Fanatismus bis zum Feuertod

Chowanschtschina

Musikalisches Volksdrama in fünf Akten 

Libretto: Modest Mussorgski (1839–1881)

Musik: Modest Mussorgski (1839–1881)

Uraufführung: 21. Februar 1886, Leningrad (Privat-Theater Kononow)

Dauer: ca. 3,5 Stunden, zwei Pausen

Akte:
1. Der Rote Platz in Moskau
2. Im Schreibkabinett des Fürsten Golizyn
3. Samoskwaretschje, die Vorstadt der Strelitzen
4. Speisesaal im Schloss des Fürsten Chowanski; Platz vor der Basilius-Kathedrale in Moskau
5. Eine Einsiedelei in den Wäldern Moskaus

Hauptpersonen:
Fürst Iwan Chowanski, Anführer der Strelitzen: Bass
Fürst Andrei Chowanski, Iwans Sohn: Tenor
Fürst Wassili Golizyn: Oberbefehlshaber der Armee: Tenor
Schaklowiti, ein Bojar: Bariton
Dossifei, Führer der Altgläubigen: Bass
Marfa, eine Altgläubige: Alt
Emma, ein Mädchen aus der deutschen Vorstadt: Sopran
Susanna, eine Altgläubige: Sopran

Eine Werkeinführung

Das musikalische Volksdrama „Chowanschtschina“ ist – neben „Boris Godunow“ – eine der beiden großen Opern des russischen Komponisten Modest Petrowitsch Mussorgski (1839–1881), die bis heute häufig auf den Spielplänen der internationalen Opernhäuser stehen.

Mussorgskis Werk (der Komponist konnte die Instrumentierung nicht mehr fertigstellen) führt ins Russland des ausklingenden 17. Jahrhunderts, das damals in einer tiefgreifenden religiösen Krise steckte: Die offizielle orthodoxe Kirche hatte – unter dem Patriarchen Nikon (1605–1681) – eine Reform durchgeführt und dabei Rituale und Texte verändert, was zahlreiche Gläubige nicht akzeptieren wollten. Diese „Altgläubigen“ – abwertend auch als „Spalter“ bezeichnet – wurden nun wegen ihrer kritischen Haltung von der Kirche ausgeschlossen, mit einem Bann belegt und verfolgt. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts sollen Zehntausende von ihnen hingerichtet worden sein.

Gleichzeitig war die Lage in Russland Ende des 17. Jahrhunderts auch politisch schwierig: Zar Fjodor III. – der Sohn von Alexei I. (der in zwei Ehen Vater von insgesamt 17 Kindern geworden war) – hatte, als er 1682 starb, keinen volljährigen Thronfolger. Die Fäden der Macht im Land sollten Fjodors jüngerem Bruder Iwan (1666–1696) überantwortet werden. Dieser allerdings galt als intellektell zurückgeblieben und gesundheitlich schwach. Daher wurde ihm ein Mitregent zur Seite gegeben – sein damals zehnjähriger Halbbruder Peter (1672–1725, später bekannt geworden als „Peter der Große“).

Iwan und Peter hatten mit Alexei I. zwar einen gemeinsamen Vater, aber die Familien ihrer Mütter waren verfeindet und kämpften gegeneinander um die Herrschaft in Russland. Diese Auseinandersetzung, die zum „Moskauer Aufstand“ führte, ging zunächst zugunsten von Iwans Familie aus. Seine ältere Schwester Sofia (1657–1704) gewann den Kampf um den Thron. Entscheidend dabei war, dass sich die Strelitzen, die mächtigen Mitglieder der Palastgarde, sozusagen die „Musketiere“ des Zaren, auf Sofias Seite stellten und in einer blutigen Säuberungsaktion auf dem Roten Platz in Moskau Dutzende unerwünschte Angehörige von Peters Familie und viele seiner Vertrauten brutal hinrichteten. Fazit: Iwan wurde zum ersten Zaren bestimmt, Peter zum zweiten – und Sofia wurde als Regentin eingesetzt. Als solcher oblag ihr von 1682 an die Regierung Russlands.

