Wir Elefantenmenschen

David Lynchs Biopic „Der Elefantenmensch“

Was tun mit einem Menschen, dessen Körper durch große Tumore und regionalen Überwuchs extrem entstellt ist? Dessen Kopf so schwer ist, dass im Schlaf der Erstickungstod droht, weil die Halswirbelsäule durch das Gewicht einknicken kann? Der auf Grund seiner schrecklichen Abnormitäten keinen Platz in der Gesellschaft findet?

Im London des 19. Jahrhunderts wurde ein solcher „Elefantenmensch“ zur Jahrmarkt-Attraktion – als Monster bestaunt, verlacht und verspottet, als Horror-Schreckgespenst missbraucht: Joseph Merrick (1862–1890) litt am „Proteus-Syndrom“, einer seltenen, vermutlich genetisch bedingten Krankheit, die zu einem Großwuchs von Haut, Knochen, Muskeln, Fettgewebe, Blut- und Lymphgefäßen sowie zur Tumor-Bildung führt. Sein Dasein fristete er in der Abhängigkeit eines gewissenlosen Schaustellers – bis schließlich Dr. Frederick Treves (1853–1923), ein angesehener Chirurg, auf ihn aufmerksam wurde und sich fortan um ihn kümmerte.

Die Studien dieses Arztes bildeten die Grundlage für ein berührendes Filmdrama, das 1981 für acht Oscars nominiert war und mehrfach ausgezeichnet wurde: „Der Elefantenmensch“ sorgte für den internationalen Durchbruch des US-amerikanischen Regisseurs David Lynch, der zuvor allerdings sehr darum kämpfen musste, für die Produktion einer so ungewöhnlichen Biographie überhaupt ein Studio zu finden. 

Schließlich aber konnte Lynch seine filmische Vision mit einer hervorragenden Besetzung verwirklichen: John Hurt (trotz erdrückender Maske großartig als Joseph Merrick), Anthony Hopkins (Dr. Frederick Treves), John Gielgud (als Krankenhausdirektor Francis Carr-Gomm, der Joseph Merrick als normalen Patienten aufnimmt) und Anne Bancroft (als Theaterschauspielerin Madge Kendal, die dazu beiträgt, dass der „Elefantenmensch“ von der Gesellschaft schließlich doch akzeptiert wird) sorgen für die bestmögliche Verträglichkeit der thematisch an sich schwer verdaulichen, in schwarz-weiß gedrehten Biographie.

Einer der erschütterndsten und berührendsten Erkenntnis-Momente in David Lynchs Drama liegt in der allmählich sich offenbarenden Tatsache, dass im Körper des „Elefantenmenschen“ keine dumpfe Seele, kein tierartiges, nur triebgesteuertes Wesen wohnt, sondern ein sensibler, sogar kunstsinniger und sprachgewandter Geist, der nur durch die Folter nicht endender Enttäuschungen  über die Jahre in die Rolle des hörigen Schausteller-Objekts gedrängt worden war.

Warum dominiert der Eindruck des Äußeren oft so wie selbstverständlich über Empathie und Empfindungskraft? Warum neigt der Mensch dazu, die Tiefen des Lebens und Miterlebens auszusparen und in der Wohlfühlzone angelernter Vorstellungen und Beurteilungen zu verharren?

Vom London des 19. Jahrhunderts trennen uns heute gewiss nur die äußeren Umstände und kultiviertere gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Aber die Macht des sinnlich fassbaren Äußeren unterdrückt die geistige Empfindungskraft nach wie vor – und womöglich mehr denn je. Denn wir betrachten den Menschen immer noch primär als Körper und nicht als spirituelles Bewusstseins-Wesen – unserer eigenen, sinnlich und physisch nicht fassbaren Innenwelt zum Trotz.

Vielleicht liegt gerade in dieser beschränkten Selbstwahrnehmung, die alles Lebendige ausschließt, die furchtbarste Entstellung des Menschseins.

Wir Elefantenmenschen. 

(1980; 123 Minuten)