Angst und Stress überwinden: „Ein gutes inneres Milieu lässt Ängste nicht andocken!"


Reinhardt Wurzel ist Journalist und Inhaber einer Praxis für Vitametik in Röthenbach an der Pegnitz (nahe Nürnberg). Er betrachtet Ängste und Stress als Veruracher der meisten heutigen Erkrankungen. In diesem Gespräch beschreibt er Ursachen und einfache Lösungswege, um Stress, Sorgen und Ängsten wirksam entgegenzutreten.

Das Leben in der heutigen Zeit ist für viele Menschen mit Stressfaktoren verbunden. Auch Angststörungen nehmen immer mehr zu. Woher kommen diese Ängste, unter denen so viele leiden?

WURZEL: Die Ursachen umfassen ein weites Feld. Man muss sagen, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die auf den einzelnen Menschen sehr viel Druck ausübt. Das geht schon in der Arbeitswelt los: Mobbing am Arbeitsplatz, Zeitverträge, durch die Menschen in extreme Situationen gebracht werden, hohe Leistungsanforderungen – in möglichst kurzer Zeit soll möglichst viel Leistung erbracht werden – und so weiter. Das alles verursacht Druck, und die Zustände werden immer extremer. Auch die familiäre Situation wird tendenziell nicht einfacher. Intakte Familien gibt es immer seltener. Sogenannte „Patchwork“-Lösungen nehmen zu, und ebenso gibt es immer mehr allein erziehende Frauen, die unglaublich viel schultern müssen und dadurch großen Stress haben, begleitet von Existenzsorgen. Außerdem leben wir in einer Gesellschaft, der die ideellen Werte abhanden kommen. Dadurch verbreitet sich Misstrauen. Auch die persönlichen, finanziellen Werte, die der Einzelne sich aufgebaut hat, sind bedroht – siehe Politik, siehe Geld- und Finanzwirtschaft, siehe Banken … Krisen überall. Dazu kommen die einfachen Dinge des Alltags, die ebenfalls keine gesunde Basis mehr haben. Die Ernährung zum Beispiel. Wir erinnern uns an die Nahrungsmittelskandale der letzten Zeit. Die Lebensmittelindustrie kommt immer mehr in Verruf, und der Konsument hat den Eindruck, getäuscht und betrogen zu werden. Ähnlich ist es mit der Pharmaindustrie und allgemein im Gesundheitswesen. Wir leben also in einem gesellschaftlichen Milieu, das viele Gründe bietet, um Stress, Sorgen und Ängste zu entwickeln. Ich sehe das jeden Tag in meiner Praxis: Menschen leiden psychisch unter Stress, und den körperlichen Folgen: Nervliche Beschwerden, Verspannungen im Rücken oder in der Lendenwirbelsäule, Hexenschuss, Schwindel, Tinnitus, auch organische Störungen, Verdauungsbeschwerden, Schlafprobleme … Es gibt unglaublich viele Störungen, vielschichtige Erkrankungen, die daraus resultieren und im Spiegel unsere gesellschaftliche Lage zeigen.

Nun kann der Einzelne die gesellschaftlichen Umstände schwer ändern. Gibt es trotzdem Möglichkeiten, durch die eigene Lebensführung Ängsten vorzubeugen oder ihnen entgegenzuwirken?