1689 aber ergriff „Peter der Große“ die Macht und Sofia musste gehen …

In Mussorgskis Oper, die den Umbruch zwischen der Regentschaft Sofias und der Peters thematisiert, treten die Zaren beziehungsweise Sofia, die Zarewna, nicht auf. Hier stehen der Anführer der Strelitzen, Fürst Iwan Chowanski, und dessen Sohn, Fürst Andrei Chowanski, namensgebend im Zentrum – allerdings nicht als strahlende Helden, sondern als zwiespältige, machthungrige Gestalten, die mit Gewalt die Tradition bewahren wollen und deren gewaltsames Ende ebensowenig beklagenswert erscheint wie der freiwillige Feuertod der fanatischen Altgläubigen.

Eine weitere zentrale Rolle spielt Fürst Wassili Golizyn als Oberbefehlshaber der Armee, der – im Gegensatz zu den Strelitzen – eine Öffnung Russlands zum Westen anstrebt, also ein proeuropäischer Reformer ist, am Ende aber in die Verbannung geschickt wird. Auch er erscheint wenig heldenhaft – ein abergläubischer, selbstverliebter Fürst, der Leute schnell einmal in den Tod schickt, wenn es ihm so ins Konzept passt.

Der Titel der Oper geht auf Zar Peter zurück: Als dieser von einer gegen ihn gerichteten Verschwörung erfährt, die Iwan Chowanski, der Führer der Strelitzen angezettelt haben soll, um seinem Sohn Andrei den Weg zum Thron zu ebnen, ordnet er die Untersuchung der der „Chowanschtschina“ an, der „Sache Chowanski" – oder, emotional treffender übersetzt, der „Schweinerei Chowanski“.

 

Die Handlung


Kurz und gut …

Religiöse Traditionen, unerreichbare Frauen, machthungrige Zaren … Auch im Russland des 17. Jahrhunderts sprudelte der Fanatismus aus unterschiedlichsten Quellen und sorgte für brennende Scheiterhaufen sowie andere „Schweinereien“.

 

1. Akt: Der Rote Platz in Moskau

Sonnenaufgang auf dem Roten Platz. Auf einer Säule sind diverse Proklamationen angeschlagen, in einer Hütte ist der öffentliche Schreiber tätig, einige Strelitzen erinnern sich an die Ereignisse der vergangenen Nacht: Ein Beamter der Duma, des Stadtrates, und ein Deutscher sind von ihnen getötet worden.

Nun betritt Schaklowiti, ein Bojar, die Hütte des Schreibers und bringt ihn durch Drohungen und gute Bezahlung dazu, ein anonymes Schreiben zu verfassen, das Fürst Iwan Chowanski, den Führer der Strelitzen, denunziert: Dieser plane mit Unterstützung der Altgläubigen einen Staatsstreich, um seinen Sohn Andrei auf den russischen Thron setzen zu können.

Nachdem Schaklowiti sich wieder auf den Weg gemacht hat, bedrängt eine Gruppe neugieriger Moskauer den Schreiber. Er solle ihnen die Bekanntmachungen an der Säule vorlesen. So wissen bald alle, dass die Strelitzen in der vergangenen Nacht mehrere Bojaren hingerichtet haben.

Kurz danach wird Iwan Chowanski jubelnd vom Volk begrüßt – und er findet genau die richtigen Worte, um die Masse zu begeistern. Er bekennt sich öffentlich zu den beiden jungen Zaren, die nun herrschen – gemeint sind Iwan V. und Peter I. – und rechtfertigt den Kampf der Strelitzen gegen den ungerechten Adel:

Kinder, meine Kinder!
Moskau und Russland (Gott bewahre sie!)
sind in großer Verwüstung,
die die diebischen und aufrührerischen Bojaren
in ihrer üblen, bösen Ungerechtigkeit angerichtet haben.
Deshalb haben wir die große Last auf uns genommen
und zum Wohl der jungen Zaren
den Aufruhr niedergeschlagen.

