Der Zauber des Nicht-Alltäglichen

Stephen Chboskys Filmdrama „Wunder“

August (Jacob Tremblay) ist ein aufgeweckter, überdurchschnittlich intelligenter Junge, aber er leidet am „Treacher-Collins-Syndrom“, einer seltenen, genetisch bedingten Gesichtsdeformation. Er hat unzählige Operationen hinter sich, um die Fehlbildungen – Deformation von Augen, Ohren und Jochbein, Gaumenspalte und mehr – zu korrigieren und halbwegs ansehnlich auszusehen.

Seine Eltern (Julia Roberts und Owen Wilson) haben ihren geliebten Jungen bisher zu Hause unterrichtet. Nun aber soll August, der davon träumt, Raumfahrer zu werden und seinen Kopf gern in einem Astronautenhelm versteckt, in eine Privatschule. Es ist absehbar, dass er begafft, gemieden, gehänselt und vielleicht auch gemobbt werden wird, doch der Schritt hinaus in die Welt ist unvermeidbar.

Wie es August dabei ergeht, ist Inhalt des Filmdramas „Wunder“, mit dem der US-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Stephen Chbosky 2017 einen phänomenalen Erfolg landete. Völlig zu Recht. Nicht nur die schauspielerischen Leistungen – besonders der Jungdarsteller rund um Jacob Tremblay – überzeugen, sondern auch der künstlerische Ansatz: Stephen Chbosky bleibt in jeder Phase des Films realitätsnah und verzichtet auf Tränendrück-Mechanismen ebenso wie auf eine unnötige dramaturgische Zuspitzung. Aber gerade seine ruhige, unspektakuläre Erzählweise berührt ungemein und regt dazu an, auch eigene Vorbehalte gegenüber dem Nichtalltäglichen kritisch zu hinterfragen und vielleicht sogar einen besonderen Zauber darin zu erkennen. Schön, dass ein solcher Ansatz das Publikum ebenso überzeugen konnte wie die meisten Kritiker.

Das Branchen-Magazin „Variety“ beschrieb „Wunder“ als ein „sehr geschmackvolles, herzerwärmendes Drama voller entwaffnend besonnener Empathie“, das „mit Esprit, Gewissheit und Anmut […] vom gegenwärtigen Klima amerikanischen Mobbings“ erzähle. Der Film zeige, „was Mobbing eigentlich bedeutet: Kinder schotten ihre Gefühle ab und ergeben sich ihrer dunklen Seite, um sich überlegen zu fühlen.“ Doch die Mobber seien in diesem Fall „nicht böse geboren“, sondern sie erlebten Auggies Anwesenheit als eine „Bedrohung für deren Coolness in der Schule“. Dabei zeige der Film ein „tief gehendes Verständnis der vielschichtigen Persönlichkeiten von Kindern“.

Die literarische Grundlage für Stephen Chboskys Drehbuch zum Filmdrama „Wunder“ lieferte der gleichnamige Debutroman der US-amerikanischen Schriftstellerin Raquel J. Palacio, der sich 2013 zum Bestseller entwickelte und mittlerweile in viele Sprachen (auch Deutsch) übersetzt wurde.

Es überrascht nicht, dass das Filmdrama, das in vielen Ländern Platz 1 der Kinocharts erobern konnte und mehr als 300 Millionen US-Dollar einspielte, auch für zahlreiche Preise nominiert wurde. 

Eine Auszeichnung erhielt er unter anderem für das Make-up, das in diesem Fall natürlich ein Grenzgang war: In der Realität sind die Folgen des Treacher-Collins-Syndroms oft so extrem, dass sie einem Massenpublikum wohl nicht zumutbar wären. Augusts Gesichtsentstellung wirkt vergleichsweise harmlos – doch immerhin „schrecklich“ genug, um den Kern der „wichtigen Botschaft“ zu vermitteln, den die Jury der „Deutschen Film und Medienbewertung“ in „Wunder“ sah:

„Das Äußere eines Menschen kann nie so viel bedeuten wie das, was ein Mensch tut oder bewirkt. Der gut gewählte Score und Soundtrack erhält in den einzelnen Szenen und Sequenzen immer eine visuelle Entsprechung, nie überschreitet der Film die Grenze zum Kitsch, berührt aber dennoch tief, was auch an der großartigen Leistung des Darstellerensembles liegt.“ Fazit: Prädikat „Besonders wertvoll“.

(2017, 114 Minuten)