„Man redet über uns, entscheidet für uns, aber arbeitet nicht mit uns!“

Etwa jeder fünfte erwachsene Mensch in unserer Gesellschaft ist schwerhörig, bei den über 60-jährigen sogar bereits jeder dritte. Trotzdem wird das Problem Schwerhörigkeit nach wie vor verdrängt und tabuisiert. Betroffene haben oft Sorge, zum „alten Eisen“ gezählt zu werden, wenn sie zugeben, nicht mehr alles mitzubekommen. Und Nicht-Betroffene haben meist keine Ahnung, wie sie mit der unsichtbaren Behinderung ihrer Mitmenschen richtig umgehen sollen. Hans Neuhold war lange Zeit Präsident des Österreichischen Schwerhörigenbundes.

Herr Neuhold, Sie sind Gründer und waren Präsident des ÖSB. Wie war Ihr Lebensweg? Was hat Sie zu dieser Funktion geführt?

NEUHOLD: Ich bin im Alter von ungefähr 25 Jahren schwerhörig geworden, habe dann sofort Hörgeräte genommen, musste aber erleben, dass mein Gehör trotzdem in gewissen Abständen immer schlechter wurde. Ich habe darunter sehr gelitten, weil ich durch die Schwerhörigkeit eine Ausgrenzung von den Mitmenschen erlebte und nicht mehr so engagiert sein konnte, wie ich das wollte. Ich war als Theologe und Lehrer tätig, musste diesen Beruf aufgeben und in einen Bereich wechseln, der weniger mit Kommunikation zu tun hat. Im Jahr 1997 hatte ich dann das Bedürfnis, mich mit anderen Betroffenen zusammenzuschließen, und ich habe auch nach Möglichkeiten der Hilfe für mich gesucht. In diesem Jahr habe ich eine erste Selbsthilfegruppe gegründet. Dann habe ich gesehen: Eine solche Gruppe ist gut, fördert auch das Miteinander, aber es entsteht dadurch kein Impuls in Richtung Öffentlichkeit. Das hat dann dazu geführt, dass ich 1999 den Österreichischen Schwerhörigenbund gegründet habe. Ein Jahr nach der Gründung bin ich selbst dann ertaubt und musste mir abermals neue Möglichkeiten überlegen.

Sie haben sich für ein Cochlea-Implantat entschieden – haben Sie gute Erfahrungen mit dieser Hörhilfe?

NEUHOLD: Ich bin im Jahr 2001 bei einem Ohr mit einem Cochlea-Implantat versorgt worden und nach weiteren zwei Jahren dann auch beim anderen Ohr. Dadurch hat sich meine Lebensqualität massiv verbessert – obwohl ich immer ein Schwerhöriger bleibe. Aber ich kann mit Menschen wieder einigermaßen sicher kommunizieren, und das bedeutet für mich Lebensqualität.

Solche Implantate werden aber, wie man hört, gar nicht von allen geschätzt, die davon profitieren könnten. Weshalb nicht?

NEUHOLD: Das hat etwas zu tun mit der Gehörlosenkultur. Gehörlose Menschen haben über die Jahrhunderte versucht, sich eine eigene Kultur zu schaffen, die auch zu respektieren und anzuerkennen ist. Mit dem Cochlea-Implantat wird der Betroffene aber herausgefordert, wieder zu hören, und manche – hier meine ich vor allem hochgradig schwerhörige Menschen – wollen lieber bleiben wie sie sind, mit ihrer eigenen Sprache und ihrer eigenen Kultur, in ihrer eigenen heilen Welt, aus der sie nicht herausgerissen werden wollen. An der anderen Welt möchten sie nur über den Dolmetscher partizipieren – verlangen aber von dieser anderen Welt, dass sie auf sie eingehen muss. Und da setzt mein Problem an. Inwieweit kann ich in einer Gesellschaft sagen: Ich mache nichts, aber du musst mir alles bieten, was ich brauche? Da fehlt mir ein Part, nämlich der Part des Betroffenen. Ergänzend ist aber anzumerken, dass dies nicht für alle gehörlosen Menschen gilt, da eine Cochlea-Implantation nur in der frühen Kindheit, vor Abschluss des Spracherwerbs, möglich ist – oder später nur bei jenen, die erst nach dem normalen Spracherwerb ertaubt sind, so wie ich selbst. Es wird daher immer eine Zahl von gehörlosen Menschen geben, die Hilfen wie Gebärdensprache, Dolmetsch und Visualisierung benötigen und einfordern müssen.

