Terrassen aus Reis und Berge aus Mais

Nord-Vietnam (2017)

Vietnam – wenn bei uns, im deutschsprachigen Europa des 21. Jahrhunderts, von diesem südostasiatischen Nachbarland Chinas die Rede ist, dann entweder, weil es um atemberaubend schöne Landschaften geht, oder … um Krieg.

Kriegsgräuel für Generationen

Da war der von den USA in den 1960-er Jahren angezettelte und letztlich verlorene Vietnamkrieg, in zahllosen Filmen und geschichtlichen Abhandlungen thematisiert. Und da tobte, nur wenige Jahre davor, ab 1946, der Indochinakrieg, mit dem die rund 100 Jahre währende französische Kolonialherrschaft 1954 unwiderruflich zu Ende ging. Über diese kriegerischen Auseinandersetzungen scheint indes bereits weitgehend der Mantel des Vergessens gebreitet zu sein, es wird kaum noch über sie gesprochen.

Genau genommen war die französische Herrschaft über Vietnam schon lange vor den 1950-er Jahren zu Ende, denn während des Zweiten Weltkriegs hielten japanische Soldaten Vietnam besetzt, und die Bemühungen der Franzosen, das Land danach wieder unter ihre Kontrolle zu bringen, scheiterten am Widerstand der Vietminh, die unter dem legendären kommunistischen Revolutionär Hồ Chí Minh (1890–1969) um die Unabhängigkeit kämpften.

Nachdem also mehrere Generationen vor allem von Kampf und Krieg, von Leid und Elend geprägt waren, ist den Vietnamesen nun seit einigen Jahrzehnten endlich Frieden gegönnt. Aber der Weg zu „Unabhängigkeit, Freiheit und Glück“, wie der Wahlspruch des sozialistischen Landes lautet, scheint noch weit – jedenfalls wenn als Maßstab Marktwirtschaft und Demokratie nach westlichem Muster gelten soll.

Vietnam ist nach wie vor vom kommunistischen Einparteiensystem geprägt. Das Land präsentiert sich heute einerseits offen und stolz – im Allgemeinen gibt es keine Probleme, es zu bereisen, das Mobilfunknetz ist gut ausgebaut, das Internet oft überraschend schnell, Tourismus, Kultur und moderne Technik gewinnen an Bedeutung. 

Andererseits aber gibt es – vor allem im schwer zugänglichen Norden des Landes – erheblichen Nachholbedarf bei Bildung und Infrastruktur. Viele Kinder müssen weite Wege in Kauf nehmen, um zu einer Schule zu gelangen, die Straßen sind in schlechtem oder – vor allem nach starken Regenfällen – überhaupt in unbrauchbarem Zustand, und in manchen Dörfern ertönen mitten in der Nacht Lautsprecher, um den Bewohnern die vietnamesische Sprache näherzubringen, aber zugleich wohl auch politische Parolen. Ob die Grenzen zwischen Bildung und Gehirnwäsche immer klar gezogen sind, können Durchreisende nicht beurteilen.

Die LOAN-Stiftung

Wir sind Durchreisende. Unterwegs im Norden des Landes, um hier für die LOAN-Stiftung Möglichkeiten zur Unterstützung von Bildungsinitiativen auszuloten. Meine Aufgabe, die Reise und das Umfeld für geplante Hilfsprojekte filmisch zu dokumentieren, bietet mir die wunderbare Gelegenheit, Land und Leute abseits der Großstädte und touristischen „Hotspots“ kennenzulernen. 

An meiner Seite sind die Fotografin Corinna Buchholz und die Initiatorin dieses Unternehmens, Isabelle Müller. Sie hat die LOAN Stiftung im Mai 2016 gegründet – aus persönlicher Betroffenheit. Isabelles Mutter, Loan, stammte aus Vietnam und erlebte alle denkbaren Gräuel des Kriegs (die Biographie „Loan – Aus dem Leben eines Phönix“ ist absolut lesenswert!). Sie verlor aber nie ihre Zuversicht, kämpfte ein Leben lang um Freiheit und Bildung und wurde mit ihrem Urteilsvermögen und ihrer Weisheit zur großen Inspiration für ihre jüngste Tochter.

Isabelle Müller wurde als fünftes Kind aus Loans Ehe mit einem französischen Soldaten in Tours (Frankreich) geboren. Aber sie kennt Vietnam von vielen langen Reisen und weiß, dass vor allem im Norden Hilfe dringend nötig ist. Hier, in den Distrikten Meo Vac oder Vi Xuyen beispielsweise, fehlt oft das Grundlegendste: erreichbare Kindergärten und Schulen.

