„Schweb’ hin, Gedanke, auf goldenem Flügel!“

Nabucco

Oper von Giuseppe Verdi

Libretto: Temistocle Solera (1815–1878)

Musik: Giuseppe Verdi (1813–1901)

Uraufführung: 9. März 1842, Mailand (Teatro alla Scala)

Dauer: ca. 2,5 Stunden

Akte:
1. Im Tempel des Salomon, Jerusalem
2. Die königlichen Gemächer des Palasts in Babylon; Ein Flügel des Palasts in Babylon
3. Die hängenden Gärten im königlichen Palast in Babylon; Ein Ufer des Euphrats
4. Gemächer im königlichen Palast; die hängenden Gärten des königlichen Palastes in Babylon

Hauptpersonen:
Nabucco, König von Babylon: Bariton
Abigaille, eine Sklavin, vermeintlich die älteste Tochter Nabuccos: Sopran
Fenena, zweitgeborene Tochter Nabuccos: Mezzosopran
Ismaele, Neffe von Sedecia, des Königs von Jerusalem: Tenor
Zaccaria, Hohepriester: Bass
Anna, Zaccarias Schwester: Sopran
Abdallo, babylonischer Wächter: Tenor
Hohepriester des Baal: Bass

Eine Werkeinführung

„Nabucco“ ist die italienische Namensform für Nebukadnezar II., der von 605 bis 562 v. Chr. König des neubabylonischen Reichs war und als solcher über das jüdische Volk herrschte.

Giuseppe Verdis Oper – eines seiner ersten Werke für dei Opernbühne – handelt vom Freiheitsstreben der Juden, die der „Babylonischen Gefangenschaft“ (597–539 v. Chr.) entkommen wollen. Diese Zeit des Exils gilt als bedeutende Epoche in der jüdischen Geschichte. Sie begann mit der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar II. (597) und dauerte bis zur Eroberung Babylons durch den Perserkönig Kyros II. (539).

Gleichzeitig thematisiert die Oper auch die Hybris Nabuccos, der sich selbst zum Gott machen will, und den Kampf des jüdischen Monotheismus gegen die alten Gottheiten, die als „Baal“ (Herr, König, Gott) bezeichnet wurden.

Die Textdichtung für „Nabucco“ verfasst der italienische Dichter Temistocle Solera (1815–1878), der für Verdi später unter anderem auch das Libretto für die Oper „Attila“ schrieb.

„Nabucco“ wurde am 9. März 1842 mit größtem Erfolg an der Mailänder Scala aufgeführt und in der darauffolgenden Spielzeit 57mal wiederholt. Ein Glück für die Opernwelt, denn eigentlich hatte Giuseppe Verdi nach dem Misserfolg der Komödie „Un giorno di regno“ („König für einen Tag“, 1840) keine Oper mehr komponieren wollen. Dann aber fesselte ihn der biblische „Nabucco“-Stoff – und damit begannen Verdis berühmte „Galeerenjahre“, in denen er viele, zum Teil überaus erfolgreiche Opern komponierte.

„Nabucco“ steht bis heute auf den Spielplänen aller großen Opernhäuser. Das Werk verdankt seine besondere Popularität unter anderem dem Freiheitslied „Va, pensiero, sull’ali dorate“ („Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen“). Dieser „Gefangenenchor“ gilt als der berühmteste aller Verdi-Chöre.

 

Die Handlung

 

Kurz und gut …
Damals, als Gott noch strafend und richtend ins Weltgeschehen eingriff, tat auch der mächtigste Herrscher gut daran, sich selbst niemals zu überschätzen.

 

1. Akt („Jerusalem“): Im Tempel des Salomon, Jerusalem

Die Hebräer beklagen im Tempel Salomons das Schicksal der Israeliten, die vom babylonischen König Nabucco besiegt worden sind. Sie bitten Jehova um Hilfe. Zaccaria, ihr Hohepriester, macht den Hebräern Hoffnung („Freno al timor!“):

Verbannt die Furcht! Baut fromm ergeben
Auf Ihn, der Hilfe stets gesandt;
Er rief einst Moses in das Leben,
Zum Heil uns, an Ägyptens Strand.
Sprecht, hat nicht Gott den Sieg erworben
Des Gideon geringer Schaar?
Wer ist vertrauend Ihm gestorben
Fromm, opfernd sich in der Gefahr?

Zaccaria beruhigt sein Volk auch mit dem Hinweis, dass sich Fenena, Nabuccos Tochter, unter ihnen befinde. Der babylonische König werde es nicht wagen, sie zu gefährden, indem er Salomons Tempel verwüstet.

