Der Mensch und das (vermeintlich) Göttliche

Das „Göttliche“ im Sprach-Alltag – oder: Warum es besser wäre, manche Begriffe in den Mantel des Schweigens zu hüllen.

Seit ich mich – nun schon ein halbes Leben lang – mit Lehren, Weltbildern und Strömungen befasse, die jenseits der Grenze des Beweisbaren liegen, werde ich immer wieder mit dem Begriff des Göttlichen konfrontiert. Religiös, esoterisch oder allgemein spirituell gesinnte Menschen behaupten mitunter, selbst Göttliches in sich zu tragen, andere wiederum sind davon überzeugt, dass ihr spiritueller Lehrer etwas Über-Menschliches verkörpert(e), gottgesandt war oder ist oder dass die Lehre, der sie folgen, ihren Ursprung im Göttlichen oder in Gott hat. 

Es liegt mir fern, solche Meinungen oder Überzeugungen zu be- oder verurteilen. Mir ist klar, dass viele weltanschauliche Richtungen direkt oder indirekt auf eine Lehre zurückgehen, die von ihren Anhängern als Offenbarung Gottes betrachtet wird. Und jedem Menschen soll es frei stehen zu glauben was er will. Auch gehöre ich gewiss nicht zu den Zeitgenossen, die sich dem modernen Glauben namens „Atheismus“ verschrieben haben und deshalb meinen, prinzipiell gegen alles „Göttliche“ antreten zu müssen.

Im Gegenteil: Nach meiner Überzeugung gehören tiefe Empfindungen des Verbundenseins mit der Schöpfung, der Geborgenheit, das vertrauensvolle Erahnen einer Urkraft, einer großen Liebe, die hinter der sinnlich erfahrbaren Welt herrscht, zum Wertvollsten des Menschseins – unabhängig davon, welches Vokabular für solche zutiefst subjektiven Erlebnisse wirklich geeignet ist, unabhängig davon, ob es überhaupt passende Worte gibt.

Nichts gegen Religiosität im Allgemeinen also. Hier soll es nur um die Frage gehen, was der Hinweis auf „Göttliches“ bewirkt, wenn es sozusagen als Verkaufsargument für den Glauben eingesetzt wird. Meine Zweifel, dass die damit verbundenen Begriffe irgend etwas Gutes bewirken, sind im Lauf der Jahre immer größer geworden.

Wird eine Lehre besser oder wahrer, weil ihr Verfasser als „Gottgesandter“, „Gottes Prophet“ oder „Gottessohn“ gilt? Sicher nicht. Christi Lehre von der Nächstenliebe bleibt unabhängig davon richtig, ob Jesus von Nazareth Gott oder ein einfacher Mensch oder beides war, ob er überhaupt gelebt hat oder nicht. Der Wert einer Lehre wird meines Erachtens vorrangig am Nutzen für den Einzelnen und für die Gesellschaft erkennbar.

Blindes Eifern und latenter Fanatismus

Hinweise auf einen „göttlichen Ursprung“, wie sie in manchen Gruppen – demonstrativ oder auch hinter scheu vorgehaltener Hand – gepflegt werden, sollen die Besonderheit einer Lehre oder einer Person herausstreichen, sollen damit den Glauben vertiefen und zu Ehrfurcht und Demut anregen. Aber geschieht das wirklich? Oder werden mit solchen Hinweisen nicht doch eher das blinde Eifern und latenter Fanatismus angesprochen und gefördert? Die Bereitschaft, an Dinge zu glauben – einfach „blind“ zu glauben –, die sich jeder Überprüfung entziehen?

Der Bereich des Glaubens wird von dem Anspruch, logisch oder sinnvoll zu sein, wie er im Leben des aufgeklärten Menschen überall sonst gelten mag, bis heute wie selbstverständlich ausgeklammert. Was immer auf Gott verweist, gilt als geschützte Zone, als geheiligt und tabuisiert, kann also ruhig auch dem gesunden Menschenverstand widersprechen, und erst recht wissenschaftlichen Erkenntnissen. Deshalb ist es für religiös gesinnte Menschen verlockend, sich treu und brav hinter dem Glauben an etwas „Göttliches“ zu verstecken. Denn dieser reduziert das Denken auf einen einfachen, überschaubaren Rahmen, auf ein Hinnehmen, das eigenständiges Forschen und Suchen unnötig erscheinen lässt. 

In einer solchen von den Erkenntnissen der Menschheit sorgsam abgeschotteten Welt lassen sich beliebig Gottes-, Welt- und Menschenbilder zurechtzimmern, große, „schöpfungsumfassende“ innere Wirklichkeiten, die der streng Gläubige ohne weiteres als höheres Wissen betrachten kann, als göttliche Offenbarung, die ihm unantastbar gilt, auch wenn sie ihn von seiner Umwelt entfremdet oder dem Machtapparat seiner Glaubensgemeinschaft versklavt. 