Außerdem wird darüber diskutiert, ob sich durch so ein Implantat die Identität des Menschen verändert. Man fragt, ob das noch der gottgewollte Mensch sein kann. Ich habe erfahren, daß sich meine Identität durch diese Technik nicht verändert hat. Es kommt immer noch auf mein Wollen, auf mein Engagement, auf meine Entscheidungen an.

Spielt in diese kritische Haltung nicht vielleicht auch der Gedanke mit hinein: Ich habe ein durch Gott auferlegtes Schicksal zu erleiden – und ich habe nicht das Recht, selbst etwas daran zu ändern?

NEUHOLD: Dieser Gedanke wird von einigen Gehörlosen auch klar ausgesprochen und bringt leider immer wieder Eltern in Zweifel, ob sie ihrem gehörlosen Kind ein Cochlea-Implantat machen lassen sollen.

Sie sind katholischer Theologe – gibt es seitens der Kirche eine Stellungnahme zu diesem konkreten Problem?

NEUHOLD: Nein, aber nach meiner Überzeugung wird die Zuhilfenahme von Technik, die mich unterstützt, meinen Auftrag als Mensch zu erfüllen und dadurch vollkommener zu werden, nie abgelehnt. Natürlich war der Gedanke, Leiden sei etwas von Gott Gegebenes, das der Mensch durchzustehen hat, in der Kirche über Jahrhunderte auch beheimatet. Aber ich kann nicht an einen Gott glauben, der mich bewusst leiden läßt, um seine Freude daran zu haben, und der mir das Leid dann irgendwann später einmal gutschreibt. Das wäre für mich eine Perversität, aber dieses Denken ist fallweise auch heute noch da und man muß sich damit auseinandersetzen. 

Wenn Sie auf Grund Ihrer eigenen Erfahrungen an andere Menschen denken, die mit Schwerhörigkeit ein ähnliches Schicksal teilen: Was sind die wichtigsten Ratschläge, die Sie weitergeben möchten?

NEUHOLD: Das Wesentliche ist sicher, seine Behinderung einmal grundsätzlich anzunehmen und sich auch über die Dimensionen der Behinderung klarzuwerden. Das heißt für mich, ich muss mich auch mit der Schwerhörigkeit beschäftigen und darf sie nicht verdrängen. Ich darf nicht so tun, als ob ich nicht schwerhörig sei, weil dies einen ungeheuren Stress erzeugt im Leben mit anderen Menschen. Für diesen Prozess habe ich selbst fast 30 Jahre lang gebraucht – heute bin ich aber froh, dass ich es geschafft habe, mich als Schwerhöriger zu bekennen und einzubringen. Erst dadurch hat ja auch der andere die Chance, mit dem Problem umzugehen. Das zweite, was ich für wichtig halte, ist, dass man sich als Schwerhöriger auch mit anderen Betroffenen abstimmt. Behindertsein ist etwas leichter, wenn man es mit anderen teilen kann. Das heißt nicht, dass man nur mit Gleichbetroffenen zusammen sein soll. Es ist auch wichtig, mit Guthörenden zu kommunizieren, sich also auf diese Ebene genauso einzulassen. Aber dadurch, dass ich mich mit Gleichgesinnten treffe, habe ich mehr Mut, das normale Leben zu bewältigen. Als Behinderter muss ich über meine Erwartungen sprechen – was erwarte ich von den Guthörenden, damit die Kommunikation gelingt. Aber ich muss auch bereit sein, selbst zu diesem Gelingen beizutragen.

