Emotionale Energien in großer Fallhöhe

Martin McDonaghs preisgekörntes Drama „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ 

Mildred Hayes (Frances McDormand) hat auf tragische Weise ihre Tochter verloren: Das Mädchen wurde in der Nähe ihres Elternhauses vergewaltigt und verbrannt. Dem Sheriff der Gemeinde Ebbing, Bill Willoughby (Woody Harrelson), ist es nicht gelungen, das Verbrechen aufzuklären. –

Sieben Monate nach dem Vorfall hat Mildred, die sich nicht damit abfinden will, dass die Ermittlungen im Sand verlaufen sind, während einer Autofahrt nach Hause eine Idee: Sie mietet drei Billboards, also große Plakatflächen, und lässt in schwarzen Lettern auf rotem Hintergrund übergroße Schlagzeilen affichieren, um den Polizeichef öffentlich in die Pflicht zu nehmen und weitere Nachforschungen zu erzwingen: „Vergewaltigt, während sie starb“ – „Immer noch keine Verhaftungen?“ – „Wie kommt das, Chief Willoughby?“

Die Aktion der streitbaren Mutter löst unterschiedlichste Reaktionen aus – Widerstand innerhalb und außerhalb ihrer Familie einerseits, andererseits aber auch Verständnis. Dass Mildred zumindest einen Mitstreiter hat, beweist ihr etwas später eine anonyme Spende, die es ihr erlaubt, die Billboards für ein weiteres Monat zu mieten, obwohl ihr eigenes Geld bereits zur Neige geht.

Bald aber wird ihre umstrittene Initiative von einer anderen Tragödie überschattet: Bill Willoughby, der Sheriff, begeht Selbstmord. Aber nicht etwa, wie natürlich sofort vermutet wird, weil ihn Mildred Hayes unerträglich unter Druck gesetzt hat. In Wirklichkeit ist der Sheriff, der es selbst bedauert, seine Ermittlungen in diesem Fall nicht erfolgreich beenden zu können, unheilbar an Bauchspeicheldrüsen-Krebs erkrankt, spuckt bereits Blut und will seiner Familie und sich selbst die absehbare Zeit des Dahinsiechens ersparen.

Der Sheriff wusste natürlich, dass sein Freitod Diskussionen auslösen und auch Konsequenzen für Mildred Hayes haben könnte. Deshalb hat er ihr vorsorglich einen Brief geschrieben, Verständnis für ihre Situation zum Ausdruck gebracht und ihr ein Geheimnis anvertraut: Der anonyme Spender für die Billboards sei er gewesen …

Aber nicht nur Mildred erhält einen klärenden, richtungweisenden Abschiedsbrief, in dem sich Willoughby angesichts seines Todes als weiser Menschenfreund zeigt, sondern auch seine verzweifelte Frau und … sein junger Officer Jason Dickson (Sam Rockwell). Der, ein ewiges Muttersöhnchen, hatte sich bislang vor allem durch dümmlichen Rassismus und aggressive Brutalität hervorgetan. Doch Willoughby erkennt, schreibt er in seinem letzten Brief, den guten Polizisten in ihm. Tatsächlich habe Jason die besten Voraussetzungen für diesen Job, es müsse ihm nur gelingen, seine Wut zu bezähmen, innezuhalten …

Der gute Rat, den Dickson sich sofort gerührt zu Herzen nimmt, kommt jedoch etwas zu spät: Denn nachdem der junge Officer vom Freitod seines Chiefs gehört hatte, war er kopflos in das Werbebüro gestürmt, das die Billboards vermietet, hatte dort den Chef verprügelt, aus dem Fenster geworfen – und folglich seinen Dienst quittieren müssen …

Hier die teilweise skurrilen Kettenreaktionen, die in blindem Aktionismus der Plakatkampagne einer verhärmten Mutter folgen; dort die liebevolle Menschennähe, die aus den letzten Briefen eines Todgeweihten strömt: Diese in seinem preisgekrönten Drehbuch geschickt aufgebaute Fallhöhe ermöglicht es dem irischen Dramatiker und Filmregisseur Martin McDonagh, gewaltige emotionale Energien freizusetzen. Sein vielfach ausgezeichneter Film „Three Billboards outside Ebbing, Missouri“ ist ebenso Drama wie schwarze Komödie. Er verzichtet auf ein allzu realitätsfernes Happyend, gewährt seinen Charakteren aber doch schicksalhafte Situationen und lebensnahe Entwicklungsprozesse, die vermutlich irgendwann auch die Heilung tiefer seelischer Wunden anregen …

Eine Aussicht, die vorsichtig, indes hoffnungsfroh genug ist, um sowohl Kritiker als auch Publikum zu befriedigen – und ein phantastisches Schauspieler-Ensemble (darunter Peter Dinklage und Caleb Landry Jones), das sich in geschliffenen, mit Kraftausdrücken gewürzten Dialogen ergehen darf – so pointiert und schlagfertig, wie es das nur im Kino gibt. Aber wenn auch verbal alles sehr plakativ daherkommt – ist nicht genau das Thema des Films? 

Jedenfalls hoben diese Ingredienzien einen budgetmäßig eher kleinen Film 2018 in den Oscar-Olymp. Verdient. 

(2017; 116 Minuten)