Aber irgendwann, vielleicht durch bittere Erlebnisse, vielleicht einfach durch bessere Bildung, zerbrechen falsche Vorstellungen an der Wirklichkeit. Das Erwachen aus dem Wahn spiritueller Gedankenkonstrukte kann dann bitter sein. – 

Die Lähmung der natürlichen Empfindung

Bis heute folgen religiöse oder spirituelle Gruppierungen diesem Prinzip des „blinden Glaubens“, der immer in irgend einer Form den Begriff des „Göttlichen“ propagiert. Diese oder jene Schrift sei als „Buch Gottes“ oder „Offenbarung Gottes“ das Maß aller Dinge; diese oder jene Person sei ein „erleuchteter Meister“ oder „Gottgesandter“ … Mit solchen Hinweisen werden sowohl das kritische Denken wie auch die natürliche Empfindung gelähmt, werden Zweifel vorauseilend unterlaufen und wird zugleich die wohl in vielen Menschen schlummernde Bereitschaft befeuert, als kleines „Rädchen“ einem nicht durchschaubaren höheren Zweck zu dienen … die bekannte Mitläufer-Mentalität.

Dazu kommt erschwerend, dass es in Konfessionen oder spirituellen Gruppierungen meist weniger um eine Lehre und deren praktischen Nutzen, als viel mehr um angenehme, befriedigende Gemeinschaftserlebnisse geht, um eine kollektive Wohlfühlzone. Unter Gleichgesinnten zu sein, die alle an die selbe göttliche Offenbarung glauben und die selben Kulte pflegen, kann als wohltuend erlebt werden. Sich selbst zu den Auserwählten rechnen zu dürfen, die dem richtigen Propheten oder „Gottgesandten“ folgen und in der richtigen Kirche beten, während der Rest der Menschheit ins Chaos abdriftet, auch diese Vorstellung mag für „Strenggläubige“ erbaulich wirken. Die Frage, was da eigentlich gelehrt wird, wird gegenüber solchen Gemeinschaftserlebnissen und Gemeinschaftsüberzeugungen leicht zweitrangig.  

Und doch sollte es in jeder Konfession – in erster Linie oder überhaupt ausschließlich – um Inhalte gehen. Denn nur wenn ein gutes, gesellschaftsrelevantes Fundament vorhanden ist, wenn die Lehre zweifelsfrei die Menschen und ihre Persönlichkeitsentwicklung, ihre Bildung und ihr Wohlergehen fördert, kann sie Bestand haben – und in der Folge vielleicht sogar als auf einer „Offenbarung“ fußend überzeugen. Das Herausragende, Erhabene, „Göttliche“ könnte dann aus eigenem Erleben erkannt werden, und letztlich hat nur das im Bereich des Glaubens Wert. – 

Das vermeintlich „Göttliche“ im Menschen

Anderer Innenwelt-Schauplatz, gleiches Thema: Das „Göttliche“ im Menschen. Auch darüber gibt unter spirituell orientierten Menschen bisweilen heiße Diskussionen. Beispielsweise mag die oft recht leichtfertig dahingesagte Behauptung, der Mensch trage einen „göttlichen Kern“ in sich, vor einem traditionell christlichen Hintergrund als Hybris erscheinen und als anmaßende Herabwürdigung des Schöpfers.

Dabei handelt es sich bei dem so verwendeten Begriff des „Göttlichen“ wohl durchwegs nur um einen unzureichenden Beschreibungsversuche für die Erfahrung, als Mensch mehr zu sein, als das Alltags-Ego es vermuten lässt, über ein höheres kreatives Bewusstsein zu verfügen und über Erlebnisqualitäten, die sich jeder Schulweisheit entziehen. Ich habe bisher jedenfalls noch niemanden kennengelernt, der sich selbst als „göttlich“ bezeichnet hätte, weil er sich tatsächlich allmächtig und allwissend fühlte oder der Meinung war, er könne tatsächlich „schöpfen“ – nicht im Sinne eines kreativen Neuformens von Gegebenem, sondern im Sinn von „Welt erschaffen“.

Fazit: „Gott“, „göttlich“ und damit verbundene Begriffe eignen sich nicht zur Alltags-Kommunikation. Sie benötigen eingehende Klärungs-Vorarbeit und vor allem einen starken Erlebnis-Hintergrund. Sind solche Voraussetzungen nicht gegeben, führt die Verwendung dieser Begriffe nicht zum Glauben, sondern sie verführt zum Atheismus, fördert sie nicht das Verständnis, sondern das Missverständnis, nicht die Suche nach den gemeinsamen Wurzeln im Menschsein, sondern den religiösen Fanatismus.

Dementsprechend ist es meines Erachtens angebracht, diese Begriffe sorgsam in den Mantel des Schweigens zu hüllen, sie von den Mauern allzu konkreter persönlicher Vorstellungen zu lösen und in der damit möglicherweise wiedergewonnenen größeren Freiheit tieferes eigenes Erleben zu suchen.