Verstörende, heilende Kraft der Liebe

Nina ossia La pazza per amore

Oper in zwei Akten

Libretto: Giuseppe Carpani (1751–1825) & Giambattista Lorenzi (1721–1807)

Musik: Giovanni Paisiello (1740–1816)

Uraufführung: 25. Juni 1789, San Leucio (Palast von Caserta, Italien)

Dauer: ca. 2 Stunden, eine Pause

Akte:
1. Der Garten eines italienischen Schlosses
2. Im Schloss

Hauptpersonen:
Nina: Sopran
Lindoro, Ninas Geliebter: Tenor
Il Conte (der Graf), Ninas Vater: Bass
Susanna, Ninas Erzieherin: Sopran
Giorgio, der alte Erzieher des Grafen: Bass

Eine Werkeinführung

Giovanni Paisiellos 1789 im Belvedere des Königspalasts in San Leucio bei Caserta (Italien) uraufgeführte Oper „Nina ossia La pazza per amore“ (Nina oder Die Wahnsinnige aus Liebe) erzählt die Geschichte einer Frau, die aus Liebeskummer in den Wahnsinn verfällt. Der Handlung liegt vermutlich eine wahre Begebenheit zugrunde, die etwa 100 Jahre davor schon einmal Stoff für eine Oper bot: In Frankreich war 1786 das Werk „Nina, ou La folle par amour“ von Joseph-Benoît Marsollier de Vivetières (Libretto) und Nicolas Dalayrac (Musik) uraufgeführt worden.

Paisiellos Werk – ursprünglich eine einaktige Oper, die später für eine zweiaktige Fassung überarbeitet wurde – gilt als einer der größten musikalischen Erfolge des 18. Jahrhunderts und stand bis weit in das 19. Jahrhundert hinein auf dem Spielplan der meisten italienischer Opernhäuser. Danach geriet das Werk eher in Vergessenheit, wurde aber in jüngerer Zeit neu entdeckt.

Giovanni Paisiello (1740–1816), ein Zeitgenosse Mozarts, war ein vielseitiger und äußerst produktiver Komponist. Unter anderem schrieb er über 100 Opern, darunter den 1782 in Petersburg uraufgeführten, in Italien überaus beliebten „Barbier von Sevilla“. Als einige Jahrzehnte später Gioachino Rossini daran ging, den gleichen Stoff neu zu vertonen, galt dies als großes Wagnis – eben weil bereits Paisiello ein musikalisches Meisterwerk geschaffen hatte. 

Rossini selbst hatte vor dem älteren Maestro, den er „das Genie des einfachen Genres und der naiven Anmut“ nannte, großen Respekt. Er sagte über Paisiellos musikalisches Genie: „Man kann keine einfache Melodie mehr erfinden. Denkt man nur eine Viertelstunde darüber nach, so kommt man wieder auf Paisiello zurück und kopiert ihn, ehe man es weiß.“1

Die Handlung von „Nina“ spielt im Italien des 18. Jahrhunderts. 

1 Zitiert aus dem Textbuch zu „Nina“, Arthaus Musik DVD, Aufzeichnung einer Aufführung aus dem Opernhaus Zürich unter Adam Fischer mit Cecilia Bartoli (Nina) und Jonas Kaufmann (Lindoro), 2002

 

Die Handlung

 

Kurz und gut …
Aus Kummer über den Tod des Geliebten in Wahnsinn zu verfallen sollte eine Frau immer erst nach gründlicher Begutachtung der Leiche in Betracht ziehen.

 

1. Akt: Der Garten eines italienischen Schlosses

Nina, die Tochter des Grafen, schläft im Garten des Schlosses, während die Bauersleute das Schicksal ihrer jungen Herrin beklagen: Aus Kummer über ihre verlorene Liebe hat sie den Verstand verloren.

