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Aug 6, 2013

Weltklasse-Konzert mit provinziellen Kerben


Konzertbericht: Jonas Kaufmann auf der Seebühne Mörbisch am 31. Juli 2013

Kategorie: Archiv 2013

 

Barbara Retts Nebenbemerkung war wohldosiert, aber treffend. Irgendwann im zweiten Teil des „Klassik am See“-Konzerts am 31. Juli 2013 auf der burgenländischen Seebühne Mörbisch, als die Begeisterungswogen längst auch den letzten Opern-Neuling im Publikum erfasst haben mussten, bemerkte die Moderatorin des Abends sinngemäß, es gäbe in Österreich ein paar Hunderttausend Opernfans – und alle, die nicht bei diesem Ereignis dabei wären, könnten die anwesenden Zuschauer noch lange beneiden.

Wie wahr. Was Jonas Kaufmann an diesem Abend, in bester Spiellaune begleitet und umrahmt vom Symphonieorchester der Volksoper Wien unter Jochen Rieder, bot, hatte in allen Momenten schlicht und ergreifend Weltklasse. Der Münchner Startenor servierte kostbare Kostproben aus seinem breiten Repertoire, in dem er seit Jahren offenbar mühelos Fachgrenzen sprengt und Maßstäbe setzt.

Als Einstimmung für das wohl eher an leichtere Musik gewöhnte Mörbischer Publikum standen Auszüge aus George Bizets „Carmen“ auf dem Programm. Unvermeidlich wurden dabei Erinnerungen an die (auch auf BluRay erhältliche) Covent-Garden-Inszenierung aus dem Jahr 2007 wach, in der Jonas Kaufmann – damals im deutschsprachigen Raum noch kaum bekannt – nicht nur stimmlich glänzte, sondern auch darstellerisch eine herausragende Leistung bot und – ähnlich wie José Carreras in der gleichen Rolle in den 1980er Jahren – als Don José für eine beeindruckende Referenzaufnahme dieser Oper sorgte.

Jonas Kaufmanns Stimme hat in den vergangen Jahren an Wärme und Schlagkraft weiter gewonnen, sie wirkt meines Erachtens noch abgerundeter, flexibler, grenzenloser. Die heftig umjubelten Darbietungen in Mörbisch erstreckten sich denn auch von Charles Gounod und Jules Massenet im ersten Teil des Konzerts bis zu den „Opern-Jahresregenten“ Giuseppe Verdi und Richard Wagner im zweiten Teil. Zum Beispiel „La vita e inferno“ aus „La Forza del destino“: Kaufmanns makellose Interpretation verursachte  ein Feld kollektiver Gänsehaut, und Barbara Rett (die ihre Moderationen mit einigen Opern-Schmankerln würzte – Marcel Prawy ließ freundlichst grüßen!) schwärmte zurecht: „So singt das niemand sonst auf der Welt!“

Oder Kaufmanns „Gralserzählung“, die den „offiziellen Teil“ des Konzerts abschloss: Die Sensation lag weniger darin, dass in der Operetten-Hochburg Mörbisch wahrscheinlich erstmals Richard Wagner gespielt wurde. Einzigartig war das Niveau der gesanglichen Darbietung. Die „Taube“ hatte ja schon Ioan Holender, den Ex-Langzeitdirektor der Wiener Staatsoper, ins Schwärmen gebracht. „Die Partie des Lohengrin singt unter den Lebenden niemand besser“, sagte der mit Superlativen im allgemeinen eher zurückhaltende Stimmenkenner kürzlich in einem Interview und bezeichnete Kaufmann als den „derzeit wohl besten Tenor weltweit“.

Künstlerisch erfüllte das Konzert in Mörbisch tatsächlich die höchsten Erwartungen. Selbst Kaufmanns Duett-Partnerin, in der Vorankündigung noch schlicht als „Überraschungsgast“ bezeichnet (was man ja nicht unbedingt als gute Aussicht deuten muss) erwies sich als kleine Sensation: Vor allem das Liebesduett aus Massenets „Manon Lescaut“ gestaltete die bulgarische Sopranistin Sonya Yoncheva (sie wurde kürzlich nach ihrem Debüt an der Wiener Staatsoper bejubelt) herausragend. Dabei verbreitete sich der leidenschaftliche Funkenflug nicht nur akustisch, sondern auch optisch. Ihre darstellerische Intensität ließ Kaufmann und Yoncheva bisweilen vergessen, wo die Mikrophone stehen … und das Publikum ein neues „Opern-Dream-Team“ erleben, das Regieanweisungen offenbar nicht nötig hat.

Jammerschade also, dass von den 6.200 Plätzen, die es für die Seebühne Mörbisch mittlerweile gibt, nur die teuersten Reihen im Nahbereich der Bühne ausverkauft waren. Und vermutlich lag das weniger am österreichischen Kulturpublikum als an der provinziellen Vermarktung eines üblicherweise eher auf leichtere Kost spezialisierten Konzertveranstalters, der die falschen Medienpartner hatte. Eine geplante Verdi-Gala, die im Juli 2013 ebenfalls unter der Flagge „Klassik am See“ stattfinden sollte, wurde überhaupt abgesagt.

Bleibt zu hoffen, dass die Idee, das phantastische Ambiente der Seebühne Mörbisch für große Klassik-Konzertveranstaltungen zu nutzen, in den kommenden Jahren trotzdem erfolgreich weiter entwickelt werden kann und sich engagiertere Medienpartner finden lassen, die das hier verfügbare Potential erkennen.

Als regelmäßiger Mittelpunkt von „Klassik am See“ böte sich vielleicht ein Sänger namens Jonas Kaufmann an. Dass er jede erforderliche Qualifikation für Großarenen hat, bewies er in Mörbisch auch durch die zahlreichen Zugaben, mit denen er und Sonya Yoncheva sich tief vor dem „vielfach unterschätzten, durchaus anspruchsvollen“ Operetten-Fach verneigten. Freunde, das Leben ist lebenswert!