„Anrollen!“

Steven Spielbergs Geschichtsdrama „Die Verlegerin“

Katharine Graham (1917–2001) war weder eine passionierte Enthüllungsjournalistin, noch eine gestandene Geschäftsfrau. Doch ihrem Vater gehörte die 1877 gegründete „Washington Post“, die größte Tageszeitung in Washington D. C., dem Regierungssitz der Vereinigten Staaten. Und nachdem Katharines Mann, der Medienunternehmer Philip Graham – damals Mitherausgeber der „Post“ – 1963 Selbstmord begangen hatte, kam ihr plötzlich die Rolle der Chefin der renommierten Zeitung zu, und zugleich die der Vorstandsvorsitzenden des Verlags. 

Eine Rolle, die Katharine Graham (Meryl Streep) zu überfordern scheint. Unsicher bewegt sich „die Verlegerin“ – so der deutsche Titel des Biopics von Steven Spielberg, das im Original „The Post“ heißt – in einer männerdominierten Geschäftswelt, hin- und hergerissen zwischen den kühnen journalistischen Interessen ihres Chefredakteurs Ben Bredlee (Tom Hanks) und den wirtschaftlichen Zielen der Verlagsmanager, die gerade den Börsengang der „Post“ vorbereiten, um an neues Geld zu kommen.

In ihrer Aufgabe wirkt Kathrin zunächst eher wie eine Marionette der Mächtigen. Sie ist gut vernetzt mit der politischen Elite, eine gesellschaftlich angesehene Frau, der harmonische persönliche Beziehungen und Freundschaften wichtig sind, aber sie ist keine Macherin, der man schwer wiegende Entscheidungen zutrauen würde.    

Dann aber ereignet sich etwas Hochdramatisches, das Katharinas Rolle als eher reagierende denn agierende Verlagschefin auf den Prüfstand stellt und sie zu einer Entscheidung zwingt.

Die „New York Times“, ein hoch angesehenes Konkurrenzblatt der „Post“, hatte gerade einen journalistischen Coup der Sonderklasse gelandet und einen Teil geheimer Dokumente veröffentlicht, die anschaulich machen, wie sinnlos amerikanische Soldaten in dem seit 1955 tobenden Vietnamkrieg „verheizt“ worden waren und wie die Öffentlichkeit unter drei US-Präsidenten fortwährend belogen worden war. 

Die „Pentagon-Papiere“ hatte ein Mitarbeiter des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums, des Pentagons, der bei diesem Wahnsinn nicht länger zuschauen wollte, heimlich kopiert und der Zeitung zugespielt. Aber das Weiße Haus hatte auf die Veröffentlichung mit schwersten Geschützen reagiert, die „New York Times“ wegen Hochverrats angeklagt und ihr gerichtlich weitere Veröffentlichungen untersagt.

Und nun sind die brisanten Dokumente der „Washington Post“ zugespielt worden. Ben Bredlee sieht darin eine große Chance für die Zeitung und auch für die Gerechtigkeit. Er will trotz der Probleme, die sich die „New York Times“ mit den „Pentagon-Papers“ bereits eingehandelt hat, weitere brisante Details aus den Geheimakten veröffentlichen, er will damit für die Pressefreiheit und gegen die gezielte Desinformation der Regierung kämpfen und sich allen zu erwartenden juristischen Hindernissen stellen.

Auf der anderen Seite gefährden schwer wiegende Konflikte mit dem Weißen Haus den Börsengang der Zeitung. Im Wissen, dass sie wegen Hochverrats sogar im Gefängnis landen könnte, muss Katharine Graham nun die Entscheidung ihres Lebens treffen: Drucken oder nicht? Schon ist der alles entscheidende Bericht fertig gesetzt, es muss nur noch jemand den Startknopf für die Druckmaschinen betätigen. 

Und im Augenblick, als es wirklich auf sie und nur auf sie ankommt, als sie von ihren langjährigen Einflüsterern immer vehementer zur Vorsicht gedrängt wird, wächst Katharine über sich hinaus, wiegt ruhig alle Für und Wider noch einmal ab und entscheidet dann … 

„Anrollen!“

Steven Spielberg versteht es meisterhaft, die Handlung seines großartigen Films ohne Spannungsverlust diesem einen Höhepunkt zuzutreiben. Visuell eindrucksvoll führt er zurück in die Zeit des Bleisatzes und der Botengänge, und sein phantastisches Darsteller-Ensemble – voran Meryl Streep (die für ihre schauspielerische Leistung in diesem Film die 21. Oscar-Nominierung erhielt) und Tom Hanks – trägt dazu bei, eine wichtige politische Phase der US-amerikanischen Geschichte lebensnah nachzuzeichnen. 

„Die Verlegerin“ reiht sich damit in Spielbergs beeindruckende Reihe herausragender Dramen, die Inszenierungskunst mit kritischer Geschichtsbetrachtung vereinen – wie etwa „Bridge of Spies“, „Schindlers Liste“ oder „Die Farbe Lila“. Und er trägt hoffentlich auch dazu bei, dass der große und staatstragende Wert unabhängiger Berichterstattung (wieder) erkannt wird. Denn die allgemeine Wertschätzung des kritischen Journalismus und der Pressefreiheit ist leider nicht selbstverständlich.  

(2017, 117 Minuten)