Liebe, das Licht im Leben

Licht, Liebe, Leben: Diese drei Begriffe spielen im menschlichen Erleben eine zentrale Rolle. Und interessanterweise auch dort, wo es in der Naturwissenschaft um das geht, was „die Welt im Innersten zusammenhält“. Die folgenden Streiflichter zeigen das Potential für ein neues Weltverständnis, das Religion und Naturwissenschaft einander wieder näher bringen könnte!

Zeitraum, Raumzeit und das Licht

„Wir treffen uns am 26. Juni 2040 um 15.00 Uhr auf der Hauptbrücke in Graz.“

„Abgemacht!“

Eine Terminvereinbarung, ein alltägliches Ereignis. – Wenn wir einander treffen wollen, dann sind dafür Koordinaten in vier Dimensionen nötig: Länge, Breite und Höhe definieren einen Punkt im Raum (in unserem Beispiel die Brücke in Graz), Uhrzeit und Datum bestimmen den gewünschten Zeitpunkt.

Dass Raum und Zeit zusammengehören, erscheint in diesem Beispiel absolut selbstverständlich. Aber wie untrennbar dieser Zusammenhang ist, wurde naturwissenschaftlich erst deutlich, als Albert Einstein (1879–1955) im Zusammenhang mit seinen Relativitätstheorien kühne Gedanken entwickelte, die die Tore zu einem völlig neuen Weltverständnis öffneten, die aber auch nach Jahrzehnten, bis heute, noch nicht Allgemeingut geworden sind.

Denn immer noch gehen wir von der Vorstellung aus, dass wir uns – ob zu Fuß oder mit dem Auto – von Ort zu Ort, also durch den Raum bewegen, während dabei Zeit „vergeht“.

Einsteins Gedanken führen jedoch zu einem radikal anderen Weltverständnis. Demnach sind es immer die Objekte – ob Autos, Menschen oder Gestirne –, die sich bewegen, nicht etwa die Zeit oder der Raum selbst. Dabei sind, vereinfacht zusammengefasst, folgende Erkenntnisse maßgebend:

• Die Dimensionen von Raum und Zeit bilden eine untrennbare Ganzheit, die sogenannte Raumzeit. Raum ist ohne Zeit ebenso wenig denkbar wie Zeit ohne Raum.

• Alle Objekte bewegen sich durch die Raumzeit mit einer unveränderlichen Geschwindigkeit, wobei das Licht das Maß aller Dinge ist.

• Unveränderlich bedeutet, dass die Summe der Geschwindigkeit eines Objektes durch den Raum und durch die Zeit immer gleich bleibt. Was sich schneller durch den Raum bewegt, bewegt sich langsamer durch die Zeit – und umgekehrt.

Das Licht durchquert mit der höchsten aller möglichen Geschwindigkeiten – nämlich mit etwa 300.000.000 Meter pro Sekunde – den Raum. 

Je weiter sich ein Objekt in seiner Bewegung durch den Raum dieser absoluten Geschwindigkeit nähert, desto langsamer ticken dabei die Uhren, weil es sich entsprechend langsamer durch die Zeit bewegt.

Diese Gegebenheit wird oft mit der fiktiven Geschichte von zwei Zwillingsbrüdern verdeutlicht: Der erste bleibt auf der Erde zurück, der zweite fliegt mit nahezu Lichtgeschwindigkeit zu einem weit entfernten Stern. Nach seiner Rückkehr zeigt sich, dass er nun jünger ist, also deutlich weniger gealtert ist als sein Bruder.

Könnten wir ein Raumschiff bauen, das so schnell fliegt, würde es sich samt seiner Besatzung tatsächlich langsamer in der Zeit bewegen. Das Phänomen der sogenannten Zeitdilatation kann aber auch schon bei geringeren Geschwindigkeiten beobachtet werden. Der experimentelle Nachweis, dass es nicht nur graue Theorie, sondern Realität ist, wurde längst erbracht.