Isabelles Ziel ist es, möglichst vielen Kindern ethnischer Minderheiten aus diesen abgelegenen Regionen eine selbstbestimmte Zukunft zu ermöglichen. Deshalb hat sie die Loan-Stiftung gegründet. Und deshalb ist sie mehrmals im Jahr unterwegs, um sich vor Ort ein Bild zu machen: Wo besteht der dringendste Bedarf? Wo gibt es Menschen, mit denen man zuverlässig zusammenarbeiten kann? Wo kann sichergestellt werden, dass es keine Korruption gibt? Dass jeder Spenden-Euro wirklich dort ankommt, wo er nötig ist?

Initiativen wie das „SOS Kinderdorf“ sind zwar auch in Vietnam tätig, aber eben nicht in den Bergregionen des Nordens. Warum, das wird mir während unserer einwöchigen Reise auf Schritt und Tritt, in durchrüttelten Geländefahrzeugen und auf dem Rücksitz von Motorrädern immer wieder deutlich: Auf diesen Straßen und Wegen ist es nicht nur äußerst aufwändig, Material zu transportieren, auch die Organisation, Koordination oder Baustellenaufsicht gestaltet sich überaus kompliziert, sobald die Infrastruktur von den Wetterbedingungen abhängig ist.

Schönheit und Hochgenuss

Überhaupt, die Infrastruktur … Die Betten in den meisten „Hotels“ des Nordens erweisen sich bretthart, die Zimmer bestehen meist aus einem kleinen Raum und einer verfliesten „Nebenkammer“, die Waschmuschel, Klosett und Dusche auf vielleicht eineinhalb Quadratmetern (!) vereint (und wenn alles klappt, gibt es sogar Handtuch und Klopapier).

Die gewohnten hygienischen Maßstäbe sollten allerdings bei einer solchen Reise durch touristisch unerschlossenes Terrain sowieso außen vor bleiben. Sonst müsste man wohl auch vor den kulinarischen Genüssen der ausgezeichneten vietnamesischen Küche Augen und Gaumen verschließen …

Unsere Strapazen während dieser Reise durch den Norden werden jedoch mehr als aufgewogen durch die unvergleichlichen Eindrücke, die das Land bietet. Die Berge aus Mais und Terrassen aus Reis rundum sind nicht nur ein anhaltender optischer Genuss, der mit dem Wechsel der Tageslicht- und Wetterstimmungen unentwegt zu neuem Staunen Anlass bietet. Sie zeigen auch die Einheit von Natur und Kultur, wie sie die Menschen hier pflegen. 

Menschen, die meist in bescheidenen Verhältnissen leben, von ihren Getreide- und Gemüseernten abhängig. Zähe, erdverbundene Frauen und Männer, die jeden Quadratmeter fruchtbares Land zu schätzen und zu nutzen wissen. Sympathische Menschen, deren Potential spürbar ist, sich im 21. Jahrhundert unter anderen äußeren Umständen zu behaupten, eine bessere Zukunft zu gestalten. Umso wichtiger erscheint es, dieses Potential durch Bildung zu wecken …

Unser Erlebnis Nordvietnam endet mit einem Besuch Hanois, der schon seit über tausend Jahren bestehenden, ältesten Hauptstadt Südostasiens mit ihren Einkaufsstraßen und Märkten, Tempeln und Pagoden. Auch die französische Kolonialzeit ist hier architektonisch noch präsent. Im französischen Viertel der Stadt, östlich des Hoan-Kiem-Sees, gibt es einige Prachtbauten und sogar ein Opernhaus zu sehen.

Den tiefsten Eindruck im Nachklang zu unserer Reise über holprige Lehmstraßen mit tief ausgeschwemmten Spuren, verfallende Brücken und glitschigen Wegen an steilen Abhängen hinterlässt jedoch nicht das angenehme Gefühl, in Hanoi wieder ein – nach den gewohnten europäischen Maßstäben – zivilisierteres Umfeld genießen zu können, sondern … eine einfache Massage im Spa-Bereich unseres Hotels.

Binnen zwei Stunden, die sich zauberhafter Weise zu gefühlten zwei Minuten verkürzten, ist jegliche Anspannung vergessen, der Himmel nah – und ich darf lernen, dass die Vietnamesen wahre Meister in dieser Kunst der Körperbehandlung sind.

Auch das ist Kultur.

 

Die Videos zum Bericht:

 

 

 

Die Reise als Bildergalerien
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Weitere Informationen zur LOAN-Stiftung finden Sie hier.