Der zweite Mann

Adam McKays Filmbiographie „Vice“ 

Ein mutiger Film. 

US-amerikanische Politik wurde in Europa schon lange vor Donald Trump äußerst zwiespältig betrachtet. Ein weiterer Beweis dafür, dass es oft mehr um die Show als um die Wahrheit geht und dass die eigentliche Triebfeder hinter der Partei-Propaganda oft ein fataler Mix aus Machtgier und Skrupellosigkeit ist, irritiert den kritischen europäischen Beobachter kaum noch.

Trotzdem überrascht Adam McKays Filmbiographie über Dick Cheney (geb. 1941), der unter Präsident George Bush (1924–2018) Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten war und später Vizepräsident unter dessen Sohn George W. Bush.

Zunächst überrascht der Film auf Grund der umfangreichen, auf den Punkt gebrachten Recherchen, die McKays Drehbuch auszeichnen: Die weltpolitische Bedeutung des „zweiten Mannes“, der (nicht nur) während des Irak-Kriegs (2003) im Hintergrund die Strippen zog, verdeutlicht unter anderem ein Resümee im Nachspann: Mehr als 600.000 irakische Zivilisten kamen in diesem Angriffskrieg um Leben, Tausende US-Soldaten wurden getötet.

Begründet wurde der „dritte Golfkrieg“ durch Präsident George W. Bush mit der angeblichen Bedrohung der USA durch den Irakischen Führer Saddam Hussein (1937–2006), der Massenvernichtungswaffen einsetzen wolle. Eine Behauptung, die, wie längst klar ist, völlig aus der Luft gegriffen war. Es gab keine solche Waffen. 

Aber für die US-Regierung schien ein Angriff auf den Irak strategisch günstig. Zum einen verfügte das Land über wertvolle Bodenschätze. Zum anderen bot es sich an, den nach den tragischen Ereignissen von 9/11 im Jahr 2001 ausgerufenen „Krieg gegen den Terror“ an einem alten, attraktiven Feind festmachen. Denn Umfragen zeigten, dass der US-amerikanischen Bevölkerung der Terrorismus als Feind zu wenig konkret erschien. Also wurde von der Regierung eine Verbindung zwischen dem Terrornetzwerk Al-Quaida, das den Massenmord vom 11. September geplant und verübt hatte, und dem Irak aus dem Hut gezaubert – eine Verbindung, die es, wie ebenfalls längst klar ist, auch nicht gab.

Also wurde ab dem 20. März 2003 von den USA – wie zuvor Afghanistan – auch der Irak bombardiert, unterstützt durch Großbritannien und eine „Koalition der Willigen“, die entschlossen gegen die „Achse den Bösen“ (George W. Bush) antrat. Der Angriffskrieg forderte Hunderttausende zivile Opfer. Die tödlichen Folgen durch genetische Missbildungen, die der Einsatz von bis zu 2.000 Tonnen panzerbrechender Uranmunition verursachte, lassen sich schwer in Zahlen fassen. 

Gleichzeitig stieg die Selbstmordrate unter US-Militärangehörigen seit den Einsätzen in Afghanistan und im Irak um 31 Prozent. Vermutlich können ungut im Gemüt verankerte fragwürdige politische Entscheidungen doch nicht so ohne weiteres weggedrillt werden.

Die von den USA für die Öffentlichkeit konstruierte Verknüpfung der Al-Quaida mit dem Irak hatte indes noch eine weitere dramatische Folge: Aus dem irakischen Widerstand entwickelte sich die Terrororganisation „Islamischer Staat“. Die „IS“ ist für den Tod von ca. 150.000 Zivilisten in Syrien und im Irak verantwortlich – und für den Tod von weiteren 2.000 Menschen, die international bei IS-Terroranschlägen ums Leben kamen …

Bei all diesen weltpolitisch höchst bedeutenden Entscheidungen in der Ära des US-Präsidenten George W. Bush zog „der zweite Mann“ im Hintergrund die Fäden: Vizepräsident Dick Cheney.

Dessen Karriere und die Entwicklung seiner Machtfülle zeichnet Adam McKays Biopic „Vice – Der zweite Mann“ nach. 

Unter dem oberflächlich sorglos dahin mäandernden George W. Bush (Sam Rockwell) kontrolliert Dick Cheney (Christian Bale) bald die Verwaltung, die Militär-, Energie- und Außenpolitik der USA und unterhält eigene Büros im Repräsentantenhaus, im Pentagon und beim CIA. Der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld (Steve Carrell) ist bei Cheneys erfolgreichem Ritt zum Gipfel der Macht ein fast ebenso wichtiger Steigbügelhalter wie seine Frau Lynne (Amy Adams).

„Vice“ überrascht aber auch durch seine unkonventionelle Machart. Bisweilen mutet der Film als Komödie an – allerdings immer so lange, bis dem Betrachter das Lachen im Hals verstockt, weil ihm wieder einmal bewusst wird, dass das, was ihm hier in großartiger Schauspiel- und kreativer Filmkunst mundgerecht verabreicht wird, als Einladung bald zum Schmunzeln, bald zu ungläubigem Kopfschütteln, gar keine Karikatur der Wirklichkeit ist, sondern die Dokumentation todbringender Entscheidungen und gewissensbefreiter Rechtfertigungen. 

Ein wichtiger Film. Ein mutiger Film.

(2018, 134 Minuten)