Fliegen lernen

Otmar Penker und Gerardo Olivares Naturfilm-Drama „Wie Brüder im Wind“

Die Geschichte spielt in den Südtiroler Alpen in den 1960er-Jahren und ist schnell erzählt: Ein Adler-Junges wird von seinem stärkeren Bruder aus dem hohen Nest in den Felsen gestoßen, überlebt aber den dramatischen Absturz. 

Ein 12jähriger Junge, Lukas (Manuel Camacho), findet den hungrigen, hilflosen, noch längst nicht flugfähigen Vogel und beschließt, ihn heimlich großzuziehen. Denn Keller, sein Vater (Tobias Moretti), hat für die majestätischen Tiere nichts übrig. Weil sie seine Schafe gefährden, macht er Jagd auf sie.

Aber Lukas hat Glück: Danzer, ein verständiger Förster (Jean Reno), entdeckt sein Vorhaben, zeigt ihm, wie man Adler richtig füttert und sie das Fliegen lehren kann.

Zwischen Lukas und Abel, wie der Junge den jungen Adler nennt – in Anlehnung an die biblische Geschichte von Kain und Abel –, entsteht eine besondere Freundschaft, das Tier entwickelt sich prächtig und erlernt tatsächlich das Fliegen und Jagen. 

Schließlich kommt der Moment, an dem Lukas den Adler in die Freiheit entlassen muss … in ein ungewisses, lebensgefährliches Abenteuer. 

Wird Abel über den nächsten harten Winter kommen? Wird es zum Revierkampf mit seinem Bruder kommen? Und wird Lukas ihn jemals wiedersehen? –

Keine Frage: Mit diesem Plot bietet „Wie Brüder im Wind“ eine sehr geradlinige Geschichte ohne unerwartete Wendungen, und man wäre versucht zu formulieren: nur eine einfache Geschichte mit dem Erregungsfaktor alter Heimatfilme. Aber wie Otmar Penker diese Handlung visuell umgesetzt hat, ist atemberaubend, sensationell und einzigartig – auch dann, wenn man die hohen Maßstäbe moderner Natur-Dokumentationen anlegt.

Viele der Flug- und Jagdszenen, ergänzt durch prächtige Landschafts- und Witterungssequenzen (dramatischer Lawinenabgang inklusive), waren so noch nie zu sehen, weder im Kino, noch in einer TV-Dokumentation. Und genau das – etwas Einzigartiges zu schaffen – war die Motivation des österreichischen Filmemachers Otmar Penker, der für dieses ehrgeizige Projekt aus einer Jahrzehnte langen Erfahrung als Naturfilmer schöpfen konnte. 

Für die mit aufwendiger Kameratechnik, unter schweren logistischen Bedingungen und zum Teil großen körperlichen Strapazen gedrehten Naturszenen benötigte er vier Jahre. Penker arbeitete in Kärnten, Tirol und im italienischen Südtirol mit Rangern und Falknern (Falkenhof Lenggries und Adlerarena Burg Landskron) zusammen, verwendete Helikopter, spezielle Drohnen und eine in Kooperation mit dem Fraunhofer-Forschungsinstitut speziell entwickelte hochauflösende Miniatur-Kameria, die erstmals Aufnahmen aus der subjektiven Perspektive eines Adlers ermöglichten.

Das Ergebnis, die Tatsache, dass solche Aufnahmen wirklich in und mit der Natur entstanden sind, versetzt wohl auch den verwöhntesten Naturdoku-Konsumenten in atemloses Staunen.

Dennoch sollte das Drama „Wie Brüder im Wind“ nicht nur durch Tieraufnahmen bestechen, sondern eben auch ein „ausgewachsener“ Spielfilm sein. Deshalb holte Otmar Penker den spanischen Regisseur Gerardo Olivares mit ins Boot, der die Personenführung übernahm und den Jungdarsteller Manuel Camacho als Lukas besetzte. Die beiden hatten schon für die deutsch-spanische Kinofilmproduktion „Wolfsbrüder“ (2012) zusammengearbeitet.

Mit der Rolle des Försters Danzer – und gleichzeitig des Erzählers – wurde der französische Schauspieler Jean Reno betraut; als dessen deutscher Synchronsprecher fungierte, wie immer tief unter die Haut gehend, Joachim Kerzel. Den Part des einsilbigen, verstockten Vaters übernahm eine österreichische Schauspiel-Größe: Tobias Moretti.

Und so darf sich der Zuschauer auch an einer klassischen, bestens gespielten Entwicklungsgeschichte erfreuen, die sich parallel zu der des jungen Adlers vollzieht: Während Vater und Sohn einander nach dem tragischen Tod der Mutter (Eva Kuen) nur noch in wortloser Verbitterung begegnet waren, unfähig zu einer Liebesbezeugung, und Lukas sich schon entschlossen hatte, von zu Hause fortzugehen, lässt ihn die lange erhoffte Wiederbegegnung mit Abel doch umdenken.

Zuletzt kommen die zwischen Vater und Sohn erstarrten Emotionen neu in Schwung.

Auch Seelen können fliegen lernen.

(2016, 94 Minuten)