Gibt es in dieser Kommunikation mit Guthörenden etwas, worüber Sie sich fallweise besonders geärgert haben?

NEUHOLD: Es gibt zwei Aussagen: „Sei froh, dass du nicht blind bist!“ und „Sei froh, dass du nicht alles hörst!“, die beweisen, dass sich unsere Gesellschaft mit der Schwerhörigkeit und ihren Auswirkungen nicht beschäftigt hat, die auch zeigen, wie unbeholfen man diesem Problem gegenübersteht. Ich mache deshalb niemandem einen Vorwurf, aber solche Aussagen spornen mich an, in der Gesellschaft das Bewusstsein zu verändern und Wissen darüber zu vermitteln, was Schwerhörigkeit ist und worunter Schwerhörige leiden. Daraus folgt für mich auch ein gesellschaftspolitisches Engagement – wobei das viele Schwerhörige nicht so sehen und nur sagen: ich leide, ich bin der Arme, warum anerkennt man mich nicht als armen Menschen? Ich hingegen denke: ich bin nicht arm, ich habe die gleichen Fähigkeiten wie andere Menschen auch, und es liegt an mir, Veränderungen herbeizuführen.

Eben darin liegt vielleicht ja eine besondere Aufgabe …

NEUHOLD: Genau! Ich bin in meine Lebenssituation hineingestellt, und nur von dort aus kann ich etwas verändern. Für mich heißt das Bewusstseinsbildung und Einfordern von Veränderungen. Zum Beispiel gibt es massive Beschwerden über die permanente Hintergrundmusik, die im Radio auch bei Nachrichten und Wetteransagen läuft. Damit kommen Schwerhörige nicht zurecht. Wir haben Tausende Unterschriften dagegen gesammelt – aber der österreichische Rundfunk ist nicht zur geringsten Änderung bereit.

Wenn Sie 20 Jahre zurückblicken: Glauben Sie, dass es schwerhörige Menschen heute leichter haben als damals?

NEUHOLD: Ich persönlich würde sagen, dass sich eigentlich nichts Gravierendes geändert hat. Die Probleme in Beruf und Weiterbildung sind für schwerhörige Menschen immer noch die gleichen, auch an kulturellen Ereignissen können sie nicht teilhaben, weil Grundvoraussetzungen fehlen – zum Beispiel Höranlagen oder eine entsprechende Raumakustik.

Gibt es überhaupt keine befriedigenden Entwicklungen?

NEUHOLD: Doch – insofern, dass mehr Verständnis dafür da ist, dass es wichtig ist, Anlagen für Schwerhörige in öffentlichen Gebäuden zu errichten. Wenn so etwas glückt, dann sind das bisher aber leider nur Einzelfälle. Und Architekten, die man auf das Thema Raumakustik anspricht, sagen: Aha, das habe ich mir bisher noch nie überlegt … 

Was vor allem wünschen Sie sich für die Zukunft?

NEUHOLD: Viele Schwerhörige leiden unter Besserwissern. Wir haben Professionisten im medizinischen Bereich, im Sozialbereich usw. Diese reden über uns und entscheiden für uns – aber sie arbeiten nicht mit uns. Das Manko liegt darin, dass die Betroffenen selbst in die Entscheidungen nicht eingebunden werden. Oft wird als Ziel zum Beispiel die gute Betreuung Schwerhöriger genannt. Aber darum geht es meiner Meinung nach gar nicht. Das Ziel darf es nicht sein, Schwerhörige zu betreuen, sondern sie selbständig zu machen, damit sie ihr Leben, ihren Beruf, ihre Gemeinschaft, ihre Partnerschaft selbst steuern und bewältigen können. Das würde auch bedeutend weniger Kosten für die öffentliche Hand verursachen.

Herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihre Arbeit!