Aus Einsteins Theorie ist auch klar geworden, dass es eine „absolute Zeit“, die überall in gleichem Maß „vergeht“ – diese Vorstellung ist ja nach wie vor weit verbreitet –, nicht gibt. Denn Geschwindigkeiten können immer nur relativ zu einem Beobachter gemessen werden.

Der einzige „Fixpunkt“ in der Raumzeit – im Sinne von etwas Unveränderlichem, Maßgeblichem – liegt also in einem Begriff, den wir Menschen zugleich mit Hoffnung und Erkenntnis verbinden – Licht.

Aber was ist Licht? Die ehrliche Antwort auf diese einfache Frage müsste lauten: Wir wissen es bis heute nicht. 

Bevor Albert Einstein auf den Plan trat, schien die physikalische Definition, es handle sich um „eine elektromagnetische Welle, die sich mit konstanter Geschwindigkeit durch den Raum bewegt“, zufriedenstellend. Doch dann hat sich herausgestellt, dass Licht gleichzeitig als Teilchen betrachtet werden kann. Die Messung entscheidet darüber, ob sich die sogenannte Doppelnatur des Lichts als Welle oder Teilchen zeigt. 

Der Physiker und Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer bemerkt dazu sehr treffend: „Wenn etwas sowohl Welle als auch Teilchen ist, dann können Interessenten alles mögliche darüber wissen und angeben – sie können Wellenlängen messen, die Polarisation bestimmen, die Energie angeben und vieles mehr tun –, sie können nur nicht mehr sagen, was es ist. Licht ist Licht, könnte man meinen, und das ist möglicherweise alles.“1

Was also bleibt, ist ein großes Geheimnis um einen Begriff, der nicht nur für die Physik im Zentrum steht, sondern auch für das subjektive Erleben des Menschen. Licht!

Atome, Äpfel und die Liebe 

Nicht nur die Natur von Raum Zeit und Licht ist infolge neuerer Forschungsergebnisse und Theorien zu einer Herausforderung für traditionelle Weltanschauungen geworden, sondern auch die Natur der Materie an sich. 

Immer noch, wie in allen Jahrhunderten seit der Antike, gehen viele davon aus, dass es so etwas wie kleinste Teilchen gibt, aus denen die Welt aufgebaut ist. Wenn Materielles immer weiter zerkleinert wird, dann müsste, so die Grundannahme, am Ende doch irgendwann eine kleinste Einheit übrig bleiben. Allein: So ein „reines“ Materie-Teilchen gibt es nach heutigem Forschungsstand nicht.

Der Begriff des „Atoms“, des Unteilbaren, geht auf die alten Griechen zurück und ist in der Naturwissenschaft noch heute gebräuchlich, um die Bausteine zu bezeichnen, aus denen alle festen, flüssigen oder gasförmigen Stoffe bestehen. Jedes Atom gehört zu einem chemischen Element, ist dessen kleinste Einheit, hat aber auch selbst eine Struktur: Es besteht aus sogenannten Elementarteilchen. Aber die Welt des Allerkleinsten folgt nicht mehr den Gesetzen der Klassischen Physik. Man findet keine materiellen Teilchen in diesem Sinn mehr, sondern einen Urgrund, für den unsere Alltagssprache keinen klaren Begriff kennt. 

„Es bleibt nur noch eine Art grenzenlose Gestalt übrig“, schreibt Hans-Peter Dürr (1929–2014) in einer „quantenphysikalischen Weltbetrachtung“. „Die Materie verschwindet, aber die Form, im Sinne einer eingeprägten Gestalt, bleibt. Die Formen sind unendlich ausgedehnt, sodass eine Trennung der Objekte nicht mehr möglich ist. Alles hängt mit allem untrennbar zusammen. Die Wirklichkeit ist ein Kosmos, ein immaterielles, gestaltetes Ganzes, […] das alles einschließt.“2

Fazit: Materie ist nicht aus Materie aufgebaut. 