Während Iwan Chowanski das Volk sodann „zum Rundgang durch unser geliebtes Moskau“ einlädt, verfolgt sein Sohn, Fürst Andrei Chowanski, ein lustvolleres Ziel. Er will Emma für sich gewinnen, ein lutherisch gesinntes Mädchen aus der deutschen Vorstadt. Sie aber wehrt seine ungestümen, ja brutalen Umarmungsversuche ab („Ihr macht mir Angst!“) und herrscht ihn an, sie loszulassen. Andrei habe ihren Vater getötet, ihren Bräutigam verbannt und „nicht einmal Erbarmen mit meiner armen Mutter gehabt“.

Doch der Sohn des Strelitzen-Führers denkt nicht daran, vom Objekt seiner Begierde abzulassen: „Es gibt kein Entkommen für das Täubchen, wenn es in den Fängen des Falken ist“, entgegnet er, entschlossen, sich die Widerspenstige einfach mit Gewalt zu nehmen. Deren Hilferufe bewegen nun aber Marfa einzuschreiten, eine Altgläubige, die Andrei nur allzu gut kennt: Vor kurzem noch war nämlich sie seine Verlobte gewesen – und er hatte er geschworen, ihr niemals untreu zu sein …

Andrei Chowanski ärgert Marfas unerwartetes Auftauchen („Der Teufel selbst hat diese verruchte Hexe hierher gebracht“) und noch mehr, dass sich schützend vor Emma stellt. Wütend zieht er sein Messer, doch Marfa hat den Angriff erwartet, zieht ihrerseits ein Messer unter dem Rock hervor und pariert seinen Schlag. Im Stillen aber liebt sie Andrei immer noch.

Ehe die Auseinandersetzung zwischen den beiden ausufern kann, kehrt Iwan Chowanski mit seinem Gefolge zurück. Erstaunt betrachtet er die Szene – und schon bleibt auch sein Blick begierig auf dem Mädchen haften, das da mit Marfa vor seinem Sohn steht … eine „Schöne, die ein helles Antlitz und ein angenehmes Äußeres hat“. Sofort befielt er seinen Strelitzen, die junge Frau zu verhaften – er will sich persönlich um sie kümmern. Das wiederum reizt Andrei auf das Äußerste. Er kennt die Absichten seines Vaters, stellt sich gegen ihn und erklärt, Emma eher töten als aufgeben zu wollen.

Der heftige Streit der beiden wird schließlich von Dossifei geschlichtet, dem religiösen Führer der Altgläubigen, der gerade mit einigen Mönchen des Weges kommt. Er überantwortet Emma Marfas Obhut. Vater und Sohn Chowanski fügen sich dem Wunsch des Geistlichen und ziehen sich mit ihren Strelitzen zurück. Dossifei mahnt seine Anhänger, den Begierden zu entsagen und „den Kräften der Verfühung durch den Antichrist“ zu widerstehen.  

2. Akt: Im Schreibkabinett des Fürsten Golizyn

Fürst Wassili Golizyn ist ein wichtiges Mitglied der Regierung, Oberbefehlshaber der Armee und Liebhaber von Sofia, der „Zarewna“. Im Arbeitszimmer seines Landhauses liest er einen Brief der Regentin, erfreut sich ihrer liebevollen Worte, ist aber entschlossen, in dieser Beziehung Vorsicht walten zu lassen. Denn allzu leicht kann es geschehen, bei Sofia in Ungnade zu fallen „und dann … Kopf ab!“

