Geld macht doch (nicht) glücklich

Welche Rolle spielen Geld und Besitztum für das Glück? Ein Gespräch mit Prof. Mathias Binswanger, Glücksforscher und Professor für Volkswirtschaftslehre in der Schweiz.

Herr Professor Binswanger, mit dem Begriff Glück verbinden viele Menschen das Haben, sie sehen das Glück im Besitz. Je mehr sich jemand leisten kann, desto glücklicher muß er sein. Stimmt das aus der Sicht der Glücksforschung?

BINSWANGER: Es stimmt bis zu einem bestimmten Punkt. Wenn man gar nichts hat, also kein Dach über dem Kopf, nichts zu essen, dann ist man natürlich froh, wenn man einmal etwas zum Essen bekommt oder irgendwo wohnen kann, aber je mehr man hat, um so schwächer wird der Zusammenhang zwischen Glück und Einkommen. Ab einem Schwellenwert von etwa 15.000 bis 20.000 US Dollar pro Kopf und pro Jahr gibt es keinen Zusammenhang mehr zwischen Glück und Einkommen.

Sie haben ein sehr erfolgreiches Buch mit dem Titel „Die Tretmühlen des Glücks“ verfaßt. Was verstehen Sie darunter?

BINSWANGER: Die Tretmühle ist eine Metapher. Eine moderne Tretmühle steht ja beispielsweise in einem Fitneßstudio, wo man ohne lästigen Naturkontakt den eigenen Puls in die Höhe treiben kann. Man kann immer schneller rennen und bleibt dabei doch an Ort und Stelle. Und ganz ähnlich ist es mit dem Hinterherrennen nach mehr Glück oder Zufriedenheit durch ein höheres Einkommen. Wir versuchen, immer reicher zu werden, weil wir uns vorstellen, dann irgendwie glücklicher zu sein, aber nachher stellt man fest, man tritt doch an Ort und Stelle – genau wie auf der Tretmühle. Im Englischen gibt es den Ausspruch: „Es ist besser, ein großer Frosch in einem kleinen Teich zu sein als ein kleiner Frosch in einem großen Teich.“ Als „großer Frosch“ im kleinen Teich ist man jemand, da hat man Ansehen, Status, ist entsprechend glücklich. Als „kleiner Frosch“ in einem großen Teich ist man ein Niemand. Also wäre es schön, wir würden in einer Gesellschaft leben, wo es möglichst viele kleine Teiche gibt, was vielen Menschen ermöglicht, irgendwo ein großer Frosch zu sein. Wenn wir aber schauen, wie die Entwicklung läuft, dann sehen wir, daß wir uns zunehmend weltweit mit den Besten, Schönsten, Erfolgreichsten oder Reichsten vergleichen. Dadurch werden wir tendenziell zu kleinen Fröschen in einem großen Teich. Und das zum Beispiel ist dem Glück abträglich. Man muß also für sich einen Teich finden, wo man ein großer Frosch sein kann.

Wie läßt sich denn die Glückforschung generell mit Ökonomie vereinbaren? Warum beschäftigt sich ein Ökonom mit einem Wert wie Glück?

BINSWANGER: Wer noch nie das Glück oder das Pech hatte, mit volkswirtschaftlicher Theorie konfrontiert zu werden, hat meist das Gefühl, es ginge in der Ökonomie darum, wie man möglichst viel Geld verdient. Aber Geld kommt in der reinen ökonomischen Theorie gar nicht vor. Dort steht etwas ganz anderes im Mittelpunkt – nämlich der sogenannte Nutzen. Man geht davon aus, daß Haushalte ihren Nutzen maximieren. Und wenn wir das in die Alltagssprache übersetzen, heißt es nichts anderes, als daß Menschen das tun, was eben glücklich oder zufrieden macht, was gut für sie selbst ist. Das Glück des einzelnen wäre also das eigentliche Ziel der ökonomischen Tätigkeit. Aber dazu ist eben nicht nur Einkommen nötig. Natürlich braucht man eine bestimme Menge Geld, damit man überhaupt Dinge tun kann, die einen glücklich machen. Aber ebenso wichtig ist etwas Zweites – und zwar Zeit! Heute gibt es auf der einen Seite Menschen, die unzufrieden sind, weil sie zwar viel Zeit, aber kein Geld haben. Und auf der anderen Seite gibt es Menschen, die unzufrieden sind, weil sie zwar viel Geld, aber keine Zeit mehr haben. Beides ist kein ökonomisch optimaler Zustand. Es geht darum, den optimalen Mix zu finden.

Aber braucht das überall beschworene Wirtschaftswachstum nicht genau die von Ihnen kritisierten Tretmühlen des Glücks? 