Susanna, Ninas Erzieherin, erzählt, wie es dazu kam: Nina verliebte sich in Lindoro, dieser erwiderte ihre Gefühle, und auch Ninas Vater war mit dieser Verbindung zunächst einverstanden. Dann aber verbot er seiner Tochter jeden Kontakt mit Lindoro, weil ein anderer Bewerber – aus vornehmer Familie – um ihre Hand angehalten hatte. Als der verzweifelte Lindoro von Nina Abschied nehmen wollte, kam es zum Duell mit seinem Rivalen. Lindoro unterlag, wurde niedergestochen, und Nina – vom Tod ihres Liebsten überzeugt – fiel in geistige Umnachtung. Seit diesem schicksalsschweren Tag redet sie sich ein, Lindoro sei auf Reisen und werde bald zurückkehren …

Nun trifft der Graf im Schloss ein und beklagt, sein tyrannisches Verhalten längst bereuend, das traurige Schicksal seiner Tochter („Oh cara! oh amata! – È si fiero il mio tormento“). Bei Giorgio, seinem alten Erzieher, erkundigt er sich nach Ninas Zustand.

Giorgio gibt sich optimistisch und mahnt den Grafen, nur nicht die Hoffnung zu verlieren, dass seine Tochter doch wieder genesen werde („Del suo mal non v’affligete“). Dann allerdings müssen die beiden beobachten, wie Nina erwacht, unsicher und verwirrt zum Gartentor geht und dort – wie jeden Abend – sehnsuchtsvoll auf die Rückkehr Lindoros wartet … 

Fern von dir, Lindoro
verzehrt sich Nina vor Liebe.
Aber wenn du kommst,
wird sie vor Freude sterben.

Einige Bauernmädchen versuchen Nina mit Gesängen aufzuheitern. Dann nähert sich auch der Graf seiner Tochter – sie aber erkennt ihn nicht, hält ihn für einen fremden Reisenden. 

Als nun ein Hirte auftaucht und, begleitet von einem Dudelsack, eine pastorale Weise singt („Già il sol cala“), nützt Susanna die Gelegenheit, die verzweifelte Nina vom Ort ihrer täglichen Trauer fortzulocken. Sie schlägt vor, den Hirten, dessen Stimme Nina an Lindoro erinnert, ins Dorf zu begleiten. 

Schwermütig folgt ihr Nina, während die anderen das triste Schicksal der Grafentochter bedauern.

2. Akt: Im Schloss des Grafen

Der Graf dankt Susanna dafür, dass sie sich so liebevoll um Nina kümmert, und sie sichert ihm zu, dies auch weiterhin zu tun („Per l’amata padroncina“). Da eilt Giorgio herbei und berichtet aufgeregt von der Ankunft Lindoros. Er sei noch am Leben, sei in dem Duell lediglich verletzt worden …

Lindoro hatte nach seiner Genesung versucht, sich dem Schloss unerkannt zu nähern, um Nina wiederzusehen – in der Annahme, hier weiterhin unwillkommen zu sein. Doch er war von den Wachen gestellt und zum Grafen gebracht worden … der ihn nun wie einen Sohn empfängt.

Lindoros Überraschung und Freude über diesen Gesinnungswandel wird empfindlich gedämpft, als er von Ninas Zustand erfährt. Er hofft aber, dass seine Geliebte geheilt wird, sobald sie erfährt und begreift, dass er lebt und sie immer noch liebt. Lindoro will vorsichtig vorgehen …

Wenig später, als Nina sich in einen Kreis fröhlicher Bauersleute begeben hat, macht Susanna sie auf einen Mann aufmerksam – Lindoro –, den Nina zunächst nicht erkennt, aber für einen Freund ihres Geliebten hält. Behutsam nähert sich Lindoro ihr, erzählt vertraue Einzelheiten aus der Geschichte ihrer Liebe und zeigt ihr schließlich auch eine Strickweste, die sie einst für ihn angefertigt habe. 

Tatsächlich kommt Nina nun wieder zu sich, erkennt Lindoro wieder, und die beiden fallen einander glücklich in die Arme („Oh momento fortunato“).

Ich bin Dein, meine Liebe
und werde es für immer sein!
Ja, meine Liebe, ich bin Dein
Meine Wünsche sind erfüllt.

Unter dem Jubel der Dorfleute stimmt der Graf der Eheschließung zu. Der Hochzeit des Paares steht nun nichts mehr im Wege.