augen abspielen konnte, weil er sich einem Befehl widersetzt hatte, nimmt sich Narraboth mit seinem Dolch das Leben.

Kurz darauf tritt Herodes mit seiner Frau aus dem Saal. Er ist auf der Suche nach Salome. Verständnislos kommentiert er den Freitod des Hauptmanns: „Das scheint mir seltsam. Der junge Syrier, er war sehr schön …“

Dann bestürmen einige Juden den König. Er solle seinen Gefangenen, diesen falschen Propheten Gottes, töten. Doch dazu mag sich Herodes zunächst nicht entschließen. Er lauscht Jochanaans Stimme, die weiter aus der Zisterne tönt, den Messias verkündet – und die Erweckung der Toten. Diese Prophezeiung jedoch gefällt dem Herrscher gar nicht:

Ich verbiete ihm,
die Toten zu erwecken!
Es müsste schrecklich sein,
wenn die Toten wiederkämen!

Herodias fühlt sich von Jochanaans polternden Worten („Es ist so, dass ich alle Verruchtheit 

austilgen werde“) besonders betroffen. Als auch sie verlangt, den Propheten zum Schweigen zu bringen, lenkt Herodes die Aufmerksamkeit auf ein anderes Ziel: Er bittet Salome, für ihn zu tanzen. Doch die Prinzessin gibt ihm einen Korb. Sie habe dazu keine Lust.

Herodes verspricht daraufhin, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, wenn sie nur für ihn tanze … „und wär’s die Hälfte meines Königreichs!“

„Du schwörst?“, fragt Salome.

„Ich schwör’ es … bei meinem Leben, bei meiner Krone, bei meinen Göttern!“

Daraufhin tanzt die Prinzessin den Tanz der sieben Schleier, und mit jedem, den sie fallen lässt, wächst das Entzücken des Herodes. 

Doch als sie ihren Lohn fordert, schlägt die Begeisterung des Herrschers jäh in rasende Furcht um: Salome verlangt, serviert in einer Silberschüssel, den Kopf Jochanaans.

Herodes verzweifelte Bemühungen, ihr statt dessen andere Schätze zu bieten („Juwelen, die selbst deine Mutter nie gesehen hat!“), bleiben erfolglos. Salome gemahnt ihn an seinen Eid – und schließlich befiehlt Herodes dem Henker – sehr zur Freude seiner Frau – den Gefangenen zu köpfen.

Kurz darauf nimmt Salome den Kopf an sich und steigert sich nun, zum Entsetzen aller, in einen Sinnestaumel. Triumphal küsst sie den Mund des Mannes, der sie abgewiesen hatte:

Ah! Ich habe deinen Mund geküsst,
Jochanaan. Ah! Ich habe ihn geküsst, deinen Mund,
es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen.
Hat es nach Blut geschmeckt?
Nein? Doch es schmeckte vielleicht nach Liebe.
Sie sagen, dass die Liebe bitter schmecke.
Allein was tut’s? Was tut’s?
Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan.
 

Herodes kann die Schreckensszene nicht mehr länger mit ansehen. „Man töte dieses Weib!“, befiehlt er seinen Soldaten.