Die Bigotterie eines beliebigen Affen

Miloš Formans Geschichtsdrama „Goyas Geister“ 

„Biopics“, also Verfilmungen von Biographien besonderer Menschen, haben derzeit Hochsaison. Doch es gibt auch eine andere, freiere Möglichkeit der filmischen Geschichtsaufarbeitung: Die Form des von historischen Gegebenheiten inspirierten Dramas. Miloš Forman (1932–2018), der tschechoslowakisch-amerikanische Ausnahmeregisseur, dem die Kunstgeschichte Meisterwerke wie „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) oder „Amadeus“ (1984) verdankt, hat sie für seine letzte Regiearbeit genutzt: „Goyas Geister“ führt zurück ins Spanien des 18. Jahrhunderts, wo der berühmte Maler und Grafiker Francisco de Goya (1746–1828) als Hofmaler tätig ist und miterleben muss, wie seine Muse, die junge Inés (Natalie Portman), aus fadenscheinigen Gründen von der Inquisition angeklagt, verhaftet, gefoltert und letztlich nicht nur körperlich, sondern auch seelisch zerstört wird.

Im Spannungsfeld zwischen dem von Goya (Stellan Skarsgård) verkörperten Kreativgeist und klerikaler Engstirnigkeit thematisiert Formans Drama die unmenschlichsten Auswüchse in der Geschichte der katholischen Kirche. 

Die Bigotterie ist personifiziert in Pater Lorenzo (Javier Bardem), der sich der im Kerker dahinvegetierenden Inés als geistlicher Fürsorger andient, zugleich aber die Gelegenheit nützt, das in Ketten liegende Mädchen zu vergewaltigten. Dass ihm diese lustorientierte Seelsorge eine Tochter – Alicia – beschert, erfährt der Pater erst sehr viel später.

Zunächst, gegen Ende des 18. Jahrhunderts, scheint es noch aussichtslos, gegen die Macht der Kirche anzutreten. Die Folter, etwa das Aufhängen des Beschuldigten an den hinten gefesselten Händen, ist als adäquates Mittel zur Wahrheitsfindung akzeptiert. Ein Mensch, der sicher und fest in seinem Gottesglauben sei, würde auch diese Qual geschützt ertragen können; gestehen würde nur der wirklich Schuldige. Sagt die klerikale Theorie. 

Wie unsinnig diese Auffassung ist und wie leicht jemand unter unerträglichen Schmerzen tatsächlich jeden Unsinn zugibt, den man ihm abverlangt, gibt Inés ebenso verzweifelter wie wütender Vater Lorenzo am eigenen Leib zu spüren. Er lässt den Pater, nachdem er ihn durch eine Einladung in sein Haus gelockt hat, selbst in den „Genuss“ das Pfahlhängens kommen – und schon unterschreibt dieser bereitwillig ein Dokument, in dem er höchst offiziell zu Protokoll gibt, ein Affe zu sein.

Die Hoffnung, damit beweisen zu können, wie lächerlich alle durch Folter erzwungenen Geständnisse sind, erfüllt sich für die Eltern jedoch nicht. Inés bleibt im Gefängnis, und Pater Lorenzo muss – von der Kirche auf Grund des Dokuments ebenfalls zum Ketzer erklärt – aus Spanien fliehen.

Dann aber ändern sich die Verhältnisse. Napoléon marschiert in Spanien ein, und Lorenzo kehrt, flugs zum Verfechter der Ideale der Französischen Revolution mutiert, als Chefankläger gegen die Inquisition zurück.

Fünfzehn Jahre sind vergangen. Alicia (ebenfalls dargestellt von Natalie Portman) schlägt sich als Prostituierte durch. Inés, ihre Mutter, kann nun endlich den Kerker verlassen. Sie sucht Goya auf, der die körperlich und seelisch gebrochene Frau zunächst fast nicht wieder erkennt – und dann möchte sie endlich ihre Tochter sehen. Doch Lorenzo kämpft dagegen, dass die Ereignisse rund um seine Vaterschaft ans Licht kommen. Er lässt Inés in eine Nervenheilanstalt einweisen und Alicia als Prostituierte gefangen nehmen. 

Seine Macht endet, als 1809 die Briten die spanische Grenze überschreiten, die kirchlichen Würdenträger rehabilitieren und Lorenzo zum Tod verurteilen und hinrichten.

In der Blütezeit seines künstlerischen Schaffens hat Goya den „Wendehals“ in prächtigen Farben porträtiert, jetzt folgt er dem Leichnam auf dem Karren des Henkers, altersschwach hinkend, durch die Straßen der Stadt …

Wie weit haben uns 200 Jahre Geschichte von solchen Ereignissen entfernt? 

Verkopfte Bigotterie und religiöser Fanatismus, dem freies, erlebnisorientiertes, kreatives Denken als Bedrohung erscheint, gehören auch im 21. Jahrhundert zum Alltag … aber die Abgründe sind vielleicht schon besser ausgeleuchtet, das Triebhaft-Affige ist durchschaubarer geworden. 

Und vielleicht tragen „Goyas Geister“, trägt der filmische Schwanengesang Miloš Formans, zur weiteren Ätherisierung des Menschen- und Freiheitsverachtenden bei. 

(2006, 114 Minuten)