„Du bist meine Liebe und mein ganzes Leben“

La Bohème

Oper in vier Bildern

Libretto: Luigi Illica (1857–1919) und Giuseppe Giacosa (1847–1906)

Musik: Giacomo Puccini (1858–1924)

Uraufführung: 1. Februar 1896, Turin (Teatro Regio)

Dauer: ca. 2 Stunden

Bilder:
1. In einer Mansarde
2. Im Café Momus
3. Stadtrand von Paris
4. In einer Mansarde

Hauptpersonen:
Rodolfo,
ein Poet: Tenor
Marcello, ein Maler: Bariton
Schaunard, ein Musiker: Bariton
Colline, ein Philosoph: Bass
Mimì, ein Mädchen: Sopran
Musetta, eine Kokotte: Sopran

Eine Werkeinführung

„La Bohéme“ gehört zu den bekanntesten Opern des genialen italienischen Komponisten Giacomo Puccini (1858–1924) und ist eines der populärsten Bühnenwerke überhaupt. Sie spielt um 1830 in Paris und beleuchtet den Alltag einiger junger, armer Künstler. Der Begriff „Bohéme“ bezeichnet intellektuelle Künstlerkreise, die oft in Opposition zu „gutbürgerlichen“ Werten und Normen stehen.

Als Vorlage für seine Oper diente Puccini das Werk „Scènes de la vie de bohème“ des französischen Schriftstellers Henri Murger (1822–1861). Nachdem er es 1893 gelesen hatte, war er sofort begeistert: „Die Geburtsstunde war an einem Regentag, als ich nichts zu tun hatte und mich daran machte, ein Buch zu lesen, das ich nicht kannte. Der Titel lautete ‚Scènes de la Vie de Bohème‘. Das Buch nahm mich mit einem Schlag gefangen. In jener Umgebung von Studenten und Künstlern fühlte ich mich sofort zu Hause. In dem Buch war alles, was ich suchte und liebe: die Frische, die Jugend, die Leidenschaft, die Fröhlichkeit, die schweigend vergossenen Tränen, die Liebe mit ihren Freuden und Leiden. Das ist Menschlichkeit, das ist Empfindung, das ist Herz. Und das ist vor allem Poesie, die göttliche Poesie. Sofort sagte ich mir: das ist der ideale Stoff für eine Oper.“

Als Textdichter konnte Puccini – wie schon für die zuvor komponierte Oper „Manon Lescaut“ – Luigi Illica (1857–1919) und Giuseppe Giacosa (1847–1906) gewinnen. Die beiden gestalteten das Libretto nach den Wünschen des Komponisten, so dass die Oper am 1. Februar 1896 in Turin – unter der Leitung des damals 28-jährigen Dirigenten Arturo Toscanini (1867–1957) – uraufgeführt werden konnte.

Die Kritiken, die „La Bohéme“ ursprünglich erntete, waren eher schlecht, doch das Publikum war von Puccinis Musik – ein durchkomponiertes Werk, bei dem alle Arien und Duette in den musikalischen Fluss eingebunden sind – verzaubert – und blieb es bis heute.

Zeitgleich mit Puccini verarbeitete übrigens auch der Komponist und Librettist Ruggero Leoncavallo (1857–1919), der mit seinem Werk „Der Bajazzo“ große Berühmtheit erlangt hatte, den „Bohéme“-Stoff für eine Oper. Seinem 1897 in Venedig uraufgeführten Werk blieb der durchschlagende Erfolg jedoch verwehrt. 

 

Die Handlung

 

Kurz und gut …
„Wer im ersten Akt hüstelt, stirbt!“ – Dieser alten dramaturgischen Formel fällt auch Mimí zum Opfer, ein armes, lungenkrankes Mädchen, dessen Schicksal der ebenso arme Poet Rodolfo nicht zum Guten wenden kann, auch wenn die beiden starke Liebesbande umgeben. 

