Willkommen in der post-faktischen Gesellschaft!


Haben wir den Wert der Aufklärung nicht begriffen?

Seit etwa 300 Jahren sind wir Menschen auf einem Erkenntnisweg, der sich dadurch auszeichnet, unsinnige gedankliche Vorstellungen durch rationale Überlegungen zu überwinden. Nachprüfbare Fakten traten vermehrt an die Stelle des Glaubens. Als Ursache für Krankheiten wurden beispielsweise Viren erkannt; der Glaube an eine Strafe Gottes oder an bösen Zauber konnte damit überwunden werden. Die Rede ist vom Zeitalter der „Aufklärung“, das um etwa 1700 begann.

Das rein wissenschaftliche, rationale Denken, das unser Weltbild seither wesentlich beeinflusst, hat freilich seine Schattenseiten, denn viele zentrale Qualitäten des Lebens konnten damit nicht erfasst werden. Doch unzweifelhaft trugen der Fortschritt im Wissen und die Bildung wesentlich zur Befreiung des Menschen bei. Zahlreiche gesellschaftliche Errungenschaften, die für uns heute selbstverständlich sind (oder sein sollten) – von den Bürger- und Menschenrechten über die religiöse Toleranz bis hin zu den Frauenrechten –, sind ohne die Aufklärung nicht denkbar.

So sollte man davon ausgehen, dass im Europa des 21. Jahrhunderts Fakten und nachprüfbare Tatsachen längst als hoher, unzweifelhafter Wert gehandelt werden. Und dass eine vernetzte Informationsgesellschaft wie die unsere ihre Kommunikationsmöglichkeiten dazu benutzt, wichtige Fakten in kurzer Zeit möglichst unverfälscht zugänglich zu machen – um damit Stück für Stück zur weiteren Befreiung von unsinnigen und hemmenden Vorstellungen beizutragen.

Doch das Gegenteil wird immer deutlicher. Beispielsweise zeigt ein Blick in die Internet-Informationskultur, dass wissenschaftliche Studien oder gute journalistische Arbeit – zwei bewährte Filter, um im Dschungel der Annahmen und Behauptungen die Spreu vom Weizen zu trennen – an Wertschätzung verlieren. Die einfachen „Wahrheiten“ von Populisten, Verschwörungstheoretikern oder anderen Rattenfängern werden oft lieber gepostet, geliked und weiterempfohlen. Überhaupt scheint jedes noch so krause weltanschauliche Gebilde leichter Anhänger zu finden als bemerkenswerte Forschungsergebnisse.

Natürlich sind die Wissenschaftler und Journalisten an diesen Entwicklungen nicht unschuldig. Wie oft hat sich schon herausgestellt, dass eine „neutrale Studie“ letztlich doch nur bestimmten Interessen diente und die „Wissenschaftlichkeit“ finanzielle Hintergründe kaschieren sollte. Und im Journalismus geht es meist nur noch zweitrangig um gut aufbereitete Sachinformation. „Infotainment“ lautet das Schlagwort – die Information ist Teil der Unterhaltungskultur; bloße Meinungen und Theorien vermischen sich mit wirklichen Fakten zu einem kaum noch durchschaubaren Informationsbrei.

Und so feiert der „blinde Glaube“ an irgendetwas fröhliche Urständ. Die einen glauben an die geheimnisvollen Botschaften in den Kornkreisen, die anderen an die große Weltverschwörung, und Donald Trump an die von den Chinesen erfundene Erderwärmung und an saubere Kohle.

Aufklärung ade. Willkommen in der postfaktischen Gesellschaft.

Zweifellos: Fakten und gültige Antworten auf wichtige Fragen zu finden ist ein oft schwieriger, aufwändiger Prozess, der noch dazu nie endet. Denn immer wieder wird sich herausstellen, dass eine vermeintliche Wahrheit doch Irrtümer enthält oder dass ein empfehlenswerter Lebensweg letztlich in die Irre führt. Und vielleicht werden später gerade in den Irrtümern doch wieder wertvolle Ansätze erkennbar. Demgegenüber ist eine Welt, die nur aus Schwarz und Weiß besteht, aus den Achsen des Guten und des Bösen oder aus dem Gottgewollten und dem Verwerflichen, deutlich übersichtlicher. Hier ist klar, was Sache ist und gegen wen und was vereint gekämpft werden muss.

Aber eine solche Welt gibt es nicht. Sie existiert nur in den Gedanken derer, die das Fach „Bewusstseinsbildung“ in der großen Lebensschule schwänzen wollen, die sich den Prozess des Suchens und Forschens, der Verstandes- und Herzensbildung ersparen wollen und lieber so tun, als wären sie schon am Gipfel des Erkenntnisweges angekommen, als würde ihre Weltsicht alles das umfassen, was für die verbohrten Mitmenschen im Verborgenen liegt …

Leider bleiben Denkfaulheit und Geistesträgheit nie ohne Konsequenzen. Sie hemmen die persönliche Freiheit und werden, sofern sie sich in einer Gesellschaft durchsetzen, immer Konflikte provozieren und Opfer fordern. Denn Gewalt gehört erfahrungsgemäß zum Standard-Repertoire radikal einfacher Lösungen.