WURZEL: Ja, es gibt sehr viele Möglichkeiten. Ich halte Entschleunigung für wichtig. Jeder kann selbst etwas dazu beitragen, um den Druck, den Stress, die Hektik, die seinen Alltag prägen, abzubauen. Zum Beispiel setzten sich viele Menschen selbst unter Druck, indem sie irgendwelchen Statussymbolen hinterher jagen, Dingen, die sie glauben, unbedingt besitzen zu müssen, mit denen sie sich absichern wollen. Dieses Habenwollen kann ein wesentlicher Antrieb dafür sein, belastende Arbeitsverhältnisse und unnötigen Stress in Kauf zu nehmen. Auch die Vielzahl von sozialen Netzwerken, die Medien und technischen Trends können großen Druck ausüben. Das heißt: Es muss einfach mal Ruhe ins Leben, mehr Stille! Man könnte also vielleicht einiges in seinem Terminkalender streichen, sich bewusst nicht jeden Wunsch erfüllen, der irgendwo als Gedanke aufblitzt, oder auch einmal Nein sagen zu den Anforderungen, die von außen kommen, damit man mehr Zeit und Ruhe für sich selbst findet. Elisabeth Lukas, eine berühmte Therapeutin und Autorin, hat ein sehr schönes Gleichnis dafür beschrieben: Wenn man mit einem Glas Wasser aus dem Fluss schöpft, dann kann man sehen, wie darin Teilchen herumschwirren, Plankton, Schmutzteilchen usw. Wenn man dann aber das Glas hinstellt, kommen diese Teilchen zur Ruhe, sie setzen sich auf dem Boden ab, das Wasser wird durchsichtig. Genauso kann es auch in unserem Inneren geschehen. Wenn wir innehalten, zur Ruhe kommen und uns nicht immer neuen Reizen aussetzen, können sich die Gedanken klären. Wir finden dann auch wieder Zugang zur Intuition, zu hilfreichen, aufbauenden Impulsen aus unserem Inneren. Das heißt, wir gewinnen in dieser Ruhe und Stille Abstand zu den Reizen, auf die wir Tag für Tag reagieren. Wir finden Zeit zu überlegen, ob es wirklich sinnvoll ist, den Genüssen oder zweifelhaften Werten nachzujagen, die uns so wichtig erscheinen. Vielleicht kommt dann auch der Gedanke, einiges in der eigenen Lebensführung zu verändern. Aber jede Neuorientierung braucht eine gewisse Stille. Erst damit entwickelt sich auch ein Potential, mit dem es möglich ist, Ängsten etwas entgegenzusetzen.

Gibt es ein konkretes Hilfsmittel, das dem Innehalten, dem Bewusstwerden der eigenen Lebenssituation dient und vielleicht auch neue Blickwinkel vermittelt?

WURZEL: Was sich in meiner Praxis als sehr erfolgreiches Mittel bewährt hat, ist das sogenannte Tagebuch der Freude. Manche Menschen sind ja durch Ängste, Sorgen, Stress oder Belastung wirklich nicht mehr in der Lage, die positiven Dinge des Lebens zu sehen. Sie können sie einfach nicht mehr erkennen. Das Glas ist bei ihnen immer halb leer, oder vielleicht sogar zu drei Vierteln leer. Aber sie bemerken nicht, dass es damit auch zu einem Viertel voll ist. Und den Blick dafür müssen wir wieder schärfen. Das heißt, man führt in diesem Tagebuch jeden Abend fünf Punkte an, über die man sich gefreut hat, die Grund genug sind, um dankbar zu sein. Das können ganz banale Dinge sein: Der Kühlschrank ist voll, eine Freundin hat angerufen, ich habe keinen Unfall gehabt, keine Schreckensnachricht erhalten, ich bin nicht über die Treppe runtergefallen, es ist kein Brief vom Finanzamt gekommen … Es dürfen also wirklich kleine, alltägliche Gegebenheiten sein, die man in dieses Tagebuch einträgt. Man kann sie auch aus seinem Alltagserleben konstruieren, denn damit macht man sie sich bewusster. Wenn manche meiner Klienten sagen: „Mir fällt aber gar nichts ein“, dann antworte ich: „Überlegen Sie einmal. Haben Sie heute nicht jede Möglichkeit gehabt, die Vielfalt der Welt zu sehen? Oder sind Sie etwa erblindet, wie es heute so vielen Menschen in Europa ergangen ist? Nein? Also – ein Punkt zum Aufschreiben!“ Oder ich frage: „Gibt Ihnen Ihr gesundheitlicher Zustand nicht auch Anlass zur Zufriedenheit? Oder haben Sie etwa einen künstlichen Darmausgang bekommen? Es gibt in jedem Jahr Zigtausende Menschen mit diesem Schicksal. Nein? Wieder ein Punkt zum Aufschreiben!“

Man darf sich diesbezüglich also ruhig auch „nach unten orientieren“, die eigene Situation mit der von Menschen vergleichen, denen es schlechter geht …