1. Bild: In einer Mansarde
Auf den Dächern von Paris liegt Schnee, es ist Weihnachtsabend. Rodolfo, ein Poet, und sein Freund, der Maler Marcello, sitzen hungernd und frierend in ihrer Pariser Mansarde. Rodolfo opfert eines seiner Manuskripte, um mit dem Papier wenigstens für kurze Zeit den kalten Ofen zu entzünden.

Ein dritter Freund, der junge Philosoph Colline, betritt in deprimierter Stimmung die gemeinsame Wohnung. Sein Plan, im Pfandhaus ein paar Habseligkeiten zu versetzen, ist nicht aufgegangen. Wieder kein Geld.

Dann aber erscheint – bestens gelaunt – Schaunard, der Musiker in der Künstlerrunde. Er hat einen Auftrag erhalten, bringt für alle etwas zum Essen, Wein, Brennholz – und Geld. Also beschließen die Freunde, den Abend in ihrem Stammcafé zu verbringen.

Kurz wird die gute Laune durch den Vermieter unterbrochen, der endlich Geld für die Wohnung sehen will. Doch den Künstlern gelingt es, ihn von diesem unliebsamen Thema abzulenken, und sie machen sich auf ins Café. Nur Rodolfo bleibt in der Mansarde zurück; er will noch an einem Text arbeiten.

Da klopft jemand an der Tür: Mimì, eine Nachbarin, tritt ein und bittet um Feuer für ihre erloschene Kerze. Rodolfo ist entzückt von dem lieblichen, aber schwächlich wirkenden Mädchen. Er wärmt ihre kalten Hände („Che gelida manina“), erzählt ihr von sich, und auch Mimì berichtet ihm vertrauensvoll von ihrem Leben und ihren Träumen („Mi chiamano Mimì “). 

Man nennt mich Mimì,
Doch mein Name ist Lucia.
Meine Geschichte ist kurz.
Auf Leinen oder auf Seide
Sticke ich daheim und auswärts.
Ich bin ruhig und heiter
Und am liebsten sticke ich
Lilien und Rosen.
Mich freuen diese Dinge,
Die solchen süßen Zauber besitzen,
Die von der Liebe sprechen und vom Frühling;
Die mir von Träumen sprechen und von Chimären,
Diese Dinge, die Poesie heißen.
Sie verstehen mich?

Rodolfo versteht, und schnell kommen die beiden einander verliebt näher („O soave fanciulla“), ehe sie schließlich den anderen ins Café folgen. 

2. Bild: Im Café Momus

Vor dem Café kauft Rodolfo für Mimì ein Häubchen, dann stellt er sie seinen Freunden vor, und es wird fröhlich gefeiert. Musetta, die frühere Geliebte des Malers Marcello, ist auch im Cafè – in Begleitung eines älteren Verehrers, von dem sie allerdings schon wieder genug hat. Also beginnt sie mit Marcello zu flirten („Quando m’en vò“):

Wenn ich so gehe,
Wenn ich so allein auf der Straße gehe,
So bleiben die Leute stehen
Und bewundern meine Schönheit,
Alle betrachten mich von Kopf bis Fuß.

Musetta hat Erfolg: Marcello erliegt einmal mehr ihren Reizen – und bald verlassen die beiden frisch verliebten Paare – Rodolfo mit Mimì und Marcello mit Musetta – das Café, begleitet von Schaunard und Colline.

Musettas älterer Verehrer bleibt geprellt im Café zurück: Er wird für alle die Rechnung übernehmen …

3. Bild: Stadtrand von Paris

Marcello und Musetta leben in einem Gasthof am Stadtrand von Paris. Der Maler verdient sein Geld, indem er die Wände eines Cabarets verziert; Musetta tritt als Sängerin auf.

