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Jun 4, 2013

Nur wer etwas tut, kann etwas verändern!


Eine aktuelle Reportage über die Ökoregion Kaindorf

Kategorie: Archiv 2013

 

Es gibt viele kritische Stimmen, die die Zustände in unserer Gesellschaft anprangern – den Raubbau an der Natur, die zunehmende Egozentrik der Menschen, den Verlust von Werten und Idealen und manches mehr. Doch die Kritik erstarrt nur allzu oft in Resignation. „Man kann ja eh nichts tun“, meinen viele, warten ab und beobachten. Indes machen immer mehr beeindruckende Initiativen von sich reden, die von der Notwendigkeit nachhaltiger Veränderungen nicht nur reden, sondern diese in die Tat umsetzen. So beispielsweise die vor etwa sechs Jahren gegründete „Ökoregion Kaindorf“. Dort gilt ein einfaches Motto: „Nur wer etwas tut, kann etwas verändern!“

Der Klimawandel ist heute als großes Zukunftsproblem allseits bekannt. Und ebenso die Notwendigkeit, auf erneuerbare Energieträger umzusteigen. Aber was folgt aus diesem Wissen? Was kann man konkret tun?

Im April 2007 beschlossen engagierte Bürger aus sechs Gemeinden der Oststeiermark in Österreich – Dienersdorf, Ebersdorf, Hartl, Hofkirchen, Kaindorf und Tiefenbach –, das Reagieren auf bedrohliche Szenarien weder der Politik zu überlassen noch dem schwer durchschaubaren internationalen Emissionsrechtehandel oder ähnlichen Initiativen. Man wollte selbst aktiv werden, gründete den gemeinnützigen Verein „Ökoregion Kaindorf“ und setzte sich zum Ziel, bis zum Jahr 2020 CO2-neutral zu werden.

Aber wo beginnt man da in einem ländlichen Bereich mit 5.500 Einwohnern auf einer Gesamtfläche von knapp 7.000 Hektar?

Am besten überall zugleich: Energie sparen, Wärmedämmungen verbessern, Solar- und Windkraft nutzen, Elektromobiliät fördern, Ökologieunterricht in der Schule einführen, Verzicht auf Plastiktüten, Humusaufbau betreiben … Man definierte Schwerpunkte, installierte Arbeitsgruppen, man organisiert Tagungen und informiert die Bevölkerung über eine eigene Zeitschrift, um „Einblick“ (so ihr Titel) in die aktuellen Entwicklungen zu geben und die Vereinsarbeit mit möglichst breiter Akzeptanz und Mitarbeit zu untermauern. Eine Arbeit, die jedoch nicht auf irgendeinem Nebengleis verläuft, sondern im Rahmen eines umfassenden Netzwerkes. Der Vereinsvorstand besteht aus Vertretern aller Gemeinden, im erweiterten Vorstand sitzen die sechs Bürgermeister und auch Vertreter aus der Wirtschaft.

Revolutionäre Konzepte für den Humusaufbau

Doch es geht nicht nur um theoretische Erkenntnisse. Ökoregion-Vereinsobmann Rainer Dunst will so viel wie möglich so schnell wie möglich in die Praxis umsetzen. Denn die Verbesserung der Bodenqualität dient nicht nur der Landwirtschaft, sondern auch dem Klima: Gesunde Böden sind hervorragende Kohlenstoff-Speicher. Deshalb hat man in der „Ökoregion Kaindorf“ eine revolutionäre Aktion ins Leben gerufen: einen regionalen Zertifikatehandel. Landwirte, die aktiv Humusaufbau betreiben, erhalten dafür eine Prämie in der Höhe von 30 Euro für jede Tonne nachweislich gebundenes CO2. Das Geld dafür kommt von Unternehmen, die durch den Kauf von Zertifikaten ihren innerbetrieblich nicht vermeidbaren CO2-Ausstoß kompensieren.