WURZEL: Ja, denn es geht darum, die eigene Situation nicht allzu selbstverständlich zu nehmen. Es gibt so viele Überlegungen, die Anlass für Dankbarkeit bieten. Und das Schöne ist: Nach zwei Wochen bemerkt man, man führt gar kein schlechtes Leben. Und nach vier Wochen, das garantiere ich, entsteht eine innere Kraft, die dem Positiven, Aufbauenden verbunden ist, die das halb volle Glas erkennt und die Werte schätzt, über die man selbst verfügt. Diese neue Einstellung, bestehende Fähigkeiten und Möglichkeiten zu nutzen anstatt nur gegen Probleme anzukämpfen, entspricht übrigens auch dem Unterschied zwischen der Alternativmedizin und der Schulmedizin. Diese kreist immer nur um die Erkrankungen, während die Alternativmedizin das Positive stärkt und fördert. Damit werden sozusagen die persönlichen Ressourcen erweitert. Das heißt, man bekämpft nicht die Angst, sondern schafft ein gutes Milieu in seinem Inneren, wodurch Ängste nicht so leicht andocken können.

Gibt es noch etwas in der persönlichen Lebensführung, das vorbeugend gegen Ängste wirkt? Haben Sie neben dem „Tagebuch der Freude“ einen weiteren Tip?

WURZEL: Selbstvertrauen ist wichtig. Ich habe in meiner Praxis ein Bild, das eine Katze zeigt, die sich im Spiegel anschaut und darin einen Löwen erkennt. Sie sieht aus wie eine Schmusekatze, aber sie erkennt in sich das Raubtier. Das heißt, es steckt noch eine ganz andere Fähigkeit in ihr. Und so sehe ich das auch bei jedem Menschen – dass viel mehr in ihm steckt als er momentan lebt. Und wie vorhin beim „Tagebuch der Freude“ geht es darum, bewusster hinzuschauen, um dann die eigenen Stärken zu fördern und zu kultivieren. Jeder sollte sich seiner Werte und Möglichkeiten bewusster werden, sich selbst vor Augen führen, was er in vielen Bereichen des Lebens bisher schon geleistet hat. In diesem Selbstvertrauen vertieft sich auch das Vertrauen ins Leben. Vertrauen bedeutet die Überzeugung: Es wird gut. Ich finde einen Weg. Es gibt keinen Grund zur Panik. Es wird Möglichkeiten geben, auch wenn sie jetzt noch nicht sichtbar sind. Diese Art Zuversicht führt den Blick des Menschen weg von sich selbst, und das ist auch wichtig. Denn üblicherweise dreht sich bei vielen ja alles nur darum, dass es ihnen selbst gut geht. Sie sehen sich und ihr Leben als einzigen Mittelpunkt. Aber ich halte es auch für sehr, sehr wichtig, auf die anderen zu schauen, auf die Umwelt – und sich zu fragen: Wofür bin ich gut? Was ist meine Aufgabe? Was kann ich zum Wohl der anderen beitragen?

Wenn jemand bereits unter tiefer gehenden Störungen leidet, zum Beispiel regelmäßige Panikattacken erlebt – was kann er tun? Gibt es eine bestimmte therapeutische Richtung, die Sie guten Gewissens empfehlen können?

WURZEL: Ja, es gibt Angststörungen oder Angstneurosen, die schon sehr starke Formen angenommen haben, die den Menschen sehr dominieren, wobei Traumata, also schicksalhafte Erlebnisse zugrunde liegen können. Das bedarf einer therapeutischen Begleitung, und ich empfehle in solchen Fällen sehr gerne die Logotherapie, das ist die sinnzentrierte Psychotherapie nach Viktor Frankl. Es gibt im deutschsprachigen Raum sehr viele ausgebildete Therapeuten, die auf Angststörungen spezialisiert sind, und in der Logotherapie wird sehr behutsam, sehr individuell und mit effektiver Methodik, zum Beispiel mit Hilfe der „Paradoxen Intention“, gearbeitet. 

