„Ihre Augen zeigen mir, dass sie die Wahrheit sagt!“


Die Grenze zwischen Tatsache und Meinung verschwimmt – nicht nur im Internet. Aber wen interessiert das?

Ein Mädchen berichtet in einem „YouTube“-Video von ihrer Nahtoderfahrung. Sie habe sich im Verlauf einer lebensbedrohlichen Erkrankung plötzlich über ihrem Körper befunden, auf diesen hinabgesehen und die Ärzte beobachtet, die um ihr Leben kämpften.

Unter dem Video sind Kommentare von Zusehern zu lesen, denn längt ist das Internet vom Informations- zum Kommunikationsmedium geworden. Empfangen allein ist zu wenig, es soll auch gesendet werden, die eigene Meinung zum Gesehenen, Gehörten, Gelesenen, die eigene Weltsicht der Welt präsentiert werden.

Also kommentiert jemand: „Alles Einbildung. Eine NAHtoderfahrung ist eben keine TODerfahrung. Wenn im Gehirn nichts mehr läuft und das EEG 20 Minuten nach einem Herzstillstand nur noch die Null-Linie zeigt, dann erlebt der Mensch auch nichts mehr.“

Zweiter Kommentar: „Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass diese Erfahrungen nur letzte Stressreaktionen des Gehirns sind. Wer an andere Märchen glauben will, soll das ruhig tun.“

Dritter Kommentar: „Ich glaube dem Mädchen. Ihre Augen zeigen mir, dass sie die Wahrheit sagt.“

Vierter Kommentar: „Der Mensch findet die Liebe nur in Jesus Christus.“

In dieser Art, üblicherweise garniert mit orthographischen Fehlern, die zum Fremdschämen einladen, verläuft der ganz normale Kommentar-Alltag im Internet, wie er heute das Urteilsvermögen und das Weltbild nicht weniger Menschen mit prägt. Leider, denn was in der Online-Kommunikations-Unkultur durchwegs auf der Strecke bleibt, ist die klare Unterscheidung zwischen Tatsache und Meinung. 

Würde der erste Kommentator beispielsweise korrekt formulieren: „Meines Erachtens ist eine NAHtoderfahrung keine TODerfahrung“, dann wäre damit klar, dass dies eine persönliche Meinung ist. So aber überhöht er eine (fragwürdige) subjektive Ansicht zur Tatsache: „Eine NAHtoderfahrung ist eben keine TODerfahrung.“ 

Fakt ist, nebenbei erwähnt, dass ein EEG nicht 20 Minuten nach einem Herzstillstand, sondern bereits binnen 15 Sekunden eine Null-Linie zeigt; Studien an reanimierten Patienten haben gezeigt, dass sie dennoch Nahtoderfahrungen erleben können. Und es gibt auch keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass es sich bei solchen Erfahrungen um „letzte Stressreaktionen des Gehirns“ handelt. Ja, es gibt diese plausibel erscheinende Theorie, und sie kann auch einige Aspekte von Nahtoderfahrungen erklären, aber es gibt keinen Beweis, der das gesamte Phänomen wirklich erklären würde. 

Aber was zählen Fakten, wenn jemand zwischen Tatsache und Meinung weder unterscheiden kann noch will? Wenn es letztlich sowieso nur darum geht, im eigenen Weltbild und der gewohnten Art zu denken nicht gestört zu werden?

„Der eine glaubt halt das, der andere das …“ – „Es gibt ja wohl noch die Meinungsfreiheit …“ – Mit Totschlag-Argumenten dieser Art werden nach meiner Erfahrung bisweilen auch Diskussionen zu der Frage beendet, welche Strategien es für Otto Normalverbraucher geben könnte, wirkliche Fakten von unreflektierten Meinungen klarer zu unterscheiden.  

Das scheint jedenfalls nur wenigen Menschen ein Anliegen zu sein. Insofern ist es recht erfrischend, Kommentare zu lesen, die gar nicht erst versuchen, ihren subjektiven Charakter zu verbergen: „Ihre Augen zeigen mir, dass sie die Wahrheit sagt …“