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Feb 1, 2019

„Ich brauche Leben, Leut’, die Landstraß’ in der Näh’“


Wilfried Hillers „Wolkenstein“, komponiert für Bernd Weikl, ist meine „Oper des Monats“.

Kategorie: Neuigkeiten

Oswald von Wolkenstein (1377–1445) war ein bekannter Minnesänger des späten Mittelalters, etwa 130 Lieder sind von ihm überliefert – Reiselieder, Trink- und Tanzlieder, sinnlich-erotische Liebeslieder, Kirchenlieder und manches mehr. Er war ebenso produktiv wie impulsiv – ein wilder, kompromissloser Charakter – und neben Walther von der Vogelweide (1170–1230) der bedeutendste deutschsprachige Lyriker seiner Zeit. Doch Oswald von Wolkenstein wurde – im Gegensatz zu anderen Minnesängern – erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt.

Wolkenstein stammte aus einer Südtiroler Adelsfamilie – seine Vorfahren waren aber wohl Raubritter gewesen – und führte ein recht abenteuerliches Wanderleben, durch das er weite Teile Europas, vermutlich auch den Vorderen Orient kennenlernte. Er gehörte dem Gefolge König Sigmunds von Luxemburg (deutscher König ab 1410) an und war als solcher ein bedeutender Mittelsmann zwischen Tiroler Adeligen und dem König, jedoch ein Ritter ohne eigene Burg, der eher das Leben eines freien Künstlers führte. Er starb am 2. August 1445 im Alter von etwa 67 Jahren.

Alle Porträts zeigen Oswald von Wolkenstein mit einem verschlossenen rechten Auge. Dies dürfte, so wird heute vermutet, an einer angeborenen Missbildung gelegen haben – eine zu kleine Augenhöhle, die zu einer Lähmung des Lidmuskels führte. Vielleicht aber war für die Behinderung – wovon das Libretto der Oper ausgeht – auch Michael verantwortlich, Oswalds Bruder, der ihm im Alter von 30 Jahren das Auge im Streit ausgestochen haben soll.

Die Idee, das bewegte Leben Wolkensteins in eine Oper zu fassen, stammte von Kammersänger Bernd Weikl, der damit im Jahr 2000 den deutschen Komponisten Wilfried Hiller (*1941) zu einer weiteren musikalischen Künstlerbiographie inspirierte: „Als mich Bernd Weikl im Jahr 2000 anrief und den Wunsch äußerte, für ihn eine Oper über den großen Minnesänger zu schreiben, sagte ich sofort zu […] Die Auseinandersetzung mit einem Komponisten, der vor mehr als 500 Jahren gelebt, geliebt und komponiert hatte, faszinierte mich – man kann Wolkenstein als ersten Weltmusiker bezeichnen“, ist auf der Homepage des Komponisten zu lesen. 

Die „Lebensballade“, wie Hiller sein Werk bezeichnete, entstand zwischen 2001 und 2003 und bezieht auch Originalmusiken von Wolkenstein mit ein.

Librettist war der österreichische Dramatiker und Drehbuchautor Felix Mitterer (*1948), der Wolkenstein als „ersten individuellen, kompromisslosen Künstlertypus“ bezeichnete und neben den politischen und religiösen Querelen jener Zeit auch Oswalds Beziehung mit Anna Hausmann, der hübschen Tochter des Brixner Bürgermeisters, thematisierte. Sie verkörperte für Wolkenstein die von ihm favorisierte freie Liebe, während er – wohl vor allem aus finanziellen Motiven – dann doch eine andere Frau, Margarethe von Schwangau, heiratete.

Die erfolgreiche Uraufführung des Werkes fand 2004 im Staatstheater Nürnberg (als Auftragswerk des Hauses) statt. Das Publikum war – auch in den nachfolgenden Aufführungen – durchaus bereit, sich auf etwas Neues und doch Singbares einzulassen. Regie führte Percy Adlon, der die Aufführung in einer Filmproduktion dokumentierte und hier durch ein- und überleitende Szenen ergänzte. In der Rolle des Oswald von Wolkenstein war Bernd Weikl zu hören.

Lesen Sie hier eine Werkeinführung auf Basis des Librettos.