Nun tritt ein lutherischer Geistlicher ein und erbittet von Golizyn Schutz für ein Mitglied seiner deutschen Gemeinde: Die junge Emma sei von Andrei Chowanski bedrängt und beleidigt worden. Doch Golizyn lehnt es ab, sich in diese Angelegenheit einzumischen. So muss der Pastor unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Golizyns nächster Gast ist Marfa. Der Fürst, im Stillen ein etwas abergläubischer Geselle, vertraut auf ihre Fähigkeit, die Zukunft weissagen zu können. Als Marfa ihm jedoch großes Leid und Trauer prophezeit („Dir droht Acht und Verbannung in ein fernes Land; Macht, Reichtum und Ansehen werden dir auf immer genommen“), will er davon nichts hören, schickt sie davon und beauftragt einen seiner Getreuen kurzerhand, Marfa „unverzüglich im Sumpf zu ertränken, dass mir kein Gerede entsteht!“

Doch Golizyn findet wenig Zeit, über den „Beschluss des Schicksals“, das ihm wenig Glück verheißt, weiter nachzusinnen, denn Iwan Chowanski tritt ein. Zwischen dem Führer der Strelitzen und dem Oberbefehlshaber der Armee flammt bald eine heftige politische Debatte auf, die in zornigen Vorwürfen gipfelt. Golizyn sei militärisch nicht erfolgreich, meint Chowanski; der Führer der Strelitzen zu machthungrig, ist Golizyn überzeugt.

Schließlich beruhigt sich die Auseinandersetzung durch das Eintreten Dossifeis. Der geistliche Führer der Altgläubigen mahnt zur Einigung.

In diesem Moment stürzt Marfa zurück in Golizyns Kabinett. Außer Atem berichtet sie den Anwesenden, dass man versucht habe, sie im Sumpf zu ermorden – und zwar im Auftrag Golizyns, wie sie erfahren habe. Nur durch das Eintreffen der „Petrowzen“, eines Regiments des Zaren Peter, sei sie gerettet worden.

Golizyn kommt nicht dazu, Marfas Vorwürfen etwas zu entgegnen, denn nun tritt Schaklowiti ein, der – wie Golizyn – ebenfalls ein Liebhafer Sofias ist. Er meldet den Anwesenden, dass der Zarewna die (ja von ihm selbst verfasste) Nachricht zugetragen worden sei, die Chowanskis planten einen Anschlag auf die Krone. Zar Peter habe daher eine Untersuchung befohlen. Die „Sache Chowanskis“, die „Chowanschtschina“ soll vor Gericht.

3. Akt: In Samoskwaretschje, der Vorstadt der Strelitzen

Durch die Strelitzenvorstadt Samoskwaretschje ziehen einige Altgläubige. Sie sind davon überzeugt, „die häretische Gottlosigkeit und die feindlichen Abgründe des Bösen“ bezwungen zu haben und in ihrem Kampf gegen die Nikonianer auf dem richtigen Weg zu sein. 

Auch Marfa hat sich an der Prozession beteiligt, doch sie sondert sich von der Menge ab, um sich nun unbeobachtet ihren Gefühlen hinzugeben: Sie besingt ihre unglückliche Liebe zu Andrei Chowanski, die für sie beide wohl nur am Scheiterhaufen enden könne …

Doch Susanna, eine Altgläubige, die Marfa einst durch ihren Einsatz vor einer schlimmen Folter bewahrt hatte, lauscht dem Gesang – und beginnt sich wütend zu ereifern. Marfas Gefühle seien sündhaft sinnlich, verführerisch, teuflisch:

Ich sehe die brennende Hölle,
das Freudengeschrei der Teufel,
der Höllenschlund lodert,
es kocht das flammende Pech.

