Geschickte Verschleierung statt gerechter Ausgleich


Finanzkrise, Euro-Schutzschirm, Bankenrettungspakete … seit Jahren sind wir mit immer neuen Meldungen über schwerwiegende, länderübergreifende Geldprobleme in immer kürzeren Abständen konfrontiert, und ich werde den Eindruck nicht los, dass eigentlich niemand so ganz genau sagen kann, wo denn die Wurzel der Probleme im Geldwesen zu finden ist. Im hemmungslosen Expansionsdrang der Wirtschaft und der Banken? In der verantwortungslosen Zockerei auf dem Kapitalmarkt? In der Kurzsichtigkeit verantwortlicher Politiker? Oder ganz allgemein in einem falschen Geld- und Zinssystem, das wiederum in einem alten, tief verankerten Übel wurzelt, der menschlichen Gier?

Für alle diese Vermutungen gibt es gute Gründe, und man muss schon recht optimistisch gestimmt sein, um zu hoffen, dass uns die nächste Finanzkatastrophe doch erspart bleibt. Die Chancen dafür stehen meines Erachtens nicht besonders gut, denn ein wesentliches Merkmal unseres Geldsystems ist unübersehbar geworden: Es folgt nicht mehr dem Prinzip des gerechten Ausgleichs. Aber die verzerrenden Vorgänge sind verschleiert und versteckt hinter Fachbegriffen, die der Laie nicht versteht, und hinter gut klingenden Marketingslogans.

Oder wissen Sie zum Beispiel genau, was wirklich mit Ihrem Geld passiert, das Sie auf die Bank tragen, damit es „für Sie arbeitet“, also möglichst „fette Zinsen“ abwirft und sich sozusagen auf wunderbare Weise selbst vermehrt?

Unser Geld sollte ursprünglich – und soll auch heute noch – ein Mittel zum Zweck sein, das uns den umständlichen Naturaltausch erspart. Anders gesagt: Es soll uns ermöglichen, in gerechter Form beliebige Waren oder Dienstleistungen untereinander auszutauschen.

Damit dieses Prinzip eines allgemeinen Tauschmittels funktioniert, muss das Geld selbst natürlich einen bestimmten Wert repräsentieren. Früher war dieser Zusammenhang noch leichter zu erkennen oder zu bestimmen: Gold- und Silbermünzen hatten ihren Materialwert und ihre Kaufkraft, da man sich darauf geeinigt hatte, Edelmetalle – aus welchen Gründen auch immer – als besonders wertvoll anzusehen.

Als sich dann mehr und mehr der Geld-Schein (manchmal spöttisch als Schein-Geld bezeichnet) durchsetzte, wobei die im Umlauf befindliche Gesamtgeldmenge bald nicht mehr durch eine entsprechende Goldmenge gedeckt war, wurde die Frage des Geldwertes zunehmend von theoretischen Faktoren bestimmt. Und heute, wo wir nicht einmal mehr mit Geldscheinen bezahlen, sondern überwiegend bargeldlos, und eine Vielzahl unüberschaubarer Faktoren mitspielen, kann man eigentlich nur noch darauf hoffen, dass es zwischen dem Wert unseres Geldes und dem Wert aller Waren und Dienstleistungen in unserem Land – dem sogenannten Sozialprodukt – noch einen einigermaßen intakten Zusammenhang gibt. Denn soll das Geld ein verläßliches allgemeines Tauschmittel sein, das dem Prinzip des gerechten Ausgleichs entspricht, dann muss die Entwicklung der Gesamtmenge des Geldes unbedingt und konsequent der Entwicklung des Sozialproduktes folgen.

Aber es geht nicht nur um Geldwert beziehungsweise -menge. Der Ausgleichsgedanke, der übrigens auch die Grundlage jeglicher Kaufmannstätigkeit sein müsste, erfordert noch etwas anderes: Waren sind ständig „in Bewegung“, sie können verderben oder kaputtgehen; Dienstleistungen müssen immer wieder neu erbracht werden, und entsprechend muß auch das Geld in Bewegung, im Umlauf sein.

In diesem Punkt stehen wir aber vor einem grundsätzlichen Dilemma: Denn Geld eignet sich bekanntlich hervorragend zum Aufbewahren und Horten. Man kann Geld anhäufen, ohne dass die Gefahr besteht, dass es – wie etwa die Lebensmittel, für die es einen Ausgleichswert darstellt – sauer oder schimmelig wird und verdirbt. Aber jede Geldmenge, die wir im Hinblick auf schlechtere Zeiten oder künftige Anforderungen zur Seite legen oder in den Sparstrumpf stecken, entziehen wir dem Gesamtkreislauf, wodurch wir diesen verändern. Eine vereinfachte Beispielsrechnung kann diesen Zusammenhang verdeutlichen: Nehmen wir an, es sind zehn produzierte Waren und entsprechend zehn Geldscheine im Umlauf; jede Ware kostet einen Geldschein. Wenn nun fünf Geldscheine gespart werden, also nicht mehr für die Bezahlung zur Verfügung stehen, dann müssen die Preise für die Waren, damit sie mit den vorhandenen Geldscheinen bezahlt werden können, um die Hälfte gesenkt werden.

Ich weiß, das Beispiel ist in seiner Einfachheit realitätsfremd; die Wirklichkeit ist viel komplexer, jede Preissenkung aufgrund von Nachfragemangel hätte beispielsweise weitreichende Auswirkungen auf die Wirtschaft und in der Folge auf das Sozialprodukt. Aber die Rechnung zeigt doch ganz gut, dass jedes Horten von Geld Konsequenzen hat, die der eigentlichen Grundaufgabe des Geldes – nämlich als gerechtes Tauschmittel wie alle Waren und Dienstleistungen im Umlauf zu sein – zuwiderlaufen.