Sie selbst haben kürzlich ein Buch mit Elisabeth Lukas fertiggestellt, die ja eine der bekanntesten Schülerinnen von Viktor Frankl ist. Das ist natürlich auch eine Empfehlung …

WURZEL: Frau Lukas ist als Autorin sehr erfolgreich. Sie hat schon 31 Bücher geschrieben, ihre Werke wurden in 23 Sprachen übersetzt, und sie hat eine sehr schöne, bildhafte Art, psychologische Inhalte leicht verständlich zu erklären. Unser Buch, welches im Januar im Buchhandel erscheint, hat den Titel „Von der Angst zum Seelenfrieden“ und zeigt diesen schönen Weg der Logotherapie. Für mich ist das Seelenheilkunde im besten Sinn des Wortes, ein Weg, den jeder Mensch gehen kann.

Manche tiefer greifenden Lebensängste scheinen mit weltanschaulichen Vorstellungen verbunden zu sein. Gibt es aus Ihrer Sicht einen Zusammenhang zwischen der persönlichen Gedankenwelt und Angststörungen? Anders gefragt: Gibt es bestimmte Gedanken, die besonders anfällig für Ängste machen? 

WURZEL: Ein Mensch, der nur an das Materielle glaubt und dort sein Ziel sieht, der ist meines Erachtens im Grunde sehr haltlos. Er fixiert sich oft auf sehr zweifelhafte Werte und ist dann auch anfälliger für Ängste, wenn ein Wert, an den er sich geklammert hat, wegfällt. Ich glaube, es ist wichtig, sich mit seiner Lebenseinstellung vielseitige Werte aufzubauen und dabei, wie gesagt, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern auch an seine Verantwortung für die Mitmenschen und die Umwelt. Ich sehe es so, daß wir für all unser Tun tatsächlich verantwortlich sind, das heißt, wir ernten was wir säen. Wenn ein Mensch nichts Gutes sät, wird er berechtigterweise auch Angst vor den Folgen haben. Ich bin davon überzeugt, dass alles, was wir empfinden, denken und tun, wieder auf uns zurückkommt, das ist wie ein Ringschluss. Und wenn wir durch unsere Lebensführung das Positive, Aufbauende verstärken, dann werden wir auch eine entsprechende Ernte erleben. Wobei dieser Gedanke ein umfassendes weltanschauliches Thema anreißt, denn ich gehe auch davon aus, dass unser Leben nach dem Tod weitergeht und dass wir nicht nur dieses eine Leben haben. Unser Menschsein endet nicht mit dem Sterben, sondern wir wechseln zwischen Diesseits und Jenseits mehrmals die Seiten: Der Tod hier ist die Geburt nach drüben, und dann geht’s auch wieder umgekehrt: Der Tod drüben ist die Geburt hierher. Wenn man sich näher mit dem Schicksal und der Gerechtigkeit im Schicksal auseinandersetzt – und ich bin kein Freund des Gedankens, dass unser Leben nur dem blinden Zufall folgt –, dann erkennt man auch, dass die Dinge einen Sinn haben und ein Urvertrauen berechtigen – aber keine Ängste.

Sie haben das Leben nach dem Tod erwähnt, die Reinkarnation, und Sie haben ein Statement gegen den Materialismus abgegeben. Was ist denn Ihr persönliches Menschenbild? Was zeichnet uns Menschen aus?

WURZEL: Ich sehe den Menschen als Sinnsucher. Das heißt, er sucht und braucht einen Sinn in seinem Tun. Er war schon immer und ist noch heute ein Forscher, ein Entdecker, und wenn er den Kompass seiner inneren Stimme findet, dann wird sie ihm den richtigen, wirklich sinnvollen Weg vorgeben. Natürlich kann sich auch der Verstand, der Intellekt mit seinen Wünschen melden, aber dieser Wollensdrang ist auf auf die irdischen Dinge begrenzt. Ich sehe den eigentlichen Sinn des menschlichen Lebens in höheren Zielen. Es gibt eine schöne Aussage von Markus Schabenberger: „Der Intellekt in uns äußert sich laut und drängend, die Seele dagegen leise und empfehlend.“ Wer der wahren inneren Stimme folgt, wird höhere, wertvolle Ziele ins Auge fassen. Für ihn liegt der Sinn nicht nur im eigenen, begrenzten Ich, sondern im Wohlergehen der Allgemeinheit. 

Herzlichen Dank für dieses Gespräch und alles Gute für Ihre therapeutische Arbeit.

WURZEL: Ich danke auch!

Informationen: www.vitametik-wurzel.de