Sekunden des Mutes

Clint Eastwoods ungewöhnliches Filmdrama „15:17 to Paris“

15:17 Uhr, 21. August 2015: Am Hauptbahnhof von Amsterdam setzt sich der Hochgeschwindigkeitszug Thalys 9364 in Richtung Paris in Bewegung. An Bord sind drei junge, befreundete Amerikaner: Alek Skarlatos, Angehöriger der Nationalgarde von Oregon, Anthony Sadler, ein Student, und Spencer Stone, Soldat der US-Luftwaffe. Sie sind auf einer Sightseeing-Tour durch Europa, haben lange überlegt, ob sie die französische Hauptstadt überhaupt besuchen sollen, sich dann aber doch entschlossen, diesen Zug zu nehmen.

In Brüssel steigt der 26-jährige Ayoub El Kahzani zu. Im Gepäck hat der Marokkaner ein Sturmgewehr, eine Pistole und Hunderte Schuss Munition. Er ist bereit, in diesem Zug ein Blutbad anzurichten und begibt sich mit seiner Reisetasche in eine Bordtoilette des Wagens 12, um sich zu bewaffnen; vermutlich auch, um zu warten, bis der Zug die französische Grenze passiert hat. Frankreich war in diesem Jahr zuvor bereits Ziel von Terrorattacken mit islamistischem Hintergrund gewesen: Im Januar 2015 waren bei Anschlägen auf die Satirezeitung Charlie Hebdo und auf einen Pariser Supermarkt 17 Menschen ermordet worden.

Doch Ayoub El Kahzani bleibt nicht unbeobachtet. Einem Reisegast ist aufgefallen, dass er verdächtig lang die Toilette besetzt. Er steht auf, um nachzusehen … und nun, um etwa 18 Uhr – der Zug hat inzwischen das belgisch-französische Grenzgebiet erreicht –, geht es Schlag auf Schlag, der Marokkaner stürmt in den Gang des Waggons und gibt einen Schuss ab. Doch zwei Mitreisende, darunter der 51-jährige Mark Moogalian, Professor an der Universität von Paris, versuchen geistesgegenwärtig ihn aufzuhalten. Moogalian wird dabei durch einen Schuss am Hals getroffen und lebensgefährlich verletzt.

Ayoub El Kahzani greift nun zu seiner Kalashnikov, doch in diesem Augenblick erkennt Spencer Stone, der die Zugfahrt bislang musikhörend genossen hatte, was da vor sich geht. Er reißt sich die Kopfhörer vom Leib und stürmt, als ob er sich ein Leben lang auf diesen entscheidenden Moment vorbereitet hätte, auf den Marokkaner los. Dieser kommt nicht mehr dazu, weitere Schüsse abzugeben. Nun sind auch Spencers Freunde zur Stelle, und zu dritt gelingt es ihnen, den Attentäter zu entwaffnen, bewusstlos zu schlagen und zu fesseln. Als ausgebildeter Sanitäter kann Spencer Stone den verletzten Professor vor dem Verbluten bewahren.

Aus diesen Sekunden, in denen der Mut einiger beherzter Menschen vermutlich Dutzende Leben rettete, formte US-Regisseur Clint Eastwood 2018 unter dem Titel „The 15:17 to Paris“ zu einem umstrittenen, aber sehenswerten Filmdrama. 

Umstritten deshalb, weil sich der Regie-Altmeister während des Castings für die Rollen der drei jungen amerikanischen Touristen dazu entschloss, auf Schauspieler zu verzichten und die drei Freunde, die er während der Vorbereitungsarbeiten auf das Projekt kennen und schätzen gelernt hatte, sich selbst spielen zu lassen. Auch Mark Moogalian, der Sorbonne-Professor, durchlebte vor der Kamera noch einmal selbst, wie er ins Schussfeld des Attentäters (im Film dargestellt von Ray Corasani) geraten war. Mehr Authentizität wäre nicht möglich.

Umstritten ist Eastwoods „15:17 to Paris“ aber auch auf Grund des fehlenden Spannungsaufbaus, wie er in ähnlichen Spielfilmdramen üblich sein mag. Hier beschränkt sich die Handlung tatsächlich lange darauf, die drei jungen Freunde auf ihrer Sightseeing-Tour zu zeigen und Erinnerungen an ihre gemeinsame Kindheit Revue passieren zu lassen.

Doch genau deshalb erweist sich der Film schließlich als so sehenswert. Er bildet ungekünstelt und frei von den üblichen dramaturgischen Zuspitzungen den Lebensalltag ab. Harmlos und unspektakulär. Um so wuchtiger wird das plötzliche Hereinbrechen roher, unmenschlicher Gewalt- und Tötungsbereitschaft spürbar. Und nochmals um so größer wirkt der Mut, diesem rohen, unerwarteten Zerstörungswillen aus dem Alltag heraus entschlossen entgegenzutreten – auch wenn speziell in Spencer Stones religiös geprägter Biographie so etwas wie eine „höhere Führung“ mitzuschwingen scheint, die ihn auf den „Moment seines Lebens“ vorbereitet hatte … aber auch diesen Aspekt streift Clint Eastwood unaufgeregt und unprätentiös.

Die US-amerikanische Schauspiel- und Regie-Legende hat in den vergangenen Jahrzehnten schon oft gezeigt, dass wirkliche Helden und die Geschichten, die das Leben schreibt, viel interessanter sein können als Frauen und Männer in Capes mit Superkräften. „Sully,“ (2016) „American Sniper“ (2014), „J. Edgar“ (2011), „Invictus“ (2009) oder „Flags of Our Fathers/Letters From Iwo Jima“ (2006) sind herausragende Beispiele dafür. In „15:17 to Paris“ fanden die Authentizitäts-Ansprüche, die Eastwoods Spätwerk kennzeichnen, ihren Höhepunkt.

(2018, 94 Minuten)