Aufschneiden und den Körper enträtseln

Philip Stölzls Geschichts-Drama „Der Medicus“ 

Hilflos muss der kleine Rob miterleben, wie seine geliebte Mutter an der gefürchteten „Seitenkrankheit“ leidet. Als er seine Hand auf ihre Brust legt, spürt er deutlich, dass sie nicht mehr lange leben wird. Diese Gabe, den Tod anderer Menschen mit Gewissheit vorauszufühlen, prägt Robs weiteres Leben – ebenso wie der drängende Wunsch, neue Möglichkeiten zu finden, um menschliches Leid zu lindern und Krankheiten zu heilen.

Doch wir befinden uns im 11. Jahrhundert. Die „Seitenkrankheit“ – heute Blinddarmentzündung genannt – ist ebenso unheilbar wie jede andere krankhafte Veränderung, deren Behandlung es erfordern würde, den menschlichen Körper chirurgisch zu öffnen.

Das aber ist undenkbar. Der Körper gilt als unantastbar, auch wenn es sich um einen Leichnam handelt. Wie es im Inneren des Menschen aussieht, hat ein Geheimnis zu bleiben. Man mag im Falle einer schweren Krankheit auf Gott vertrauen und sich seinem Willen ergeben, aber es wäre ein Sakrileg, ein Messer anzusetzen, um durch die Haut neugierig in jene organische Innenwelt vorzudringen, die – dem Willen des Schöpfers entsprechend – über Gedeih oder Verderb der einzelnen Person entscheidet.

Dieses religiös geprägte Welt- und Menschenbild wird für des wachsende medizinische Interesse von Rob (Tom Payne) zum immer größeren Hemmnis. Er hatte sich nach dem Tod seiner Mutter einem fahrenden „Bader“ (Stellan Skarsgård) angeschlossen, einem Vertreter jenes mittelalterlichen Berufsstandes also, der nicht nur Körperpflege anbot, sondern „in einem Aufwaschen“ auch verstauchte oder gebrochene Knochen versorgte, faule Zähne zog und das eine oder andere „Wunderelixier“ verkaufte.

Als der Bader durch einen „Grauen Star“ erblindet und ein in Persien geschulter Medicus ihm durch einen gekonnten Nadelstich in die Linse wie durch ein Wunder das Sehvermögen wieder schenkt, erkennt Rob, dass die Medizin anderswo offenbar viel weiter fortgeschritten ist als in Europa, und er entschließt sich zu einer gefährlichen Reise nach Indien. Dort will er sich von dem berühmten Universalgelehrten Ibn Sina (Sir Ben Kingsley) ausbilden lassen, dem man sagenhafte Heilkünste nachsagt. 

Doch Rob wird erfahren müssen, dass die Idee, den menschlichen Körper zu öffnen, um seine Geheimnisse zu entdecken und neue Heilverfahren zu entwickeln, auch dort zum Undenkbaren gehört …

In seinem Geschichts-Drama „Der Medicus“ thematisiert der Münchner Regisseur Philipp Stölzl einen entscheidenden Schritt in der Kulturgeschichte der Menschheit, der untrennbar mit dem Gedanken der Aufklärung verbunden ist und für die Medizin einen Quantensprung bedeutete: das Studium der Anatomie. Was heute selbstverständlich ist – genaues Wissen um den menschlichen Organismus sowie chirurgische Eingriffe, um Krankheiten zu beseitigen – erforderte im Mittelalter enormen Mut und eine scheuklappenfreie Weitsicht; die Bereitschaft, sich – und sei es unter Lebensgefahr – konfessionellen Traditionen entgegenzustellen, um fatalistische Blindgläubigkeit durch Wissen zu ersetzen.

Zwar basieren weder der Film noch der ihm zugrunde liegende Romanzyklus des US-amerikanischen Schriftstellers Noah Gordon auf Tatsachen (wenngleich ein persischer Arzt und Philosoph namens Ibn Sima im 11. Jahrhundert tatsächlich gelebt hat), aber der historische Rahmen für die Handlung spielt mit durchaus realen Gegebenheiten. Vermutlich erst im 14. Jahrhundert fanden Sektionen toter Körper statt, zunächst im Freien, auf Friedhöfen, später auch – nicht nur zu Lehrzwecken, sondern auch um die allgemeine Schaulust zu befriedigen – in Universitätsgebäuden („Anatomisches Theater“). Chirurgischen Praktiken entwickelten sich erst mit dem Wissen über Infektionsgefahren und Anästhesieverfahren ab dem 19. Jahrhundert rasch weiter.

Wir können heute nur erahnen, wie beschwerlich das Leben noch vor wenigen Generationen im Krankheitsfall gewesen sein muss. Philip Stölzls sehenswerter Film „Der Medicus“ trägt zweifellos dazu bei, zivilisatorische Errungenschaften nicht für allzu selbstverständlich anzusehen und regt zum Nachdenken darüber an, in welchen Lebensbereichen noch heute Blindgläubigkeit und weltanschauliches Scheuklappendenken nötige Entwicklungen verhindern. 

(2013, 150 Minuten)