Marfa gelingt es nicht, Susanne zu beruhigen. Erst Dossifei, der Führer der Altgläubigen, vermag sie schließlich in die Schranken zu weisen. Er hat Verständnis für den Schmerz der von Andrei Chowanski betrogenen Marfa. Als sie ihn nun um gerechte Strafe bittet – sie ist sogar bereit zu sterben, sollte ihre Liebe wirklich frevlerisch sein – tröstet er sie: „Liebe, wie du geliebt hast. Alles, was geschehen ist, geht vorüber!“

In der Vorstadt ist es Nacht geworden. Schaklowiti sinnt über das „schlafende russische Volk“ nach, über das Leid, das es durch die Tartaren und die Bojaren erfahren hatte und ist überzeugt, dass Russland nur durch einen Auserwählten, einen machtvoller Alleinherrscher, gerettet werden kann. Betrunkene Strelitzen, die nun, beschimpft von ihren Frauen, durch die Straße ziehen, bestärken Schaklowiti in seiner Einschätzung, dass es nicht mehr lange so weitergehen darf. Die Männer der Palastwache wiederum lassen ihren Gefühlen freie Bahn. Sie brandmarken die Verleumdung als eine „böse Alte“, die endlich vernichtet werden müsse.

In diesem Augenblick stürzt der Schreiber mit einer Schreckensnachricht herbei: Söldner hätten, unterstützt durch die Petrowzen, in einem Außenbezirk die Strelitzen im Sturm angegriffen und besiegt.

Sofort eilen die Männer der Palastwache und ihre Frauen zu Iwan Chowanski – er möge sofort sie in den Kampf führen. Doch dieser weigert sich entschlossen: 

In den Kampf?
Erinnert ihr euch, Kinder,
wie wir, bis an die Knöchel im Blut,
Moskau gegen seine bösen Feinde
verteidigten und bewahrten?
Jetzt ist es anders:
Furchtbar ist Zar Peter!
Geht in eure Häuser,
erwartet ruhig den Beschluss des Schicksals!

So ziehen sich die Strelitzen und ihre Frauen schließlich widerwillig zurück – und beten darum, nicht zum Gespött ihrer Feinde zu werden … 

4. Akt: Speisesaal im Schloss des Fürsten Chowanski

Einige Bauernmädchen singen für ihren Fürsten, als ein Bote Golizyns im Schloss des Fürsten Chowanski eintrifft und den Führer der Strelitzen mit einer lästigen Nachricht überrascht: Es drohe ihm „unausweichliches Unheil“, er solle auf der Hut sein.

Chowanski hat für solche Botschafen nichts übrig. „Hier in meinem Haus, auf meinem Gut, droht mir Unheil … unausweichlich? Das ist zum Lachen!“

Kurz entschlossen befiehlt er, Golizyns Vertrauten von den Reitknechten verprügeln zu lassen, um sich dann ausgelassen am Tanz persischer Mädchen zu erfreuen.

Da tritt unerwartet Schaklowiti ein. Er habe eine dringende Botschaft. Zarewna Sofia bitte Chowanski zu ihr zu kommen, um dem Hohen Rat beizuwohnen. Sie brauche dringend seine Hilfe. 

Der Fürst fühlt sich geschmeichelt, lässt die Bauernmädchen ein Preislied anstimmen, schickt seine Diener um „die besten Gewänder und den Fürstenstab“ und will kurz darauf sein Schloss verlassen.

Doch kaum ist er über die Schwelle getreten, trifft ihn ein tödlicher Messerstich. Schreiend bricht Iwan Chowanski zusammen, und lachend nähert sich Schaklowiti dem Toten. Einer seiner Schergen hat den Strelitzenführer ermordet. In Moskau ticken die Uhren nun anders …

Platz vor der Basilius-Kathedrale in Moskau

Zar Peter hat die Herrschaft im Land übernommen und seine Stiefschwester Sofia, die bisherige Zarewna, ins Kloster geschickt. Auf dem Platz vor der Basilius-Kathedrale in Moskau hat sich eine Menschenmenge versammelt, um Fürst Golizyn, den früheren Oberbefehlshaber der Armee, der nun die Verbannung geschickt wird, zu verabschieden.

