Sehnsucht nach Gemütswerten


Leistungsdruck in der Arbeitswelt, soziale Unsicherheiten, Sinn- und Orientierungslosigkeit im gesellschaftlichen Umfeld – und hinter allem ein nüchternes Weltbild, demzufolge alles Leben sowieso nur ein Spiel des Zufalls sei, ohne höhere Absicht und Zweck … wohin wird das weltanschaulich führen?

Es sollte nicht verwundern, dass unter solchen Bedinungen viele Menschen eine Sehnsucht nach Gemütswerten entwickeln – nach menschlicher Gemeinsamkeit, nach tieferem Sinn, klareren Wegweisungen. Auch deshalb ist die Religion immer noch ein fester Ankerpunkt im Leben vieler Menschen. Alle Prognosen, denen zufolge sie im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr spielen würde, sind durch die Praxis widerlegt.

Allerdings sind viele mit den Angeboten der traditionellen Glaubensgemeinschaften nicht mehr zufrieden. Wenn schon Glaube, dann sollte er so richtig „spürbar“ sein …

Diesem Bedürfnis tragen unter anderem die sogenannten „Mega-Churches“ Rechnung, in denen die Stärke der kirchlichen Gemeinschaft tatsächlich auch körperlich wahrnehmbar wird – nicht mehr nur in den USA, wo Prediger bis zu 30.000 Gläubige in ihren Bann ziehen, sondern auch in Deutschland. So entflammte die „Biblische Glaubens-Gemeinde“ in Stuttgart mit emotionalen Slogans des Sonntags 2.000 Menschen: „Hey, der Herr ist hier, wir geben ihm mal einen richtigen Applaus!“

Ob solche „Events“ allerdings der Verinnerlichung dienen, darf kritisch hinterfragt werden. Wenigstens bieten solche Vereinigungen für den Anschluss suchenden Menschen einen gefahrloseren „Halt“ als fanatisierte Gruppen, die letztlich auch vor Terror nicht zurück schrecken, um ihre „Wahrheit“ zu verbreiten.

Grundsätzlich aber entwickelt sich echte Religiosität, Glaube aus Überzeugung, nach meiner Erfahrung nicht aus der Einbettung in eine Gruppe, sondern einfach aus einem bewussten Erleben mit wachen Sinnen. Andere Menschen sind dafür nicht unbedingt nötig. Religiosität lebt vom Bedürfnis nach Resonanz, nach einer Beziehung mit etwas Übergeordnet-Sinnstiftendem. Wer Gelegenheit hatte, dieses Große zu erfahren, sucht weder die Bestätigung durch eine Gemeinschaft, noch durch sinnliche Reize.