Die große Seele

Richard Attenboroughs grandiose Verfilmung des Lebens von Gandhi

Es gibt Besetzungen, die sich als absoluter Glücksfall erwiesen und Kinogeschichte geschrieben haben, Idealverkörperungen von Rollen, für die man sich keinen anderen Schauspieler mehr vorstellen mag, wenn man einmal „den einen“ gesehen hat. 

Ben Kingsley als Mahatma Gandhi ist so ein Fall. Als der Brite Anfang der 1980-er Jahren für Meisterregisseur Richard Attenborough vor die Kamera trat, nachdem zunächst zwei etablierte Stars – Anthony Hopkins und Alec Guiness – im Gespräch für die Rolle gewesen waren, lieferte er eine atemberaubende Leistung ab, die ihm einen Oscar und viele andere Auszeichnungen einbrachte – und das für seine erste große Filmrolle; vor „Gandhi“ war Kingsley lediglich einmal in einer Nebenrolle vor der Kamera gestanden.

Attenboroughs dreistündiges Biopic, für das der britische Regisseur Oscars für den besten Film und die beste Regie erhielt, ist auch in anderer Hinsicht eine Produktion der Superlative: Für die Szene, die die Ermordung Gandhis (1948) zeigt, standen etwa 300.000 Statisten und elf Kamerateams im Einsatz. Das tragische Ende des großen indischen Unabhängigkeitskämpfers, dessen Name bis heute untrennbar mit dem Prinzip des gewaltlosen Widerstandes verbunden ist, eröffnet den Film; dann erst darf das Publikum wichtige Stationen der Lebensgeschichte Gandhis miterleben.

Nach seinem Studium in Großbritannien reist der 1869 in der indischen Küstenstadt Porbandar geborene Mohandas Karamchand Gandhi nach Südafrika, um dort als Anwalt einen Rechtsstreit zu schlichten. Es dauert nicht lange, bis der erst 24-jährige am eigenen Leib spürt, welche Ungerechtigkeiten die Apartheid für alle Nicht-Weißen bedeutet. Fortan engagiert sich der junge Anwalt für die in Südafrika lebenden Inder – und setzt dabei konsequent auf das Prinzip der absoluten Gewaltlosigkeit im Widerstand. Mit Erfolg: Die südafrikanische Regierung ändert einige Gesetze zugunsten der indischen Bevölkerung.

Doch Gandhis eigentlicher Kampf beginnt erst: Schließlich möchte er nicht weniger als die Unabhängigkeit Indiens von der britischen Kolonialregierung erreichen. 

Zunächst übernimmt Gandhi die Führung der „Kongresspartei“, und schon bald mobilisiert er mit seiner „Kampagne der Nichtkooperation“ die Massen. 

Als Soldaten der britischen Armee eine Versammlung durch Schusswaffen auflösen und dabei Hunderte Menschen töten, wird Gandhis Prinzip der Gewaltfreiheit auf eine harte Probe gestellt. Doch letztlich ist das „Massaker von Amritsar“ nur ein weiterer Beleg für die Ohnmacht der Briten gegenüber dem Willen von 350 Millionen Indern.

Nach einigen Krisen – beispielsweise verkündet Gandhi, bis zu seinem Tod zu fasten, sofern Gewalttätigkeiten, die zwischen Polizisten und Protestanten eskaliert waren, nicht beendet würden, und hat damit Erfolg – startet er am 12. März 1930 den berühmten „Salzmarsch“. 

Diese öffentlichkeitswirksame Kampagne, bei der Gandhi mit ein paar Dutzend Anhängern 385 Kilometer weit durchs Land zum Arabischen Meer wandert, richtet sich gegen das britische Salzmonopol und die zu hohen Steuern. Die Briten hatten sich die Salzgewinnung und den lukrativen Salzhandel bislang selbst vorbehalten. Gandhis Aufruf folgend, beginnen nun aber Menschen im ganzen Land damit, selbst Salz zu gewinnen und es steuerfrei zu verkaufen. 50.000 Inder, darunter praktisch alle Politiker des „Indischen Nationalkongresses“, werden daraufhin verhaftet.

Doch letztlich haben die Briten dem konsequenten, aber gewaltfreien Widerstand des von Gandhi vereinten Volkes nichts entgegenzusetzen. 1947, nachdem auch der „Mahatma“ – dieser Ehrenname bedeutet „die große Seele“ –  jahrelang inhaftiert gewesen, aber ungebrochen in seinen Überzeugungen geblieben war, erreicht Indien seine Unabhängigkeit. 

Im hohen Alter von 78 Jahren, greift Gandhi noch einmal zu seinem Protestmittel des unbefristeten Fastens – diesmal, um religiöse Gewalttätigkeiten zwischen Hindus und Moslems zu beenden. Diese hatten sich rund um die Teilung des Landes in Indien und Pakistan entzündet. Denn sofort nach der Unabhängigkeitserklärung Indiens war es zu Ausschreitungen zwischen Hindus und Moslems gekommen, wobei das Landes in (das überwiegend hinduistische) Indien und in (das mehrheitlich muslimische) Pakistan geteilt worden war.

Gandhi kann die sinnlose Gewalt durch sein Fasten abermals beenden – denn niemand will Schuld am Tod des großen, inzwischen weltbekannten Freiheitskämpfers sein.

Und doch ist es religiöser Fanatismus, der schließlich das Leben des „Mahatma“ beendet …

In Richard Attenboroughs Film und Ben Kingsleys großartiger Schauspielleistung erfuhr es eine angemessene filmische Würdigung. 

(1982, 181 Minuten)