BINSWANGER: Ja, es gibt eine etwas ambivalente Beziehung zwischen Glück und Wachstum. Auf der einen Seite funktioniert unser Wirtschaftssystem eben nur gut, wenn es ein bestimmtes Wachstum gibt. Auf der anderen Seite stellen wir aber fest, daß dieses Wachstum die Menschen in den entwickelten Ländern im Durchschnitt nicht zufriedener oder glücklicher macht. Im Moment ist Wachstum das einzige Ziel der wirtschaftlichen Tätigkeit, vor allem auch in der Wirtschaftspolitik. Aber das möglichst hohe Wachstum, das überall angestrebt wird, ist ökonomisch eigentlich nur dann sinnvoll, wenn es im Durchschnitt zu mehr Glück oder Zufriedenheit führt. Und wenn das nicht der Fall ist, dann ist es eben unökonomisch, nur auf Wachstum zu setzen. Wenn man immer nur das Wachstum maximieren will, dann geht man mit der Zeit unvernünftige Risiken ein. Und was dann daraus wird, das haben wir bei der jüngsten Finanzkrise gesehen.

Also wäre das Glück des Menschen auch für die Wirtschaft das lohnendste Ziel?

BINSWANGER: Ja, es geht eigentlich darum, daß sich die Menschen wohlfühlen in einem Land. Man müßte dort ansetzen, wo etwas verhindert, daß die Menschen glücklicher oder zufriedener werden. Zum Beispiel grassiert in der heutigen Zeit eine Ranking-Manie, eine Vergleichs-Manie. Man muß sich überall vergleichen – mit dem Besten, mit dem Reichsten, mit dem Attraktivsten. Das verhindert aber Glück und Zufriedenheit, weil es nur noch darum geht, daß ich im Vergleich zu anderen gut abschneide. Aber ich gelange nie in einen Zustand, wo ich sagen kann: Ich mache das jetzt aus eigenem Interesse oder verfolge die wirtschaftlichen Ziele, die mich interessieren.

Es gibt das Sprichwort: Geld allein macht nicht glücklich. Dem können Sie also auch als Ökonom voll zustimmen!

BINSWANGER: Ja genau, das ist eine alte Weisheit. Aber der moderne Zusatz lautet: Menschen, die behaupten, daß Geld nicht glücklich macht, wissen nicht, wo sie einkaufen sollen … Wenn man sich genauer ansieht, worum es beim Kaufen geht, so stellt man fest, daß Dinge, die wirklich großes Glückspotential besitzen, nicht käuflich erwerbbar sind. Käuflich erwerben kann ich mir zum Beispiel ein Bett, aber was mich letztlich eigentlich glücklich macht, ist der Schlaf, den ich darin finde. Und das ist ein typisches Beispiel, denn ganz allgemein können wir feststellen, daß sich die Freude oder das Glück an materiellen Dingen sehr schnell abnützt. Man freut sich über ein neues Auto vielleicht ein paar Wochen lang, dann muß etwas noch Besseres, etwas Neues her, damit man wieder für eine kurze Zeit glücklich ist. Wenn man aber das soziale Leben betrachtet, dann stellt man fest, daß sich das nicht im gleichen Ausmaß abnützt. Freunde zu treffen, bleibt immer attraktiv. Bei vielen Untersuchungen hat sich gezeigt, daß das Sozialleben eine ganz zentrale Rolle für das Glück der Menschen spielt. Und das ist auch nicht käuflich erwerbbar.

Was haben Sie privat gemacht, um glücklicher zu werden. Gibt es ein Patentrezept? 

BINSWANGER: Ich habe zum Beispiel seit etwa sieben Jahren das Fernsehen vollkommen aus meinem Leben eliminiert. Das hat ganz entscheidend zu meinem Glück beigetragen, denn ich hatte damit vorher viel Zeit verloren. Fernsehen ist eine Tätigkeit, die nicht besonders viel zu unserem Glück beiträgt. Das bestätigt auch die Glücksforschung, wo man genau untersucht hat, wie das, was die Menschen täglich tun, ihr Glück beeinflußt.

Gibt es noch einen typischen Alltags-Problempunkt, der das Glücklichsein erschwert?

BINSWANGER: Ja, sehr oft ist es das Pendeln zur Arbeit, das als besonders unangenehm empfunden wird. Auch das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Ich wohne jetzt unmittelbar neben der Fachhochschule, an der ich unterrichte, mein Arbeitsweg beträgt nur ein bis zwei Minuten – und dies trägt sehr zu meiner persönlichen Zufriedenheit bei.

Und die Glücksforschung an sich – macht sie Sie auch glücklich?

BINSWANGER: Natürlich! Erstens, weil es ein interessantes Thema ist. Und zweitens, weil es hier eigentlich darum geht, das Wesentliche in der Ökonomie, in der Volkswirtschaftslehre, wieder zu entdecken.

Herzlichen Dank für das Gespräch und viel Erfolg!