Vielmehr sei der Urgrund für alle Materie, so Dürr, ein „Dazwischen“, ein allumfassendes Beziehungsgeflecht mit der „Potentialität […], sich in Realität auszudrücken“. Die materielle Welt, wie die Physik sie kennt und beschreibt, entsteht demnach, weil die Potentialität dieses umfassenden Urgrundes „zu Realität gerinnt“.

Hans-Peter Dürr hat sich auch bemerkenswerte Gedanken darüber gemacht, weshalb wir uns so schwer damit tun, diese alles einschließende, tiefe Wirklichkeit sprachlich zu beschreiben: Sobald wir ein Substantiv verwenden – sei es „Atom“, „Verbindung“, „Teilchen“ und so weiter –, impliziere das „ein Etwas, das auf ein anderes Etwas bezogen“, also eine Abtrennung des Einen vom Übrigen ist.

Für unser tägliches Leben ist eine solche „Begrifflichkeit“, die einzelne Gegebenheiten sprachlich klar abgrenzt, natürlich nötig, ja, überlebenswichtig. Dürr: „So ist der sichere Griff der Hand nach dem Apfel, den ich zu meiner Ernährung notwendig brauche, lebensdienlich. Unsere in der Gesellschaft entwickelte Umgangssprache ist deshalb dominant eine im praktischen Handeln erlernte und erprobte ,Apfelpflück-Sprache‘, eine Greifsprache. Auch die Naturwissenschaft bedient sich dieser Greifsprache und ihrer Begriffe. Der Begriff Materie erscheint aus dieser Sicht als eine Abstraktion gegriffener Äpfel, einer Vielzahl von Teilchen.“

Die tiefe Wirklichkeit, wie die moderne Physik sie offenbart hat, benötige indes Verben, um sie einigermaßen treffend zu beschreiben – „leben, lieben, wahrnehmen, binden, wirken, sprudeln“ –, denn damit sei a priori keine sprachliche Abgrenzung verbunden.

Dabei gibt es ein Wort, das nicht nur größtmögliche Offenheit und zugleich Verbundenheit zum Ausdruck bringt, das nicht nur die glühendste Motivation für menschliches Streben und Erleben beschreibt, sondern – so Titel des letzten Buches von Hans-Peter Dürr – auch die wirkliche „Urquelle des Kosmos“: Liebe.

Materie, Bewusstsein und das Leben

Liebe als Urquelle des Kosmos – diese Auffassung von der Welt schlägt Brücken zwischen Religion und Naturwissenschaft, zwischen Herz und Kopf, vom Erleben zum Verstehen. Aber werden diese Brücken auch benutzt?

Das bleibt wohl offen, denn die Dimension des bewussten Erlebens spielt im heutigen materialistischen Weltbild praktisch keine Rolle. Wie auch? Es ist weder klar, wie Bewusstsein entsteht, noch, was das Leben eigentlich ist.

In der Biologie wird „Leben“ meist als die Summe charakteristischer Aktivitäten definiert: Energieaustausch mit der Umwelt, Stoffwechsel, Reaktion auf Reize, Fortpflanzung und Vermittlung von Erbgut, Wachstum und Entwicklung, Selbstregulation.

Ähnlich nüchtern wirkt die Beschreibung des Bewusstseins als Fähigkeit, mentale Zustände und Prozesse zu erleben.

Leider führen diese Definitionen nicht wirklich weiter. Sowohl das Leben als auch das Bewusstsein – also die Erlebnisfähigkeit – entziehen sich dem intellektuellen Begriffsvermögen nach wie vor beharrlich. Genau das, was unser Menschsein im Kern ausmacht, verbleibt, so scheint es, völlig rätselhaft.

