Eine Woche. Ein Tag. Eine Stunde.

Christopher Nolans meisterhaftes Kriegsdrama „Dunkirk“

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs gab es Schlüsselereignisse, die den Lauf der Geschichte möglicherweise entscheidend beeinflussten. Man mag sich beispielsweise gar nicht ausmalen, wie sich die kriegerischen Ereignisse weiterentwickelt hätten, wenn es Anfang Juni 1940 einer Flotte überwiegend privater britischer Schiffe nicht gelungen wäre, etwa 230.000 eigene und 110.000 französische Soldaten aus der nordfranzösischen Hafenstadt Dünkirchen über den Ärmelkanal zu evakuieren. 

Die alliierten Soldaten waren in Frankreich zur Verteidigung gegen die vorrückende deutsche Wehrmacht eingesetzt worden, jedoch gescheitert. Die deutschen Panzer stießen immer weiter vor; zuletzt waren etwa 370.000 Soldaten in Dünkirchen ausweglos eingekesselt und konnten nur noch hoffen, am Hafen von Schiffen aufgenommen und nach England in Sicherheit gebracht zu werden. 

Und diese Evakuierungsaktion – „Operation Dynamo“ – gelang. Allerdings nur, weil sich private britische Schiffsbesitzer in einer beispiellosen Hilfsaktion zusammenschlossen und die lebensgefährliche, 41 Kilometer lange Überfahrt nach Frankreich wagten, um mitten im deutschen Bombenhagel das Leben von Soldaten – und damit das Gros des in diesem Krieg dringend nötigen britischen Expeditionskorps – zu retten. 

Mehr als 220 Schiffe wurden dabei durch Luftangriffe zerstört, aber 338.226 Menschen konnten in Sicherheit gebracht werden, ehe die Deutschen am 4. Juni 1940 die Stadt Dünkirchen einnahmen.

Die bangen Tage zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, die Stunden, in denen Tausende hilflos starben und Zehntausende ebenso hilflos auf ihre Evakuierung warteten, stehen im Mittelpunkt des Kriegsdramas „Dunkirk“, mit dem der britische Ausnahmeregisseur Christopher Nolan ein intensives filmisches Meisterwerk vorlegte. Zwar ist sein Epos ohne geschichtliche Vorkenntnis eher schwer zu konsumieren, weil die drei Handlungsstränge – der Überlebenskampf zweier Soldaten in Dünkirchen, die Rettungsmission eines kleinen Privatbootes und der Einsatz eines Royal-Airforce-Piloten gegen die deutsche Luftwaffe – zwar parallel, aber in unterschiedlichen Zeitspannen (eine Woche, ein Tag beziehungsweise eine Stunde) ablaufen, bis sie sich schließlich – zeitlich und örtlich – an einem Punkt treffen. Aber gerade diese ungewöhnliche Erzählweise, die die unterschiedlichen Erlebnisperspektiven der Protagonisten widerspiegelt, macht diesen Film konzeptionell zu einem Meisterwerk.

„Dunkirk“ bietet aber auch visuell (Kamera: Hoyte van Hoytema), ausstattungstechnisch (gedreht wurde unter anderem am Originalschauplatz in Dünkirchen, wobei die alte Mole, eine ins Meer ragende Dammkonstruktion, die zur Evakuierung der Soldaten diente, zum Teil rekonstruiert wurde), musikalisch (Hans Zimmer schuf eine äußerst eindringliche Mischung aus Musik- und Geräuschkomponenten) und vor allem in der Regie (der Streifen kommt nahezu ohne Dialoge aus) Filmkunst vom Feinsten. 

In acht Kategorien für einen „Oscar“ nominiert und 2017 schließlich in drei Kategorien ausgezeichnet, beweist „Dunkirk“, dass Christopher Nolans dramaturgische Handschrift nicht nur im Science-Fiction-Genre („Interstellar“ und „Inception“) bestens funktioniert, sondern ebenso in der Aufarbeitung dieses herausragenden Ereignisses der britischen Geschichte, das – wie etwa auch „The Imitation Game“ – ein Schlüsselereignis im Zweiten Weltkrieg beleuchtet.

Sein Werk zieht den Zuschauer nach allen Regeln der Kunst in den Bann, kehrt die Bedeutung von Menschlichkeit gerade in unheilvollen Zeiten hervor, regt zum Nachdenken und Nachforschen an und hinterlässt trotz des jederzeit „greifbaren“ Bedrohungsszenarios den Eindruck, etwas Wertvolles gesehen zu haben.

Mehr muss man von Filmkunst nicht erwarten.

(2017, 107 Minuten)