Verbeugung vor dem Gewohnheitsglauben


Die österreichische „Kleinen Zeitung“ beklagt in einem Beitrag vom 21. Januar 2019, dass von ORF-Moderatoren die übliche Grußformel „Grüß Gott!“ zu wenig konsequent verwendet wird. Mit dem statt dessen benutzten „Guten Tag“ wolle man vermutlich „die Atheisten vor der Zumutung bewahren, den Namen Gottes ausgesprochen zu hören“.

Eine fragwürdige Unterstellung. Jedenfalls ist der zugrunde liegende Gedanke, eine Grußformel würde Gläubige von Atheisten scheiden, unsinnig. „Grüß Gott!“ ist allenfalls eine Floskel des Gewohnheitsglaubens, in dem Traditionen und die gesellschaftliche Wohlfühlzone eine Rolle spielen, aber keine tieferen Gedanken. 

Wenn mich nicht alles täuscht, sollte der Begriff „Gott“ nach christlichem Glauben „heilig“ sein, und damit besonders wertvoll. Die inflationäre Verwendung eines Begriffes kann nicht wertsteigernd oder -erhaltend wirken. Gefördert wird dadurch nur eine gedanken- und empfindungslose Glaubenshaltung, die meines Erachtens sogar einiges zur Verbreitung des Atheismus in unserer Gesellschaft beiträgt. Denn in der Abneigung gegen Glaubenstraditionen liegt oft die Abneigung gegen ein gedankenloses Für-wahr-halten-und-Mitmachen.

Ich könnte gut nachvollziehen, wenn jemand den Zuruf „Guten Tag!“, das wienerische „Grüß Sie“ oder andere Grußfloskeln, die sich wirklich auf das Gegenüber oder die Situation beziehen, einfach als persönlicher, direkter und ehrlicher empfindet. Man muss deshalb niemandem weltanschauliche Tendenzen unterstellen. Auch den ORF-Moderatoren nicht.