Wenn viele Biologen der heute gedanklich dominierenden materialistisch-mechanistischen Weltauffassung zuneigen, der zufolge sich das Lebendige und – später in der Evolution – das Bewusste aus der Materie heraus entwickelt haben, dann brennt die Frage, was denn das Wesen von Materie ist, umso stärker unter den Nägeln. 

Warum kommt es beispielsweise zur Selbstorganisation in Organismen? Weshalb ist Heilung möglich? Wie genau wirken Medikamente auf den Körper? Wir wissen im Wesentlichen ja immer nur auf Grund statistischer Daten aus Studien, dass sie in einer bestimmten Prozentzahl der Fälle wirken. Aber warum ist Heilung in anderen Fällen bei gleicher Medikation nicht möglich? Und wenn die „Psyche“ auf den Körper einwirkt – wie genau funktioniert das? Wie wirkt Bewusstsein?

Diese Themen aus dem medizinischen Bereich dienen hier nur als naheliegende Beispiele, die – wie andere aus anderen Forschungsbereichen – letztlich immer zu der Frage nach dem Urgrund von allem führen, nach dem eigentlichen Ursprung der Materie und dem „Wesen der Welt“.

Hans-Peter Dürr schreibt in der „quantenphysikalischen Weltbetrachtung“ unter dem Titel „Das Lebendige“: „Materie ist im Grunde gar nicht mehr Materie, sondern dort unten ist etwas, was viel offener und unbestimmter ist, was eigentlich, grob gesagt, dem Leben mehr ähnelt als dem Toten.“ 

Das „lebendige Zittern des Urgefüges, der Urquelle“ werde durch einen beschreibbaren „Verstärkungsmechanismus“ makroskopisch wirksam. 

Demnach könnte die Lebendigkeit und damit auch die Erlebnisfähigkeit, das Bewusstsein, einfach als natürlicher Ausdruck jenes Urgrundes gedeutet werden, aus dem die Materie hervorgeht. Die alte dualistische Weltsicht – hier ein Universum aus berechenbaren Teilchen, dort die Schöpfung des Geistigen (und niemand kann genau erklären, wie beides zusammenwirkt) – hätte ausgedient. 

Alles Bestehende, die innere Welt des Bewusstseins ebenso wie die äußere, sinnlich wahrnehmbare Welt, wäre einfach ein Ausdruck von … Leben! 

Liebe, das Licht im Leben

Licht, Liebe, Leben – drei Begriffe, die die intellektuell basierte Naturwissenschaft – aus unterschiedlichen Gründen – an ihre Grenzen führen. Im menschlichen Erleben indes weisen sie, wie etwa die Schilderungen Nahtoderfahrener zeigen, tief ins Zentrum des Bewusstseins – dorthin, wo wir das Geheimnisvolle, Unfassbare erahnen können.

Albert Einstein formulierte: „Das Schönste und Tiefste, was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen sei, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität.“1

Vor Jahren fand ich ein schönes Gleichnis, das mit einem sprachlichen Zusammenhang dieser drei Begriffe spielt. Es beschrieb den Buchstaben „i“ – optisch treffend – als brennende Kerze. Im Verb „Lieben“ ist sozusagen also das Licht ins „Leben“ gesetzt. Und weil der Buchstabe „i“ auch das „Ich“ beschreibt, den „brennenden“, bewussten Geist, kann das „Lieben“ gleichgesetzt werden mit der Verbindung des Geistes zum Leben. Demnach gibt es, wenn Religion – fernab von Dogmen und Konfessionen – als Rück-Verbindung (re-ligio) zum Urgrund gedeutet wird, nur eine wahre Religion – die der Liebe.

Literaturhinweise:

1 Ernst Peter Fischer, Gott und die anderen Großen – Wahrheit und Geheimnis in der Wissenschaft, Komplett Media, 2013

2 Publiziert in: Liebe – Urquelle des Kosmos, Roland R. Ropers (Hrsg.), topos premium, 2017