Alles ist im Umsturz, „Russlands ganzer Stolz ist geächtet und verbannt“. Aufgeregt berichtet Marfa, dass der Hohe Rat auch gegen die Altgläubigen entschieden hat. Ihre erbarmungslose Vernichtung stehe unmittelbar bevor. Dossifei sieht damit „die Stunde gekommen, wo wir im Feuertod die Krone ewigen Ruhms vom Herrn empfangen“. Der Führer der Altgläubigen rät Marfa, sich um Andrei Chowanski zu kümmern, ihn in dieser Stunde zu lieben, „dass er nicht schwach und wankelmütig“ werde.

Doch Fürst Andrei seinerseits hat dafür zunächst nichts übrig. Wie von Sinnen ist er immer noch hinter Emma her, offenbar hat er noch nicht einmal mitbekommen, dass sein Vater ermordet worden ist. Als er auf dem Platz vor der Kathedrale Marfa erblickt, stellt er sie sofort wütend zur Rede: Sie halte sein „Täubchen“ verborgen, und wenn sie ihm nicht sofort sage, wo Emma zu finden sei, werde er seine Strelitzen sammeln und das Volk von Moskau zusammenrufen, „und dich Verräterin werden sie als Hexe verurteilen!“

Gleichmütig entgegnet Marfa dem jungen Chowanski nun, dass sein Vater gerade „durch Verrat hingerichtet“ worden sei, sein „sündiger Leichnam“ liege noch unbegraben, „und nach dir suchen sie ganz Moskau ab“. Er solle die Strelitzen ruhig rufen …

Ungläubig bläst Andrei sein Horn. Und wie als Antwort auf sein Signal zeigt sich ihm ein Schreckensszenario: Die Männer kommen, aber sie schleppen Richtblock und Axt für die bevorstehende Hinrichtung mit sich. 

Entsetzt schlägt Andreis Aufbegehren in Angst um: „Rette mich“, ruft er Marfa zu, und sie verspricht, ihn an einem sicheren Ort zu verstecken: „Beruhige dich, sei tapfer!“

Schon haben die Strelitzen ihre Köpfe über die Richtblöcke geneigt, als ein Herold ihre Begnadigung verkündet. Sie sollen nach Hause gehen und für das Heil der Zaren Peter und Iwan beten …

5. Akt: Eine Einsiedelei in den Wäldern Moskaus

In einer mondhellen Nacht tritt Dossifei, der Anführer der Altgläubigen, vor seine Anhänger, um einzugestehen, dass ihre Sache verloren sei. Es gelte nun, „den großen Bund im allerheiligsten Namen des Schöpfers“ zu bewahren. Die Brüder und Schwestern mögen ihre weißen Gewänder anlegen, die „Kerzen Gottes“ entzünden und den „Opfergang“ beginnen …

Marfa, die mit den Altgläubigen in der Einsiedelei Zuflucht gefunden hat, denkt in Liebe an Andrei, fleht um Vergebung für ihn, der doch nicht bei ihr geblieben und immer noch unterwegs ist, um nach Emma zu suchen.

Doch nun, in dieser letzten Stunde, kehrt er zurück. Und Marfa beteuert abermals, ihn nicht zu verlassen, bei dem kommenden Gang an seiner Seite zu sein.

Dossifej hat einen gewaltigen Scheiterhaufen errichten lassen, den Marfa nun mit ihrer Kerze entzündet. Feierlich gehen die Altgläubigen in den Tod – in der Hoffnung, „im Herrn der Wahrheit und der Liebe das Licht zu schauen“ und „die teuflische Verblendung des Fleisches“ entschwinden zu sehen.

Zum Herren der Wahrheit bekennen wir uns,
nicht wird uns mangeln.

Feierlich ruft Marfa ihrem Geliebten zu, den „seligen Augenblicks“ bewusst zu erleben … gemeinsam mit ihr. Doch auch Andrei Chowanskis letzter Ruf gilt nicht Marfa, sondern … Emma.

 

(Alle Zitate und alle unter Anführungszeichen gesetzten Textteile stammen aus dem Libretto der Oper; Übersetzung aus: opera-guide.ch)