Also ist es wichtig, dafür Sorge zu tragen, dass das Geld, das ja ein Äquivalent für die Leistungen aller Menschen ist, nicht irgendwo in Safes oder unter Bettmatratzen gehortet wird. Für diese Umlaufsicherung sorgt in unserem Geldsystem der Zins. Er verlockt dazu, Geld, das jemand nicht selbst benötigt, auf die Bank zu tragen oder – etwa in Form von Wertpapieren – in Unternehmen zu investieren. Dadurch wird „überflüssiges“ Geld in den Kreislauf zurückgeführt und kann anderen nützlich sein.

Vordergründig ziehen aus dem Prinzip der Verzinsung alle Beteiligten ihren Nutzen: Wer Geld zur Verfügung hat und es verleiht (eben das geschieht ja, indem man es auf ein Konto legt), bekommt dafür, dass er es über die Bank „arbeiten“ lässt, am Ende mehr zurück. Und wer Geld benötigt, weil er sich schon jetzt etwas kaufen oder in etwas investieren, aber erst später seine Leistung dafür erbringen will, zahlt als Ausgleich für diesen zeitlichen Vorteil mehr zurück, als er ursprünglich bekommen hat.

Die Grundidee einer Geldumlaufsicherung durch den Zins scheint aus dieser Sicht ganz richtig zu sein.

Aber leider hat die Sache einen Haken, denn das Zinssystem hat sich heute vom Grundprinzip des gerechten Ausgleichs denkbar weit entfernt und ist selbst ein wesentlicher Krisenfaktor für unser Geldsystem geworden. Man braucht sich ja beispielsweise nur vor Augen zu führen, dass 10.000 Euro bei einer festen Verzinsung von 3 Prozent in 50 Jahren auf 44.000 Euro anwachsen. Eine solche „Geldvermehrung“ mag im Hinblick auf die Inflation und auf das Wirtschaftswachstum innerhalb von fünf Jahrzehnten noch als relativ moderat erscheinen. Wenn wir aber mit einer Verzinsung von 6 Prozent rechnen, werden aus den 10.000 Euro in 50 Jahren 184.200 Euro; und bei 12 Prozent Zinsen hätte man 2.890.000 Euro in der Tasche und wäre damit ohne weiteres Millionär.

Zins und Zinseszins treiben, wie dieses Beispiel zeigt, sehr leicht auf ein exponentielles Wachstum zu, das praktisch zwangsläufig in einer Katastrophe endet, weil der Geldvermehrung, die damit sozusagen erzwungen wird, keine reale Wirtschaftsleistung als Ausgleich gegenübersteht. Deshalb ist ein Finanzsystem, in welchem Zinsgewinne unabhängig von Leistung möglich sind, in hohem Maß gefährdet.

Aber die Aussicht auf eine möglichst ertragreiche Kapitalanlage macht häufig blind für gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge. Man freut sich über jede Möglichkeit, hohe Zinsen zu bekommen und übersieht, dass irgend jemand für diesen Ertrag hart schuften muss. Nicht das Geld selbst arbeitet in Wirklichkeit, sondern es sind immer die Menschen; der zu zahlende Zins muss ja in der Produktion erwirtschaftet werden, wenn das Geld weiterhin einen adäquaten Ausgleich für Waren und Dienstleistungen bieten soll. Gelingt dieses Erwirtschaften nicht mehr, ist eine Finanzkrise mit schwerwiegenden Folgen für die gesamte Gesellschaft unausweichlich.

Letztlich sind es immer Menschen, die im „Zinsendienst“ stehen – ob nun ein Unternehmer die Kosten für seine kreditfinanzierten Investitionen in die Produktpreise einrechnet, die wir alle bezahlen, oder seine Produktion in ein Land mit geringeren Sozialleistungen verlagert, um dem steigenden Kostendruck standzuhalten. In einem System, das uferlose Zinsgewinne erlaubt, fließt letztlich immer mehr und mehr Geld zu den wenigen, die genügend haben, um es zu verleihen.

Dazu kommt, dass findige Köpfe innerhalb der heutigen Finanzwirtschaft legale Möglichkeiten kreiert haben, mit Geld zu spekulieren, das ihnen selbst gar nicht gehört, und Gewinne zu lukrieren, ohne etwas dafür zu tun. Das Spiel mit dem vermeintlich selbst arbeitenden und sich selbst vermehrenden Geld wurde völlig losgelöst vom Gedanken an einen gerechten Ausgleich – und es darf nicht verwundern, wenn Menschen auf die Straße gehen, weil die Kluft zwischen Arm und Reich unerträglich geworden ist und die internationale Geldwirtschaft zum Glücksspiel verkommt.

Auswege aus dem derzeitigen Dilemma werden viele diskutiert, von neuen gesetzlichen Regelungen für die Finanzwirtschaft bis hin zu sinnvolleren Alternativen für eine Geldumlaufsicherung, die den Zins in der heutigen Form ablösen könnten. Aber ein klarer, gangbarer Weg zeichnet sich meines Erachtens nicht ab.

Vielleicht ist die Zeit ja doch noch nicht reif, und es müssen zunächst die Gier und das rücksichtslose Vorteilsstreben überwunden werden. Das aber gelingt nur durch geistige Reife und Erkenntnis. Und die lässt sich bekanntlich weder verordnen noch kaufen.