An diesem Tag sucht Mimì Marcello auf und klagt dem Freund, dass Rodolfo sie in der vergangenen Nacht aus Eifersucht verlassen habe. Sie wirkt schwach, hustet ununterbrochen. Der Maler will ihr helfen und rät ihr, sich zu trennen. Er fragt, ob er Rodolfo wecken solle. Dieser sei im Morgengrauen ebenfalls hierher gekommen und schlafe noch auf einer Bank.

In diesem Augenblick erwacht der Dichter, woraufhin Mimì sich versteckt. Sie will nicht, dass ihr Freund sie sieht, aber sie belauscht das Gespräch der beiden Männer – und erfährt so den wahren Grund, weshalb Rodolfo sie verlassen hatte. Denn dieser offenbart seinem Freund, dass er Mimì zwar nach wie vor liebe, aber sie sei sterbenskrank, und er habe kein Geld, um ihr zu helfen. Er könne nur hoffen, dass sie einen reichen Verehrer finde, der sie rettet. Deshalb habe er sie verlassen.

Da verrät sich Mimì durch ihr Husten und kommt aus ihrem Versteck. Hat sie das Gespräch gehört? Rodolfo ist unsicher, er will Mimì an einen wärmeren Ort führen, doch sie ist entschlossen, wieder in ihre Wohnung zurück zu kehren. Sie will Rodolfo nicht zur Last fallen – doch dieses Motiv bleibt unausgesprochen: 

Von wo sie froh einst kam, deinem Liebesruf folgend,
Dorthin kehrt nun Mimì zum einsamen Nest zurück.
Sie kehrt zurück, um wiederum
Künstliche Blumen zu sticken!

Doch es soll keine Trennung für immer sein: Im Frühling, wenn „die Sonne unser Genosse“ ist, so hoffen Rodolfo und Mimì, würden sie einander wiedersehen.

Und während die beiden um Leben und Liebe bangen, ergehen sich Musetta und Marcello in eher banalen Eifersüchteleien …

4. Bild: In einer Mansarde

Einige Monate später: Rodolfo und Marcello denken in ihrer Pariser Mansarde an Mimí beziehungsweise Musetta und die schöne Zeit ihres Verliebtseins zurück („O Mimì, tu più non torni“). Colinne und Schaunard bringen etwas zum Essen nach Hause – ein spärliches Mahl zwar nur, aber die Freunde halten sich bei Laune.

Kurz danach erscheint Musetta. Sie begleitet und stützt die inzwischen todkranke Mimì, die Rodolfo noch einmal sehen will. Entsetzt über ihren Zustand, sind alle sofort zu helfen bereit. Um dringend nötige Medikamente, einen Muff zum Wärmen von Mimís Händen kaufen und einen Arzt rufen zu können, opfern die Freunde ihre letzten und liebsten Besitztümer und gehen, um Hilfe zu holen.

Endlich allein mit Rodolfo, versichert ihm Mimì, die sich bis dahin schlafend stellte, ihre ungebrochene Liebe („Sono andati? Fingevo di dormire“): 

Sind sie gegangen? Ich gab nur vor zu schlafen, um allein mit dir zu bleiben.
 Ich habe so viele Dinge, die ich dir sagen will …
Vielmehr nur eines, das ist so groß wie das Meer,
Wie das Meer so tief und unendlich.
Du bist meine Liebe und mein ganzes Leben.

Rodolfo erwidert die Liebesbeteuerungen und schöpft neue Hoffnung.

Bald kehren die Freunde mit dem Muff zurück, den Mimì erfreut benützt. Sie kündigen noch die baldige Ankunft des Arztes an. Und während Rodolfo fürsorglich versucht, das zu stark durch das Fenster dringende Sonnenlicht abzuschirmen, um Mimì zu schützen, bemerkt Schaunard, dass sie gerade ihren letzten Atemzug getan hat.

Zuletzt, nach Momenten unruhigen Schweigens, wird auch Rodolfo klar, was geschehen ist. Er stürzt an Mimìs Sterbebett, wehklagend ihren Namen rufend …

 

(Zitate aus dem Libretto)