Das Ende ist nur der Anfang

Vincent Wards oscarprämiertes Jenseits-Drama „Hinter dem Horizont“

Chris Nielsen (Robin Williams), ein erfolgreicher Arzt, und seine Frau Annie (Annabella Sciorra), eine Malerin, verbindet eine tiefe Liebe. Doch das Eheglück der beiden endet an einem schrecklichen Tag, als bei einem tragischen Autounfall ihre beiden Kinder, Ian und Marie, sterben. Annie verfällt in eine schwere Depression. Chris hilft ihr aufopfernd und selbstlos, und langsam fasst sie wieder neuen Lebensmut – bis der nächste Schicksalsschlag sie endgültig aus der Bahn wirft: Auch Christ kommt bei einem Unfall ums Leben …

Doch es ist nur das irdische Leben, das er verliert. 

Chris erwacht zunächst in einer farbenprächtigen jenseitigen Welt, die ihm durch und durch vertraut erscheint. Denn die Landschaftsmalereien seiner Frau scheinen hier zur Wirklichkeit geformt. Bald lernt er Albert (Max von Sydow) kennen, der ihm sofort wie ein vertrauter Freund erscheint und ihm bei seinen weiteren Unternehmungen zur Seite steht.

Vorerst hat Chris nur einen großen Wunsch: Er will mit seiner verzweifelten Frau, die nun allein in der irdischen Welt zurück geblieben ist, Kontakt aufnehmen, will sie trösten, sie wissen lassen, dass er noch lebt. Also sucht er ihre Nähe, und es gelingt ihm tatsächlich, Annies Gedanken auf sich zu lenken. Doch schließlich muss er einsehen, dass ihr Schmerz dadurch nur noch größer wird, und aus Liebe zu ihr löst er die Verbindung.

Annie aber kommt mit den Verlusten, die sie erlitten hat, nicht zurecht. Ihre Depression überwältigt sie, sie verübt Suizid.

Auch sie erwacht nun in einer jenseitigen Welt. Doch es ist eine düstere, hoffnungslose Wirklichkeit, in der sie sich halbbewusst wiederfindet, ein Spiegel ihrer seelischen Verfassung.

Als Chris von Annies Schicksal erfährt, ist er entschlossen, alles zu unternehmen, um ihr zu helfen. Trotz Alberts Warnungen verlässt er seinen persönlichen „Himmel“, um in die „Hölle“ seiner geliebten Frau hinabzusteigen und sie daraus zu befreien …

Die Darstellung der vielfältigen jenseitigen Wirklichkeiten, die der neuseeländische Regisseur Vincent Ward in seinem sehenswerten Drama „Hinter dem Horizont“ zeigt – von lebensbunten Landschaftsbildern, die an Kreationen von Caspar David Friedrich erinnern, bis hin zu aschgrauen Höllenfeldern, die aus aneinander gepferchten menschlichen Köpfen bestehen –, wurde mit einem Oscar gewürdigt. Dennoch werden die visuellen Effekte in dem Film nicht übergewichtig, sondern sie bleiben, vor allem dank der überzeugenden Darsteller, lediglich ein Mittel zum Zweck – eine Geschichte zu erzählen, in der es keine Grenze zwischen Diesseits und Jenseits gibt: Was hier die seelische Innenwelt ist, ist dort Außenwelt. Jeder Mensch lebt in seinen „Werken“, als in den ureigenen gedanklichen Kreationen, und doch ist alles mit allem verbunden. Die Empfindungswelten, im irdischen Leben gegenüber intellektuellen Leistungen oft im Nachteil, erweisen sich als tiefere Wahrheit, als die eigentliche Wirklichkeit des Lebens …

Insofern setzt Vincent Ward mit seinem Film „Hinter dem Horizont“ ein idealistisches Weltbild in Szene, das im 21. Jahrhundert natürlich nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann. So verwundert es auch nicht, dass kopflastige Filmkritiker mit diesem Ansatz wenig anzufangen wussten – im „Spiegel“ etwa (23. November 1998) war typischerweise von einem „mißratenen Tränen-Oratorium“ die Rede –, während sich Cineasten, die offen für ein nicht materialistisches Weltbild sind, von der Geschichte begeistern ließen ein Meisterwerk orteten.

Jedenfalls kam der mehrfach ausgezeichnete Film, der auf einem Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Richard Matheson (Drehbuch: Ronald Bass) beruht, beim Publikum gut an, so dass die hohen Produktionskosten (etwa 85 Millionen Dollar) eingespielt werden konnten. Wobei sich die Entstehungsgeschichte ebenfalls durch „Himmel und Hölle“ bewegt haben dürfte. Der Film erfuhr vor seiner Veröffentlichung zahlreiche Veränderungen; eine ursprünglich von Ennio Morricone komponierte Filmmusik wurde letztlich zugunsten des Scores von Michael Kamen verworfen …

Der Originaltitel des Films („What Dreams May Come“) ist ein Shakespeare-Zitat (aus „Hamlet“) und spielt auf die Träume und Sehnsüchte an, die den Menschen nach dem Tod erwarten mögen. Inwieweit „Hinter dem Horizont“ tatsächliche Gegebenheiten widerspiegelt, darüber werden die Ansichten – selbstverständlich – auseinander gehen. Auch manche inhaltlichen Aspekte oder die Entwicklung der Charaktere könnte man in Frage stellen. Aber zweifellos zählt Vincent Wards Streifen zu den intelligentesten und schlüssigsten „Jenseits-Filmen“ überhaupt. Er zeichnet das Bild von einem großen, umfassenden Sein, in dem ein Erdenleben nur eine Etappe ist. Im Verlauf ihrer Entwicklung begegnen sich Menschen in unterschiedlichen Konstellationen (Chris’ Freund Albert etwa entpuppt sich als sein zuvor verstorbene Sohn Ian), und sie können sich in einer neuen Inkarnation auch in der irdischen Welt wiederfinden. Mit diesem Bild – ein Mädchen und ein Junge begegnen einander an einem See – endet der Film … vor dem Horizont.

(1998, 108 Minuten)