Frei und selbstbestimmt … bis dass der Tod es fordert

George C. Wolfes bewegendes Filmdrama „Das Glück an meiner Seite“

Der amerikanische Theater- und Filmregisseur George C. Wolfe kommt in seinem Filmdrama „Das Glück an meiner Seite“ (englischer Originaltitel: „You’re Not You“) schnell zur Sache: Er zeigt Kate (Hilary Swank), eine erfolgreiche, attraktive junge Pianistin, und ihren Mann Evan (Josh Duhamel) nur in einer kurzen Anfgangsszene in ihrem Eheglück – ausgelassen, verliebt und voller Tatendrang –, dann macht er sein Publikum auch schon zu Zeugen einer schleichenden Krankheitsentwicklung. Kates Finger zittern beim Klavierspielen, sie lässt Dinge fallen, verliert zunehmend die Kontrolle über ihren Körper …

Und bald lassen die Symptome keinen Zweifel mehr: Kate leidet an ALS, Amyotropher Lateralsklerose, einer seltenen, unheilbaren degenerativen Erkrankung des motorischen Nervensystems, die ihr Leben fast schlagartig völlig verändert. Ihre Karriere als klassische Pianistin ist vorbei, die Aussicht auf ein erfülltes Familienleben ebenfalls. Was ihr bleibt, sind ein paar letzte Jahre. Ihre Muskulatur wird immer stärker gelähmt werden; das Leben im Rollstuhl wird bald unausweichlich sein. Zuletzt wird sie ihr Schluckvermögen verlieren, und auch die Atemmuskulatur wird gelähmt sein. Nur noch Maschinen werden sie dann am Leben halten. Und Kate ist klar, dass sie ein solches Dahinvegetieren nicht will.

Da Evan beruflich stark gefordert und mit der Situation, in der sich seine Frau befindet, überfordert ist, suchen die beiden nach einer Pflegekraft. Kate entscheidet sich schließlich – sehr zum Missfallen Ihres Mannes – für die junge, ziemlich chaotische Studentin Bec (Emmy Rossum), die weder mit der Betreuung Schwerkranker Erfahrung hat, noch mit der Führung eines Haushalts. Aber es ist nicht der Kopf, der für sie entscheidet, sondern das Herz: Kate spürt, dass dieses Mädchen in ihrer unkonventionellen Natürlichkeit etwas mitbringt, das in ihrer Situation wichtiger ist als alle Fähigkeiten und Erfahrungen, die man von einer typischen Pflegekraft erwarten würde: Offenheit und echte Menschennähe.

George C. Wolfe nimmt sich im ersten Drittel seines Dramas viel – vielleicht etwas zu viel – Zeit, um in harten Schnitten die Erlebniswelten gegenüberzustellen, die mit Kate und Bec aufeinanderprallen, und die sich später so glücklich ergänzen werden. Vorübergehend mag „Das Glück an meiner Seite“ als weibliche Variante der französischen Pflegehelfer-Komödie „Ziemlich beste Freunde“ (2011) erscheinen, doch im letzten Akt des Films tritt dann das eigentliche Thema des Dramas in den Vordergrund: selbstbestimmtes Sterben.

Als Kate klar geworden ist, dass sie ein Leben in völliger Abhängigkeit von Maschinen nicht führen will, verfügt sie schriftlich, dass weder ihr Mann, noch ihre Mutter, noch irgend ein anderer aus ihrer Verwandtschaft darüber entscheiden dürfen, was mit ihr geschehen soll, sobald sie selbst nicht mehr entscheidungsfähig ist, sondern …Bec. 

Der Tag, an dem den Ärzten gesagt werden muss, ob die künstliche Beatmung fortgesetzt werden soll oder nicht, kommt schnell. Und mit ihm kochen alle Gefühlsregungen hoch, die in einer solchen Situation zu erwarten sind. Niemand aus der Verwandtschaft kann sich vorstellen, Kate in den Tod zu schicken; das, was „man“ macht, die Konventionen und üblichen Denkschablonen, lassen eine solche „unmenschliche“ Entscheidung einfach nicht zu. 

Nur Bec erweist sich als frei und selbstbestimmt genug, Kates Willen zu erfüllen und findet den Mut, ihre Freundin gegen den Willen Verwandtschaft „heim zu führen“ …

Sind tatsächlich nur die Nonkonformisten, die Freidenker und gesellschaftlichen Outsider in der Lage, den betroffenen Menschen zu sehen – und sich nicht von Regelwerken und Tabus oder auch eigenen Eitelkeiten dirigieren zu lassen? Ihn wirklich zu sehen, nicht nur seine gesellschaftliche Rolle und die mit ihm verbundene äußere Welt, sondern wirklich ihn selbst?

Mit solchen Fragen, auf die der englische Originaltitel des Dramas („You’re Not You“) anspielt, entlässt George C. Wolfe sein Publikum in die Nachdenklichkeit. 

Weitgehend unterschätzt von der europäischen Kritik, die in dem Film durchweg nur eine weitere Patient-Helfer-Beziehungskiste sehen konnte, legte der Regisseur ein herausragendes Drama vor, das nicht nur das Verständnis für selbstbestimmtes Sterben fördert, sondern auch eine fürchterliche Krankheit ins Blickfeld rückt, die zwar durch den 2018 verstorbenen Astrophysiker Stephen Hawking einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, aber bis heute noch weitgehend unerforscht ist. 

Sehenswert!

(2014, 102 Minuten)