Einer der Unternehmer, die sich seit Jahren daran beteiligen, ist der Kaindorfer Malermeister Hannes Herbsthofer. Die CO2-Bilanz seines Unternehmens wurde von der unabhängigen „Forschungsgesellschaft Joanneum“ berechnet; er bezahlt jährlich etwa 10.000 Euro für Humuszertifikate, um sich als CO2-neutrales Unternehmen präsentieren zu können. „Das ist ein Betrag, den ich natürlich auch gegenüber meinen Mitarbeitern rechtfertigen muss“, erzählt er, „aber letztlich ist es ein Wettbewerbsvorteil. Denn das Umweltbewußtsein der Kunden wächst!“

Ein Credo der Ökoregion lautet: „Wir wollen zeigen, dass sich Ökologie und Wirtschaftlichkeit nicht ausschließen.“ Für Alois Gratzer, den Braumeister einer kleinen, aber feinen Bierbrauerei in Kaindorf, die heute mit Hilfe dieses regionalen Zertifikatehandels das erste CO2-freie Bier Österreichs anbieten kann, geht es allerdings, unabhängig von der Wirtschaftlichkeit, ums Prinzip: „Ein Bierbrauer lebt von der Reinheit der Natur – und sollte auch aktiv zum Umweltschutz beitragen.“ Dazu gehört nicht nur die CO2-Neutralität für die gesamte Wertschöpfungskette (in der CO2-Bilanz wurde alles berücksichtigt, von der Erzeugung der Rohstoffe über den Mälzerei- und Brauprozeß bis hin zum Transport an den Kunden), sondern zum Beispiel auch der Verzicht auf Plastikkisten.

Ein wichtiger Partner für die „Ökoregion Kaindorf“ ist inzwischen auch der größte österreichische Lebensmittelhändler „Spar“, der ebenfalls Humuszertifikate kauft und hochwertige, kontrollierte Produkte aus den Humusaufbau-Böden unter der Marke „SPAR wie früher“ verkauft.

Durch diese Unterstützung aus der Wirtschaft ist es immer mehr Bauern möglich, nicht nur als Lebensmittelproduzenten, sondern gleichzeitig auch als Landschaftspfleger und Klimaschützer tätig zu sein. Konkret bedeutet das für die Arbeit unter anderem:

•  Düngung ausschließlich mit Kompost und Gründüngung
•  Reduzierung der Bodenbearbeitung auf ein Minimum – im Idealfall kein Pflugeinsatz!
•  Dauerbegrünung, vor allem auch Winterbegrünungen
• Fruchtfolgen, Mischkulturen und Untersaaten anstatt Monokulturen
• Bestmögliche Vermeidung aller Einflüsse, die zum Humusabbau führen (zum Beispiel die Verwendung von Dünger und Pestiziden).

Durch diese Maßnahmen werden die Ackerböden geschont, und der Humusgehalt steigt. Eine Humusanreicherung von 3 Prozent auf 25 Zentimeter Bodentiefe kann pro Hektar 125 Tonnen CO2 binden.

Begonnen wurde ursprünglich mit einigen wenigen Hektar Ackerfläche; inzwischen sind es bereits 660 Hektar, und das Projekt wächst weiter!

Wie schnell und wie nachhaltig die Bindung von Kohlenstoff in den Böden möglich ist, wird auf Versuchsflächen unter wissenschaftlicher Begleitung getestet.

Die Biokohle zum Humusaufbau kann inzwischen mit Hilfe einer „Pyreg-Anlage“ aus Grünschnitt, Klärschlamm, Preßkuchen oder auch Schlachtabfällen ohne aufwendige Vorbehandlung künstlich hergestellt werden. Gerald Dunst, Autor zweier Humus-Fachbücher, ist mit seiner Firma „Sonnenerde“ diesbezüglich ein Pionier für den deutschsprachigen Raum. In seinem Pyrolyse-Reaktor wird ein Drittel der Inputenergie in Wärme verwandelt und etwa zwei Drittel in Holzkohle. Produziert werden täglich rund eineinhalb Tonnen Biokohle.

Großartige Initiativen

Die „Ökoregion Kaindorf“ erregte in den vergangenen Jahren auch durch zahlreiche weitere wirtschaftliche Initiativen Aufmerksamkeit.

• Einer der wesentlichsten Impulsgeber für ein nachhaltiges, ökologisch vertretbares Wirtschaften war Karl Schirnhofer, österreichweit (und darüber hinaus) als Feinkost-Spezialist (Marke „ALMO“) mit ein paar hundert Filialen bekannt. Er schaffte es auf Grund herausragender Qualitätsstandards nicht nur, seine Wurst- und Schinkenprodukte offiziell als „gesund“ verkaufen zu dürfen, sondern machte sich über viele Jahre erfolgreich auch für eine qualitativ hochwertige Landwirtschaft stark – Humusaufbau inklusive. Dass das Thema „Bodenqualität“ überhaupt ins allgemeine Bewusstsein dringen konnte, ist zu einem guten Teil ihm zu verdanken. So ermöglichte Schirnhofer beispielsweise die international ausgestrahlte Dokumentarfilmproduktion „Humus – die vergessene Klimachance“ und weist auch alle Besucher seiner „Gläsernen Fabrik“ immer wieder auf dieses Thema hin.