Fenena wird von Ismaele, dem Neffen des Königs von Jerusalem, bewacht. Doch Ismaele liebt das Mädchen, das hier als Sklavin gilt, und ist ihm zu größtem Dank verpflichtet, denn Fenena hatte einst seine Befreiung erwirkt, als er in Babylon als Spion verhaftet worden war. 

Gerade haben sich die beiden dazu entschlossen, gemeinsam zu fliehen, als Abigaille mit einigen Soldaten den Tempel betritt. Die Frau gilt als Nabuccos erstgeborene Tochter, also als Fenenas ältere Schwester (in Wirklichkeit ist sie eine Sklavin, die Nabucco an der Stelle eines eigenen Kindes großgezogen hatte).

Abigaille gesteht nun Ismaele ihre Liebe und verspricht, ihn und alle Hebräer freizulassen, wenn er ihre Zuneigung erwidere („Io t’amava“). Doch in Ismaeles Herz ist kein Platz für diese Frau; er weist sie vehement zurück.

Indessen drängen immer mehr Menschen in den Tempel Salomons, denn Nabucco hat die Stadt Jerusalem mit seinen Kriegern erobert. 

Zuletzt erscheint der babylonische König selbst. Zaccaria droht ihm, Fenena zu töten, wenn er diesen heiligen Ort nicht achte. Schon hebt er den Dolch, doch dann stellt sich dem Hohepriester Ismaele entgegen und verhindert, dass dem Mädchen etwas geschieht. 

Fenena fällt ihrem Vater in die Arme und bittet ihn darum, mit den Hebräern Mitleid zu haben. Nabucco aber befiehlt seinen Soldaten, den Tempel zu plündern und niederzubrennen.

2. Akt („Der Frevler“): Die königlichen Gemächer des Palasts in Babylon

Während Nabucco wieder in den Kampf gezogen ist und Fenena für die Zeit seiner Abwesenheit als Stellvertreterin eingesetzt hat, findet Abigaille in den königlichen Gemächern des Palastes ein Papier, das dokumentiert, dass sie nicht Nabuccos Tochter, sondern nur eine Sklavin ist. Davon darf niemand erfahren! Abigaille fühlt sich ungeliebt und vom König gegenüber Fenena zu Unrecht benachteiligt. Sie ist entschlossen, den Thron für sich zu erobern.

Als ihr der Oberpriester des Baal berichtet, dass Fenena gegenüber den Hebräern Milde walten und jüdische Gefangene frei lässt, folgt Abigaille seinem Rat, nun selbst nach der Macht zu greifen und Fenena gefangen nehmen zu lassen.

Ein Flügel des Palasts in Babylon

Zaccaria, der hebräische Oberpriester, ist frei gekommen. In einem Flügel des Palasts versammelt er sein Volk um die heilige Gesetzes-Tafel. Alle verurteilen Ismaele, der durch sein Eingreifen zur Rettung Fenenas nun ein „Gottverfluchter“ sei. Doch Zaccaria gebietet dem Chor Einhalt: Schließlich sei Nabuccos Tochter zum jüdischen Glauben konvertiert, er habe also eine Hebräerin gerettet.

Abdallo, ein babylonischer Wächter, warnt Fenena von dem Gerücht, dass Nabucco in der Schlacht gefallen sei. Abigaille und ihre Anhänger trachteten nun nach der Macht. 

Sofort will Fenena aufbrechen, um den Verschwörern Einhalt zu gebieten. Da erscheint Abigaille auch schon, begleitet von großem Gefolge und vom Oberpriester des Baal, und fordert die Übergabe der Krone. Doch dazu kommt es nicht: Nabucco – er lebt! – bahnt sich mit seinen Kriegern den Weg, wirft sich zwischen Fenena und Abigaille, und setzt sich demonstrativ selbst die Krone auf. 

Und bald sorgt das Verhalten des Herrschers unter den Hebräern für Entsetzen. Denn Nabucco macht den jüdischen Gott verantwortlich für den Verrat und das Machtstreben hinter seinem Rücken: 

Durch ihn nur wurdet Ihr Verräter,
Er wollt’ Euch meiner Macht entzieh’n.
Der Eure hat die Kraft verloren
Im Kampf, Hebräer, wider mich;
Vernehmt denn meinen Ausspruch, Toren:
Nur ein Gott lebt und  – der bin ich!
 

Als Nabucco dann auch noch fordert, als Gott angebetet zu werden, wendet sich Fenena von ihrem Vater ab, und Zaccaria klagt den Herrscher der Gotteslästerung an. Der einzige wahre Gott werde ihn von seinem Thron stoßen.