• Rainer Dunst und Christoph Gerhold sind seit 2012 dabei, unter der Marke „GoFair“ den Markt für Kaffeeautomaten zu einer gesunden Evolution zu zwingen: Verwendet werden für die Heißgetränke ausschließlich Bio- und Fairtrade-Produkte (Kaffee und Kakao), belebtes Wasser, Bio-Milch statt Aufheller, Bio-Zucker, restlos kompostierbare Becher statt Plastikbecher, keinerlei „E“s – und das alles klimaneutral hergestellt und aus speziell gebauten Kaffeeautomaten serviert. Der Erfolg übertrifft seit der Markteinführung alle Erwartungen.

• Alois Kaiser hat in Kaindorf unter dem Titel „e-one“ ein „Elektro-Roller und Bike-Center“ gegründet, denn Fahrradfahren und Elektromobiliät gehören zu den Kernthemen der Ökoregion. Das Radwegenetz und die Infrastruktur für Stromtankstellen werden ausgebaut; seit mehreren Jahren gibt es das „24-Stunden-Biken für den Klimaschutz“, eine Sportveranstaltung, deren Reinerlös Klimaschutzmaßnahmen zugute kommt. Auch zahlreiche andere Maßnahmen (Radclub, Fahrradservice, Fahrrad-haltestellen, „Radfrühling-Paß“ oder Gewinnspiele) sollen dazu anregen, für Kurzstrecken oder für den Schulweg dem guten (aber nicht unbedingt alten) Fahrrad den Vorzug vor motorisierten Verkehrsmitteln zu geben.

• Auf Initiative des Vereins „Ökoregion Kaindorf“ wurde mit den lokalen Stromlieferanten eine einzigartige Kooperation vereinbart: Seit 1. Januar 2008 kaufen alle Stromkunden ohne Mehrkosten nachweislich CO2-neutralen Strom, der aus Energiequellen wie Wasser, Wind, Sonne und Biomasse stammt. Bei 22 Millionen Kilowattstunden Strombedarf bedeutet dies für die Ökoregion Kaindorf eine jährliche Verminderung des Treibhausgases CO2 von 8.800 Tonnen. Weitere Beiträge zur Energiewende sind die Errichtung von Photovoltaikanlagen, Biomasse-Heizanlagen, die Planung von Kleinkraftanlagen (Wind und Wasser) sowie der Ausbau der Wärmedämmung. Um die Wirkung heutiger Dämmsysteme zu veranschaulichen, wurden Dämm-Musterhäuser errichtet.

• Die „Öko-Hauptschule“ Kaindorf führte in allen vier Jahrgängen eine verpflichtende Ökologiestunde ein. Gemeinsam mit allen Grundschulen und Kindergärten werden Themen-Workshops zu Klima- und Energiefragen organisiert. Auch zahlreiche Matura- und Universitätsprojekte werden begleitet, und Exkursionen zur Besichtigung innovativer Technologien und Systeme im Bereich der erneuerbaren Energien finden ebenfalls Zuspruch.

• Einige Wirte der Ökoregion haben sich zu einer Arbeitsgruppe zusammengeschlossen, um Wege zu finden, verstärkt regionale Produkte anzubieten. Dadurch werden lokale Betriebe gefördert und unnötig lange Transportwege vermieden – und das alles zugunsten kontrollierbarer Qualität. Mit diesen „Genußwirten“ soll sich die „Ökoregion Kaindorf“ zu einem weithin bekannten kulinarischen Aushängeschild entwickeln.

Die „Ökoregion Kaindorf“ wurde in den vergangenen Jahren bereits mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, so zum Beispiel 2007 und 2008 als Gewinner des „Zukunftswettbewerbs“ („Zukunftsgemeinde“) oder 2009 mit dem österreichischen Klimaschutzpreis. Seit 2011 ist Kaindorf eine Fairtrade-Region und seit 2012/ 2013 mit dem „Green Brands Austria“ ausgezeichnet. Für die Errichtung der ersten abfallrechtlich bewilligten Pflanzenkohleproduktionsanlage Europas wurde die Firma „Sonnenerde“ mit dem Österreichischen Klimaschutzpreis 2012 (Kategorie Innovation) ausgezeichnet.

Bleibt zu hoffen, daß alle diese Preise zu einem wesentlichen Ziel der „Ökoregion Kaindorf“ beitragen: als Vorbild möglichst viele Nachahmer zu finden. Denn: Nur wer etwas tut, kann etwas verändern!