Sekunden später geschieht genau das: Zum größten Entsetzen Nabuccos trifft plötzlich ein Blitz seine Krone und reißt sie ihm vom Haupt. Allgemeines Schweigen folgt, während der König, wie vom Wahnsinn umnachtet, sein Schicksal beklagt („Chi mi toglie il regio scettro?“).

Abigaille aber hebt die Krone Nabuccos mit ruhiger Hand auf. Das „Volk Baals“ solle trotz dieses Allmacht-Zeichens nicht „verderben“ …

3. Akt („Die Weissagung“): Die hängenden Gärten im königlichen Palast in Babylon

Abigaille hat den Platz auf dem Thron eingenommen. Ihr zu Füßen, nahe dem Altar zur Ehre Baals, sitzen die Großen und Magier des Reichs und drängen sie, „Juda’s unheilvoll Geschlecht“ endgültig zu vernichten.

Als Nabucco erscheint, immer noch verwirrt und nicht in der Lage, Abigailles Machenschaften zu durchschauen, bringt sie ihn mit einer List dazu, das Todesurteil für die gefangenen Hebräer, inklusive Fenena, zu unterschreiben. Als er zu begreifen beginnt, was vor sich geht, will er das Dokument heranziehen, das den anderen Abigailles niedere Herkunft und damit ihren unrechtmäßigen Anspruch auf den Thron beweisen könnte, doch sie vernichtet das Papier, ruft die Wachen und verdeutlicht dem alten König, dass er nun der Gefangene einer Sklavin ist. Auch Nabuccos verzweifelte Bitte, wenigstens Fenena zu verschonen, wenn er ihr den Thron überlasse, lehnt Abigaille ab. 

Ein Ufer des Euphrats

Am Ufer des Euphrat beklagen die gefangenen Hebräer ihr Schicksal und beten zu Gott um Hilfe („Va, pensiero“):

Schweb’ hin, Gedanke Du, auf gold’nem Flügel
Enteile zu dem fernen, teuren Strand,
Wo leis und lind, umduftend Tal und Hügel
Die freie Luft begrüßt mein Vaterland.

Verweil an Zions frech entweihten Toren,
Und walle still dem Jordan-Ufer zu;
O zaub’risch schöne Heimat, mir verloren!
O schmerzlich süßes Angedenken Du.

Zaccaria tröstet sein Volk. Niemand brauche zu weinen, der Untergang Babylons sei vom „Geist des Herrn“ beschlossen („Oh, chi piange?“).

4. Akt („Das zertrümmerte Götzenbild“): Gemächer im königlichen Palast

In den Gemächern des Königspalasts erwacht der hier gefangene Nabucco aus einem bedrückenden Schlaf mit schweren Albträumen. Er hört laute Stimmen von draußen, die Fenenas Verurteilung zum Tod lautstark begrüßen. 

Verzweifelt wendet er sich nun an Jehova, den mächtigen Gott der Hebräer, bekennt sich demütig zu ihm und bittet um Kraft („Dio di Giuda! L’ara, il Tempio a Te sacro“). 

Herr! würd’ge Tempel will ich Dir errichten
Und Hochaltäre Deinem Dienst geweiht;
Des Baal Götzenbild will ich vernichten,
Nur wende von mir mein entsetzlich Leid.
Gott! Du willst auch der Bösen Fleh'n erhören:
Schon fühl' ich schwinden meines Geistes Nacht;
Im Staub Allgüt’ger will ich Dich verehren,
Anbeten Dich, und preisen Deine Macht. 

Nun klärt sich Nabuccos Geist. Er bricht mit übermenschlicher Kraft die Tür des Gemaches auf, um Fenena zu retten. Königstreue Wachen, darunter Abdallo, schließen sich ihm freudig an.

Die hängenden Gärten des königlichen Palastes in Babylon

Die gefangenen Hebräer und Fenena, die von Zaccaria besonders gesegnet wird, warten nahe dem Opferaltar in den hängenden Gärten des königlichen Palasts auf ihre Hinrichtung („Oh, dischiuso è il firmamento“). Doch ihr Vertrauen in Gott ist ungebrochen.

Da ertönen plötzlich Rufe: „Nabucco!“ 

Schon stürmt der alte König mit Abdallo und seinen Soldaten in den Tempel. Und Nabucco braucht sein Schwert nicht erst zu bemühen, um das Götzenbild des Baal vom Altar zu entfernen: Es stürzt wie von selbst in sich zusammen. 

Das Volk erfährt, dass Abigaille, von Irrsinn befallen, sich selbst vergiftet hat. Nun sollen, frei von jedem Götzenkult, „neue Altäre“ errichtet werden. 

Alle preisen den mächtigen „Gott des Lichts“.

  

Alle Zitate stammen aus der Übersetzung des Librettos (Quelle: www.opera-guide.ch)